PDFDruckenE-Mail

Auswanderungen

AUSWANDERUNG MARTIGNY-CHAMONIX

England meets England


Ob sie sich begegnet sind in jenem Sommer 1863? Der Fotograf und die neugierige, wanderfreudige Dame? Er, der Land und Leute in sorgfältig komponierten Bildern festhalten wird, sie, die alles notierte und kommentierte, was ihr der Reisetag brachte. Beide sind sie unterwegs für eine höhere Sache, das Propagieren der Schweiz als Reiseland, nicht nur für exzentrische Romantiker oder ehrgeizige Alpenbezwinger, sondern für die Mittelschicht Britanniens, die mit der Industrialisierung ein bisschen wohlhabend geworden ist und sich eine Reise auf den Kontinent leisten kann. In ein Land, wo die Eingeborenen zwar arm sind, aber wohl glücklich, wo man juchzt, in Chalets wohnt und in gesunder Luft den ganzen Tag ein weltberühmtes Panorama betrachtet.

William England ist siebenundvierzigjährig, arrivierter Fotograf mit eigenem Studio in Notting Hill in London. Er hat Amerika bereist und ist mit seinen frühen Fotografien aus der Neuen Welt bekannt geworden, er hat im Vorjahr, 1862, die Weltausstellung in London fotografisch dokumentiert. Er wird später zum Präsidenten der Photographic Society ernannt, England an der Weltausstellung in Paris als Preisrichter vertreten und in Ehren 80 Jahre alt werden. Jetzt ist er mit seiner Frau und zwei Helfern unterwegs, eine kleine Expedition mit Kamera, Stativ und Glasplatten. Drei Sommer wird die Gruppe die Schweiz bereisen; der Fotograf England bringt, mit Unterstützung des honorigen Alpine Club, das eben entdeckte Reiseland den alpenbegeisterten Briten näher, seine Aufnahmen werden als Stereofotografien massenweise abgezogen und von einem breiten Publikum gekauft.

Jemima Morell ist gut dreißig, aus solidem englischem Mittelstand. Ob sie einen Beruf ausübte, wissen wir nicht. Sie schreibt gern und gut, das kriegt aber kaum jemand zu wissen, bis ihre Aufzeichnungen nach einer Bombennacht im Zweiten Weltkrieg in den Archiven von Cook Ltd in London beim Aufräumen zufällig gefunden werden. Sie ist von ihren Mitreisenden, die sich zum Jux Junior United Alpine Club nennen, hochoffiziell zur Protokollführerin der Unternehmung ernannt worden. Sie gehört zur ersten Gruppe, die für Thomas Cook die Schweiz bereist - Pfadfinder für die Tausenden, die unter den Fittichen des Reiseunternehmens in den kommenden Jahrzehnten die Alpen von Chamonix über das Berner Oberland bis in die Innerschweiz durchhasten werden. Was aus Miss Morell geworden ist? Hat sie den Montblanc, den sie so ungern hinter sich gelassen hat, wiedergesehen? Keine Ahnung. Immerhin so viel: Sie wird 67 Jahre alt werden.

Wenn nicht in Paris, dann doch spätestens in Genf hätten sich die beiden Gruppen begegnen können. Beim Sonntagsdiner an der Table d'hôte, beispielsweise. Zur Verwunderung der Britin stehen Blumen und Früchteschalen auf den langen Tischen, aber das Fleisch wird auf dem Teller serviert und der Teller ohne Nachschlag abgeräumt. Das hält die Protokollantin fest. Die junge Frau muss einen göttlichen Appetit gehabt haben, von der Suppe über den Salm zum Roastbeef, vom Hühnerfrikassee zum gebratenen Geflügel, von den Artischocken zum brandy-gebadeten Plumpudding und zu Früchtekompott, Cakes und Kuchen, zweierlei Crèmes und Kirschen.

In Chamonix, am nächsten Abend, wäre ein Rencontre vor dem Neubau des Hôtel de Londres et d'Angleterre, (»viele Engländer«, bemerkt Baedekers Handbuch für Reisende 1859) fast nicht zu umgehen gewesen. England hat die beeindruckende Kulisse der neuen Hotels entlang der Arve ins beste Licht gerückt. Und auf dem Mer de Glace lässt er eine Spaltenrettung simulieren. Das hätte Miss Morell vielleicht gefallen, sie verstand den Ausflug auf den Gletscher als Abenteuer und hielt fest, das Wandern mache auch im schwierigen Gelände Spaß, solange der Weg gut sei.

