Hinauf ins Rätikon
Grenzüberschreitungen
In drei Tagen von Tschagguns nach Klosters
Eine Drei-Tages-Wanderung mit mehreren Grenzüberschreitungen (geologischer und politischer Art) und vielen Höhepunkten: am ersten Tag die Besteigung der Tschaggunser Mittagspitze und das Bad im Tilisunasee, am zweiten Tag die Ruhe der Karstlandschaft der Schijenflue und am dritten Tag die Wanderung über den blumenreichen Kalkrücken der Rätschenflue.
1.Tag Tschagguns (Grabs)– Tilisunahütte
Wanderzeiten
- Grabs–Mittagspitzsattel 1 h 45
- Mittagspitzsattel–Tschaggunser
- Mittagspitze–Mittagspitzsattel 0 h 30
- Mittagspitzsattel–Schwarzhornsattel 0 h 30
- Schwarzhornsattel–Tilisunahütte 1 h
- Total 3 h 45
Höhendifferenz: Aufstieg: 1060 m; Abstieg: 210 m; T4 (ohne Tschaggunser Mittagspitze T3)
Den Startpunkt unserer Wanderung, den Berggasthof Grabs, erreichte man noch bis zum Ende der Wintersaison 2007/08 mit dem nostalgischen Einer-Sessellift von Tschagguns aus. Der Lift wurde seinerzeit in aller Eile für die Österreichischen Skimeisterschaften 1947 erbaut und hatte zu Beginn noch einige Kinderkrankheiten (siehe S.304 f.). 2007, im Jahr des 60-Jahr-Jubiläums, beschloss die Gemeinde Tschagguns den Abbruch. Schade. Wer bereits am Vortag nach Grabs anreist, kann auf einem einstündigen Spaziergang von Grabs aus die Lederquelle (eine der größten und wasserreichsten Europas) und den Ort des alten Badehauses mit Schwefelquelle besuchen. Von »Bad« leitet sich auch der Namen Tschagguns ab. Er kommt vom keltischen Iaccana (Bad/Brunnen), das mit der rätoromanischen Aussprache den Anlaut »tsch« bekam und auf der zweiten Silbe betont wurde. Das Bad wird 1612 erstmals erwähnt und muss wahre Wunder vollbracht haben. Es wird berichtet, das Gäste mit der Sänfte hinaufgetragen wurden und nach der Behandlung zu Fuß den Berg hinuntergingen (mehr Informationen zu den Quellen finden sich in der Broschüre »Aqua-Weg«, die man bei der Tourist-Information bekommt).
Beim Berggasthof Grabs (1365 m) folgen wir den Wegweisern Richtung Tschaggunser Mittagspitze. Wer noch Proviant braucht, kann sich nach 100 Metern bei der Alpe Grabs mit Bergkäse versorgen. Wir folgen den Markierungen (weiß-rotweiß) zuerst dem Skilift nach über die Weide, später nach rechts ausweichend in den Wald bis nach Hochegga, der Bergstation des Skilifts. Hier gibt es zwei Möglichkeiten, um zur Mittagspitze zu wandern, rechts dem Fahrweg nach oder, den Fahrweg überquerend, dem Grat nach. Wir wählen die direktere Variante, überqueren den Fahrweg und steigen steil durch den Wald bergan. Dieser Weg ist weiß-blau-weiß markiert, obwohl keine besonderen Schwierigkeiten erkennbar sind. Dieses Beispiel zeigt, dass man in Österreich einiges schneller zum blauen Pinsel greift als in der Schweiz. Wenn wir aus dem Wald treten, sehen wir die Mittagspitze wieder vor uns. Einzelne Fichten und Latschen säumen den später schmaler werdenden Grat. Unterhalb der Felsen queren wir den Hang, erreichen wieder den anderen Wanderweg und steigen auf diesem zum Mittagspitzsattel (ca. 2070 m, ohne Namen auf der LK) auf. Hier halten wir links und gehen auf dem nun unmarkierten Pfad Richtung Spitze. Er wird immer steiler und ist später nicht mehr klar erkennbar. Hier braucht es ein wenig Erfahrung, um den besten Weg zu finden. Zuoberst gibt es noch eine kleine Kraxelei, um dann nach rechts die Tschaggunser Mittagspitze (2168 m) zu erreichen. Von der Spitze ein schöner Tiefblick hinunter nach Schruns-Tschagguns, aber auch ins Gampadelstal und natürlich auf den Bergkranz rundherum. Auf dem gleichen Weg geht es zurück in den Sattel und von da immer auf dem Grat des Walser Alpjochs Richtung Süden. Schon bald können wir auf die Mittagspitze hinunterschauen. Kurz nachdem wir rechts vom Grat den kleinen Tobelsee erblickt haben, steigen wir steil zum Schwarzhornsattel (2166 m) ab. Von hier zu Beginn nochmals steil in Kehren abwärts, dann die Höhe haltend an einer moorigen Ebene vorbei und zum Schluss nochmals aufsteigend zur Tilisunahütte (2208 m). Im Hintergrund der Hütte erhebt sich die leuchtend weiße Wiss Platte.
