Gratwegs ins Entlebuch
FREIE SICHT INS EMMENTAL
HABKERN–HOHGANT–KEMMERIBODEN BAD–SCHIBENGÜTSCH–SÖRENBERG
1. Tag: Habkern–Traubach–Hohgant–Schärpfenberg–Kemmeriboden Bad
HABKERN liegt nur 7 Kilometer von Interlaken entfernt; die beiden Ortschaften könnten aber kaum unterschiedlicher sein. Dort die Tourismusmetropole mit Gästen aus aller Welt, Hotelpalästen, Kuckucksuhren und Fondue das ganze Jahr, hier ein Bergbauerndorf, welches seine -Eigenart bewahren konnte und mit zwei Hotels den Tourismus nur in begrenztem Maße fördert. Die Habkerner sind sich des Unterschieds bewusst und machen Werbung damit, dass hier keine »Schicki-micki« absteigen und dass es kein Nacht-leben gibt. Dafür gibt es eindrückliche bäuerliche Blockbauten, die in Interlaken nicht zu finden sind. Zum Beispiel der imposante Bau aus dem 18. Jahrhundert am kleinen Dorfplatz.
Wer mit dem Bus von Interlaken kommend bis zur Endstation Zäundli beim Sporthotel fährt, kann sich wenige Wanderminuten sparen. Unmittelbar vor dem Sporthotel lohnt sich ein Besuch bei Rita Zurbuchen, die in ihrem kleinen Garten über 200 verschiedene Fuchsia-Arten zur Schau stellt. Von Habkern (1065 m) oder Zäundli wandern wir los Richtung Grüenenbergpass/Traubach. Wir folgen der Straße, die uns, kaum ansteigend, das Tal des Traubachs hinaufführt. Beim Wegweiser Blosmoos zweigt der Weg über den Grüenenbergpass ab. Hier beginnt das Gebiet der geschützten Moorlandschaft Habkern-Sörenberg, der mit 86 km2 zweitgrößten Moorlandschaft der Schweiz. An beiden Wandertagen werden wir große Teile der Moorlandschaft durchwandern. Wir gehen weiter Richtung Traubach, nun auf einem ungeteerten Fahrweg durch einen Fichtenwald.
Nach gut einer Stunde erreichen wir die unversehrte kompakte Alpsiedlung Traubach (1347 m), am Ende des Tals auf einer kleinen Ebene gelegen. Die Speicher sind zum Teil über 200 Jahre alt. Ein Neubau aus dem Jahr 1980 wurde mit einigem Aufwand ins Ensemble integriert. Von der Alp folgen wir weiter dem Bach, bis der Weg eine Linkskurve macht und eine kleine Felsstufe überwindet. Bald schon betreten wir das Naturschutzgebiet Hohgant-Seefeld, das bereits 1974 unter Schutz gestellt wurde. Der weitere Aufstieg erfolgt in einem feuchten, mit Karstblöcken durchsetzten Wald mit viel Farnen und Moos. Beim Sattel (1738 m) weitet sich die Sicht. Der Blick auf die Berner Hoch-alpen, aber auch auf das mit Wäldern durchsetzte Moorgebiet Richtung Sörenberg ist eindrücklich.
Vom Sattel geht es weiter aufwärts, dem Grat entlang. Zuerst hat es noch einzelne Fichten, danach wenige Föhren, bis wir bei der steinigen Matte in eine von großen Felsklötzen gebildete Steinwüste aus Quarzsandstein gelangen. Kurz darauf stehen wir auf dem Gipfel des Vorder Hohgant (2163 m), der steil zum Emmental abbricht und die Sicht auf das ganze Mittelland freigibt. Um auf den höchsten Punkt zu gelangen, müssen wir nochmals etwa 70 Höhenmeter absteigen, um dann, linkshaltend, den Grat und später den Gipfel des Furggengütsch (2197 m) zu erreichen. Die Aussicht, nun auch auf das ganze Entlebuch, ist atemberaubend. Ziegen, Bergdohlen und mehrere Steinmanndli leisten beim Picknick Gesellschaft. In der Ferne zeigen sich vielleicht auch ein paar Steinböcke und wer Glück hat wird hier oben ein Schneehuhn erblicken oder ein Edelweiss finden. Den Namen erhielt der Gipfel von der Furgge, dem steilen Übergang von Habkern nach Bumbach wenig östlich des Gipfels. Die den Alpen vorgelagerte Felsbastion ist mit einem Jahresniederschlag von ca. 2'900 mm sehr niederschlagsreich. Bereits in Beatenberg-Waldegg, wenige Kilometer von hier, sind es nur noch 1133 mm. Das ganze Gebiet vom Hohgant bis zum Thunersee soll ab 2009 in den geplanten Naturpark Thunersee-Hohgant integriert werden. Die Öffentlichkeitsarbeit wurde mit der Website www.naturpark-thunersee-hohgant.ch bereits gestartet.
