Hinauf ins Rätikon
Der gebändigte Drache und der gebändigte Rhein
Von Fläsch über den Fläscher Berg nach Trübbach
Vom Weinbauerndorf Fläsch wandern wir auf einem alten Weg auf den höchsten Punkt des Fläscher Berges, der wie ein gebändigter Drache im Rheintal liegt. Nach dem Abstieg folgen wir dem gebändigten Rhein über Liechtenstein in die Schweiz zurück.
Wanderzeiten
- Fläsch–Vorder Ochsenberg 1 h
- Vorder Ochsenberg–Regitzer Spitz 0 h 40
- Regitzer Spitz–Mattheid 1 h 10
- Mattheid–Rheinschwelle
- (unterhalb Heidenkopf) 0 h 50
- Rheinschwelle–Trübbach 1 h
- Total 4 h 40
Höhendifferenz: Aufstieg: 690m; Abstieg: 730m; T2
Die Gegend von Fläsch war schon zur Bronzezeit bewohnt, und der Dorfname wird bereits im Jahr 831 in einem karolingischen Urbar erwähnt. Das Dorf ist ins Inventar schützenswerter Ortsbilder von nationaler Bedeutung aufgenommen worden. Um das Ortsbild auch wirklich zu schützen – zum Beispiel die Rebberge, die wie Finger bis ins Zentrum reichen – hat die Gemeinde sämtliches unüberbautes Bauland im Zentrum in Landwirtschaftsland umgezont und den Besitzern am Dorfrand zu 70 Prozent Realersatz geboten (denn das Landwirtschaftsland konnten sie ja behalten).
Bei der Post in Fläsch (528 m) sollten wir nicht gleich den Berg hinaufstürmen, sondern die hundert Schritt bis zur Kirche tun. Hier lebt im Kirchturm die größte Mausohrkolonie (Fledermäuse) der Schweiz. Dies wäre an sich keinen Umweg wert, wenn man nicht eine Kamera im Turm installiert hätte, deren Bilder man auf einem Monitor in einem Häuschen hinter dem Kirchturm einsehen kann. Rund 1000 Weibchen kommen jeweils im April hierher, um im Juni oder Juli ein Junges zur Welt zu bringen. Die Jungen werden dann 6 bis 8 Wochen gesäugt. Im Spätsommer verlassen die Mausohren den Kirchturm wieder.
Die Kirche selbst hat auch schon einiges erlebt (der Schlüssel hängt am Balken rechts der Tür). Denn Fläsch war die erste Gemeinde Graubündens, die zum reformierten Glauben übertrat. Als 1524 Ulrich Bolt, ein Schüler Zwinglis, nach Fläsch kam, gelang es ihm, den katholischen Pfarrer und bald darauf auch die Mehrheit der Bevölkerung vom neuen Glauben zu überzeugen. Daran hatte der Priester vom benachbarten Maienfeld keine Freude und sandte eine bewaffnete Truppe nach Fläsch, um Bolt gefangenzunehmen. Der wurde aber in einem Keller in einer Rübengrube versteckt und entkam so seiner Verhaftung. Fläsch trat noch im selben Jahr offiziell der Reformation bei. Maienfeld tat diesen Schritt fünf Jahre später.
Von der Kirche gehen wir zurück zur Post und folgen hier den Wegweisern Richtung Fläscherberg/Regitzer Spitz. An einem sechseckigen Brunnen vorbei kommen wir ins Oberdorf und halten dort bei der ersten Abzweigung nach links (Markierungen am Boden). Auf einem Kiesweg erreichen wir den Wald, wo der Aufstieg auf den Fläscher Berg beginnt (immer weiß-rot-weiß markiert). Mystiker haben den Fläscher Berg seiner markanten ,Form wegen als liegenden Drachen, andere als einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln beschrieben. Der alte Weg – teilweise mit hohen Stützmauern versehen – führt uns durch den Buchenwald, weiter oben durch den Föhrenwald aufwärts. Immer wieder ergibt sich ein schöner Tiefblick nach Fläsch hinunter. Zum Schluss in immer enger werdenden Kehren gelangen wir zur offenen Wiese beim Vorderen Ochsenberg (890 m). Schon bald erkennen wir das erste Blockhaus der Armee. Wir müssen nicht ganz bis zu einem Fahrweg weitergehen, sondern biegen kurz vorher links ab und steigen ein Stück auf einem Fußpfad aufwärts. Später kommen wir doch noch auf den Fahrweg, der uns zum Regitzer Spitz (1135 m) hinauf führt.