Von der Hütte empfiehlt sich der 10-minütige Spaziergang zum See hinunter (zuerst auf gleichem Weg zurück und dann rechts abbiegen), um ein Bad oder Fußbad zu nehmen. Die Tilisunahütte ist eine der ältesten Hütten des Rätikons. Der erste Bau wurde bereits 1878 eröffnet. Die ersten zwanzig Jahre wirtete hier der bei seiner Pensionierung 85-jährige Josef Marent, der als Unikum eines Hüttenwartes in die Geschichte einging. In der über 130-jährigen Hüttengeschichte gab es bis jetzt erst sechs Hüttenwarte!
2. Tag Tilisunahütte–Gargellen
Wanderzeiten
- Tilisunahütte–Plasseggenpass 1 h
- Plasseggenpass–Schijenflue–
- Plasseggenpass 1 h 30
- Plasseggenpass–Sarotlapass 0 h 20
- Sarotlapass–Gargellen 2 h
- Total 4 h 50
Höhendifferenz: Aufstieg: 540 m; Abstieg:1340 m; T3
Bei der Tilisunahütte folgen wir dem Weg Richtung Plasseggenpass (weiß-rot-weiß markiert). Zuerst geht es in leichtem Auf und Ab voran, dann kommen wir an einem kleinen mit Wollgras umsäumten Tümpel und einer ersten Zollwachthütte vorbei. Hier halten wir bei einer Abzweigung rechts. Danach steigen wir durch das Karstgelände hinauf zum Gruobenpass mit seiner kleinen Grenzer-Hütte. Ein eigentümlicher Übergang, kaum als Pass zu erkennen, aber während Jahrhunderten eine wichtige Verbindung in die Schweiz – für legale und illegale Grenzgänger. Wir überschreiten den Pass nicht, sondern bleiben auf der österreichischen Seite und steigen wenige Meter ab. Auf der geologischen Grenze zwischen dem leuchtend weißen Sulzfluhkalk des Rätikons und dem dunklen Kristallin der Silvrettagruppe steigen wir zum Plasseggenpass auf. Rechts vom Weg eine weitere Zollwachthütte, welche gründlich renoviert wurde und nun den Hirten der Alpe Tilisuna als Unterkunft dient. Der letzte österreichische Zollwachtbeamte im Gebirge wurde 2002 pensioniert.
Beim Plasseggenpass (2354 m) überqueren wir die Grenze. Wir sind nicht die Ersten, denn bereits in einem Werk aus dem Jahre 1570 wurde dieser Pass als Übergang vom Prättigau ins Montafon erwähnt. Wir steigen auf der Schweizer Seite ca. 200 Meter in Richtung der Kalkfelsen ab. Dort beginnt ein kleines Tälchen, in dem wir, zuerst etwas steiler, zwischen den Kalkfelsen hindurch schräg aufsteigen können (Pfadspuren und Steinmännchen, aber keine Markierung). Unzählige der kalkliebenden, langspornigen Stiefmütterchen säumen den Weg. Weiter oben wird das Tälchen und somit der Wegverlauf weniger klar, wir behalten jedoch mehr oder weniger die Richtung bei und erreichen einen Sattel südlich des Gipfels. Am Schluss dem Grat nach bis zum flachen Gipfelplateau der Schijenflue (2625 m). Auf den österreichischen Karten wird der Berg als Scheienfluh bezeichnet. Die Sicht auf die umliegenden Kalkwände (Sulzfluh, Wiss Platte, Rätschenhorn) ist phänomenal. Auf dem Plateau fühlt sich das polsterbildende Stengellose Leimkraut (auch Kalk-Polsternelke) wohl. Im Polster, das bis zu hundert Jahre alt werden kann, herrscht ein eigenes Mikroklima, wodurch die Pflanze gut gegen extreme Wetterverhälntisse gewappnet ist.
