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Müde Beine – voller Bauch
Ein Monatskalender für Schleckmäuler und Wandersleut

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Auswanderungen

WOZ 15. November 2007

Müde Beine – voller Bauch

Ein Monatskalender für Schleckmäuler und Wandersleut

Auch der härteste Wandertag braucht nicht einem spartanischen Finale zuzusteuern. Dem geneigten WOZ-Publikum servieren Ursula Bauer und Jürg Frischknecht vorab zwölf Adressen aus ihren «Auswanderungen» (Frühling 2008), einer «Wegleitung zum Verlassen der Schweiz».

Januar: Sonntagmittag am Naviglio Grande

Der kalte Nordföhn treibt uns ungnädig vor sich her. In der Wärme der Bar der Osteria del Ponte, an der alten Brücke über den Naviglio Grande, tauen Nase und Hände langsam wieder auf. Plötzlich strömen sie daher, Sippen und Gruppen und Pärchen, und entern Speisesaal und Veranden in Blitzesschnelle. Wir ergattern einen Katzentisch mit Blick auf das üppige Anti­pastibuffet. Später kämpfen wir mit einer wunderbaren Cassoela, einem deftigen Wirz-Schweinefleisch-Eintopf. Nebenan türmt sich auf einem Stövchen ein Berg gebratener Fleischstücke, dem sogar die muskulösen Jungmänner nicht ganz beikommen. Einsam dämmert zum Schluss auf der Platte eine Wurst mit aufgeschlitztem Bauch vor sich hin.

www.osteriadelponte.com, auf der Sechstagewanderung Bellinzona-Mailand

Februar: Ein recht gutes Essen für die Knechtlein

Eine Woche waren die Bündner Schwabenkinder unterwegs, bis sie auf dem Verdingkindermarkt von Ravensburg von reichen Allgäuer Bauern als Hilfsknechtlein und Mägde angeheuert wurden. Dann bekamen sie im Ochsen «ein recht gutes Essen und jedes ein Glas roten Wein», erinnerte sich die Schwabengängerin Regina Lampert. Die Gaststube hat ihr Cachet bewahrt. Das Klappern von Tellern und Besteck an den weiss gedeckten Tischen untermalt das Stammtischpalaver dezent. Die Maul­taschen schmecken, das Glas Rotwein auch. Kein Grossbauer treibt uns zum Aufbruch, das Zimmer in den renovier­ten oberen Stockwerken kann warten.

www.ochsen-rv.de, am Ziel der Dreitagewanderung St. Margrethen-Ravensburg

März: Unten beim Hafen, bei Mamma Ciccia

Mandello. Eingeweihte denken jetzt: Motoguzzi. Die meisten denken wie wir bisher: nichts. Bis wir bei der Schifflände dem letzten Boot nach Lecco hinterherguckten. Zwei Gässchen zurück fanden wir das B&B von Mamma Ciccia: ein renoviertes altes Haus mit wenigen Gästezimmern, dazu ein stimmiger Innenhof mit ein paar Tischen. Und eine Patronne, die das Gegenteil einer italienischen Mamma ist, nämlich aschblond und gertenschlank, ihr Bruder dito, sowie einen Ehemann, der kenntnisreich der edlen Cantina vorsteht. Dazu Gäste, die zum Schlemmen ohne Reue kommen. Man wird sich kaum überfressen, dies aber aufs Delikateste.

www.mammaciccia.it, auf der Neuntagewanderung Maloja-Mailand

April: Beizenbrache Elsass

Voilà, das wär also die mit drei Logis-de-France-Ikönchen ausgezeichnete Auberge, das einzige Gasthaus weit und breit. Versteckt hinter einem riesigen Parkplatz und einer Halle, die an ein Shoppingcenter im mittleren Westen erinnert. Ein Zimmer kriegen wir, doch das Restaurant, eben besagte Halle, hat Ruhetag. Am nächsten Morgen entpuppt sich das «Shopping Center» als gut gerüstete Tankstelle für Fleischfresser. Bar, Brasserie oder gepflegtes Restaurant: Charcuterie, Choucroute, Tête de veau oder Cordon rouge farcie au foie gras – es fehlt an nichts für hungrige, von der elsässischen Beizenbrache gezeichnete Wandersleut. Ausser montags.

www.logis-de-france.fr > Ranspach, auf der Fünftagewanderung Solothurn-Mülhausen.

