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Glarner Überschreitungen

Etappe 12: Zum Martinsloch hinauf

Elm - Nideren - Segnespass - Naraus - Flims (7 Std.)

Von Elm, dessen intaktes Ortsbild mit seinen alten Blockhäusern einen kleinen Umweg lohnt, gelangen wir durch die enge Tschingelschlucht auf die Alp Nideren. Eine alpine Wanderung führt uns von hier nahe am Martinsloch vorbei und über den Segnespass auf die eindrückliche Hochebene Segnas Sut mit ihren mäandrierenden Bächen.

In Elm Station (960 m), gleich beim Eingang des Dorfes, steigen wir aus dem Postauto. Bevor wir zum Segnespass aufsteigen, schlage ich einen 15-minütigen Umweg durch Elm vor, welches für sein gut erhaltenes Ortsbild mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet wurde. Wer es eilig hat, kann gleich bei der Busstation den Weg zum Segnespass unter die Füße nehmen (Wegweiser).

Wenige Meter nach der Busstation erreichen wir das Suworow-Haus. In seiner heutigen Form stammt es aus dem Jahre 1748, es ist eines der wenigen gemauerten historischen Häuser in Elm. Seinen Namen erhielt es, weil 1799 der russische General Suworow in diesem Haus eine kurze Nacht verbrachte, bevor er mit seiner Armee über den verschneiten Panixerpass ins Bündnerland floh (siehe S. 180 f). 1968 kaufte Kaspar Rhyner das abbruchbedrohte Haus und ließ es denkmalpflegerisch restaurieren. Es wurde zum angemessenen Wohnhaus für den späteren Gemeindepräsidenten, Baudirektor, Glarner Landammann, Ständerat, Präsidenten der Sportbahnen Elm, Verwaltungsrat der Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) und Präsidenten der eidgenössischen Linthkommission (Aufzählung nicht abschließend). Da er gleichzeitig auch noch einem Bauunternehmen vorstand, wurde Kaspar Rhyners Ämterkumulierung von den Medien und den politischen Gegnern oft kritisiert. Sein umfassendes Engagement galt bei vielen als idealtypisch für den Glarner Filz, die Aufteilung der Macht unter wenigen einflussreichen Persönlichkeiten.

Am kleinen Platz vor der schlichten Kirche steht das mächtige Zentnerhaus, eines der schönsten Blockhäuser der Schweiz, mit den typischen Fallläden. Blicken wir von hier gegen die Tschingelhoren, erkennen wir bereits das Martinsloch, durch welches an bestimmten Tagen die Sonne genau auf den Kirchturm scheint (siehe S. 198 f), und unmittelbar links davon den Segnespass, den wir in ein paar Stunden überschreiten werden. Bei der Kirche von Elm erinnert eine Gedenktafel an den Elmer Bergsturz (siehe S. 210 ff). Alle 114 Personen, die dem Unglück zum Opfer fielen, sind namentlich aufgeführt. 31 Leichname, die man ausgraben konnte, wurden auf dem Friedhof beigesetzt, die anderen fanden ihre letzte Ruhe unter den Gesteinsmassen. Die Elmer Kirchgemeinde hat kürzlich beschlossen, dass die Kirchenglocken auch weiterhin um fünf Uhr morgens läuten. Der Hinweis auf gestörte Hotelgäste fand kein Gehör. Wir gehen links an der Kirche vorbei in die Sandgasse hinein, wo nach ca. 50 Metern das älteste Elmer Gemäuer steht. Ein Wohnturm aus dem 13. Jahrhundert, der 1557 in ein großes Doppelhaus integriert wurde. Kurz darauf folgt die ehemalige Schiefertafelwerkstätte, in der von 1898 bis 1981 in rund 30 Arbeitsgängen Schiefertafeln produziert wurden. Das kleine Fabriklein, in dem noch alles, wie am letzten Arbeitstag liegen gelassen, vorhanden ist, kann im Rahmen einer Führung besucht werden.