Auch hier stand einst ein Blockhaus der Armee. Da aber die Stürme öfter die Ziegelabdachungen wegrissen, was die Fläscher zu Reklamationen veranlasste, wurde das Haus bereits nach zwanzig Jahren wieder abgerissen. So konnte man sich die aufwendige Instandhaltung sparen. Das Resultat ist ein terrassierter Gipfel, der das Naturerlebnis ein wenig schmälert. Dafür ist die Aussicht umso besser: das Rheintal hinauf und das Seeztal hinunter, hinüber auf den Pizol und den Calanda und vor allem nach hinten auf die pyramidenförmige Felswand des Gir mit dem Falknis dahinter.
Vom Spitz müssen wir nicht auf den Fahrweg zurück, sondern folgen auf einem Pfad immer dem Grat Richtung Norden. Beim Abstieg öffnet sich der Blick Richtung Liechtenstein. Wenn der Wanderweg auf einer Weide eine scharfe Rechtskurve macht und hinunterführt, bleiben wir in der Nähe des Grates und steigen nochmals 60 Höhenmeter bergan (weglos, nicht markiert), bis zu einem kleinen Sattel zwischen Felswand und Guschaspitz. Dies ist wohl der ruhigere Ort für eine Mittagsrast als der Regitzer Spitz. Hinter dem Sattel wird ein Fußpfad ersichtlich, der uns durch einen Buchenwald hinunterführt, dessen Boden im Frühling mit einem Bärlauch-Teppich bedeckt wird. Am Waldrand müssen wir über einen Zaun steigen. Wir bleiben auf der linken Seite des kleinen Tälchens und können es nach 200 Metern, hier führt eine Leiter über den Zaun, auf einem Fußpfad verlassen. Im nächsten Tal steigen wir über die Weide ab und erreichen bei den Alpgebäuden von Lida einen Fahrweg.
Hier stand einst eine Walsersiedlung. Die Walser von Lida siedelten sich zur Reformationszeit in Mäls und Balzers an (FL), weil das Gebiet von Lida politisch zu Bünden gehörte und Religion und Politik eine Umsiedlung nötig machten. Dieses der Gemeinde Balzers gehörende, aber auf Schweizer Territorium liegende Gebiet hat über Jahrhunderte zu vielen Auseinandersetzungen und Grenzstreitigkeiten geführt.
Wir folgen dem Fahrweg hinunter, lassen einen Abzweiger nach links unbeachtet und treffen weiter unten auf einen anderen Fahrweg, dem wir nach links bis zum Wegweiser von Mattheid (760 m) folgen. Hier biegen wir links ab (Drehtor). Der Pfad führt uns am Fuße einer Felswand ins obere Elltal. Wenn der Wanderweg wieder ansteigt, biegen wir rechts ab (weg vom Wanderweg) und queren den Hang sanft abwärts. Fast zuoberst im Tal erreichen wir einen Weg und halten hier links. Das Elltal gilt mit seinen Magerwiesen als botanisches Juwel. Viele alpine Pflanzen wie Frühlings-Enzian oder Alpen-Aster halten im Elltal ihre europäischen Tiefenrekorde. Wir erreichen einen kleinen Pass und folgen dem Weg hinunter ins Mozentobel (Wegweiser, markiert). An auffälligen Felsformationen vorbei wandern wir zum Auenwald der Rhein-Au hinunter. Der Wald ist ein Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung und beherbergt unter anderem sehr schöne Silberweidengruppen. Eine natürliche Auenlandschaft ist es jedoch nicht mehr,da das Flussufer verbaut ist und somit die Dynamik fehlt (z.B. gelegentliche Überflutungen). Am Uferdamm fühlen sich dafür die Reptilien wohl, unter anderem Ringel- und Schlingnattern.
