Glarner Überschreitungen
Etappe 5: Durch Urwälder zum Klöntalersee
Vom Muotatal führt uns die zweitägige Wanderung durch den Bödmerenurwald und das karge Silberengebiet zum traditionsreichen Kurhaus Richisau. Entlang des Klöntalersees, der schon seit über 100 Jahren Maler und Dichter inspiriert, wandeln wir aus dem Tal hinaus und über den Aussichtspunkt Schwammhöchi nach Glarus hinunter.
1. Tag: Muotathal - Bödmerenwald - Pragelpass - Richisau
Der Eingang ins Muotatal ist schmal, und dahinter hat sich eine Welt erhalten, die von Zürich weiter weg ist, als man nach der kurzen Anfahrtszeit denken würde. Es ist die Welt der »Wetterschmöcker«, der Wetterpropheten ohne Satellit, Urschweizer »Kernland«, dessen Geisteshaltung und Brauchtum sich vom Unterland beträchtlich unterscheidet. Zuhinterst im Muotatal wurde Rees Gwerder geboren, der Miles Davis der Alpen, Unikum und Schwyzer Urgestein, der auf seinem Schwyzerörgeli sein Leben lang zum Tanz aufspielte. Gegen 300 Melodien hatte er verinnerlicht, ohne je Noten gelesen zu haben. Im Januar 1998 starb er im Alter von 87 Jahren.
Bei der hinteren Brücke in Muotathal (625 m) beginnt unsere Wanderung ins Klöntal. Wir queren die Brücke über die Muota und folgen den Wegweisern Richtung Stalden/Pragelpass. Nach 15 Minuten gelangen wir zur Häusergruppe Stalden, wo sich unsere Route vom Wanderweg Richtung Pragelpass trennt. Wir bleiben noch auf der Pragelpassstraße und überqueren auf ihr den Starzlenbach. Kurz danach erreichen wir den Eingang zum Höllloch, dem drittgrößten Höhlensystem der Welt. 190 Kilometer sind bekannt und vermessen, es reicht von hier bis zur Silberen. Es werden Besichtigungstouren angeboten (siehe Sehenswertes). Beim ersten größeren Fahrweg, der rechts abzweigt, verlassen wir, ca. 30 Minuten nach Stalden, die geteerte Passstraße und nehmen den Weg Richtung Gross Band (Wegweiser). Oberhalb des Schindelhauses im Fedli, am Waldrand, halten wir rechts und nehmen den Weg Richtung Gross Band (weiß-rot-weiß markiert). 25 Minuten später steigen wir ab in dieses Grosse Band, ein Waldstreifen, oben und unten von senkrechten Felsen begrenzt. Ein schöner, neuer Weg folgt stetig steigend dem südexponierten Felsen. Mehrere Feuerstellen und Sitzbänke laden zum Verweilen ein. Nach dem Ausstieg aus dem Gross Band sind es nur wenige Minuten bis zur Alp Unter Gschwänd (1370 m). Wir folgen dem Fahrweg (bei der Einmündung in einen weiteren Fahrweg links halten) bis zum Wegweiser in Mittenwald, der uns über Wiesen den Weg nach Bödmeren weist. Bei der Gschwändhütte (Brunnen mit Trinkwasser) erreichen wir nochmals ein ungeteertes Sträßchen, das wir bereits nach 50 m rechts Richtung Bödmerenwald wieder verlassen.
Der 600 Hektaren große Bödmerenwald ist der größte Fichtenurwald der Alpen. Da er auf brüchigem Karstgebiet mit bis zu 80 Meter tiefen Schründen steht, war er für Holzschlag, Viehweide und Tourismus stets uninteressant. Teile des Waldes blieben faktisch unberührt. Seit den 1970er-Jahren steht ein Teil des Waldes unter Schutz. Auf Vorschlag des ehemaligen Förderers des Reservates, des ehamaligen Oberfösters Walter Kälin, hätte die Schutzzone nun von 70 auf 450 Hektaren erweitert werden sollen. Doch die Oberallmeindkooperation Schwyz, der rund ein Viertel des Bodens im Kanton gehört (darunter der Bödmerenwald) sagte im Oktober 2001 Nein zu diesem Vorschlag. Man solle den Wald lieber dem Schutz Gottes als den Grünen überlassen, war eines der Argumente. Bis zu 450 Jahre alte, wie Kerzen aufragende Fichten und eine enorme Zahl von Blütenpflanzen, Moos-, Farn- und Pilzarten zeugen davon. Der karge Untergrund und die Höhe erlauben nur ein langsames Wachstum der Bäume. Eine 80-jährige Fichte bringt es auf kaum mehr als zwölf Zentimeter Durchmesser, bei 60 Zentimetern zählt sie schon 270 Jahre.