Der steile Abstieg, der durch ein Schuttfeld, die Karhohle führt, ist nicht sehr angenehm, doch der Blick zurück, auf die steil aufragenden Felsbastionen des Hohgant, entschädigt für die Mühsal. Der Name »Kar« (Nährmulde, Entstehungsgebiet eines Gletschers) deutet darauf hin, dass sich hier noch bis in historische Zeit ein Firnfeld befand. Bei der (unbewarteten) Blockhütte des SAC (1805 m) wird der Weg wieder besser. Auf einem kleinen Pfad steigen wir durch eine urtümliche, wilde Gegend und später durch den Wald nach Schärpfenberg (1290 m) ab. Die lichten Moorwälder bieten ein wichtiges Rückzugsgebiet für das Auerhuhn. Von Schärpfenberg folgen wir dem Fahrweg, der wenig später nochmals eine etwas steilere Geländestufe überwindet. Kurz nachdem wir auf eine bessere Fahrstraße eingemündet sind, steigen wir rechts auf einem kleinen Weg zur Teufelsbrücke hinunter, wo die junge Emme tosend über einen Felsen hinabstürzt. Auf der anderen Seite des Baches erreichen wir eine geteerte Straße, der wir die letzten 30 Minuten bis Kemmeriboden Bad (976 m) folgen, welches eingezwängt zwischen der einst zusammenhängenden Hohgant-Schrattenfluh-Kette liegt.
Gebadet wurde in der Schwefelquelle des Kemmeribodens seit 1790, wobei das Bad nicht über eine regionale Bedeutung hinauskam. Ein Badewirtschaftsbetrieb wurde erst 1834 eröffnet, da der Wirt des Gurnigel Bades zuvor erfolgreich gegen eine Bewilligung Einsprache erhoben hatte. 1841 wurde das Bad an Ulrich Gerber verkauft, den Urururgroßvater der heutigen Besitzerin. Der Badebetrieb im Kemmeriboden ist eingestellt, doch kommt man im Restaurant voll auf seine Kosten. Nicht verpassen sollte man die berühmten »Chemmeri-Merängge«, die von der kleinen Bäckerei Oberli im nahen Bumbach hergestellt werden. In einem Test der Schweizer Illustrierten kamen sie auf den Spitzenplatz der getesteten Meringues, und der Gault-Millau-Gastrokritiker Silvio Rizzi gab ihnen 19 von 20 möglichen Punkten. Ein Resultat, das nach einer Degustation niemanden mehr erstaunen wird. Die luftig-leichten Chemmeri-Merängge zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Munde vollständig zer-gehen und keine klebrige Masse zurücklassen. Im Kemmeriboden Bad werden sie mit einer großen Portion frischer Nidle serviert.
Erfunden wurde die Meringue der Legende nach 1720 in Meiringen vom Zuckerbäcker Gasparini. Sie ist im Wesentlichen eine luftige Masse aus 2 Teilen Eiweiß und einem Teil Zucker, die während 3 Stunden bei niedriger Hitze im Ofen ihre feste Form bekommt. Das Gebäck fand in Frankreich großen Anklang und wurde dort nach seinem Ursprungsort benannt. Aufgrund der französischen Aussprache wurde aus Meiringen »Meringue«. Im Emmental wurden daraus die »Merängge«.
2. Tag: Kemmeriboden Bad–Ober Habchegg–Schibengütsch–Salwideli–Südelhöchi (Sörenberg)
Bei Kemmeriboden Bad überqueren wir die Emme. Mehrere Male wurden die alten Holzbrücken an dieser Stelle von der hochgehenden Emme fortgerissen. Nachdem 1927 die alte Brücke wegen Konstruktionsfehlern unter der Schneelast zusammenbrach, entschloss man sich, eine Betonbrücke zu bauen. Nach der Brücke biegen wir nach rechts ab und folgen nach 100 Metern dem Weg, der links den Berg hinaufführt (Wegweiser Richtung Mar-bachegg; an dieser Stelle noch nicht dem Weg Richtung Schibengütsch folgen). Nach Unter Chemmeri geht es über die Wiese teilweise steil bergan. Zurück auf dem Weg folgen wir ihm nach links (immer weiß-rot-weiß markiert). Nach dem Schibenhüttli durchqueren wir einen Hang, bei dem die Folgen von Erosion und Murgängen unübersehbar sind. Der Weg muss immer wieder instand gestellt werden, umgefallene Bäume liegen am Wegrand und von größeren Ruhepausen wird abgeraten: Landschaftsveränderung Live. Bei der Ober Habchegg (1407 m) gibt es ein Alpbeizli mit schöner Aussicht, bei dem man den ersten Durst stillen kann. Für jene, die gleich bleiben möchten, gibt es in einem separaten Gebäude eine attraktive Ferienwohnung.
