PDFDruckenE-Mail

Die Röstigraben-Route

Der Röstigraben

... ist ein scherzhafter Ausdruck des schweizerischen politischen Lebens und bezeichnet einerseits den Unterschied in den Mentalitäten der Deutschschweizer und der Romands andererseits den latenten Konflikt zwischen der deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit und der frankophonen Schweiz. Die Rösti war ursprünglich das typische Bauernfrühstück der westlichen Deutschschweiz, heute ist sie ein schweizerisches Nationalgericht, das beidseits des sogenannten Röstigrabens beliebt ist (wikipedia).

„Man soll nicht von einem Röstigraben sprechen“, meinte ein älterer Bieler, „der existiere nämlich gar nicht - oder höchstens in den Medien und in den Köpfen gewisser Politiker“. Das Problem, das in seinen Augen eigentlich gar keines ist, werde von den Zeitungen unnötig aufgebauscht. Je weiter weg von der Sprachgrenze, desto krasser würde der Röstigraben dargestellt. In Biel hingegen, also mitten im „Graben“, würde man von diesen mentalitätsmässigen „Problemen“ nichts verspüren.

Ganz anderer Meinung war der Chef der Separatistengruppe „Béliers“, ein junger Bauer aus Les Breuleux, der im Rahmen einer Zürcher Universitätsstudie 2000/01 erklärte, dass der Mentalitätsunterschied zwischen Deutsch und Welsch sehr gross sei. Die Deutschschweizer hätten „des idées bloquées et strictes“; ihre Kultur habe sich seit Jahren nicht mehr verändert und ihre Angst vor Fremden sei geradezu „moyen-âgeuse“, wie das Beispiel der Asylfrage zeige. Er selber habe nichts gegen die Deutschschweizer, ausser gegen jene, die ihm ihre deutsche Sprache und Kultur aufzwingen wollten. Deshalb wolle er sich von der bernischen Bevormundung befreien und die Germanisierung des welschen Juras bekämpfen.

Gibt es den Röstigraben also doch?

Der kürzlich verstorbene Geschichtsprofessor Jean-François Bergier, der lange Zeit an der ETH-Zürich lehrte, meinte in derselben Universitätsstudie, dass er diese kulinarische Metapher gar nicht schätze und den Ausdruck für verfehlt halte, denn er betone unnötigerweise den Kontrast zwischen den beiden Sprachgruppen. Jean-François Bergier sieht denn auch eher einen Schleier als einen Graben zwischen Deutsch und Welsch. Ein Hauptproblem sei sicher die Sprache, denn sie sei das Vehikel der Mentalität und der Weltwahrnehmung. Wenn man die Sprache des anderen nicht genug verstehe, könne man auch den Menschen nicht verstehen. Noch vor dreissig Jahren habe man ihm, dem hochdeutsch Sprechenden, in Zürich fast immer auf Französisch geantwortet. Heute komme das immer seltener vor.

Das Fernsehen habe in den letzten Jahrzehnten wohl auch zur Verschlechterung des Verständnisses zwischen den beiden Landesteilen beigetragen, indem es hauptsächlich die Wahrnehmung der jeweiligen Sprachregion stärkte. Tatsächlich gäbe es aber keine welsche Identität, und wahrscheinlich auch keine deutschschweizerische. Vielmehr gäbe es eine Genfer, Waadtländer, Thurgauer usw. Mentalität. Etwas pointierter drückte sich der oben erwähnte jurassische Bauer aus: Er erkenne keine „identité romande, parce qu'on n'a aucune culture commune avec les Vaudois par exemple, qui sont des Bernois romands!“

Jean-François Bergier glaubt denn auch, dass die Probleme weniger zwischen der welschen und der deutschen Schweiz als vielmehr zwischen Stadt und Land oder der Innerschweiz („Suisse profonde“) und der äusseren Schweiz liege. Das zeigen auch die Abstimmungsresultate der letzten Jahre. Seit 2000 sind die Unterschiede zwischen Deutsch und Welsch geringer geworden, diejenigen zwischen Stadt und Land eher grösser. Dies trifft insbesondere bei neutralitäts- und sozialpolitischen Fragen zu. Als Randnotiz sei erwähnt, dass der Kanton Tessin bei aussenpolitischen Themen üblicherweise wie die Deutschschweiz - also Europa-skeptisch - bei sozialpolitischen Fragen eher wie die Romandie stimmt.

