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Gratwegs ins Entlebuch

In Sörenberg lebten wir sehr gut

»Wo man dem lieben Gott ein Kirchlein baut, baut der Teufel auch ein Wirtshaus daneben.« Obs der Teufel war, sei dahingestellt, Tatsache ist, dass 1775 neben der Kapelle von Sörenberg ein Wirtshaus erbaut wurde. Ab dem Beginn des 18. Jahrhunderts gab es in der Nähe Sörenbergs bereits zwei Bäder (Salwiden- und Kragenbad), die einen bescheidenen Kurtourismus verzeichnen konnten. In Sörenberg selbst war das Kirchweihfest mit Musik, Tanz und Gesang das Ereignis, welches Gäste aus den Nachbarkantonen anzog. Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Gasthaus neben der Kapelle »die langjährigen Aufwärte durch zwei schöne und aufgeputzte Älplertöchterlein mit schneeweißen Schürzen ersetzt. Diesen gefiel das Wirten, sie sahen schön Geld fließen, in ihnen wurde der Gedanke wach, das Aufwarten auch auf eigene Rechnung zu betreiben und sie bauten dann das schöne Hotel Mariental.« Auch die alte Gastwirtschaft war bald zu klein und wurde 1894 durch das Kur- und Gasthaus Sörenberg ersetzt. Für beide Häuser wurde eine nahe Schwefelquelle erschlossen.

Ein prominenter Gast war Lenin, der sich durch das billige Angebot des Hotels Mariental angesprochen fühlte und zusammen mit seiner Frau im Sommer 1915 drei Monate in Sörenberg verbrachte. Nadesda K. Krupskaja, Lenins Frau, hielt in ihren Memoiren fest: »In Sörenberg lebten wir sehr gut. [...] Die Post funktionierte mit schweizerischer Pünktlichkeit. Sogar in einem so entlegenen Gebirgsdörfchen wie Sörenberg konnte man jedes gewünschte Buch aus den Berner und Zürcher Bibliotheken erhalten. Man schreibt einfach an die betreffende Bibliothek eine Postkarte. [...] In Sörenberg ließ es sich ausgezeichnet arbeiten. Wir standen morgens früh auf und bis zum Mittagessen, das - wie überall in der Schweiz - um 12 Uhr eingenommen wurde, arbeitete jeder in seiner Ecke im Garten für sich. Nach dem Mittagessen gingen wir oft den ganzen Rest des Tages in die Berge. Lenin liebte die Berge sehr - er erkletterte gern gegen Abend die Ausläufer des Rothorns.«

Der große touristische Aufschwung kam in Sörenberg aber erst, als das Skifahren zum Volkssport wurde. Schon 1934 hieß es in einem Artikel der Lokalzeitung: »Unser trautes Bergtal hat in den letzten Jahren einen großen Aufschwung als Wintersportgelände erfahren. Hunderte von verstaubten Bureaupersonen sind diesen Winter wöchentlich nach den verschiedenen Skifeldern unseres Ländchens gepilgert.« 1948 wurde der erste Tellerlift errichtet. In den fünfziger und sechziger Jahren folgten weitere Lifte Schlag auf Schlag. Mit dem Bau der Luftseilbahn auf das Rothorn und des Sessellifts Eisee zu Beginn der siebziger Jahre hat die Expansion ihr vorläufiges Ende gefunden.

Ein anderer, eher selten gehörter Grund für den Aufschwung von Sörenberg dürfte auch der Aktivdienst während des Zweiten Weltkrieges sein, den einige Wehrmänner im Mariental verbrachten. Bei einer Umfrage gaben einige Ferienwohnungsbesitzer als Motiv für die Standortwahl an: »Militärdienst hier geleistet«.