Mai: Kirschblütenblätter regnen auf die Ravioli

Es schneit. Es schneit weisse Blütenflocken auf Pfefferminz-Taglierini mit Lammsugo, auf Topfen-Kalbfleisch-Ravioli mit frischen Kräutern, auf Tisch und Stuhl. Ein leichter Frühlingswind weht Wolke um Wolke von den Kirschbäumen in die Gartenbeiz. Am liebsten würde man sich im Sonneck in Alliz, unter den sonnenverbrannten Hängen des Vinschgau, einschneien lassen. Mit hauchdünner Pasta oder deftiger Lammschulter, mit Weissburgunder und dunklem Lagrein bekommen wir eine hervorragende Lektion in Vinschger Lebensart verpasst, ein schönes Verbandeln von italienischer Leichtigkeit und alpenländischer Erdenschwere.

www.gasthaus-sonneck.it, auf der Sechstagewanderung Müster-Meran

Juni: Wenn schon schräg, dann aber richtig

Dem Glücklichen schlägt hier keine Stunde, hier ruft der Kuckuck, wann er will, aus Dutzenden von Häuschen. Kupfergeschirr und Heugabeln, ein tris­ter Elvis unter einem Holzschlitten: Kunstvoll zelebriert das Calèche, Downtown Chamonix, den Trödel. Dazwischen schmilzt auf jedem zweiten Tisch ein halber Raclettekäse unter der Wärmelampe, brutzelt dick geschnittenes Fleisch auf dem heissen Stein. Australien prostet Südamerika zu, Dänen klammern sich ans Bier, deutsche Paare baggern sich durch die französische Speisekarte, Texas braucht Nachschub, und die Schweiz sürpfelt still den dubiosen Hauswein und fühlt sich, wie es sich in einem weltberühmten Fremdenort geziemt, fremd unter Fremden.

www.restaurant-caleche.com, am Ziel der Dreitagewanderung Martigny-Chamonix

Juli: C'era una volta – an der Wiege des Prunent

In Domodossola ist er uns vor Jahren mit viel Stolz kredenzt worden, der Prunent, der Vorzeigewein des Ossola. Jetzt finden wir ihn wieder, im «C'era una volta», dieser klassischen italienischen Trattoria, nach der wir uns die Hälse schon so oft aus dem Formazza-Bus verdreht hatten: unten, unter den steinernen Bögen, die Bar, oben, mit Terrasse, die Beiz. Das Bild stimmt. Sogar die karierten Tischtücher sind da und die Sippen, die Platte um Platte aufgetragen bekommen. Roberto Garrone keltert den Prunent und dessen Brüder den Tarlap und den Ca' d'Maté im alten Haus nebenan. Neu dazu gekommen sind B&B-Zimmer. Sodass man, falls angezeigt, Küche und Keller bis in die Nacht hinein seine Referenz erweisen kann.

«C’era una volta» und B&B Ca’ d’Maté, Oira bei Crevoladossola, auf der Viertagewanderung Guttannen-Domodossola

August: Valchiavenna in Aosta

Man könnte Bauchweh kriegen, wenn man, nach ausgiebigem Herumschlendern zwischen römischen Ruinen, savoyardischer Grandezza und neuen Billigboutiquen in einer Nebengasse vor der antik-rustikal-alpinen Holzfassade des «Vecchio Ristoro» steht. Der Schein täuscht, Gott sei Dank. Der Empfang ist herzlich, das Lesen der Speisekarte ein Vergnügen, die Küche leicht und elegant, Gemüsetörtchen mit Speckmousse, mit Gerste gefüllte Sepie, geschmortes Kaninchen auf Böhnchen – jeder Gang Augenschmaus und Gaumenweide. Ob so viel Wortgewalt versinken wir jetzt lieber stumm in angenehmen Erinnerungen. Und teilen nur noch mit, dass das Aostatal eine interessante Wein­gegend ist, dass man das hier ausgiebig überprüfen kann und dass die Gastgeber auch davon viel verstehen. Sie kommen beide aus dem Valchiavenna.

