Surselva
Das Bogn Val Tenigia
Mitten in der Val Sumvitg steht ein Komplex mit großen leeren Bauten unterschiedlichen Alters und Stils, die nicht richtig zu dem Ort passen wollen. Am hinteren, quer zum Tal stehenden, vier Stockwerke hohen Belle-Époque-Gebäude nagt der Zahn der Zeit schon lange. Das ist eines der beiden 1908 eröffneten Waldhäuser.
Dort, wo das vordere der beiden Waldhäuser stand, errichtete die 1962 gegründete Tenigerbad AG das neue »Tenigerbad im Somvixertal«. Die Neubauten im Allerwelts-Alpin-Chaletstil wurden im Frühjahr 1974 eröffnet. Die Mineralbad- und Klimastation musste den Betrieb aber bereits nach drei Jahren wieder einstellen und den Konkurs anmelden, weil die Forderungen der Gläu-biger in der Höhe von zwanzig Millionen Franken nicht erfüllt werden konnten. Verschiedene Wiederbelebungs- und Verkaufsversuche des inzwischen über achtzigjährigen Frankfurter Hauptaktionärs sind misslungen.
Zuerst schien der Bergsturz von 1980, der den Zugang zum Tal über die Straße für drei Jahre verhinderte, alles zu blockieren. Nach dem Tunnelbau verbesserte sich die Situation auch nicht. Pläne für ein Asylbewerberzentrum wurden ebenso fallen gelassen wie das Projekt eines Truppenübungsplatzes in der hinteren Val Sumvitg, wobei die Hotelinfrastruktur für Soldatenunterkünfte gedient hätte. Das Tal wurde im kantonalen Richtplan vorübergehend als Waffenplatz bezeichnet. Gemeindebehörden und die Vereinigung Pro Val Sumvitg wehrten sich dagegen. Das Tal erschien den Militärexperten aber auch als zu lawinengefährdet und der Plan wurde fallen gelassen.
Der in den 70er-Jahren errichtete Hoteltrakt wurde seit 1976 nie mehr genutzt, aber vom Hauswart Toni Cathomas aus Sumvitg über all die Jahre unterhalten und gepflegt. Die Absicht, die Gebäude Anfang der 90er-Jahre wieder zu nutzen und Apartments ins alte Waldhaus einzubauen, musste ebenso aufgegeben werden wie die Idee, Mineralwasser abzufüllen. Unausgeführt blieb auch der Plan, eine Mineralwasser-Pipeline bis nach Rabius zu erstellen.
Um die bittersalzhaltige Gipsquelle drehten sich Aktivitäten mit mehr Ab als Auf. Konrad J. Kuhn beschreibt in seiner aufschlussreichen Studie Der Kurort Tenigerbad im Somvixertal die Anfänge und die zahlreichen Wiederbelebungsversuche. Zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde die Quelle 1580. Wir treffen dann Figuren an, denen wir bereits einmal begegnet sind. Der Landrichter Clau Maissen aus Sumvitg baute nahe der Quelle bereits 1674 ein Badehaus und daneben die heute noch vorhandene Kapelle, die der Muttergottes zum Schnee, Nossa Dunna della Neiv, geweiht ist. Pater Placidus a Spescha hatte 1814 die Idee, dass das Kloster Disentis das Bad übernehmen und betreiben solle, was aber nicht zustande kam. Bogn Tenigia blieb ein einfaches »Bauernbad«. 1881 wurde bei der Quelle und der Kapelle etwas weiter hinten im Tal ein kleines, aber gut ausgestattetes Hotel erstellt, das es längst nicht mehr gibt.
Die einzige – kurze – Blütezeit des Tenigerbads war zwischen Sommer 1908 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges gewesen, als der frühere Direktor des Disentiserhofs die soeben eröffneten Waldhäuser übernahm. Nur noch vage vorstellbar ist heute, dass es um die Hotelanlage herum einen großen begehbaren Park gab. Das damalige Hotelpersonal stammte aus der Gegend und war saisonal angestellt. Die Gäste des Tenigerbades wurden mit Kutschen und Fuhrwerken auf der schwer instand zu haltenden Talstraße befördert. Oft verschütteten Rüfen den Zugang. Wichtig war der Ausbau der Rhätischen Bahn bis Disentis mit der 1912 eröffneten Bahnstation bei Rabius.