Geht der Röstigraben also bald seiner Aufschüttung entgegen?

Lassen wir die Frage einmal so stehen und begeben uns auf die individuelle Ebene: „Wenn man aus der deutschen in die französische Schweiz fährt, spürt man, dass etwas anders wird. Aber was? “, fragt Christophe Büchi in seinem 2000 erschienen Buch „Röstigraben“. Neben der anderen Sprache stelle man auch äusserliche Unterschiede fest, beispielsweise in der Kleidermode, die im Welschland weniger bunt-alternativ, dafür eleganter als in der Deutschschweiz sei. Auch der Gesprächston sei freier und lockerer. „In der Romandie spricht sich's irgendwie leichter“ (Büchi, S. 10). Dem dürften die meisten Deutschsprachigen zustimmen. Ein wichtiger Unterschied zwischen Deutsch und Welsch darf aber nicht ausser Acht gelassen werden: die Alltagskultur. „Bisweilen kann man gar den Eindruck bekommen, mental lebten die Deutschschweizer und Romands in verschiedenen Welten. Sie haben andere Prominente, andere Stars, eine andere Art von Humor - und vor allem lesen sie andere Bücher und andere Zeitungen“, meint Christophe Büchi. Anzufügen wäre noch: Und sie gucken ein anderes Fernsehprogramm. Einer der frappierendsten Unterschiede zwischen Deutsch und Welsch sei aber, gemäss Büchi, die unterschiedliche Wahrnehmung des Röstigrabens: „Während die Romands fast permanent ihre Beziehungen zur deutschen Schweiz thematisieren (müssen?), ist dies für die meisten Deutschschweizer kaum ein Thema. Die Deutschschweizer bekunden den Welschen gegenüber Sympathie, auch wenn sie den welschen Hang zum Klagen nicht kapieren“. Aufgrund ihrer geringeren Zahl fühlen sich die Welschen von den Deutschschweizern oftmals überfahren, minorisiert und in vielerlei Hinsicht benachteiligt, während letztere kein Problem im Verhältnis der beiden Sprachgruppen sehen und die Klagen der doch so liebenswerten Romands ignorieren. Sozusagen als Korrektiv zu den realen Machtverhältnissen wurde dem französischsprachigen Teil aber „lange Zeit eine gewisse kulturelle Suprematie in Bereichen der Kultur, Kommunikation und des „Savoir-vivre“ eingeräumt“. Dieser Kulturbonus sei allerdings mit der latenten Krise der Frankophonie weitgehend verschwunden.

 

Kehren wir auf die lokale Ebene des Röstigrabens zurück!

„Faut-il craindre la germanisation ?“ fragt der Neuenburger Professor Frédéric Chiffelle in seiner Studie „L'Arc jurassien romand à la frontière des langues“ zur Sprachsituation an der jurassischen Sprachgrenze im Jahr 2000. Die Befürchtungen vieler Welscher, die frankophone Seite des Röstigrabens würde durch die Einwanderung von Deutschschweizern zunehmend „verdeutscht“, seien völlig unbegründet. Vielmehr sei das Gegenteil der Fall: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nehme der Anteil der Deutschsprachigen in fast allen Gemeinden des französischsprachigen Juras ab - teilweise gar sehr drastisch. So fiel der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung in Moutier von 45% im Jahr 1880 auf 4% (2007), in Courrendlin von 53% (1888) auf 5% und in Bévilard (Vallée de Tavannes) gar von 84% (1900) auf 6% (Chiffelle, S. 34-35). Während am Ende des 19. Jahrhunderts im Bezirk Delsberg noch ein Viertel der Bevölkerung deutsch sprach, waren es 1990 noch 5 Prozent. Wer also von einer Germanisierung des welschen Juras spricht, meint wohl das 19. Jahrhundert.