Wir gehen auf dem Aufstiegsweg zurück zum Plasseggenpass und folgen danach dem Wegweiser Richtung Sarotlapass. Nur wenige Meter ansteigend quert der Weg die Südflanke der Sarotlaspitzen (eine Stelle ist mit Drahtseilen gesichert). Rechts von uns die kleine Ebene von Plasseggen, die sonderbarerweise nicht über den Talausgang entwässert wird, denn die kurzen Wasserläufe versickern allesamt in mehreren Dolinen am Fuß der Kalkfelsen. Auf dem Sarotlapass (2389 m) überqueren wir wieder die Grenze nach Österreich. Nun beginnt der lange Abstieg nach Gargellen, der uns zuerst mit einer weiten Kehre nach links und danach den Hang querend durch den Talkessel der Sarotlaalpe führt. Bei P. 1907 wechseln wir in den Talkessel des Röbibaches. Die Sitzbank erlaubt uns, in Ruhe den Blick rauf und runter ins Gargellental zu werfen. David Pappus hat es 1612 als »schönes, lustiges und fruchtbares Tal« bezeichnet.
Wir folgen hier weiter den Wegweisern nach Gargellen und erreichen nach der Oberen Röbialpe (Kreuz) die Untere. Wir halten beim Abzweiger (beide Wege führen nach Gargellen) rechts und gelangen so nach der Überquerung des Röbibaches zur Ronggalpe. Unterhalb der Alpe wählen wir nach rechts den Weg, der uns zum Wasserfall führt. Die Schlucht wurde mit einem Klettersteig erschlossen. Doch auch als Wanderer kann man auf dem Steg 20 Meter ins Tobel hinein gehen, um einen Blick auf den Wasserfall zu werfen. Danach auf einem angenehmen Pfad, sanft abfallend, ins Zentrum von Gargellen (1400 m), welches leider von einer größeren, dreieckigen Bausünde dominiert wird.
Ein Ort ist Gargellen eigentlich nicht. Aber eine Siedlung gibt es hier schon seit langer Zeit. Bereits 1612 schrieb Pappus, dass hier ein »Wirtshaus oder Taferne wegen der Durchreisenden jederzeit gewesen und noch ist«. Der Weg über das Schlappiner Joch nach Klosters und weiter ins Veltlin war für das Montafon eine ganz wichtige Verbindung, insbesondere um den Wein aus dem Veltlin zu holen (siehe auch S. 289 f.). Kein Wunder, wurde in Gargellen 1790 auch das erste nachweisbare Zollamt im Montafon belegt. Es galt insbesondere, dem zunehmenden Schmuggel nicht mehr tatenlos zuzusehen. Doch die Siedlung war in erster Linie ein Maiensäß, welches nur im Sommer bewohnt wurde. 1877 zählte man 74 Häuser, wovon aber nur drei das ganze Jahr über bewohnt wurden. Auch der Geistliche war nur zur Sommerzeit anwesend. Gargellen zählte 1870 sechs und 1910 25 ständige Einwohner. Heute sind es rund 110. Diese Bevölkerungsexplosion ist in erster Linie auf den Tourismus zurückzuführen. Der Pionier dieser Entwicklung war Xaver Schwarzhans, der 1889 das Hotel Madrisa mit 50 Betten baute und damit Gäste aus ganz Europa in den »vollkommen staubfreien« Höhenluftkurort Gargellen lockte. Es sollte im Montafon im 19. Jahrhundert das einzige Hotel der Belle-Epoque bleiben. Das Hotel wurde 1904 nach dem Bankrott von Schwarzhans von einem Konsortium aufgekauft und bedeutend vergrößert. Es hatte nun 70 Zimmer mit 100 Betten, eine elektrische Beleuchtung, einen großen Speisesaal, Restaurationsräume, Veranda, Lese- und Billard-Zimmer, Bäder usw. sowie Post und Telegraph im Hause. Dieser imposante Holzbau kann auch heute noch bewundert und als Gast bewohnt werden. Zu dieser Zeit kamen bereits die ersten Wintergäste ins Madrisa und versuchten sich im Skilaufen. Ab 1922 gab es die ersten öffentlichen Skikurse. Ein anderes Überbleibsel aus vergangener Zeit ist die kleine Kirche. Von einem ersten Bau wird zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf der anderen Seite des Suggadinbachs berichtet. Das heutige Gargellner Kirchlein geht auf das Jahr 1611 zurück. Bereits 1622 wurde es von den Prättigauern zerstört, doch schnell wieder aufgebaut.