Wir folgen weiter der Sandgasse, verlassen das Dorf, überqueren den Sernf und folgen dem Wegweiser Richtung Segnespass nach links. Nach 100 Metern schwenken wir rechts in einen kleinen Fußweg ein, überqueren den Raminer Bach und gehen nach rechts bis zur Talstation der kleinen Seilbahn auf die Niderenalp. Wer Kräfte sparen will, kann von hier mit der abenteuerlichen Vierergondel zur Niderenalp hinauffahren. Erbaut wurde die Bahn von der NOK 1964, um die Strommasten im Martinsmad zu erstellen. Wer zu Fuß geht, wird es nicht bereuen. Der Weg, in den Fels gehauen, führt durch die enge Tschingelschlucht, die man über eine Wiese und später durch den Wald steil ansteigend erreicht. Während des Aufstiegs sollte man nicht den alten Weg geradeaus (Abschrankung), sondern den neuen, links abbiegend, wählen. Wir kommen an feinen Schieferschichten vorbei. Tausende von Jasstafeln liegen hier noch in ihrem Rohzustand zur weiteren Verarbeitung bereit. Der Gang durch die Schlucht ist auf dem breiten und abgesicherten Weg ein Vergnügen. Tief unter uns fließt der Tschingelbach. Nach der Schlucht könnten wir links direkt zum Pass aufsteigen, doch empfiehlt es sich, den kleinen Umweg zur Niderenalp (1480 m) zu gehen, um in der kleinen Niedernalphütte (Übernachtungsmöglichkeit) einzukehren.

An der kleinen Bergstation der Seilbahn vorbei beginnt der lange steile Aufstieg zum Segnespass. Das Martinsloch vor Augen, haben wir oberhalb des Biflenbachs ein paar leicht ausgesetzte Stellen zu meistern. Rechts von uns das Zwölfihorn und das Mittetaghorn, die ihren Namen nicht zufällig tragen. Von Elm ausgesehen steht die Sonne um zwölf Uhr genau über diesen Gipfeln. Nach dem steileren Stück entlang der Schlucht sehen wir vor uns den Passübergang und rechts davon die zweifarbigen Tschingelhoren, mit dem dünkleren und jüngeren Verrucano-Gestein oben und dem helleren, aber geologisch jüngeren Kalkgestein unten (siehe S. 196 f). Am Mörder - was für ein Namen für einen Berg! - vorbei, mit Blick auf den Vorabgletscher, gelangen wir über Schuttfelder zum Segnespass (2627 m), der Grenze zwischen den Kantonen Glarus und Graubünden. Der oberste Teil des Überganges kann noch bis spät in den Sommer mit Schnee bedeckt sein. Als Verkehrsweg hatte der Segnespass nie die Bedeutung des Panixerpasses, dennoch wurde auch er für den Handel benutzt. Der Reiseschriftsteller J. G. Ebel schrieb 1793: »Eine gefährliche, aber von den Viehhändlern, welche den Markt zu Lugano besuchen, gebrauchte Straße führt durch den Segnespass.« Das Militär hat hier oben eine Unterkunft erstellt, die von ein paar initiativen Glarnern für einen symbolischen Preis gekauft und im Sommer 2006 zur Segnes-Lodge umgebaut wurde.

Das erste Stück auf dem Abstieg Richtung Flims ist abschüssig. Nach einem kurzen Stück einem Felsband entlang queren wir den Hang nach links und steigen auf die Ebene ab. Gegen Ende der Ebene biegt links, die Höhe haltend, der lohnende Weg zum Cassonsgrat ab. Wir gehen weiter sanft abwärts. Auf einmal öffnet sich der Blick auf den Segnesboden, die Plaun Segnas Sut, eine Hochebene mit vielen wild mäandrierenden Bachläufen. Ein Bild, das in der Schweiz heute Seltenheitswert hat.

Wir steigen in die Ebene hinunter und folgen ihr auf der ganzen Länge. Über Felsen stürzt ein Bachlauf vom oberen Segnesboden herab. Eine wilde, unberührte Gegend, die nur durch die Vorboten der Flimser (Ski-)Arena auf den gegenüberliegenden Felsen gestört wird. Gegen Ende der Ebene bietet sich die Möglichkeit, links auf einem Höhenweg direkt zur Sesselbahnstation Naraus zu wandern. Wer möglichst bald eine Erfrischung braucht, geht weiter zur Segneshütte (2012 m). Diese Hütte, für den Großandrang im Winter konzipiert (Übernachtungsmöglichkeit), erreichen wir unmittelbar nach dem Segnesboden, nachdem wir den Bach auf einer Naturbrücke überquert haben. Um von hier nach Naraus zu gelangen, folgen wir zu Beginn den Wegweisern Richtung Startgels. Eine schöne Gegend, mit einzelnen Bäumen und Sträuchern, der aber durch den Skizirkus einige deutliche Wunden zugefügt worden sind. Nach einem kleinen Wald überqueren wir eine Brücke und folgen dem Weg Richtung Naraus, der später nochmals kurz ansteigt. Die Bergstation Naraus (1838 m, Restaurant) kann man nicht verfehlen. Die Sesselbahn, letzte Abfahrt 17 Uhr, bringt uns in zwei Abschnitten ins hektische Touristendorf Flims.