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Hinauf ins Rätikon

»Alles erweiterte sich in mir« – Besucher auf der Schesaplana

Wer der erste Mensch auf der Schesaplana war, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Schon seit Jahrtausenden ist das Gebiet um das Rätikon besiedelt, und die Passübergänge wurden für den Handel, bei der Siedlungssuche oder bei kriegerischen Auseinandersetzungen begangen. Jäger und Hirten stießen früh in die Alptäler vor. Sicherlich wurden deshalb in grauer Vorzeit auch Gipfel des Rätikons bestiegen.

Der erste, der uns eine detaillierte Beschreibung des Rätikons hinterließ, war 1612 der Hauptmann und Bludenzer Vogteiverwalter David Pappus von Tratzberg, der im Auftrag von Erzherzog Maximilian die Grenze der Grafschaften Bludenz und Sonnenberg dokumentierte.Ein besonderes Augenmerk widmete er der Beschreibung der Übergänge nach Graubünden und wie viel Mann es braucht, um diese Pässe zu verteidigen. Im Rahmen seiner Erkundungen bestieg er am 24. August 1610, gemeinsam mit den Montafonern Christa Barball und Claus Manall auch die Schesaplana.

Einen ausführlichen Bericht seiner Besteigung der Schesaplana verfasste Nicolin Sererhard 1742 in seinem Werk Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreyen Bünden – ein umfassendes Lexikon seiner Heimat. Sererhard ist in Küblis geboren, studierte Theologie in Zürich und war dann vierzig Jahre lang Pfarrer von Seewis im Prättigau. Da hatte er die Schesaplana dauernd vor Augen, und es erstaunt nicht, dass er sich den Berg genauer ansehen wollte. Er tat dies gemeinsam mit dem späteren Wirt des Ganey-Bades ob Seewis sowie einem alten Jäger. In der Nacht vor dem Aufstieg schliefen sie (»pernoktierten« schreibt Sererhard) auf einer Alp am Fuße der Schesaplana (vermutlich auf der Alp Fasons). Am nächsten Morgen stiegen sie durch das Schafloch zum Brandner Gletscher hinauf. Gewiss nicht die einfachste Aufstiegsroute, doch irgendwelche Probleme erwähnt Sererhard mit keinem Wort. Sie marschierten danach »über den entsetzlich großen Gletscher« und betrachteten auch mit Verwunderung die ungeheuren Gletscherspalten. »Bei einer dieser, in welche die Sonne herein glänzte, legte ich mich auf den Bauch und schaute in die Tiefe hinab, bis mir das Gesicht verging, konnte doch den Grund des abyssi nicht erreichen.« Tief beeindruckt war Sererhard von der Aussicht auf der Schesaplana: »Auf dem obersten Gipfel sahen wir mirabilia. Finde diesen Gipfel der höchsten einer zu sein, den man weit und breit finden kann, sonderlich für den höchsten des sich weit erstreckenden Gebirges Rhaeticonis. […] Bald alle anderen scheinen gegen ihn, wenn man auf diesem Gipfel steht, niedrig und zum Teil auch nur ein Bühl zu sein. Der Prospekt an diesem Ort ist etwas admirables. […] Man sieht so weit als das Auge ertragen mag nichts als Berge und Berge, eine unglaubliche Weite rings umher, aussert bei einer einigen Öffnung über den Lindauer See hinaus ins Schwabenland. Da präsentiert sich das schönste Ansehen von der Welt. Die Städte Lindau, Konstanz, die Insel Reichenau, Arbon, Hohenems usw. scheinen einem ganz nahe zu sein. Mit dem Perspektiv kann man die Dächer und Gebäude gar wohl distinguieren.« Abgestiegen ist dann die Wandergruppe über die Tote Alp zum Lünersee, von dem Sererhard schreibt, er habe die Eigenschaft, »bei Wetteränderung zu brüllen«. Danach ging es übers Cavelljoch zurück in die Schweiz.

Eine interessante Gruppe war mit dem späteren Bündner Staatsmann Jakob Ulrich Sprecher von Bernegg 1793 unterwegs. Er wurde unter anderen begleitet vom Dichter und Söldner Johann Gaudenz von Salis-Seewis (siehe S. 198 f.), vom Dekan und Naturforscher Luzius Pol (siehe S. 48, 50, 110 f, 294) sowie vermutlich vom Maler Christian Gottlob Richter. Auch ihr Weg führte über die Südwand. Doch ihre Ausrüstung schien nicht über alle Zweifel erhaben zu sein, denn ihr Führer meinte »mit denen leichten Schühli ist da nicht leicht fortkommen«. Sie hatten dann dementsprechend Mühe. »So wanderten wir über die Felsen in die Höhe, jeder mehr um seinen Nachbar als um sich selbst besorgt. Ein Fehltritt und man gleitete unaufhaltsam in die Tiefe. Am meisten waren wir um H. Richter besorgt, der als eingeborener Sachse das Klettern nicht gewohnt war. Schon hing er mit Händen und Füßen

an einem Stein, erbleichte, und konnte weder vor noch rückwärts …« Herr Richter und Gaudenz von Salis-Seewis schafften es dann auch nicht ganz nach oben. Sprecher von