Die Gründe für diesen markanten Rückgang der Deutschsprachigen sind - gemäss Frédéric Chiffelle - im wirtschaftlichen, kulturellen, geopolitischen und individual-psychologischen Bereich zu suchen. Der wirtschaftliche Aufschwung der Uhren-, Maschinen- und Schwerindustrie hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine massive Zuwanderung von Deutschschweizern in den frankophonen Jura ausgelöst. Im 20. Jahrhundert nahm der Anteil der Deutschsprachigen jedoch fast überall kontinuierlich ab. Die Wirtschaftskrisen der 1930er und 1970er Jahre trafen die Uhrenindustrie besonders heftig und stoppten die Einwanderung aus der Deutschschweiz weitgehend. Die Krisen bewirkten wohl auch eine Rückwanderung, welche durch die separatistische Agitation der Béliers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch unterstützt wurde.

Eine andere Erklärung für den statistischen Rückgang der Deutschsprachigen liegt auf der individuellen Ebene: Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer integrieren sich im allgemeinen rasch in der französischsprachigen Umgebung, nicht nur weil viele von ihnen die welsche Lebensart als erstrebenswert erachten, sondern auch weil sie die französische Sprache, ohne die sie in Beruf und Alltag nicht auskommen, im allgemeinen recht schnell lernen. Schon die zweite Generation eingewanderter Deutschschweizer ist in den meisten Fällen bestens assimiliert und erscheint deshalb in den Statistiken als französischsprachig. Umgekehrt brauchen die Romands in der Deutschschweiz einen viel grösseren Aufwand, um Deutsch zu lernen, denn sie müssen sich faktisch mit zwei Sprachen herumschlagen, dem geschriebenen Hochdeutschen und dem gesprochenen „Schwyzertütsch“. Hinzu kommt, dass viele Deuschtschweizer mit der Schriftsprache auf Kriegsfuss stehen und lieber Französisch als Hochdeutsch reden, was auch nicht zur Verbesserung der deutschen Sprachkompetenz der Romands beiträgt. Der Schritt, sich definitiv in der Deutschschweiz niederzulassen, fällt deshalb nicht leicht. Tatsächlich ist der Anteil der Französischsprachigen auf der deutschen Seite des Röstigrabens gering. Eine Ausnahme bildet die zweisprachige Stadt Biel, wo der welsche Part in den vergangenen 150 Jahren zugelegt hat.

Umgekehrt hat auch die Germanisierung des Welschlandes nicht stattgefunden - allerdings mit der gewichtigen Ausnahme des See-Bezirks im Kanton Freiburg, wo die deutsche Sprache seit dem 18. Jahrhundert allmählich nach Westen vorrückt, wobei der Vorstoss - notabene ennet der Saane - einige Sprachinseln und ein ziemlich verwirrendes Röstigrabensystem zurückgelassen hat.

Warum bewegt sich der Röstigraben nicht?

Gesamtschweizerisch blieb die deutsch-französische Sprachgrenze in den vergangenen Jahrhunderten fast unverändert, und auch in der heutigen Zeit der verstärkten Wohnmobilität bewegt sie sich kaum. Dafür sorgt vor allem das sogenannten Sprachterritorialprinzip. Dieses Prinzip, das sich in der Schweizer Rechtsprechung durchgesetzt hat, beruht auf einer klaren Abgrenzung der Sprachregionen und schützt damit nicht nur die rätoromanische und italienische Minderheit sondern auch die welsche. Das Territorialprinzip „geht von der Existenz mehr oder weniger homogener Sprachräume aus und bestimmt, dass sich die Individuen der in ihrem Sprachraum dominierenden Sprache anzupassen haben“ (Büchi, S. 293). Dies bedeutet beispielsweise, dass der Schulunterricht in einer mehrheitlich französischsprachigen Gemeinde auf Französisch und in einer deutschsprachigen auf Deutsch gehalten wird. Eltern, die jenseits des Röstigrabens wohnen, ihre Kinder aber in der eigenen Sprache unterrichten lassen wollen, müssen in vielen Fällen auf teure Privatschulen ausweichen. Dies schreckt viele Eltern ab. Das Sprachterritorialprinzip übt somit einen gewissen Zwang zur Assimilation an die vorherrschende Sprache aus, und sorgt dafür, dass sich der Röstigraben nicht so leicht verschiebt.