www.ristorantevecchioristoro.it, am Ziel der Viertagewanderung Martigny-Aosta

September: Mare e monti

Nach Schneegestöber auf dem Murettopass sind wir in die spätsommerliche Hitze des Veltlins abgetaucht. Der schweren Bergschuhe ledig schlarpen wir hungrig durch die Gassen Sondrios und finden, oh Wunder, am Fluss Mallero Tisch und Stuhl. Die frische Brise am Fluss erinnert an Abende am Meer, der Duft aus der Küche auch. Das «Bàcaro» kocht venezianisch, Datteri, Vongole, Muscheln gefüllt und als Suppe, Baccalà natürlich. Ein vor Ort gereifter Bitto mit einer Rinde, als wärs ein alter Weiden­strunk, krönt den Ausflug ans Meer unter den steilen Veltliner Rebhängen.
«Bàcaro», Sondrio, am Ziel der Zweitagewanderung Maloja-Sondrio

Oktober: Tisch und Bett für Hergelaufene

Im dämmrigen Abendlicht lassen sich an der Tür des alten Gebäudes bei der ehemaligen Kupfermine Osterie- und Veronelli-Kleber ausmachen. Da braucht es keine Diskussion. Diskussionen gibt es auch drinnen keine, aus­gebucht ist ausgebucht. Dem Bauch zuliebe stellen wir unser Programm auf den Kopf und kommen am nächsten Abend wieder - zu Ravioli, die schon beim Hingucken fast wegschmelzen, zu glasiertem Stinco di maiale, zu lauwarmem Linsensalat und blutrotem Filetto. Inzwischen kocht das «Vecchia Miniera» nur noch für seine Pensions­gäste. Zum Glück ist es im Seitental des Valpelline ohnehin im Herbst am Schönsten, dann, wenn die Sommergäste weg sind und es auch für Hergelaufene Platz hat.

www.locandavecchiaminiera.it, auf der Viertagewanderung Martigny-Aosta

November: Nobel – den Bischöfen zuliebe

«Nehmen Sie die Zuckerwatte in den Mund und kippen Sie den Apfelessig hinterher.» Sooo exotisch haben wir uns den Besuch bei einem der besten Köche der Schweiz nicht vorgestellt. Nobel solle sie sein, die erste Übernachtung am langen Weg von Chur nach Como, von Bischofssitz zu Bischofssitz, fanden wir. Nun denn. Gottergeben machen wir, was man uns sagt. Oh Wunder, es geht. Das war beim Apéro. Und so ging es weiter, der Reigen von Glasiertem, Geeistem in Gläschen und Schälchen, von Aufge­spiesstem und Gerolltem bis zum Lollipop zum Kaffee. Und was träumt man nach einem solchen Gefunkel und Gelichter im schönen Hotelgemach? Von Haferbrei mampfenden Bischöfen auf Schloss Schauenstein.

www.schauenstein.ch, auf der Neuntagewanderung Chur-Como

Dezember: Zu Weihnachten eine Gorgonzolatorte

Der Canale Martesana zieht sich fadengerade hin, schon zwei nervige Wanderstunden lang. Es ist der 24. Dezember, aber besinnlich ist uns nicht zumute, wie wir endlich im Städtchen Gorgonzola einmarschieren. Nun sitzen wir im grossen Speisesaal, alleine mit hundert roten Weihnachtssternen. Nein, weit vorne sitzt noch einer. Eine pergamentähnliche Rolle verrät, was auf uns zukommt: ein opulentes Weihnachtsmenu. Und das für drei Gäste? Bei der wagenradgrossen, rosaroten Torte machen wir schlapp, auch wenn es ein Wunderwerk aus Gorgonzola und rosa Lachs ist. Sie verschwindet sogleich in einem proppenvollen Nebenraum. Weihnachten. Der abgrundtiefen Frage, ob wir wandern, um zu essen, oder ob wir essen, um zu wandern, stellen wir uns morgen Abend in Mailand wieder.

www.comune.gorgonzola.mi.it/dove dormire, auf der Neuntagewanderung Maloja-Mailand