England lässt seine Gruppe auf der Alp La Flégère posieren. Wie gerne wäre Jemima Morell dort oben gesessen. Doch »time is money«, wenn man unternehmerisch denkt und Thomas Cook heißt. Seine Truppe muss nach einem einzigen Tag in Chamonix (der erst noch in einem Gewitterregen endete) um vier Uhr morgens aus den Federn. Mit zwei Maultieren und zwei Führern zieht das Grüppchen, Miss Eliza, Miss Mary, Miss Jemima, Miss Sarah, Mr. William, Mr. Tom, Mr. James und Patriarch Thomas Cook himself das Arve-Tal hoch Richtung Wallis.

Immer wieder schaut Jemima Morell zurück, sieht den Montblanc aus den Morgennebeln tauchen, die Eiskappen aufglänzen, die Alpweiden von La Flégère grün herüberleuchten. Wenn man schon den langen Weg hierher gemacht hat, soll man sich mehr Zeit nehmen dürfen, notiert sie, schon fast ein bisschen empört.

In Barberine gibt's im kleinen Gasthof ein zweites Frühstück. Während die Koteletten in den Pfannen brutzeln, besieht sich der Junior United Alpine Club den berühmten Wasserfall von Barberine, ein Must für die Engländer, ein Sujet, das natürlich auch der Fotograf England nicht auslassen kann.

Während Miss Morell den Weg durch die Enge von Châtelard und den Aufstieg zum Tête Noir mit beredten Worte schildert - die Felsen scheinen ihr fast überhängend, die Wälder dunkel und drohend, der Weg schwindelerregend - lässt England seine Gruppe eher gelangweilt vor dem neu herausgesprengten Loch am Roche percée herumstehen.

Thomas Cooks Leute nehmen den Forclaz-Pass in der Mittagshitze und erreichen Martigny ziemlich erschöpft. Mit einem Imbiss im Hotel Clerc (auch hier, laut Baedeker: »ganz neu, viele Engländer«) wird die Mannschaft wieder zu Kräften gebracht und Thomas Cook reist hochbefriedigt nach London zurück.

Der Fünfundfünfzigjährige ist ein alter Hase im Reisegeschäft und setzte schon früh auf die Technikbegeisterung der Briten und auf Mengenrabatte bei den Billettpreisen. Schon 1841 organisiert er günstige Eisenbahntrips nach Schottland oder ans Meer, 1862 auch an die Weltausstellung nach London. 1855 reisen die ersten Cook-Gruppen auf den Kontinent, nach Deutschland, bald folgt Paris. Genf ist seit 1858 am internationalen Eisenbahnnetz angeschlossen, und wo eine Eisenbahn ist, ist auch Cook.

Auch im Wallis. Der United Junior Alpine Club besteigt den Zug und wird um zehn Uhr abends in Sion ins Bett fallen, um am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe wieder herauszukriechen. Zu Pferd (beziehungsweise zu Maultier) und zu Fuß geht's nun von Leukerbad über die Gemmi, nach Lauterbrunnen, Grindelwald und auf die Wengernalp. In Interlaken machen sich die Damen stadtfein und gönnen sich einen freien Tag auf der Kurpromenade. Doch, auch ohne Thomas Cook: Time is money. Noch muss die Rigi gemacht werden, bevor man von Luzern über Pontarlier nach Paris zurückreist, mit der Eisenbahn, natürlich.

Die Alpenreisen werden ein Erfolg, noch im gleichen Jahr führt Thomas Cook, obwohl er findet, die Schweiz sei fürs Massengeschäft noch nicht gerüstet, drei Schweizer Reisen durch (mit insgesamt 400 Teilnehmern). Und lange dauert es nicht mehr, bis seine Reisegruppen nicht nur die Alpen, sondern auch den Vorderen Orient unsicher machen.

Nein, sie haben den Fotografen William England sicher nicht getroffen, die sieben Mitglieder des Junior United Alpine Club, denn in Paris gehen sie ins Fotostudio für ein Erinnerungsfoto. Es ist ein hübsches Bild geworden.

Jemima Morell, Miss Jemima's Swiss Journal. The First Conducted Tour of Switzerland, Putnam, London 1962.

Edmund Swinglehurst, The Romantic Journey. The story of Thomas Cook and Victorian travel, Harper & Row, New York 1974.

Martino Froelicher, »ViaCook - ›The First Conducted Tour of Switzerland‹ im Jahre 1863«, in: Wege und Geschichte, ViaStoria, 2/2004.

Gérard Bourgarel, William England (1816-1896), Pro Fribourg 149/2005.