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Auswanderungen

Gorgonzola–Mailand
Etappe 5J Ins Herz von Mailand

Wanderzeit

Ort Höhe Dauer
Gorgonzola
Vimodrone *200 m 2 h 15
Milano Centrale *200 m 4 h 30

Unterwegs

Bars und Restaurants eher selten

Übernachten in Mailand/Milano:

**Edolo (via Edolo 18), DZF 70-160 Euro, Tel. 02 6697565, www.hoteledolo.com;

***Albert (auf der Westseite der Stazione Centrale), DZF 75-185 Euro, Tel. 02 66985446, www.alberthotel.it;

**Demò (via Tonale, die neben dem Hotel Albert beginnt, ruhige Zimmer in der Dependance im Hof), DZF 50-200 Euro, Tel. 02 67074322, www.hoteldemo.com

Hotelpreise schwanken in Mailand je nach Nachfrage stark (aktuelle Preise und Buchung am besten über Internet oder via Mail).

Info: Siehe auch Wanderung 7F.

Variante

Weiter bis zur Scala und zum Dom (plus 1h)

 

We slip down to Milan.

Die Wanderung heute ist wirklich ein Spaziergang, ein Spaziergang mit großem Ziel: Mailand. Die Route ist viel abwechslungsreicher und spannender, als wir erwartet hatten. Sie führt durch vorrückende Agglosiedlungen, aber auch durch neu gestaltete Freizeitlandschaften.

Und der Martesana-Kanal bleibt unser Begleiter, er führt uns ins Zentrum der Stadt. Obwohl nicht mehr genutzt, lässt man ihn offen dahinfließen. Auch heute halten wir uns meist ans südliche Ufer. Die erste Ausnahme: Beim Verlassen von Gorgonzola wechseln wir im Bereich der Ortstafel auf den Wiesenweg am nördlichen Ufer und folgen diesem bis zum Ortsanfang von Cassina de Pecchi.

Ein zweites Mal wechseln wir die Seite im Bereich des weitläufigen neuen Parkgeländes bei Cernusco. Ein 360-Grad-Diorama bringt endlich den Durchblick durch das weit verzweigte Fluss- und Kanalsystem in der weiteren Umgebung von Mailand. Man kann es gleich abschreiten, vom Martesana im Osten bis zum Naviglio Grande im Westen. Und vom Aussichtsturm das Ganze nochmal von oben betrachten.

Es wird auch hier herum erfreulich viel restauriert und viel erklärt. Ein großes Wasserrad mit einer Drehbrücke da, ein Stück Park einer noblen Sommervilla dort. Noch endet der Augenschein eventuell bei einer Bauabschrankung, aber sicher nicht mehr für lange. Bei Vimodrone präsentiert uns eine Infotafel des Parco Naviglio Martesana Landschaftsgeschichte.

Die Geschichte einer Landschaft im Wandel. Letzte Ackerflächen und Cascine werden bedrängt von Wohnblocks; neuerdings sind es nicht mehr Hochhäuser, sondern, »individueller«, vierstöckige Serienbauten. »Ad un metro dal centro«, werben die Bautafeln mehrdeutig. Das Spinnennetz von Metrolinien und Eisenbahnen wird dichter. Vor der Querung des Flusses Lambro kommen wir an einem weitläufigen Bidonville vorbei, Hunde bellen, Melodiefetzen aus aller Herren Länder mischen sich, ein blickdichter Metallzaun schirmt die Außenwelt gegen das Gewusel innen ab oder umgekehrt. Ein paar Schritte weiter spielen Kinder auf einem gut gepflegten Rasen Fußball, beobachtet von gut gepflegten Mamas und Papas und philippinischen Kindermädchen.

In einem stadtnahen Park wird der Martiri della libertà im Irak gedacht (es handelt sich um den ersten Irakkrieg, ob die Leute hier des zweiten gedenken möchten, wagen wir zu bezweifeln). Eltern und Kinderwagen sind multikulti, eine Edelglatze führt sich auf einem hellgrünen Citybike vor, drei würdige Herren im Sonntagsanzug spazieren gemessenen Schrittes vorbei, die Hände mal hinter dem Rücken verschränkt, mal zur Faust erhoben oder als Drohfinger gen Himmel gereckt, dann in einer zweiten Reihe die dazugehörigen Damen, ohne Drohfinger, aber nicht minder eifrig in der Debatte.

Man kann sich beim Zugucken, insbesondere unter einer milden Wintersonne an einem Sonntagnachmittag, im Park lange verweilen. Bereits leuchtet wieder das winterliche Abendlicht. Hochhäuser markieren großstädtische Skyline. Noch ein paar Schrebergärten, ein paar hübsche kleine Villen am Wasser, eine geschwungene Brücke, eine Piazzetta, Schnellzüge, die über Eisenbahnbrücken donnern.