Eine Viertelstunde nach Habchegg biegen wir beim Wegweiser Imbrig rechts ab Richtung Hengst. Kurz darauf erreichen wir die Alp Imbrig. Hier bietet sich die einmalige Gelegenheit, sich mit Proviant von der Alp einzudecken. Empfohlen seien insbesondere die Ziegenwurst und der Ziegenkäse. Die Energie werden wir brauchen, denn unmittelbar bei der Alp Imbrig beginnt der Aufstieg über die steilen Wiesen hinauf zur Schrattenfluh. Vor uns der gezackte Grat, den wir nach einigen Schweißtropfen bei P. 2052 (Schrattenfluh) erreichen. (Zur Schrattenfluh siehe auch Seite 201 f., 206). Auf dem Grat wenden wir uns nach rechts Richtung Schibengütsch (Süden).
Der Weg verläuft nun ebenaus auf grünen Matten über den Grat bis zum Türstenhäuptli, einer Felsformation wie von einem fremden Stern, die so gar nicht in das Kalkgestein der Schrattenfluh passen will. Ein kurzer Abstieg und ein kurzer Aufstieg bringen uns von hier in wenigen Minuten auf den Gipfel des Schibengütsch (2037 m, Gipfelkreuz, Gipfelbuch). »Welche Aussicht! Wie ungemein schön! Wie ausgebreitet!«, schildert Pfarrer Schnyder von Wartensee den Blick vom Schibengütsch Ende des 18. Jahrhunderts. »In arkadischen Gefilden, mitten im Aufenthalte der Feen atmen wir frei in der reineren Luft; entzückende Seltsamkeiten und romantische Aussichten stellen dem bezauberten Auge sich dar, indessen von einer beliebten Melancholie wir stöhnend da stehen. […] Erhabene Szenen! Prächtige, beides, Anmut und Entsetzen eindrückende Bilder – nahe und ferne – in ungewöhnlichem Lichte und Schatten.«
Auf dem Gipfel verlassen wir den markierten Wanderweg und gehen auf Wegspuren dem Grat nach abwärts Richtung Südosten. Nach wenigen Minuten entdecken wir auf der rechten Seite ein Felsenfenster. Kurz darauf führt uns der Weg in eine Felskaverne, in deren Mitte auf der linken Seite uns eine Leiter den Abstieg in eine untere Felskaverne ermöglicht (ca. 8 Meter, große Sprossenabstände). Von hier führt uns eine weitere Leiter ins Freie. Diese Festung ist ein Teil der Sperre Bumbachtal–Schrattenfluh, welche vom Heidenloch meist der Kammlinie der Schrattenfluh folgt, von hier ins Bumbachtal hinunterführt und noch 15 weitere Objekte aufweist. Die Sperre war Teil der Strategie des Alpenreduits im Zweiten Weltkrieg, nach der sich die Schweizer Armee bei einem Angriff durch die deutsche Wehrmacht in die Alpen zurückgezogen hätte. Das ganze Konzept mit den großen Bauvorhaben hat jedoch die Möglichkeiten der Schweiz überstiegen, sodass viele Reduitwerke erst gegen Kriegsende 1944 einsatzbereit waren. Die Befehle für die Befestigungsbauten wurden zwar bereits im Herbst 1940 erlassen, aufgrund der beschränkten Ressourcen und zu wenigen verfügbaren Arbeiter (Aktivdienst, Konkurrenzsituation im Festungsbau, Anbauschlacht) begann man am Schibengütsch erst im Frühling 1943 mit den Bauarbeiten. Die Arbeiten wurden unter Verwendung bereits vorhandener Karsthöhlen möglichst einfach und billig ausgeführt. Kaum war die Anlage fertig, war der Krieg (zum Glück) zu Ende. Gebraucht wurde sie nie.
