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Gratwegs ins Entlebuch

ENTLEBUCHER ENERGIEN

ENTLEBUCH–METTILIMOOS–WISSEN-EGG–FINSTERWALD–ENTLEBUCH

Wer in Entlebuch (684 m) aus dem Zug steigt, mag verwundert sein. Nicht ein ländlich geprägtes Dorfbild, sondern der Neubau eines Geschäftshauses moderns-ter Prägung sticht ins Auge: Das 100 Mil-lionen Franken teure Schweizer Versandzentrum (ehemals Ackermann).

Auf dem Grundstück des Neubaus stand bis 1993 die Sperrholzfabrik ECO AG. Bis zum Krieg gehörte die Firma mehrheitlich dem jüdischen Geschäftsmann Josef Ettlinger-Guggenheim. Obwohl nur das Engagement des deutschen Fabrikanten die Vorgängerfirma, die unrentable AG für Holzindustrie (AGHO), retten konnte, wollte die Fremdenpolizei dem deutschen Juden weder Arbeits- noch Aufenthaltsbewilligung erteilen. Nur aufgrund von persönlichen Gesprächen auf höchster Ebene und Gesuchen des Kantons Luzern und der Gemeinde Entlebuch wurden die Bewilligungen 1934 doch noch erteilt. Der Geschäftsführer der AGHO wurde während der Verhandlungen mit Ettlinger mehrmals in der Nacht mit Telefonanrufen aus dem Bett geschreckt. »Hier ist die nationalsozialistische Partei der Schweiz. Sie stehen in Unterhandlung mit Juden. Wir warnen Sie davor. Lassen Sie davon ab, sonst werden Sie die Konsequenzen zu tragen haben.«

Das Geschäft kam trotzdem zustande, und die ECO AG entwickelte sich schnell zur größten Sperrholzfabrik der Schweiz. Geleitet wurde die Firma von einem Verwandten Ettlingers, Erich Thalheimer, dem Mitbegründer der Firma. Als sich der Kreis von Hitler-Deutschland um die Schweiz schloss und der Chef der Fremdenpolizei bekannt gab, dass Erich Thalheimers Sohn nie eine Arbeitsbewilligung erhalten werde, verkauften die Gründer die ECO AG und flohen über Genf und Lissabon nach Uruguay. Die ECO AG wurde 1991 vom Versandhaus Ackermann AG aufgekauft und 1993 liquidiert.

Die Familie Ackermann kann ihre Ak-tivitäten im Textilbereich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen, als Erhard Acher-manns Sohn Josef (s’Ehrets Söppi, 1672–1725) durch Einheirat Besitzer einer Liegenschaft in Entlebuch wurde und mit seinen vielen Kindern zu spinnen, weben und zu schneidern begann. Ein Sohn von Josef (s’Ehrete Söppis Toni, 1716–1762) wurden ein »fast industrieller« Schneider in Entlebuch. Ein Sohn von Toni Achermann (s’Ehrete Söppis Tonis Franz, 1761–1833) lernte zusätzlich zur Schneiderei noch den Beruf des Hutmachers. Die Firma blieb auch durch das 19. Jahrhundert hindurch in den Händen der Familie, kannte jedoch viele Auf und Ab und stand Ende der 1880er-Jahre vor dem Konkurs. Das Geschäft ging weiter. 1887 wurden das Tuch und die Maßschneidereien erstmals auch per Post an Kleinkunden versandt. Als Alfred Ackermann II., als 18-Jähriger, 1925 die Firma übernahm, musste die Luzerner Regierung den Jungen zuerst noch mündig erklären. Danach ging es rasant aufwärts. 1928 verfügte die Firma über eine Kartei von 140 000 Adressen von bisherigen Kunden und versandte Muster und Werbebriefe. Die Belegschaft nahm sprunghaft zu. 1931 waren 14 Angestellte beschäftigt, 1951 114, und 2002 waren es, mit den Verkaufsläden überall in der Schweiz, rund 600. Alfred Ackermann II. schlug neben der geschäftlichen auch eine politische Karriere ein, war Gemeindepräsident von Entlebuch, Mitglied des Grossen Rates von Luzern und von 1953 bis 1970 auch Nationalrat. 1971 verkauften Alfred und sein Bruder Karl die Firma an ein Dreierkonsortium, welches die Firma als das größte Versandhaus der Schweiz etab-lierte. Seit 1991 trägt Corneliu Sfintescu die alleinige Verantwortung. In der Krise fusionierte man 2004 mit dem Versandhändler Veillon zur Regula-Gruppe, doch die erhofften Synergien blieben aus. Im April 2006 wurde bekanntgegeben, dass der Versandhandel für Ackermann und Veillon von anderen Unternehmen weitergeführt wird. 270 der 500 Stellen wurden gestrichen. Ein schwerer Schlag für die ganze Region. Ende 2007 beschäftigte die Regula-Gruppe noch 218 Personen, davon 131 in Entlebuch.

