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Gratwegs ins Entlebuch

ERDÖLRAUSCH IM ENTLEBUCH


In Zeiten der Krise suchte man auch in der Schweiz nach Erdöl, um die Auslandabhängigkeit in Bezug auf diesen wichtigen Rohstoff zu reduzieren. Anzeichen, dass auch in der Schweiz Erdöl und Erdgas lagern, gab es seit Beginn des 20. Jahrhunderts, als es zum Beispiel beim Bau des Rickentunnels mehrmals zu starken Erdgasausbrüchen mit teils heftigen Explosionen kam. Eine erste Phase der Erdölforschung setzte in der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg ein, als man zum Teil noch mit Pendel und Ruten nach Ölfeldern suchte. Eine erste Bohrung fand 1912 in Chavorney (VD) statt. In der Gemeinde Entlebuch wurde erstmals 1939 ein Gesuch um Erteilung einer Konzession für das Schürf- und Ausbeutungsrecht für -Erdöl, Gase und ihre Nebenprodukte ein-gereicht. Die privaten schweizerischen Gesuchsteller wurden jedoch nie aktiv.

In der Folge der Suezkrise von 1956, als der Ölpreis dramatisch in die Höhe schnellte, wurde 1959 die Swisspetrol gegründet, an der die Ölkonzerne Shell, Esso und Elf Aquitaine maßgeblich beteiligt waren. 1960 wurde die Swisspetrol-Tochter LEAG (Aktiengesellschaft für Luzernisches Erdöl) aus der Taufe gehoben. Die LEAG konzentrierte sich zuerst auf Bohrungen in Pfaffnau, wo aber fünf Bohrungen zwischen 1963 und 1967 erfolglos blieben.

1977 untersuchte man das Gebiet von Fins-terwald (Gemeinde Entlebuch) mit einem -riesigen Vibrator. Wenn das Gerät zur Erzeugung von Schwingungen in Betrieb genommen wurde, bebte die ganze Gegend. Mit der Schwingungsreflexion konnten Aussagen über die unterhalb lagernden Gesteinsschichten gemacht werden. Die besten Werte fand man auf der Alpiliegg oberhalb von Finsterwald. Weil der Standort aber für einen Bohrturm nicht geeignet war, wählte man den nahe gelegenen Nesslenbrunnenboden zur Errichtung des Bohrturms. Die gleiche Parzelle war zur selben Zeit auch für ein Erholungszentrum vorgesehen, das aus finanziellen Gründen aber nie verwirklicht wurde. Die Besucher kamen trotzdem nach Finsterwald. Während der Bohrzeit, die am 28. September 1979 begann und 476 Tage dauerte, pilgerten unzählige Besucher, mit Feldstechern und Fotoapparaten ausgerüstet, nach Finsterwald. An schönen Wochen-enden wand sich eine Autoschlange vom Dorf bis zum Bohrplatz. Die Bohrung wurde bis in eine Tiefe von 5289 Metern vorangetrieben, wo sie aufgrund von technischen Problemen eingestellt wurde. Eine letzte Gewissheit, dass an dieser Stelle keine Ölvorkommen lagern, hat man damit nicht erlangt, doch wird dies vermutet.

In 4370 Meter Tiefe stieß man jedoch auf ein Erdgasvorkommen. Da man das Vorkommen auf 70 bis 150 Millionen Kubikmeter schätz-te, entschloss sich die LEAG, die Ausbeutung an die Hand zu nehmen. 1983 erhielt sie vom Gemeinderat Entlebuch die Konzession, und am 1. April 1985 begann die Förderung des Erdgases, welches in die Transitgasleitung (s. Seite 60) eingespeist wurde. Es war dies die erste und bisher einzige kommerzielle Erdgasförderung in der Schweiz. Zu Beginn konnten pro Stunde 4000 Kubikmeter Erdgas gefördert werden. Zwei Arbeitskräfte waren mit der Betreuung der Anlage beschäftigt. Doch der Druck nahm immer mehr ab, und die Stillstandzeiten wurden immer länger.

Am 8. Juli 1994 wurde die Förderung eingestellt und ein Stück Schweizer Industriegeschichte beendet. In den neun Jahren wurden 75 Millionen Kubikmeter Erdgas aus dem Erd-reich geholt, ein Fünfundzwanzigstel des schweizerischen Jahresverbrauches zu dieser Zeit. Das Bohrloch wurde wieder aufgefüllt und der Bohrplatz in eine Freizeitanlage mit Kletterturm, Kinderspiel- und Picknickplatz umfunktioniert. Reich wurde die LEAG mit dem Erdgas nicht. Ausgaben für Bohrung und Förderung von 50 Millionen Franken standen Einnahmen von 16,5 Millionen ge-genüber. Einziger Gewinner war der Kanton Luzern, der etwas mehr als 190 000 Franken an Konzessionsgebühren kassierte, dafür aber auf die geschuldeten Steuern verzichtete.

Anfang 1994 wurde auch die Swisspetrol liquidiert. Eine Tochtergesellschaft, die SEAG (Schweizerische Erdöl Aktiengesellschaft), wurde jedoch am Leben erhalten und mit allen Daten der Exploration in der Schweiz ausgestattet. Nach der Jahrtausendwende hat die SEAG in Weiach (Zürich) Erdgas gefunden – die dichten Gesteinsschichten verunmöglichen eine Förderung jedoch. Gut möglich, dass sie oder eine andere Firma an einem anderen Ort in der Schweiz nochmals einen Versuch starten wird.