Gratwegs ins Entlebuch
Schrattenkalk
Hirsegg–Schibengütsch–Hengst–Strick–Flühli
Auf den Spuren von Pfarrer Schnyder von Wartensee wandern wir über Weiden, später durch den Wald, der sich mehr und mehr lichtet, in das ausgedehnte Karstgebiet der Schrattenfluh. Eine unwirtliche Gegend mit vielen Schlünden und Höhlen. Dem Grat folgen wir von Gipfel zu Gipfel, um am Schluss nach Flühli abzusteigen.
»Niemandem rate ich, selber ohne einen guten, bewanderten, starken und beherzten Führer zu durchwandern«, riet Pfarrer Joseph Xaver Schnyder von Wartensee in seinen Beschreibungen der Berge des Entlebuchs Ende des 18. Jahrhunderts für Wanderungen auf die Schrattenfluh. Diesen Rat lassen wir, angesichts des mittlerweilen verbesserten Wanderwegnetzes, außer Acht. Einen anderen Hinweis nehmen wir uns aber zu Herzen: »Manchem sogar, der viele Berge bereiset, dürfte die Schrattenfluh mühsam und ermüdernder, als fast jede andere, vorkommen; und bis er allerorten sich durchgearbeitet, zu Schaffen machen.«
Wir laufen deshalb früh genug von der Hirsegg (1070 m), wo uns das Postauto abgeladen hat, los. Wir überqueren die junge Waldemme auf einer Brücke, gehen danach links, um nach weiteren 100 Metern rechts auf den weiß-rot-weiß markierten Bergweg abzubiegen. Über Weiden steigen wir zu Beginn steil bergan. Wenn das Gelände auf einem asphaltierten Fahrweg flacher wird, sehen wir einen großen Teil der Wanderung bereits vor uns. Links der Schibengütsch mit dem Gipfelkreuz, rechts die charakteristischen Hächlenzähnd. Über einen flachen Grat, teilweise weglos, erreichen wir einen halb offenen Torfmoos-Bergföhrenwald, ein Hochmoor von nationaler Bedeutung. Wasser führende Schlenken wechseln mit hohen Torfrücken ab. Während früher das ganze Moor beweidet wurde, was Trittschäden zur Folge hatte, ist heute das Kerngebiet eingezäunt.
Kurz vor dem Hof Schlund (1477 m) biegen wir links auf einen Fahrweg ab. Der Fichtenwald, zuerst noch dicht und hochstämmig, wird immer lichter. Immer mehr kommt das Kalkgestein zum Vorschein. Bei der Alp Chlus haben wir die Waldgrenze dann vollends hinter uns gelassen. Hier besteht auch die einzige Möglichkeit, Wasser nachzufüllen.
Der Bergkopf hinter der Alp (Richtung Osten) heißt Böli. Man könnte diesen Namen leicht von »Bolle« (kleine Erhöhung) ableiten. Was die Sprachforscherin Erika Waser aber stutzig machte: Die Ansässigen gebrauchten für den Bergkopf immer die weibliche Form »d Böli« oder »i der Böli obe«, was im Widerspruch zur Deutung mit »Bolle« stand. Durch einen Zufall entdeckte sie eine historische Namenform, die »Böri« hieß. Sie kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet »Höhe, Erhebung«. Das Wort Empore, der höher gelegene Raum in der Kirche, ist mit dem Wort verwandt. Aus Böri wurde später Böli, wobei das weibliche Geschlecht erhalten blieb. Wenn wir uns die Böli betrachten, müssen wir zugeben, dass es eher eine Böri als ein Bolle ist.