Vom Bahnhof Entlebuch (684 m) folgen wir den Wanderwegzeichen, die uns auf kleinen Wegen zur Hauptstraße hinaufführen. Auf der Straße lassen wir das traditionsreiche Hotel Drei Könige, wo einst auch Christian Schibi, der Entlebucher Freiheitskämpfer, gewirtet hat (s. Seite 244 ff.), links liegen und halten nach rechts Richtung Schüpfheim. Bei der Kirche biegen wir nach links von der Hauptstraße ab. Bei der nächsten Abzweigung folgen wir nach rechts den Erlebnis-Energie-Wegweisern. Nach 100 Metern kommen wir zur Emscha (Emscha steht für Entlebucher Milchschafe), einem Milchschafbetrieb mit Hofkäserei, in welcher die Milch von 500 Schafen zu diversen Milchprodukten verarbeitet wird. Für ihr nachhal-tiges Energiekonzept mit Son-nen-kollek-toren erhielt die Emscha 2007 den Schweizerischen Solarpreis. Vom Hof geht es auf einem Fußweg zurück zum markierten Wanderweg, der am Dorfausgang, bei einer kleinen Wegkapelle, die Straße verlässt und auf einer Brücke den Bach überquert. Diesem folgen wir anschließend bergaufwärts. Der durchgehend gelb markierte Weg führt uns über Wiesen und durch Wälder nach Schluecht.

Von hier verläuft der Wanderweg für 200 Meter auf einer asphaltierten Straße, um danach auf einen kleinen Weg links in den Wald abzubiegen. Auf der Anhöhe öffnet sich der Blick bis zur Pilatuskette. Vor uns das Mettilimoos. Auf der Straße halten wir nach links und erreichen nach 200 Metern den Hof Feldmoos, hinter welchem wir die Windenergieanlage mit ihrem über 60 Meter hohen Turm und den 26 Meter langen Rotoren aus der Nähe anschauen können. Die größte private Windkraftanlage der Schweiz, welche den Strombedarf von ca. 300 Haushalten deckt, ist eine Initiative des 33-jährigen Bauern Roland Aregger. Bereits 1995 hat Aregger auf dem väterlichen Hof mit selbst gebastelten Messstangen aus alten Güllenrohren den Wind gemessen. Im Oktober 2005 konnte die 1,2 Millionen teure Anlage aufgestellt werden. Aregger rechnet mit Einnahmen von rund Fr. 150 000.– jährlich und einer Amortisation der Anlage nach 10 Jahren. Zur Unterhaltung wurde bei der Anlage auch eine Pfeifenwippe erstellt.

Wir gehen auf der Straße auf demselben Weg zurück und weiter bis zur nächsten Kreuzung. Hier verlassen wir die Erlebnis-Energie-Route und biegen links ab (immer den Wegweisern Moorpfad folgend). Der Fahrweg führt uns mitten durchs Mettilimoos (1017 m).

Während der beiden Weltkriege wurde im Mettilimoos Torf gestochen, der zum Heizen gebraucht wurde. Torf, vorwiegend Torfmoose und anderes pflanzliches Material, das unvollständig zersetzt wurde, ist durch seinen geringen Heizwert als Brennmaterial eigentlich ungeeignet. Aus einem Kilogramm Torf gewinnt man nur halb so viel Energie wie aus der gleichen Menge Steinkohle. Nur aufgrund der hohen Energiepreise und Versorgungsengpässe wurde ein Abbau während der Weltkriege lohnend.

Die Firma Geistlich Wolhusen, die Gaswerke Zürich und die Firma Arnold & Cie. in Zofingen betrieben den Abbau im Mettilimoos maschinell. Neben den 30 bis 100 vorwiegend einheimischen Arbeitern waren auch bis zu 120 Internierte (entwaffnete ausländische Soldaten) beschäftigt. Auch schulpflichtige Kinder wurden für einen Stundenlohn von 45 Rappen angestellt. Die genannten Firmen förderten während des Ersten Weltkrieges rund 6300 Tonnen Torf, was nur einem sehr geringen Anteil des gesamten Torfverbrauchs in der Schweiz entsprach.

Heute wird das geschützte Flachmoor extensiv genutzt, das heißt, die Bauern dürfen nicht düngen und das Gras erst zu -einem bestimmten Zeitpunkt mähen. Der Einkommensausfall wird mit Pflegebeiträgen von Bund und Kanton entschädigt. Dennoch entbrennen um den Moorschutz immer wieder Konflikte. So zum Beispiel auch im Januar 2000, als die Bauern bei Finsterwald dagegen protestierten, dass die Loipen mit einem Fahrzeug maschinell gespurt werden, während sie selbst auf den Moorflächen keine Traktoren einsetzen dürfen.