Wir erreichen einen breiteren Weg, dem wir nach rechts folgen (Wegweiser Trübbach). Direkt dem Rhein entlang, gelangen wir an eine Rheinschwelle (490 m). Dahinter hat sich in einer Ausbuchtung ein kleiner Strand gebildet. Ein idealer Platz für eine Pause. Von hier steigt der Weg nochmals wenige Meter an und führt am Fuß des Ellhorns oberhalb des Rheins entlang. Vor 60 Jahren war dies noch nicht Schweizer Boden, was für die Schweiz äußerst beunruhigend war.
»Wer das Sarganser Becken besitzt, hat Graubünden. Die einzige wintersichere Verbindung nach Graubünden führt über Sargans«, stand in einem Bericht des Generalstabschefs Jakob Labhart 1938. Das Problem war, dass man vom liechtensteinischen Ellhorn aus den Bahnhof Sargans mit ein paar simplen Maschinengewehren kontrollieren konnte. Eine Invasion Liechtensteins durch deutsche Truppen wäre deshalb für die Schweiz ein strategisches Fiasko gewesen. Man versuchte sogleich, mit Liechtenstein zu verhandeln, insbesondere weil es aufgrund eines deutschen Vetos sich nicht als neutral erklären wollte bzw. konnte. Die Schweiz bot Liechtenstein für das Ellhorn einen Landabtausch, einen Zwei- Millionen-Kredit plus den freien Zugang zum schweizerischen Arbeitsmarkt an. Doch Liechtenstein erfuhr, dass Deutschland Gegenrecht verlangen würde, etwa in Form einer deutschen Festung am liechtensteinischen Schellenberg im Norden des Fürstentums. Darauf ließen die Liechtensteiner die Verhandlungen platzen. Die Schweiz sperrte den Kredit und schloss den Zugang zum Arbeitsmarkt. Erst nach dem Krieg wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Deutschland konnte nun nicht mehr blockieren. Man einigte sich – nicht ohne, dass die Schweiz politischen Druck ausgeübt hätte – auf einen Landabtausch. Die Schweizer erhielten, trotz großer Ablehnung der Balzner Bevölkerung, das Ellhorn, die Liechtensteiner die gleiche Fläche südlich von Balzers gegen die Luzisteig. Gleich nach dem Tausch bauten die Schweizer im Felsen des Ellhorns einen Geschützstand mit einer Panzerabwehrkanone.
Wir erreichen die Grenze (unscheinbar markiert) und wandern unterhalb einer Felswand durch, wo sich Kletterer tummeln. Bei der nächsten Gelegenheit halten wir links und erreichen den Rheindamm, dem wir nach rechts folgen. Man hat die Wahl, ob man auf dem Damm, auf der Rheinseite oder auf der Landseite gehen möchte.
Bevor der Rhein eingedämmt und begradigt wurde, war das Rheintal »ein Höllenpfuhl, aus dem die Fieberdünste steigen«. Ein Sumpf, in dem der Rhein bald hier-, bald dorthin floss. Erste Bemühungen, den Rhein zu kontrollieren, gab es im 11./12. Jahrhundert, aber diese waren auf einzelne Stellen beschränkt und nicht sehr wirkungsvoll. Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr Wuhre gebaut und verstärkt. Trotzdem kam es 1927 nochmals zu einem verheerenden Hochwasser, da sich durch Kiesablagerungen die Sohle des Flusses immer wieder anhob.
Der Damm macht später einen Bogen nach rechts. Auf Liechtensteiner Boden heißt das Gebiet Äule (von Au), was darauf hinweist, dass dieses intensiv genutzte Landwirtschaftsgebiet einst eine Auenlandschaft war. Bei der ersten Brücke überqueren wir den Rhein und gelangen in die Schweiz. Nach der Brücke halten wir rechts, biegen 100 Meter später links ab und unterqueren Autobahn und Bahnlinie. Der Bahnhof von Trübbach (479 m) befindet sich danach gleich rechts, die Post (Bushaltestelle) wenig später, wenn wir auf der Hauptstraße rechts halten. Trübbach ist auf den ersten Blick nicht sehr einladend, aber immerhin ist hier Martina Hingis aufgewachsen.


