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Glarner Überschreitungen

Etappe 17: Der Weg durchs Nadelöhr

Hintergrundthema zur Wanderung 17: Näfels - Obstalden - Mülital - Weesen

In 10 Minuten durchqueren die Massen der Ruhe Suchenden und Freizeitfanatiker, auf dem Weg von der Zürcher Agglomeration in die Bündner Skigebiete, das Glarnerland. Bilten - Mühlehorn: Vierspurig und problemlos. Nur dank der Autobahnraststätte Glarnerland können die schnellen Transitreisenden noch bemerken, dass sie auf Glarner Boden waren. Dies war nicht immer so.

Nachdem die Römer im Jahre fünfzehn vor Christus nach aufreibenden Kämpfen die Rätier unterworfen hatten, eröffneten Sie den Handelsweg Chiavenna-Septimerpass- Chur- Zürich. Durch das Nadelöhr des Walenseetales wählten sie zwei verschiedene Möglichkeiten. Die Schönwetter-Variante führte auf dem See von Walenstadt nach Weesen. Bei schlechtem Wetter wählten sie den Weg dem linken Ufer entlang und über den Kerenzerberg. Beide Varianten, jede mit ihren Tücken, blieben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die wichtigsten Routen.

Der Landweg war mühsam. Der italienische Bildhauer Benvenuto Cellini schilderte seine Reise von Mühlehorn nach Obstalden 1537 auf folgende Weise (Übersetzung: Johann Wolfgang Goethe): »Als wir an Land gestiegen waren, mussten wir zwei Miglien den Berg hinauf, schlimmer als hätten wir über eine Leiter steigen sollen. Ich hatte ein schweres Panzerhemd an, starke Stiefeln und es regnete, was Gott nur schicken konnte. [...] Dieser Aufstieg war beschwerlich genug, eines der Pferde fiel, überschlug sich und stürzte dabei mit dem Hals in die Lanzenspitze des nachfolgenden Reiters; wieder ein anderes wäre bei einem Haar sammt seinem Reiter und dem kostbaren Mantelsack über einen überhängenden Felsen in den See hinuntergefallen.«

Doch auch die Fahrt über den See war nicht ohne Gefahren. Am 11. Januar 1570 kamen bei einem heftigen Föhnsturm 46 Personen samt sechs Pferden um. Aufgrund des Unglücks beschloss der Rat zu Glarus 1572 den Bau einer Straße längs des Walensees. Es blieb bei der Absicht. Bis im Jahre 1602 Ratsherr und Hauptmann Fridolin Heer an einem stürmischen Tage von Walenstadt nach Weesen übersetzen wollte. Schon stand er beim Schiff, als er sich des Sturmes wegen entschloss, den Fußweg über Mühlehorn und den Kerenzerberg zu nehmen. Unterwegs sah er vom Ufer aus das Schiff untergehen und hörte die Hilferufe der Ertrinkenden. Daraufhin entschloss er sich, sein Vermögen zum Bau einer Walenseestraße zu verwenden. Sein Vorschlag wurde von der Glarner Landsgemeinde gebilligt, und er bekam das Recht, auf seiner Straße Weggeldgebühren zu erheben, sie mit Toren zu verschließen und an der Route eine Wirtschaft zu führen. Das schwierigste Wegstück von Mülital bis Gäsi ließ Heer teils in den Fels hauen, teils, in der Art des stiebenden Steges in der Schöllenen am Gotthard, an die Felsen hängen. Im Jahre 1617 fand Fridolin Heer auf seinem eigenen Weg durch Steinschlag den Tod. Die nachfolgenden Besitzer vernachlässigten den Unterhalt des Weges, sodass er schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts nicht mehr benutzbar war.

Der Seeweg blieb weiterhin dominant, für Güter und Personen, auch wenn das Jahresverkehrsvolumen, welches im Spitzenjahr 1795 im Fernverkehr über den See transportiert wurde, bloß 1500 Tonnen betrug. Heute wird auf der Gotthardautobahn dieselbe Menge in weniger als einer Stunde transportiert. Ungünstig auf das Transportvolumen wirkte sich die Verbesserung der Fuhrverhältnisse am Gotthard sowie der Niedergang Venedigs als Handelsmacht aus.