Am Fuß der Böli liegt der Eingang zur Neuenburger Höhle. Von den über 180 Schächten, Schloten und Höhlen, die im Gebiet der Schrattenfluh bereits erforscht wurden, ist es die interessanteste und auch die längste; 7,5 Kilometer sind bereits erkundet worden, doch der größere Teil ist immer noch unbekannt. Die Höhlen der Schrattenfluh wurden seit 1959 von Höhlenforschern aus Neuenburg erkundet, deshalb der Name. In der Höhle, die von kleinen Bächen durchflossen wird, wurden seltene Tierarten entdeckt: Doppelfüßer, Köcherfliegen, Käfer, Spinnen oder auch Fledermäuse. Auch so genannte Pseudoskorpione wurden gefunden. Die Erkundung der Höhlen konnte auch noch eine andere Frage lösen. Wohin fließen die schätzungsweise 25 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr, welche auf die Schrattenfluh niederregnen? Ein Färbversuch in einer Höhle bei Schlund im Jahre 1970 schaffte Klärung. Man vermutete den Austritt des Wassers in der Nähe, beim Südelbach oder beim Bärselbach, und postierte an den wahrscheinlichen Stellen Beobachter. Die Färbung wurde schließlich aber von einem Unbeteiligten entdeckt. 38 Stunden nach dem Beginn des Versuches wurde das gefärbte Wasser bei Sundlauenen am Thunersee entdeckt. Das Wasser der Schrattenfluh unterquert also den Graben der Grossen Emme und verbindet sich mit dem Höhlensystem des Hohgant und der Sieben Hengste.
Nur mit Glück konnte im Jahr 2000 verhindert werden, dass die Neuenburger Höhle von einer Trekkingfirma aus Zürich aufgekauft, durch ein Eingangstor verschlossen und zur privaten Touristenhöhle ausgebaut wurde. Theo Schnider, der ehemalige Kurdirektor von Sörenberg, kam den Zürchern zuvor: »Wir haben es geschafft, dass eine allfällige Vermarktung kontrollierbar wird und eine mögliche Wertschöpfung durch die touristische Nutzung der Höhle in unserer Gemeinde bleibt. Es war eine deutliche Initiative gegen die Verlockung des schnellen und reinen Kommerzes.« Für alle Interessierten bietet das Tourismusbüro in Sörenberg Führungen in die Höhlenwelt der Schrattenfluh an.
Von der Alp Chlus gibt es verschiedene Möglichkeiten, um den letzten Aufschwung zum Schibengütsch zu meistern. Eine südliche, dem Grat entlang, eine mittlere, die zuerst der südlichen folgt und nachher rechts abzweigt, und eine über das Türstenhäuptli. Um die Strecke, die wir hin- und zurücklaufen, möglichst kurz zu halten, empfiehlt sich, die erste oder zweite (weniger steile) Variante zu wählen.
»Welche Aussicht! Wie ungemein schön! Wie ausgebreitet!«, schildert Pfarrer Schnyder von Wartensee den Blick vom Schibengütsch (2037 m, Gipfelkreuz). Und seine Gefühle, die er kurz zuvor auf der Böli beschrieben hat, würde er sicher auch für hier oben gelten lassen. »In arkadischen Gefilden, mitten im Aufenthalte der Feen atmen wir frei in der reineren Luft; entzückende Seltsamkeiten und romantische Aussichten stellen dem bezauberten Auge sich dar, indessen von einer beliebten Melancholie wir stöhnend da stehen. [...] Erhabene Szenen! Prächtige, beides, Anmut und Entsetzen eindrückende Bilder - nahe und ferne - in ungewöhnlichem Lichte und Schatten.«
Wir folgen nun alles dem Grat der Schrattenfluh. Die Flora ist vielfältig, und selbst Adler bauen auf der Schratten ihren Horst. Aus dem Jahr 1947 ist die folgende Geschichte überliefert: Ein »allwissender Herr aus Zürich« erzählte dem Entlebucher Wildhüter, dass er einst einen Adler, ein »Prachtskerl«, auf seinem Horstrand sitzend heruntergeholt habe. Der Wildhüter publizierte die Geschichte in einer Fachzeitschrift, worauf das Statthalteramt Entlebuch den Adlerschützen verurteilte und mit einer Buße bestrafte. Er hatte sich ja beim Wildhüter selbst angeklagt. Obwohl der Schütze die Tat im Nachhinein verneinte, bezahlte er schließlich die Strafe, um »endlich wieder Ruhe zu haben«. Da man im nächsten Jahr den Horst wieder voll besetzt vorfand, war klar, dass die Geschichte des Schützen bloß Aufschneiderei war.