Der Tourismus schuf manche neue Arbeitsplätze und für die Landwirte interessante Nebenerwerbsmöglichkeiten. Aber auch negative Auswirkungen ließen nicht auf sich warten. Die Bodenpreise schossen in die Höhe. Konnte 1954 ein Quadratmeter Land noch für 40 bis 50 Rappen erworben werden, bezahlte man dafür in den siebziger Jahren bereits über 100 Franken. Spekulanten verdienten gutes Geld. Die Baueuphorie in den Boomjahren hat der Nachwelt zudem einige fragwürdige Objekte hinterlassen. Es erstaunt deshalb nicht, dass bei einer Umfrage 1980 nur 6,4 Prozent der Ferienhausbesitzer der Meinung waren, Sörenberg hätte noch einen ursprünglichen Charakter. Ein weiteres Problem stellt der Verkehr dar - insbesondere in den Wintermonaten, in denen der Anteil der Tagestouristen am höchsten ist. Und nicht zuletzt leidet Sörenberg daran, dass die Parahotellerie (Ferienwohnungen, Camping) einen überproportionalen Anteil am Tourismus ausmacht, was eine tiefe Wertschöpfung, viel Baulandverbrauch und eine ausgestorbene Ambiance in der Nebensaison mit sich bringt.

Die Probleme sind den Verantwortlichen bekannt. Das neue Tourismusleitbild 2000 zeigt Lösungen auf: Das Dorfbild soll aufgewertet (Ideenwettbewerb zur Dorfgestaltung, attraktive Nutzung der Parkplätze im Sommer) und das touristische Angebot weiter Richtung nachhaltiger Tourismus ergänzt werden, zum Beispiel durch Ausbau der Wander- und Reitwege. Auch die Chance Biosphärenreservat soll genutzt werden, indem man den Nachhaltigkeitsgedanken bei der zukünftigen Tourismusplanung berücksichtigt, das Angebot an Naturerlebnissen ausbaut und das Label »Biosphärenreservat« im Marketing einbezieht.

Es ist keine leichte Aufgabe, den Moorschutz und die Renditeerwartungen von Bergbahnunternehmen unter einen Hut zu bringen. Besonders zugespitzt wird das Problem, falls infolge Schneemangels der Bau von Beschneiungsanlagen angestrebt wird und zugleich die Region mit dem Biosphärenlabel als besonders naturnah vermarktet werden soll.

Als 1987 der Einsatz von Schneekanonen erwägt wurde, brachte Sörenbergs Kurdirektor Theo Schnider 1987 die Diskussion mit einem Pressecommuniqué an die Öffentlichkeit. Er unterschied sich in seinen Äußerungen aber von anderen Kurdirektoren gewaltig. Unter dem Titel »Kunstschnee - nein danke« schrieb er unter anderem, dass man endlich auch im Tourismus lernen sollte, keine neuen ökologischen Belastungen zu schaffen, sondern das anbieten müsse, was man eben habe.

Es vergingen dann auch noch etliche Jahre, bis man 1993 begann, im kleinen Umfang mit mobilen Anlagen künstlich zu beschneien. 1995 wurde ein Projekt für die Beschneiung von 5 Hektaren eingereicht, jedoch durch eine Verwaltungsbeschwerde der Umweltverbände wieder gestoppt. Der Regierungsrat gab der Einsprache statt, da insbesondere die nötige Nutzungsplanung fehlte. Die Ausarbeitung dieser Nutzungsplanung und des Baugesuches für die Beschneiungsanlagen wurde von zähen Verhandlungen zwischen Bergbahnen, Umweltverbänden und der Gemeinde Flühli begleitet. Im April 2000 konnten sich schließlich alle Parteien auf eine Vereinbarung einigen, die den Bau an ökologische Eckwerte bindet. Die Beschneiung wird von Mitte November bis Ende Februar begrenzt und soll nicht der Verlängerung der Skisaison dienen. Ferner dürfen keine kristallisationsfördernden Zusätze verwendet und im Moorperimeter keine neue Anlagen erstellt werden. Im Sommer 2001 wurde der Speichersee (16 Millionen Liter) erstellt, in dem das Wasser für die Beschneiung von 10,5 Hektaren gesammelt wird. Das Regionalmanagement des Biosphärenreservates hat den Auftrag erhalten, das Monitoring zu koordinieren und die Auswirkungen der künstlichen Beschneiung auf Flora und Fauna zu dokumentieren.