Der Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel fuhr 1797 in vier Stunden von Walenstadt nach Weesen. In Mühlehorn wurden die mürrisch und kränklich aussehenden Ruderer aus Walenstadt gegen zwei große, gesunde und kraftvolle Glarner Jünglinge ausgetauscht. Beeindruckt schildert er die »fürchterlichen Felsen, welche senkrecht in die schwarzen Fluthen stürzen«. »Als ich ihren nackten, gräßlich zerrissenen Wänden näher kam, verwandelte sich mein Staunen in angstvolles Entsetzen; die furchtbaren Steinmassen über meinem Haupt zermalmten mich schwaches Insekt.« Auch zu Ebels Zeiten war die Angst vor den Stürmen auf dem Walensee nicht gewichen. »Der Anblick des Sees ist dann fürchterlich und der Untergang für die Schiffenden fast unvermeidlich.« Die Einschätzung traf zu: Am 18. Dezember 1850 sank bei Sturm auf dem Walensee der Dampfer Delphin, dessen Hauptaufgabe die Beförderung der Nachtpost von Walenstadt nach Weesen und zurück war. Mindestens vierzehn, wahrscheinlich jedoch achtzehn Personen fanden dabei in den kalten Fluten den Tod. Wie sich drei Monate später nach der Bergung des Wracks herausstellte, war der Dampfkessel des Dampfschiffes geborsten. Das Schiff war dadurch unsteuerbar geworden, und der Sturm hatte es zum Kentern gebracht. Neun Jahre später setzte die neue Eisenbahnlinie von Rapperswil nach Sargans der Dampfschifffahrt auf dem Walensee ein Ende. Die Strecke verlief durch neun Tunnels dem südlichen Ufer entlang. Da das Bankhaus Rothschild in Paris maßgeblich an der Finanzierung der ersten Eisenbahn beteiligt war, nannten die Leute sie »Em Rothschild si Choli«.

Der Landweg über den Kerenzerberg verbesserte sich nur langsam. Am Anfang des 19. Jahrhunderts klagte der Pfarrer von Obstalden noch über den furchtbaren Weg im Winter. »Wer da herumwandern will, muss Schuheisen tragen.« Für Pferde war der Weg zu steil. »Hier muss alles auf der Schulter oder dem Rücken hinauf oder herunter getragen werden.« 1835 beschloss dann die Glarner Landsgemeinde, nach einigem Hin und Her, den Bau der Kerenzerbergstraße. Der Bau ging vorerst zügig voran, und 1840 war die Straße von Mollis nach Obstalden fertig. Kostenüberschreitungen brachten die Vollendung der Straße bis zum See ins Stocken. Erst 1851 konnte die Straße nach Mühlehorn eröffnet werden. Das Bauwerk kostete schließlich 98 647 Gulden, eine Kostenüberschreitung von 50 Prozent. Nach bösen Auseinandersetzungen und Prozessverhandlungen wurden die Mehrkosten im November 1854 durch ein Schiedsgericht zwischen den Gemeinden aufgeteilt.

Der Verkehr über den Kerenzer nahm mit Postkutschen und Pferdewagen einen geregelten Verlauf, bis am Anfang des 20. Jahrhunderts das Automobil auf den Glarner Straßen auftauchte. Obwohl man bereits 1907 die Höchstgeschwindigkeit auf der Kerenzerbergstraße auf 10 Stundenkilometer auf geradliniger Straße und auf sechs Stundenkilometer zwischen den Häusern begrenzte, verlangten die Gemeinden Filzbach, Obstalden und Mühlehorn an der Landsgemeinde von 1912, die Straße für den Automobilverkehr zu schließen. Als Kompromiss einigte man sich schließlich auf ein Sonntagsfahrverbot. Doch auch die Glarner wurden mit den Jahren autofreundlicher, die Beschränkungen wurden fallen gelassen, und die Gemeinden am Kerenzerberg konnten ihre ersten Erfahrungen mit stockendem Kolonnenverkehr machen, der sich ab den 1950er-Jahren an Sonntagabenden im Winter durch die Dörfer schlängelte. 1964 wurde die Walenseestraße eröffnet, und der Verkehr über den Kerenzer ging um 90 Prozent zurück. Unten am See nahm er jedoch stetig zu, und Anfang der 1980er-Jahre war die Walenseestraße hoffnungslos überlastet. Der Ausbau der Bündner Skigebiete ließ den Verkehr stetig anwachsen. An jedem Wochenende stauten sich die Zürcher und Heimwehbündner vor dem zweispurigen Nadelöhr. »O Walesee, o Walesee, für mich bisch du de Qualesee«, trällerte damals das Trio Eugster. Doch auch auf diese Nachfrage lieferte man das Angebot. Am 27. November 1987 wurde die durchgehend vierspurige Autobahn eröffnet. Seither halten die Transitreisenden, wenn überhaupt, bloß noch in der Autobahnraststätte Glarnerland. Rund 1,3 Millionen Gäste kehren pro Jahr hier ein. Am 29. Januar 2000 erhielt die Raststätte gar präsidialen Besuch aus den USA. Auf der Rückfahrt vom World Economic Forum musste Bill Clinton, außer Programm, im Glarnerland seine Notdurft verrichten. Danach bestellte er ein Stück Familienpizza mit Schinken, Salami und Sardellen sowie einen Coffee black, wie das Servierpersonal später dem Blick berichtete.

PS: Noch heute fordert der Walensee seine Opfer. Am 7. April 2006 sank beim Steinbruch in der Nähe von Quinten aus ungeklärten Gründen das vollbeladene Ledischiff des Schotterwerkes Mühlehorn-Quinten. Die fünf Männer konnten sich nur noch mit einem Sprung ins 5 Grad kalte Wasser ans nahegelegene Ufer retten. Sie kamen mit einem Schrecken davon. Mit einer aufwändigen Aktion wurde das Schiff geborgen und wieder in Stand gesetzt.