Bereits in den 1920er-Jahren lief der Betrieb nicht mehr so gut. Man hatte das Tenigerbad unter anderem auf »erholungsbedürftige und schwächliche Kinder« ausrichten wollen. Das passte den älteren Kurgästen, die sich um ihre Ruhe geprellt fühlten, nicht. Während des Ersten Weltkriegs belegten zeitweise internierte Soldaten Hotelbetten und leisteten Arbeitseinsätze in der Gegend. Während der 30er-Jahre war einiges in die Anlage investiert worden und die Gäste absolvierten Trink- und Badekuren. Kuhn schreibt, das Bad sei damals als Touristenort »für eine einfachere Gästeschicht« vermarktet worden. Es sollte sich von Graubündens Nobelorten abheben. Während des ganzen Jahrzehnts vor dem Zweiten Weltkrieg erreichte die Belegung laut Kuhn insgesamt kaum fünfzig Prozent.
Ein Prospekt mit strahlender Sonne über dem Piz Vial, weißen Schafen im Vordergrund, mit dem Titel »Tenigerbad, Grau-bünden, Oberland, Schweiz« und den -Stichworten »Gesundbrunnen, Höhensonne, Heilbäder, Waldluft, Bergseen, Wildbäche, Angelsport, Hochtouren, Spazierwege, Alpen und Wiesen« sollte Kurgäste und Touristen anlocken. Aber der nötige Schwung kam nicht auf.
Nachdem das Tenigerbad während der Kriegsjahre geschlossen war, erlebte es zwischen 1947 und 1950 unter ärztlicher Leitung eine kurze Kurbadperiode. Als dann in den 50er-Jahren die Graubündner Kantonalbank Eigentümerin war, logierten im alten Waldhotel Kinder aus dem In- und Ausland in Ferienkolonien. Wie oben gesehen, hatte dann auch die neue Besitzerin, die Tenigerbad AG, keinen Erfolg.
Peter Egloff hat eine Sage von der Val Tenigia in sein Sammelbändchen Die Kirche im Gletscher aufgenommen. In der Fantasie der Bauern spiegelt und vermischt sich die eigene Existenz mit der Welt der Kurgäste.
Das verhexte Kalb auf der Alp Val Tenigia: Eines Tages schickte der Senn der Alp Val Tenigia den Hirtenbub ins Tal zu einem Alpgenossen und ließ diesem ausrichten, dass eines seiner Kälber nicht mehr aufzufinden sei; er solle so gut sein und selber kommen, um es zu suchen. Der Besitzer des Kalbes begab sich auf die Alp, erfuhr das nähere Drum und Dran und machte sich dann auf die Suche. Drei Tage lang suchte er vergeblich.
Am vierten Tag frühstückte er mit den Alpknechten, verabschiedete sich dann von ihnen und machte sich nochmals auf die Suche. Er wandte sich in Richtung Plaun Tegia-nova und von da den Abhang entlang gegen die Kälberweide von Plaun Burschina. Mitten im Plaun Tegia-nova setzte er sich auf einen Stein und gewahrte zwei Damen und einen Herrn. Die drei kamen ihm zuerst auf dem Weg entgegen und begannen dann in der Mitte der Weide artig zu tanzen. Während sie so tanzten, dachte der Bauer bei sich, dass dies gewiss Herrschaften aus dem nahen Tenigerbad seien. Basta, er zündete seine Pfeife an und machte sich wieder auf den Weg. Wie er aber eben hinter einen großen Felsblock trat, sah er plötzlich, dass der Herr einen Kälberkopf hatte und die Damen Ziegenfüße.
Einen Augenblick verstellte der Fels die Sicht auf die kuriosen Kurgäste – wie der Bauer jedoch wieder hinter dem Felsen hervortrat, waren die drei Gestalten spurlos verschwunden. Der Mann hätte fortan jeden Eid geschworen, dass der Herr mit dem Kälberkopf sein verhextes Kalb gewesen sei. Gefunden hat er dieses natürlich nie mehr.