Ein steiler Pfad führt uns hinter dem Stollenausgang hinunter Richtung Chlus. Wir müssen nicht ganz bis zur Chlushütte (Wasserhahn, Übernachtungsmöglichkeit) gehen, sondern können bereits 200 Meter vorher Richtung Sörenberg abbiegen (Wegweiser, ab hier wieder markiert).
Der Bergkopf hinter der Alp Chlus (Richtung Osten) heißt Böli. Man könnte diesen Namen leicht von »Bolle« (kleine Erhö-hung) ableiten. Was die Sprachforscherin Erika Waser aber stutzig machte: Die Ansässigen gebrauchten für den Bergkopf immer die weibliche Form »d Böli« oder »i der Böli obe«, was im Widerspruch zur Deutung mit »Bolle« stand. Durch einen Zufall entdeckte sie eine historische Namenform, die »Böri« hieß. Sie kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet »Höhe, Erhebung«. Das Wort Empore, der höher gelegene Raum in der Kirche, ist mit dem Wort verwandt. Aus Böri wurde später Böli, wobei das weibliche Geschlecht erhalten blieb. Wenn wir die Böli betrachten, müssen wir zugeben, dass es eher eine Böri als ein Bolle ist.
Am Fuß der Böli liegt der Eingang zur Neuenburger Höhle. Von den über 180 Schächten, Schloten und Höhlen, die im Gebiet der Schrattenfluh bereits erforscht wurden, ist es die interessanteste und auch die längste; 7,5 Kilometer sind bereits erkundet worden, doch der größere Teil ist immer noch unbekannt. Für alle Interessierten bietet das Tourismusbüro in Sörenberg Führungen in die Höhlenwelt der Schrattenfluh an.
Die Höhlen der Schrattenfluh wurden seit 1959 von Höhlenforschern aus Neuenburg erkundet, deshalb der Name. In der Höhle, die von kleinen Bächen durchflossen wird, wurden seltene Tierarten entdeckt: Doppelfüßer, Köcherfliegen, Käfer, Spinnen oder auch Fledermäuse. Auch so genannte Pseudoskorpione wurden gefunden. Die Erkundung der Höhlen konnte auch noch eine andere Frage lösen. Wohin fließen die schätzungsweise 25 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr, welche auf die Schrattenfluh niederregnen? Ein Färbversuch in einer Höhle bei Schlund im Jahre 1970 schaffte Klarheit. Man vermutete den Austritt des Wassers in der Nähe, beim Südelbach oder beim Bärselbach, und postierte an den wahrscheinlichen Stellen Beobachter. Die Färbung wurde schließlich aber von einem Unbeteiligten entdeckt. 38 Stunden nach dem Beginn des Versuches wurde das gefärbte Wasser bei Sundlauenen am Thunersee entdeckt. Das Wasser der Schrattenfluh unterquert also den Graben der Grossen Emme und verbindet sich mit dem Höhlensystem des Hohgant und der Sieben Hengste.
Der Weg nach Salwideli verläuft von Ober Imbärgli bis Ober Wisstannen auf einem Fahrweg, danach geht es über die Wiese hinunter nach Schneeberg. Ab hier folgen wir der Straße bis zur Ferienhaussiedlung Wagliseiboden. Danach erreichen wir auf einem schönen Waldweg (viele Heidelbeeren) in 10 Minuten das Berggasthaus Salwideli (1353 m), von wo wir nochmals einen schönen Blick zurück zur Schrattenfluh genießen.
Hier stand einst das Salwydenbad. Die später zugeschüttete Schwefelquelle wur-de bereits 1717 erwähnt. Das heutige Berggasthaus diente während Jahrzehnten als Ferienheim und konnte im Herbst 2000 dank einer Spende der Messerli-Stiftung wiedereröffnet werden. Das Berggasthaus bezieht die Produkte für seine regionale Küche wenn immer möglich aus dem Entlebuch. Diverse Entlebucher Produkte können hier auch zum Mitnehmen eingekauft werden.
Wir folgen dem Wegweiser Richtung Sü-delhöchi. Der Weg führt uns am Bauernhof Salwideli vorbei (Übernachtungsmöglichkeit). Kurz darauf verlassen wir den Fahrweg und steigen durch ein Moor sanft abwärts. Kurz vor Südelhöchi erreichen wir die Straße, der wir aber nur bis zur ersten Linkkurve folgen, wo wir auf einem Fußweg geradeaus weiter abwärts gehen. Zum Schluss nochmals kurz auf der Straße bis Südelhöchi (1110 m, Haltestelle an Postautolinie Sörenberg–Schüpfheim).