Auf dem Moorpfad, den wir in seiner ganzen Länge begehen, vermitteln Hinweistafeln Hintergründe über die Moore und ihre Nutzung. Am Ende des Moores biegen wir nach links ab, folgen der geteerten Straße bis zum Wegweiser Dietenwartgräben, wo wir rechts über die Wiese bergan steigen. Bei einem Hof gehen wir auf der Straße nach links und gleich wieder nach rechts, um weiter bis zu einem Sattel aufzusteigen. Vom Grat haben wir eine weite Sicht Richtung Schafmatt und Schimbrig. Unten im Tal erkennen wir bei Finsterwald den ehemaligen Bohrplatz der Erdgasförderungsanlage. Wir folgen dem Grat bis zur Alpiliegg, wo wir nach rechts abbiegen.

Durch den Wald, später am Waldrand entlang, steigen wir zur Wissenegg (1173 m) ab. Links der Straße nach Fins-terwald liegt das Fuchserenmoos. Auch hier wurde in Kriegszeiten Torf gestochen. Dieses Moor entstand in einer flachgründigen Geländemulde, die durch die Seitenmoräne des ehemaligen Entlengletschers abgedämmt wurde. Während seiner maximalen Ausbreitung (vor rund 20 000 Jahren) floss der Entlengletscher bis nach Entlebuch, wo er sich mit dem Waldemmengletscher vereinigte. Bis auf 1300 Meter, also weit über den höchsten Punkt der beschriebenen Wanderung hinaus, war zu dieser Zeit die Landschaft mit Eis bedeckt. Das Fuchserenmoos bietet, wie manche andere Moore auch, -einen wichtigen Rückzugsort für gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Hier wurde zum Beispiel der seltene Wiesenpieper beobachtet.

Wir folgen der Straße Richtung Finsterwald (1060 m), wobei wir eine Kehre über die Wiese abkürzen. 10 Meter bevor der Weg wieder auf die Straße trifft, folgen wir einem neu angelegten Fußweg nach rechts (ab hier wieder mit Erlebnis Energie Entlebuch markiert). 300 Meter später befinden wir uns auf der ehemaligen Bohrplattform. Diverse Tafeln informieren über die ehemalige Exploration. Ein Spiel- und Picknickplatz steht für jene bereit, die auf die Lesenden warten.

Auf einer kleinen Straße wandern wir nach Finsterwald. Am Eingang des Weilers, der immerhin eine eigene Postleitzahl hat, folgen wir den Wanderwegzeichen (1. Straße nach links, gleich danach rechts auf einen Fußweg). Bei der modernen Kirche treffen wir auf die Straße, der wir nach rechts folgen. Unmittelbar vor dem letzten Haus auf der linken Straßenseite biegen wir links ab (Wegweiser nicht gleich ersichtlich). Beim Waldrand ist der Weg wieder besser markiert.

Dem Waldrand entlang, später durch den Wald und an einer Infoplattform von Erlebnis Energie Entlebuch vorbei, steigen wir sanft zum Burggraben ab. Auf einer Waldlichtung bietet ein alter Tramwagen Unterschlupf bei Regen. Dem Burggraben, der sich teilweise ein tiefes Bett geschaffen hat, folgen wir bis zu einer Brücke, wo links ein Weg in wenigen Minuten zur Burgkapelle hinaufführt.

Auf dem Geländesporn stand im 12. Jahrhundert eine Burg. Noch heute ist der runde Burggraben in Ansätzen erkennbar. Auf dem Plateau befindet sich heute eine kleine Kapelle, die errichtet wurde, weil hier im Jahre 1905 der Marie Küng-Lanzmann sowie ihrem Schwager und ihrer Schwester die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind erschienen war.

Zurück auf dem Weg, biegen wir bei der nächsten Abzweigung links ab (Gatter) und wandern zur Entlen hinunter. Im

19. Jahrhundert wurde hier ein kleiner Kanal errichtet, um die Wasserkraft zu nutzen. Die Sägerei, aber auch die ersten Fabrikations-gebäude der Gebrüder Ackermann bekamen die Energie vom Entlenkanal.

Auf der Hauptstraße gehen wir 100 Meter nach rechts, bevor wir links zur Entlen absteigen. Unmittelbar vor der Brücke gibt es linkerhand ein kurioses Wassserschöpfrad. Wir überqueren die Entlen noch zweimal und folgen dem Fluss abwärts bis zum Bahnhof Entlebuch.