Bei einer Weggabelung innerhalb des Waldes halten wir rechts (kein Wegweiser, beide Wege markiert). Rechts und links des Weges mehren sich die Karstlöcher. Beim Verlassen des Waldes erblicken wir vor uns die Silberen, die größte Karstlandschaft der Schweiz. Kurz nach einem Wegweiser (wir folgen dem mit »Bergweg« bezeichneten Pfad geradeaus) erreichen wir die Alp Bödmeren, wo wir links Richtung Pragelpass abzweigen. Über das mit wenigen Bäumen durchsetzte Karstgebiet erreichen wir den Pragelpass (1543 m) mit Kapelle und Restaurant.
Lange Zeit war die Pragelpassstraße ein Streitpunkt zwischen den Kantonen Glarus und Schwyz. Bereits 1766 erschienen Gesandte von Schwyz in Glarus und wollten über den Bau der Passstraße verhandeln. Dies war den Glarnern aber nicht »convenabl« (genehm). Spätere Bemühungen scheiterten ebenfalls. Während des Zweiten Weltkrieges trieben die Glarner dann das Projekt voran und stellten ihr Straßenstück bis zur Kantonsgrenze (kurz nach Richisau Richtung Pragelpass) fertig. Den Schwyzern war die Sache nun jedoch zu teuer - ausreichende Bundessubventionen standen nicht in Aussicht. Die Straße blieb lange Zeit eine Sackgasse. In die Bresche sprang das Militär, welches das Schwyzer Straßenstück erstellte und 1974 einweihte. Viele hatten in der Zwischenzeit die Lust auf zunehmenden Straßenverkehr jedoch verloren. Die »Blick«-Schlagzeile vom 2. Oktober 1974 lautete: »Pragel-Straße fertig - und keiner will sie mehr.« Trotz Opposition wurde die Straße 1976 für den Tourismus freigegeben. Doch die Glarner Regierung bangten um das Erholungsgebiet Klöntal und erließ 1978 auf dem 800 Meter langen Straßenstück von Richisau zur Kantonsgrenze ein Fahrverbot an Wochenenden. Sehr zum Mißfallen der Schwyzer, welche die Meinung vertraten, die Glarner seien zu einer Öffnung der Straße von Rechts wegen verpflichtet. Der Streit ging bis vor Bundesgericht, das den Glarnern 1981 Recht gab.
Wir folgen von der Passhöhe dem Wanderweg nach Vorder Richisau, der für kurze Abschnitte auf der Straße verläuft. Unmittelbar am Rand der Ebene von Richisau überqueren wir auf einer Steinbrücke den Schwialpbach und somit auch die Kantonsgrenze zu Glarus. Bis hierher befanden wir uns auf dem Gebiet der Gemeinde Muotathal, mit 17 215 Hektaren die neuntgrößte Gemeinde der Schweiz, an Fläche rund doppelt so groß wie die Stadt Zürich. Nach wenigen Minuten auf der Fahrstraße erreichen wir das Gasthaus Richisau (1103 m).
Bereits um 1830 gab es in Richisau eine Milch- und Molkenkuranstalt, die in einer kleinen Sennhütte untergebracht war und auch Platz zum Übernachten bot. Die Mitte des 19. Jahrhunderts verbesserte Straßenverbindung ins Richisau ließ die Gästezahl stetig steigen, sodass in einem schönen Ahornhain 1856 ein Gasthaus und 1874 ein großes Kurhaus gebaut wurde, das 1915 einem Brand zum Opfer fiel. In diese Zeitspanne fiel die Blütezeit des Kurhauses Richisau. Von Palermo und St. Petersburg kamen die Gäste ins idyllische Klöntal. Conrad Ferdinand Meyer, Carl Spitteler, Arnold Böcklin und Richard Wagner kehrten beim beliebten Wirtepaar Stähli ein. An den Bahnhöfen in Netstal und Glarus standen jeweils Kutschen bereit, um die Gäste ins Richisau zu transportieren. 1987 wurde das baufällige Gasthaus von 1856, in dem der Betrieb immer weitergeführt worden war, durch einen modernen Neubau ersetzt. Eine Übernachtung in Richisau ist zu empfehlen. Das Essen ist ausgezeichnet, und in der Abenddämmerung hallt von den umliegenden Bergen ein elektronischer Alpsegen.
