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Hinauf ins Rätikon

In Seewis erschlagen

Markus Roy, 1577 im süddeutschen Sigmaringen als Sohn eines Gastwirtes geboren, war studierter Jurist und zwei Jahre als Gerichtsrat tätig, bevor er 1612 dem Kapuzinerorden beitrat und den Namen Fidelis annahm. 1621 wurde er Guardian (Vorsteher) des Kapuzinerklosters in Feldkirch (siehe S. 25). Die von Papst Gregor XV. gegründete Behörde »De Propaganda Fidei« (zur Verbreitung des Glaubens) übertrug den Kapuzinern unter der Leitung von Pater Fidelis 1622 die Rekatholisierung der reformierten deutschsprachigen Bündner Täler. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Graubünden war in den Strudel der europäischen Politik geraten. Sowohl die Habsburger wie auch die Franzosen waren an den strategisch wichtigen Alpenpässen und dem Veltlin interessiert. Graubünden selber war gespalten und drohte zu zerreißen.

Im Prättigau verlief die Gegenreformation durch die Kapuziner mit Hilfe der österreichischen Truppen, die zu dieser Zeit das Tal besetzt hielten. Im Frühjahr 1622 erließen die Kapuziner für das Prättigau eine Religionsordnung. In dieser stand unter anderem:

  • dass die reformierten Pfarrer aus dem Lande verwiesen würden
  • dass die Ausübung des reformierten Glaubens im und außerhalb des Prättigaus verboten sei
  • dass die Bevölkerung jeglichen Alters mindestens einmal pro Woche die katholische Predigt bzw. die Kinderlehre besuchen müsse – bei Strafe im Unterlassungsfall
  • dass die »Abgefallenen« ihrem reformierten Glauben abschwören und »freiwillig und ungezwungen« den römisch-katholischen Glauben annehmen müssten

Von Soldaten wurden die reformierten Prättigauer in die Kirchen getrieben, um bereits wenige Tage nach der Publikation der Verordnung dem neuen Glauben abzuschwören.

Das kam bei den Prättigauern nicht gut an. Im Tal formierte sich der Widerstand, und am Palmsonntag, den 24. April, ging man zum Gegenangriff über. Die Prättigauer belagerten die Burg Castels, und in Schiers kam es zu wüsten Straßenkämpfen. Die zahlenmäßig überlegenen Österreicher wurden bedrängt und flohen mit ihrem Pulvervorrat in die Kirche von Schiers. Ein Funke brachte das Pulver zur Explosion. Das Kirchengewölbe stürzte ein und begrub zahlreiche österreichische Soldaten unter den Trümmern.

Zur gleichen Zeit las Fidelis in der Kirche von Seewis unter dem Schutz von 25 Soldaten die katholische Messe. Die Seewiser wurden vom österreichischen Hauptmann zum Kirchenbesuch aufgeboten und sollten ihren Namen auf einem Rodel eintragen. Als Pater Fidelis die entscheidende Frage stellte, ob sie bereit seien zu beichten und den katholischen Glauben anzunehmen, soll ihm ein entschiedenes Nein entgegengeschleudert worden sein. In diesem Moment sahen die österreichischen Wachen die Rauchsäule in Schiers und schlugen Alarm. Die Leute stürmten aus der Kirche und es kam zu einem Handgemenge. Der Hauptmann bat um sein Leben und wurde verschont. Pater Fidelis hingegen munterte die Soldaten zum Kampf auf und floh durch die Sakristei und hinab ins Tal. Doch er wurde von den Seewisern verfolgt und wenige Meter unterhalb der Kirche von einem jungen Mann namens Rudolf Hildebrand erschlagen. Noch am selben Tag wurden die Österreicher aus dem Tal gejagt. Doch bereits im August kamen sie zurück und steckten zur Vergeltung Seewis in Brand.

So wird die Geschichte in den schweizerischen Quellen erzählt. Es gibt aber auch eine andere Version, zum Beispiel auf der Website der österreichischen Kapuziner: »Am 24. April 1622 predigte Fidelis zu Seewis im Prättigau. Schon auf der Kanzel wurde er beschossen. Als er nach einem knienden Verweilen vor dem Altar die Kirche verlassen hatte, sah er sich von etwa zwanzig bewaffneten Männern umringt, die ihn aufforderten, den neuen Glauben anzunehmen. Er lud sie ein, sich seinem Glauben zuzuwenden. Daraufhin wurde er von ihnen erschlagen.« Pater Fidelis hatte sein kommendes Ende vielleicht bereits vorher geahnt. Die Schlussformel mehrerer seiner erhaltenen Briefe lautete »Paulo post esca vermium« (schon bald eine Speise für die Würmer). Zum Tod des Paters meinte der spätere (reformierte und ausgeprägt antikatholische) Seewiser Pfarrer Nicolin Sererhard 1742: »[Pater Fidelis ist] von den Bauern ereilet, und alldorten ordentlich erschlagen worden, womit ihm aber unsere Seewiser den größten Dienst geleistet, denn ohne sie wurde er wohl nimmermehr ein so großer Wunderthäter worden, noch zu so hochen Ehren gestiegen sein.« Und er hat wohl recht, der Nicolin Sererhard. Denn ohne diesen Märtyrertod hätte es dem Pater Fidelis 1729 wohl nicht zur Seligsprechung und 1746 zur Heiligsprechung gereicht.

Bereits im Herbst 1662, als die Österreicher die Lage im Prättigau wieder beherrschten, gruben sie den von Seewisern beerdigten Leichnam des Paters wieder aus. Der Kopf kam als Reliquie ins Kapuzinerkloster nach Feldkirch, der Rest des Leibes nach Chur in die Domgruft. Als Grund für die Aufteilung des Leichnams besagt eine Quelle, dass die Kapuziner aus Feldkirch vergessen hätten, einen Sarg mitzunehmen, als sie die Überreste des Paters Fidelis in Seewis ausgruben, und deshalb nur den Kopf mitnahmen. Eine andere Quelle spricht von einer Verlosung, wobei auch Sigmaringen, die Geburtsstadt des Paters, noch einen Armknochen bekam. Jedenfalls werden die Reliquien noch heute im Kapuzinerkloster in Feldkirch und in der Kathedrale von Chur aufbewahrt.

Nach der Seligsprechung stieg natürlich der Wert von Andenken an Fidelis. So ist die Geschichte von drei Montafonern überliefert, die am 3. November 1729 in die Kirche von Seewis eindrangen, um auf dem Dachboden zwei mit Blut befleckte Prügel zu entwenden. Später wollte man den Seewisern auch noch die Kanzel, auf der Fidelis gepredigt hatte, abkaufen. Bereits 1649 konnte ein Montafoner das Messbuch des Fidelis gegen einen Scheffel Salz von einer Seewiserin, die es sorgsam aufbewahrt hatte, abkaufen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts konnten die Schweizer Kapuziner das Grundstück unterhalb der Kirche erwerben, auf dem Fidelis erschlagen worden war. 1896 und 1897 veranstalteten die Feldkircher Katholiken eine Wallfahrt zum Märtyrerplatz. Diese Wallfahrten lösten bei den Prättigauern derart heftige Proteste aus, dass sie verboten wurden. Am Tatort steht heute das Fidelisbrünneli.