Nach wenigen Minuten kommen wir zum Türstenhäuptli, einer Felsformation wie von einem fremden Stern, die so gar nicht in das Kalkgestein der Schrattenfluh passen will. Der Weiterweg verläuft ebenaus auf grünen Matten über den Grat. Ein letzter, felsiger Aufschwung bringt uns auf den Hengst (2092 m, Gipfelkreuz), den höchsten Punkt des Gebirgszuges. Wir überblicken von hier das ganze Gebiet der Schrattenfluh, das 1978 bis zur Waldemme hinunter vom Kanton unter Schutz gestellt wurde. Es dürfen seither keine neuen Gebäude erstellt, keine Pflanzen gepflückt und die Karstformationen nicht verändert werden. Die Jagd ist im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen erlaubt. Nur von 1911 bis 1944 war sie auf der Schratten verboten.
Der Abstieg vom Gipfel führt uns über ausgeprägte Karstformationen. Auf der unwirtlichen Unterlage breitet sich der moosartige Steinbrech aus. Pfarrer Schnyder von Wartensee konnte sich die Entstehung der »zerschrundenen, zerspaltenen, zerhackten, zerrissenen, zerborstenen, zerlöcherten« Schrattenfluh auch nicht recht erklären, doch er war sich sicher, dass die Meinung derer, die meinten, sie sei ein verbrannter Berg, falsch war. Er vermutete eher ein Erdbeben oder »meinetwegen sogar ein, jedoch nur so einstweiliger, Feuerausbruch«, womit er wohl einen Vulkan umschreiben wollte. Bereits 50 Jahre später brachte der Berner Geologe Bernhard Studer Klarheit. Er konnte beweisen, dass die Karsterscheinungen auf die Löslichkeit des Kalkes durch das kohlensäurehaltige Regenwasser zurückzuführen seien. Da er seine Studien an der Schrattenfluh ausführte, bekam dieses Kalkgestein den Namen »Schrattenkalk«.
Beim Wegweiser Heidenloch nehmen wir den Weg Richtung Heftiboden. Zurück auf dem Grat, bemerken wir eine vom Militär ausgebaute Kaverne. 1943, während des Zweiten Weltkrieges, errichtete die Schweizer Armee vom Hohgant bis zur Schrattenfluh die Sperrstelle Bumbachtal mit zahlreichen Maschinengewehrständen. Dabei wurden oft bereits vorhandene Karsthöhlen umfunktioniert und möglichst billig, ohne Betonverkleidungen ausgebaut. Hier beim Heidenloch wurden ein Maschinengewehrstand und eine Mannschaftskaverne eingerichtet. Die Bauten sind heute als militärhistorische Objekte von nationaler Bedeutung geschützt.
Nach einem kurzen Anstieg weichen wir auf die rechte Flanke des Hächlen aus und wandern durch eine Steinwüste, in der eine seltsame Ruhe herrscht. Die Steine der Schrattenfluh umschreibt Pfarrer Schnyder von Wartensee als »viele durchlöchert, viele schneiden fast wie Messer, dass man im Darübergehen sehr sorgfältig aufzutreten hat, und leicht den Krampf bekommt; auch wer nicht sehr gute Sohlen an Schuhen hat, selbe bald durchgehet und zerhauet.«
Kurz nach den Hächlenzähnd, von Kletterfreunden geliebte Felstürme, kommen wir zur unbewarteten SAC-Hütte beim Heftiboden (Schlafraum für 12 Personen, Kochgelegenheit, aber kein fließendes Wasser). Vom Heftiboden (1886 m) folgen wir auf Pfadspuren (unmarkiert) dem zuerst noch mit Gras bewachsenen Grat, weichen einer ersten Erhöhung rechts, einer zweiten links aus. Gleich danach wechseln wir auf die rechte Seite des Grates, wo ein Stahlseil eine steilere, leicht exponierte Stelle sichert. Danach wieder dem Grat nach auf den Strick (1946 m).