2. Tag: Richisau - Klöntalersee - Schwammhöchi - Glarus
Vom Gasthaus Richisau (1103 m) folgen wir zuerst der Straße, bevor nach ca. 300 m der markierte Wanderweg links von der Straße abzweigt. Kurz danach bietet sich uns ein erster eindrücklicher Blick auf den Klöntalersee. Wir folgen dem Weg, der zweimal die Straße kreuzt und weiter unten etwa 500 Meter auf ihr verläuft. Unmittelbar nach einem Haus biegt der Weg rechts ab und wir gelangen zum Ferienheim der Gemeinde Niederurnen: Früher stand hier als Zweigbetrieb des renommierten Hotel Glarnerhof in Glarus ein Kurhaus für Bade- und Molkenkuren. Wir gehen um das Ferienheim herum und erreichen nach wenigen Metern das Gasthaus Plätz (853 m). Dem Wegweiser Richtung Glarus folgend, überqueren wir nach 200 Metern die Chlön. Kurz bevor wir das Ufer des Klöntalersees erreichen, entdecken wir gleich unterhalb des Weges zwei große Quellen, die »Blauen Brünnen«. Der Weg folgt nun dem See auf seiner ganzen Länge, teilweise eingezwängt zwischen den aufschießenden Felsen des Glärnisch und dem Wasser, teilweise im Wald, an Wasserfällen und an kleinen Kiesstränden vorbei, die zum Bade laden. Die ideale Landschaft, unzählige Male von Landschaftsmalern abgebildet und von Dichtern gepriesen, so auch von Carl Spitteler zu Beginn dieses Jahrhunderts:
»An einem wolkenlosen Herbsttag aber längs dem Klöntalersee zu wandeln, halte ich für einen unvergleichlichen Genuss, der die kühnste Phantasie überbietet und die berühmtesten Veduten übertrifft; Grindelwald und Engelberg zum Beispiel gelten mir als minderwertig im Vergleich zum Klöntal, vom künstlerischen Standpunkt betrachtet, oder mit anderen Worten: nach dem Stimmungsgehalt beurteilt. Es ist eine Vereinigung von Größe, Klarheit und Einfachheit, wie sie kaum wiedergefunden wird: in ihr beruht das Geheimnis jener nachhaltigen Überzeugungskraft, welche das Gedächtnis überwältigt, so dass, wer ein einziges mal die Klöntaler Einsamkeit bei günstigem Licht geschaut, das Bild zeitlebens nicht mehr vergessen kann.« Das Nonplusultra des Naturerlebnisses waren die Spiegelungen im Klöntalersee in den Abendstunden. «Da unten im Wasser sehen wir das Vrenelisgärtli so deutlich wie in der Luft; jede Linie, jede Farbe, jedes Gehölz des Glärnisch ist genau zu erkennen. (...) Eine solche Farbenhelligkeit des Wiederbildes im Wasser hat man nirgends noch gesehen, das bezeugt das unwillkürliche Staunen, das einen dabei ergreift« (Spitteler). Die Spiegelungen faszinieren auch heute noch. Man glaubt seinen Augen nicht.
Weiter vorne erreichen wir das Gessner-Denkmal, 1788 von zwei Verehrern des Zürcher Idyllendichters und Malers Salomon Gessner, der nie im Klöntal war, auf eigene Kosten erstellt. Das Denkmal erreichte zu seiner Zeit einige Berühmtheit.
Gegen Ende des Sees gelangen wir zum Campingplatz Güntlenau. Hier können jene ein Bad nehmen, die eine Liegewiese einem Kiesstrand vorziehen. Auf einem Fahrweg erreichen wir schließlich den 220 Meter langen Erddamm des 1907 erbauten Löntschwerkes, der den Seespiegel um rund 20 Meter erhöhte und die Fläche des Klöntalersees auf das Dreifache vergrößerte. Wer allzu lange am See verweilt, kann auf der anderen Seite des Dammes, beim Restaurant Rhodannerberg, ins Postauto nach Glarus steigen. Wir zweigen noch vor dem Damm rechts ab und gehen zuerst auf der Straße, nach wenigen Metern auf einem Wanderweg (Wegweiser) zur Schwammhöchi (1100 m) hinauf. Vom Gartensitzplatz des Berggasthauses bietet sich eine eindrückliche Aussicht auf den Klöntalersee und das Glärnischmassiv.