Dann ist der Martesana weg, verschwindet höchst profan in einem Rechen. Fine. Das Caffé Martesana ist geschlossen. Die nächste Bushaltestelle heißt Via Gioia/Via Tirano, das nächstgelegene Hotel, zwischen Abtauchen des Kanals und Stazione Centrale, ist das Edolo an der gleichnamigen ruhigen Straße. Das mag im Sommer lauschig sein, jetzt ist zwar das Treppenhaus geheizt, aber unser Zimmer ein Kühlschrank. Bei einem kleinen Stadtbummel zum Aufwärmen lernen wir: In den letzten Tagen des Jahres sind selbst die Viersternehotels in Mailands Zentrum bezahlbar.

Wo isst man am 25. Dezember, am Abend nach einem gastronomischen Großkampfmittag, wenn Küche und Service und Familien ermattet zu Hause sitzen? Unsere Rettung war ein asiatisch geführtes, vor allem von Bähnlern frequentiertes Lokal. Da wartet man nicht lange. Auch wenn unser Zug erst morgen fährt. Also, wie war das? Essen wir um zu wandern ...

In Mailand kann man natürlich beides. Wir kehrten im Frühling zurück, zurück zum Caffè Martesana, wo wir uns unter einem violetten Glyzinienhimmel ein Gläschen Prosecco genehmigten, bevor wir uns ein letztes Mal unseren Vorgängern an die Fersen hefteten. Erst auf den Spuren des verschwundenen Naviglio della Martesana, der bis 1929 noch drei Kilometer weiter in die Stadt hinein führte, die Via Gioia und die Via San Marco hinunter. Dann durch die Via Brera und Via Verdi zur Scala - und durch die Gallerien Umberto Emmanuele auf den Domplatz.

Nein, diese halbe Stunde kann man niemandem zumuten, fanden wir, als wir die verkehrsreiche Gioia hinunter marschierten und dabei einen quadratkilometergroßen Bauplatz passierten, wo sich Mailand wieder mal neu erfindet. Doch plötzlich ist alles anders, weg das Verkehrsgetöse, nur noch Velogeklingel und Vogelgezwitscher und ein Stück Kanal, eine alte Schleuse, kein Wasser zwar, aber viel Grün.

Ob das Museo dei Navigli noch ein Museum ist oder nur noch eine schicke Event-Adresse, werden wir bei einem nächsten Besuch klären. Die Via San Marco erweist sich als wahre Fressmeile, für jeden Geschmack, vom coolen Ottimo über die winzige Latteria, einer guten Stube mit dem Kolorit vieler Jahrzehnte, einer Kleinbühne für alle, Einheimische oder Touristen, denen es egal ist, wenn die Hungrigen einen wartend in den Teller starren, bis zum höchst empfehlenswerten Timé oder dem oberklassischen Stendhal am großen Platz (unmittelbar vor der kleinen Piazza San Marco) - wo einst der Naviglio della Martesana in einer Darsena, einem Hafenbecken, endete. Nun sind wir angekommen, im Herzen der Stadt.

Fast. Leicht nach rechts versetzt nehmen wir die Via Brera. Brera sei »la zona di Milano più trendy e famosa del mondo«, lesen wir auf einer Website. Wer nicht Werbetexter ist, spürt davon zum Glück wenig. Im Innenhof der berühmten Kunstakademie stauen sich Sippen und gratulierende Freunde, Blumensträuße und schön verpackte Geschenke, auf der Gasse draußen knallen die Champagnerkorken: die Schlussfeier der Brera-Kunstschülerinnen und -schüler ist im vollen Gange.

Eine Viertelstunde später stehen wir vor der Scala, die, eigenartig bescheiden von außen (die modernen Annexbauten von Mario Botta geben grad noch eins drauf), den rotsamten-goldenen Opernpomp im Innern umso prächtiger zelebriert. In welchem Rang wohl Mrs Main mit ihrer Entourage von St. Moritzer Kulm-Gästen gesessen haben mag?

Noch ein paar Schritte durch die Gallerien - und wir stehen auf dem Domplatz. Wie einst Tessiner Kaminfegerbuben, wie der 16-jährige Carl Abegg aus Küsnacht, wie der ausgewanderte Bündner Ingenieur Pietro Caminada, der, gegenüber der Galleria zwischen Via Marconi und Via Mazzini ein neues Quartier entwarf, wie ...

Zwischen andächtig herumstehenden Kunstbeflissenen, zwischen filigranem Marmor und riesigen Plakatwänden, zwischen Autoausstellung und Handypromotion, verkaufsorientierten Afrikanern und Philippinos und einem Heer frecher Tauben lassen wir unsere Vorgänger. Und spazieren zurück nach San Marco zum Nachtessen.