Beim Abstieg vom Gipfel (wieder weiß-rot-weiß markiert) müssen wir noch einmal die Hände zu Hilfe nehmen, um ein steileres Stück zu meistern. Wir kommen wieder auf den Grat zurück, den wir aber bei der Ober Gummenegg definitiv verlassen. Der Abstieg von der Gummenegg ist mühsam und schlecht markiert. Man sollte dabei nicht den Schafspuren nach den Hang queren, sondern auf nur teilweise sichtbarem Pfad, leicht rechts haltend, abwärts gehen. Von einem Geländerücken biegen wir rechts ab in einen steinigen Talkessel, der »In der Not« genannt wird.
Weiter unten kommen wir auf einen guten Fahrweg, der uns bei der Alp Ämmental (1298 m) vorbei bis zur Bergstation des Skiliftes führt. Dort biegen wir links ab. Der Pfad führt uns durch den Wald auf einen weiteren Fahrweg, auf dem wir bis zur Talstation des Skiliftes wandern (Abkürzung im unteren Teil über die Piste möglich). Der Skilift wurde 1945 gebaut und kämpft seit 1948 mit roten Zahlen. 1958 wurde gar darüber diskutiert, ob man den Lift nicht besser ins Schrattengebiet dislozieren sollte. Es stand zu dieser Zeit ein Lift von der Hirsegg bis zum Grat zur Diskussion. Die Idee wurde nie verwirklicht. Heute kann die Touristik AG Flühli den Lift dank der guten Ertragslage des Campingplatzes am Leben erhalten.
Von der Talstation folgen wir der Straße. Nach dem Campingplatz kommen wir an den ehemaligen Wohngebäuden der Glaserfamilien vorbei. Sie sind einer der letzten verbliebenen Zeugen der Glaserei-Epoche von Flühli (s. Seite 262). Neben den Wohnhäusern stand früher die große Glashütte, in der von 1837 bis 1869 Glaswaren hergestellt wurden. Kurz darauf überqueren wir auf einer Brücke die Waldemme.
Während der Glaserzeit mussten die Benützer der Brücke für deren Unterhalt aufkommen. Zu diesem Zweck wurde zwischen der Glasfabrik und den Güterbesitzern ein Verteilschlüssel festgelegt. Als die Güterbesitzer die von den Glasern getätigte Reparatur nicht mitfinanzieren wollten, setzten die Glasfabrikanten durch, dass es den Zahlungsverweigerern untersagt war, die Brücke zu benützen. Statt zu bezahlen, bauten nun aber die Güterbesitzer eine eigene Brücke. Als kurz darauf die Brücke der Glaser von einem Hochwasser zerstört wurde, belegten die Güterbesitzer ihre Brücke ihrerseits mit einem Durchgangsverbot für die Glaser, sodass nun auch jene eine zweite Brücke, unmittelbar neben der bestehenden, bauen mussten.
Hinter der Brücke spazieren wir durch die Ahornallee, die kurz nach 1900 von Leo Enzmann II, dem Besitzer des Kurhauses in Flühli, für seine Gäste angelegt wurde. Flühli war zu dieser Zeit ein beliebter Kurort und das Kurhaus so gut besucht, dass gleich zwei Dependancen errichtet wurden. Nach 1978 stand das Hotel leer. Seit 1988 ist es, zum Glück, wieder offen und sehr zu empfehlen.
Gleich neben dem Kurhaus ist diePost von Flühli (883 m) und die Postautohaltestelle.