Die Schwammhöchi entstand in vorgeschichtlicher Zeit durch zwei Bergstürze. Der Erste kam von den Wänden des Glärnisch hinunter, prallte gegen den Wiggishang, der die Gesteinsmassen nach Glarus hinunterlenkte. Noch heute erkennt man drei Hügel in Glarus, die vom Bergsturz stammen. Der zweite Bergsturz kam von der Wiggisseite und überlagerte bei der Schwammhöchi die Felsmassen des ersten Sturzes. Ein Teil der Massen ergoss sich bis nach Netstal. Diesen Bergstürzen verdankt der Klöntalersee auch seine Entstehung. Er war ursprünglich noch größer als heute. Erst mit der Zeit schuf sich der Löntsch seinen Ausfluss an der heutigen Stelle, worauf sich der Seespiegel auf ein tieferes Niveau absenkte.
Von nun an gehts nur noch bergab. Wir folgen den Wegweisern Richtung Glarus. Bis zum altehrwürdigen Ferienheim der Schulgemeinde Glarus auf der Straße, danach auf Fahrwegen durch den Wald. Wenige Minuten nach dem Ferienheim stehen uns bei einer Waldhütte zwei Möglichkeiten offen, um nach Glarus zu gelangen, über Unter Sagg oder über Allmeind. Wir wählen die Variante über Allmeind und erreichen nach rund einem Kilometer in Vorder Saggberg die Straße, die wir gleich wieder auf einem kleinen Wanderweg linker Hand verlassen. Wir folgen dem Weg den Wald hinunter und biegen unmittelbar vor einer Weide links ab. Später queren wir noch zweimal die Straße und erreichen weiter unten die Allmeind.
Hier am Sackberg oberhalb von Glarus ist die Wiege des schweizerischen Skisportes. Am 28./29. Februar 1893 unternahm der Glarner Christof Iselin mit drei Kollegen eine Tour über den Pragel. Drei von ihnen waren mit norwegischen Skiern, einer mit den damals gebräuchlichen Schneereifen ausgerüstet. Der Test fiel zugunsten der Skis aus, und noch im selben Jahr wurde, als Erster in der Schweiz, der Skiclub Glarus gegründet. 1902 fand auf dem Sack das erste Skirennen der Schweiz statt. Verschiedene auswärtige Blätter hatten ihre Spezialkorrespondenten zu diesem Anlass gesandt, der von 400 Personen, darunter auch offiziellen Vertretern des Gemeinderates Glarus, verfolgt wurde. In den nächsten Jahren folgten Rennen von Muotathal über den Pragel und die Schwammhöhe nach Glarus. Dieses Rennen über den Pragel war 1905 auch Teil der ersten Verbandsmeisterschaften des neu gegründeten Schweizerischen Skiverbandes. Am meisten Beachtung erhielt an diesen Meisterschaften jedoch der Sprunglauf, der vor einer Kulisse von rund 10 000 Zuschauern stattfand.
Unterhalb der Allmeind gelangen wir auf die Straße, folgen ihr für 500 Meter leicht abwärts, biegen rechts in einen Fahrweg ab und folgen später einem kleineren Weg (Vita-Parcours) bis zu den ersten Häusern von Glarus. Zurück auf der Straße, gehen wir links bis zur Friedhofmauer, halten dort rechts und erreichen dann, bei der nächsten Kreuzung rechts und gleich wieder links gehend, die Erlenstraße. Dieses Arbeiterquartier, wie auch das ganze Zentrum von Glarus, wurde nach dem großen Stadtbrand von 1861 in kürzester Zeit aufgebaut. Schnelles Handeln war angesagt, denn beinahe die Hälfte der 4800 Einwohner wurden in dieser Föhnnacht durch den Brand obdachlos. Wir folgen der gleichförmigen Häuserzeile bis zum Hotel Rössli und gehen da links, später über eine Treppe zum Zaunplatz (links, wenn man vom Erlenquartier herunterkommt). Hier findet jedes Jahr am ersten Sonntag im Mai die Landsgemeinde statt. Nachdem in den letzten Jahren die Landsgemeinden in Unterwalden und in Appenzell Ausserrhoden abgeschafft worden sind, wird diese Form der direkten Demokratie nur noch im Glarnerland und in Appenzell Innerrhoden ausgeübt. Wir überqueren den Landsgemeindeplatz, halten nach rechts und erreichen in wenigen Minuten den Bahnhof. Wer noch Zeit hat: Gleich neben dem Bahnhof befinden sich der Volksgarten und das Kunsthaus Glarus, dessen Sammlung und Wechselausstellungen mit hoher Qualität überraschen.