Bernegg hingegen erlebte auf der Schesaplana ein Gipfelglück, eine spirituell-revolutionäre Erfahrung, welche auf ihn eine nachhaltige Wirkung hatte: »Alles erweiterte sich in mir, denn alles um mich her war groß. Diese ungeheuren Massen, die mich umgeben, die so völlig unbegränzte Aussicht, welche Ideen von Größe erweckten sie in mir. […] Mussten wir uns nicht über alles Sterbliche erhaben fühlen, wenn wir unsere Blicke in die Gegend des Elsasses hinwerfen, und dort die großen Fürsten der Erde mit niedrigster Wuth über ihre Brüder herfallen und sie einander morden sahen. Hier wo wir standen, war nie das Stöhnen eines Sterbenden erschallet, hier treten wir nicht auf den Staub sterblicher Vorfahren, hier hatte der Neid und der Übermuth noch keine stolzen Trophäen auf den Gräbern der unterdrückten Unschuld errichtet. […] Nein, hinabsteigen will ich in diese Thäler und mein Leben im Wohltun, in Dienstfertigkeit gegen meine Mitmenschen verbringen; ich will trachten, meiner Seele die Ruhe und Gelassenheit zu verschaffen, die sie zum Felsen der Leidenschaften machen können; ich will Liebe und Treue an den Meinigen üben, und unbesorgt seyn für die Zukunft; nie soll das Mehr oder Minder irdischer Güter meine Ruhe stören, und schikte mir Gott Unglück, so will ich es auf eine Art tragen, dass selbst die Ungedultigen an meinem Beispiel lernen, wie man Unglück tragen soll. Nie will ich vergessen, dass ein höheres Geschick über uns waltet.« Im 19. Jahrhundert kamen dann bereits die ersten Führer heraus, die den Weg auf den Gipfel wiesen. Ein Vorläufer dieser Führerliteratur war Johann Gottfried Ebels Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste

Art die Schweiz zu bereisen aus dem Jahr 1805, wo er auch eine Tour auf die Schesaplana beschreibt. Seine Route führt ebenfalls von Seewis auf die Alp und dann am nächsten Morgen durch das Schafloch »so steil, dass man sich mit den Händen anklammert, während der Fuß einen sicheren Tritt sucht«. Und auch er besucht beim Abstieg den Lünersee.

Ein Alpinist, der die Bekanntheit des Rätikons weiter erhöhte, war der St. Galler Johann Jakob Weilenmann. Er war ein passionierter Alleingänger und schilderte das Alleingehen als die schönste Form des Bergsteigens. Walther Flaig schreibt über ihn als den »Vorkämpfer für die Führerlosen und Alleingänger. […] Er war ein Ketzer im Alpinismus, ein Eigenbrödler.« Nach vielen Erstbesteigungen im ganzen Alpenraum (z.B. Piz Buin) durchwanderte er 1876 im Alter von 57 Jahren das Rätikon und hielt seine Erinnerungen in seinen gesammelten Schriften Aus der Firnenwelt fest. Ein Werk, das auch heute noch lesenswert und unterhaltsam ist. Er schreibt da auch von seiner ersten Besteigung der Schesaplana 1852, als er in einem Tag von St. Gallen nach Brand lief(!). Dort bereits wieder um ein Uhr in der Früh aufbrach und die Schesaplana bestieg. Wegen schlechtem Wetter hatte er aber auf dem Gipfel keine Aussicht. Darum wollte er es 1876 nochmals versuchen. Doch auch diese Partie konnte er mit wenigen Worten abtun: »Sie fiel nicht besser aus als das erste mal.« Nach all diesen Pionieren, die mit ihren Schriften die Werbetrommel rührten, kam die große Masse.

Erleichtert wurde die Besteigung der Schesaplana durch Wegbauten. 1871 wurden der »Böse Tritt« von Brand zum Lünersee ausgebaut und die Douglasshütte eingeweiht. Ein Jahr später wurde der Steig vom Lünersee auf die Schesaplana errichtet. 1890 folgte der Straußsteig vom Nenzinger Himmel aus, und 1905 kamen der Leiberweg und die Straßburger Hütte hinzu. Der Schweizerweg von der heutigen Schesaplanahütte aus wurde 1900 erstellt, und der Liechtensteinerweg 1932 eröffnet. So konnte man bereits zu dieser Zeit als Wanderer die Schesaplana aus fünf verschiedenen Richtungen erreichen, und überall standen auf den Anstiegsrouten bewirtete Hütten. Kein Wunder, dass man zum Beispiel am 14./15. August 1932 auf der Schesaplana rund 1000 Besucher zählte. Der Boom hat seither ein bisschen abgenommen, die Faszination ist geblieben.