Auswanderungen
Neukirch-Ravensburg Etappe 2C
Wanderzeit
| Ort | Höhe | Dauer |
| Neukirch | *600 m | |
| Emelhofen | *530 m | 2 h 30 |
| Ravensburg | 400 m | 5 h 15 |
Höhendifferenz
Aufstieg 250 m, Abstieg 450 m
Übernachten in Ravensburg:
Ochsen, DZF 78-88 Euro, Tel. 0751 25480, www.ochsen-rv.de;
Engel, DZF 84 Euro, Tel. 0751 3636130, www.engel-ravensburg.de;
Garni Baur, DZF 80 Euro; Tel. 0751 25616
Info: www.ravensburg.de
Ins Städtle auf den Markt
Von Neukirch aus ließe sich in einem Tag auch nach Wangen oder Tettnang wandern - ebenfalls Ortschaften, in denen im 19. Jahrhundert Schwabengänger ihre Arbeitskraft feilboten. Marktführer war indessen unbestritten der Markt in der Bachstraße von Ravensburg.
Erstes Zwischenziel ist das Dörfchen Krumbach. Man verlässt Neukirch auf der Tettnanger Straße und kürzt schon bald (immer ausgeschildert) auf einem Fußweg eine weite Straßenschlaufe ab. Später verzweigt sich die Straße. Man nimmt die rechte (Richtung Landolz), zieht am Holzweiher vorbei bis zum Jägerweiher und hält sich noch kurze Zeit an die Wegweiser Richtung Achmühle - um dann westwärts nach Krumbach zu halten. Der Weg ist streckenweise neu angelegt, teils etwas improvisiert, aber durchaus sinnvoll. Am Schluss steigt man zur Kirche Krumbach (Barockaltar) hoch. Das Denkmal für die Gefallenen und Vermissten der Weltkriege zeigt eines: Wer aus dieser bäuerlichen Gegend in den Krieg zog, war Kanonenfutter, war gewöhnlicher Soldat.
Wir halten uns von Krumbach an die Wegweiserdestination Buch/Hinterreute - und schauen auch in die Karte. In Buch sitzen drei Fröhliche vor dem Kiosk mit kleiner Schenke in der Vormittagssonne. Es ist Sonntag, aber die drei sehen aus, als säßen sie hier jeden Tag. »Wohin des Wegs?« wollen sie wissen, schütteln den Kopf und nehmen den nächsten Schluck. Wir gehen geradeaus hoch und dann, immer auf die gelben Rhomben achtend, nach links in den Wald und nach Hinterreute - und noch 200 Meter weiter Richtung Prestenberg. Dann verlassen wir für gut drei Kilometer die Wanderkartenroute und gehen weiten Feldern von Hopfenkulturen entlang, beinahe bis Linden und via Allisreute und Seers zum Punkt westlich von Emmelhofen, wo der Wanderweg nach Ravensburg beginnt.
Hier ist schon fast Halbzeit. Mit einem »Blaukreuzweg« des Schwäbischen Albvereins stoßen wir in das Revier »Wandern im Schussental« vor. Die blauweißen Markierungen führen, wie auf der Wanderkarte eingezeichnet, durch Wald und entlang einer Hochebene, am Schwimmbad Flappbach und am Knollengraben vorbei, schließlich in ein kleines Seitental ausholend und ein kurzes Stück sogar einem Waalweg entlang bis nach Ravensburg hinein.
Die Altstadt von Ravensburg - ein eindrückliches Geviert -betreten wir durchs Obertor. Obertor heißt denn auch das Hotel gleich innerhalb der Mauer. Ein paar Meter weiter bleiben wir vor der Auslage des wohl assortierten Antiquariats am Mehlsack hängen, als Blickfang liegt die historische Broschüre »Der Kornhandel Oberschwabens in früherer Zeit« aus. Das Humpis-Quartier nebenan ist im Umbau. Hier entstehen die neuen städtischen Museen. Die Eröffnung ist für 2009 geplant; auch die Schwabenkinder werden ihren Platz erhalten - wie künftig auch im Bauernhausmuseum Wolfegg (mit dem Bus erreichbar).
Unten beim Marienplatz findet sich das schönste Postgebäude weit und breit. Boulevardcafes und Eisdielen, die Gelateria heißen, reihen sich in der verkehrsberuhigten Altstadt, blühende Oleanderbüsche stehen dekorativ herum, auch mal ein Olivenbäumchen. Auf den Sitzbänken schnattert junges Volk und auch älteres, als wären wir mitten in Italien. Wenige Schritte nur sind's zur Bachstraße. Heute kann man hier auf Steinstufen mitten in der Kleinstadt-Flaniermeile am Wasser sitzen.
Früher war dies der Marktplatz, auf dem, an den Samstagen in der zweiten Märzhälfte, die Schwabenkinder einen Arbeitgeber suchten. »Was kostet denn das Büeble?«, hieß es. Hatte ein Bauer einen Bub oder ein Mädchen »eingekauft«, lud er diese zum Essen in die Krone ein, bekannteste Kulisse zum Kindermarkt und Wirtsstube bis in die 1960er Jahre (heute das Juweliergeschäft Bartels). Seit 2002 schwebt die Wirtshauskrone, frisch vergoldet, über einer Skulptur von Peter Lenk: zuunterst ein gebeugter Hütebube, auf dem ein Knecht hockt und auf diesem ein wohlbeleibter Geistlicher - eindrücklich und umstritten (siehe gegenüberliegende Seite).
Wer in der Krone keinen Platz mehr fand, ging in den Ochsen. Das kann man heute noch, die Gaststube ist renoviert, im Cachet aber gut erhalten. So sitzt man zwischen dem Palaver am Stammtisch und dem gemütlichen Klappern von Tellern und Gläsern gerne etwas länger als nötig. Man bräuchte auch nicht mehr weit zu gehen, der Ochsen ist auch Hotel.
Und es ist in Ravensburg wahrlich nicht das einzige. Unsere Empfehlungen liegen an der Querachse des Marienplatzes, genauer: der beiden Plätze. Rechts außen (wenn man von oben kommt) findet sich der Engel, mitte-links und leicht zurückversetzt der Ochsen und links außen das Garni Baur. Engel wie Ochsen haben die alten Gaststuben bewahrt und in den obern Stockwerken die Zimmer modernisiert.
Nicht unterschlagen wollen wir, dass wir auch in der ältesten Wirtsstube, im 1469 erbauten Rebleutehaus, angelockt durch Essführer und Speisekarte, eingekehrt sind. Der Raum ist so eindrücklich, wie das über 500-jährige Räume sind, und die Küche so gut, wie es die Führer versprechen. Im Sommer kann man das gleiche Angebot auch draußen vor dem Hotel Waldhorn genießen.
Trotzdem am liebsten nach Hause? Der Lokalzug nach Friedrichshafen fährt zu jeder Stunde, das letzte Schiff von dort hinüber nach Romanshorn abends zwischen 20 und 21 Uhr.
Stadt Ravensburg (Hg.), Historische Stadtrundgänge, Ravensburg 2006.


