Die Röstigraben-Route
16 Gletscher-Tour
Vom Arnensee zur Cabane de Prarochet
Eine Etappe der Superlative, die jedes Berglerherz höher schlagen lässt! Zuerst führt der Weg über saftige Alpweiden an klaren Bergseen vorbei, dann - mit oder ohne Seilbahn - zu einem Gletscher hinauf und auf einem gesicherten Weg an tiefen Eisspalten vorbei zu einem spektakulären Aussichtspunkt und schliesslich über ein weites Karstfeld zu einer gemütlichen SAC-Hütte.
Karte Etappe 16
- Arnensee 1545 m
- Col de Voré 1918 m 1 h 30
- Col du Pillon 1546 m 1 h
- Cabane des Diablerets 2485 m 2 h 45
- Col de Tsanfleuron 2810 m 1 h 15
- Tour St-Martin 2850 m 0 h 45
- Cabane de Prarochet 2555 m 1 h 15
(Bei Benützung der Seilbahn Col du Pillon–Diablerets 3000 verkürzt sich die Wanderzeit auf 4 h 30.)
Höhendifferenz: auf: 1770 m, ab: 760 m (bei Benützung der Seilbahn: auf: 370 m, ab: 760 m)
Besonderes: Beim Überqueren des Tsanfleuron-Gletschers darf die markierte Ratrackspur keinesfalls verlassen werden (Spaltengefahr!).
Charakter
Vorerst einfache Bergwanderung, danach hochalpine Tour mit felsigen Abschnitten, einer einfachen Gletschertraversierung und der Durchquerung eines grossen Karstfeldes.Schwierigkeitsgrad: Bis Col du Pillon T2, danach T3. Der blau-weiss markierte Aufstieg vom Col du Pillon zur Cabane des Diablerets ist im obersten Teil ausgesetzt und die Überwindung eines Felsbandes erfordert die Mithilfe der Hände; die heiklen Stellen sind aber mit fixen Seilen gesichert.Der Abschnitt Tour St-Martin - Cabane de Prarochet (T3) durchquert ein teilweise wegloses, aber mit Stangen markiertes Karstgebiet; bei Nebel oder Schnee schwierige Orientierung!
Variante
Mit der Seilbahn vom Col du Pillon zur Mittelstation Cabane des Diablerets (2525 m) fahren und damit den schwierigeren und längeren Teil des Aufstiegs zur Diablerets auslassen, oder bis zur Bergstation Diablerets 3000 fahren.
Sehenswertes
- A Aussicht vom Col de Voré
- B Lac de Retaud
- C Les Diablerets mit Tsanfleuron-Gletscher
- D Aussicht vom Tour St-Martin
- E Karstfeld von Tsanfleuron
Unterkunft
- Arnensee (siehe Etappe 14)
- Cabane des Diablerets (SAC, Chaussy Aigle): Massenlager, Juli - Mitte September bewartet, Tel. 024 492 77 22
- Cabane de Prarochet (CAS, Ski-Club Savièse): Massenlager, Juli - August sowie an Wochenenden im Juni und September bewartet, Tel. 027 395 27 27
- Gsteig (abseits der Route): Hotel Bären, DZF Fr. 120 - 160, Tel. 033 755 10 33, www.baerengsteig.ch;
- Hotel Sanetsch, Tel. 033 755 10 10;
- Hotel Viktoria, DZF Fr. 160 - 196, Tel. 033 755 11 19, www.viktoria-gsteig.ch.
- Les Diablerets/Ormont-Dessus: mehrere Hotels (siehe www.diablerets.ch)
Verpflegung
- Arnensee (siehe Etappe 14)
- Col de Voré: Chalet Vieux, Alpwirtschaft (nur im Sommer geöffnet)
- Lac Retaud: Restaurant du Lac Retaud
- Col du Pillon: Restaurant du Col du Pillon
- Cabane des Diablerets (CAS)
- Diablerets 3000: Restaurant Botta 3000 (Gipfelrestaurant)
- Tour St-Martin: Refuge l'Espace, Quille du Diable (unregelmässig geöffnet)
- Cabane de Prarochet (CAS)
Öffentlicher Verkehr
- Arnensee (siehe Etappe 14)
- Col du Pillon: Postauto nach Gstaad und Ormont-Dessus (Les Diablerets)
- Seilbahn in 2 Sektionen zur Bergstation Les Diablerets 3000
Information
- www.gstaad.ch
- www.gsteig.ch/tourismus
- www.diablerets.ch
Karten
1:50'000 262T Rochers de Naye, 272T St-Maurice, 273T Montana
Literatur
Christian Gnägi: Karstlandschaften und Schauhöhlen der Schweiz, Spezialwanderführer, Ott-Verlag und hep Verlag AG, Bern 2008.
Emmanuel Reynard: Valorisation géotouristique du karst de Tsanfleuron (Valais), in: Lugon R. (Ed.): Gestion durable de l'environnement karstique, Réunion annuelle de la SSGm 2004. Institut universitaire Kurt Bösch, Sion 2006.
Die Tour
Eigentlich müssen wir früh aus den Federn, denn der Weg nach Tsanfleuron ist weit. Doch das Haus am Arnensee öffnet seine Wirtsstube erst um 8 Uhr. Kein Problem, meint der Wirt, wir bieten auch einen Self-Service am Kaffeeautomaten. So schlürfen wir denn unseren Kaffee in der Morgendämmerung und machen uns zu früher Stunde auf den Weg. Dem waldigen Ostufer entlang geniessen wir die wunderbare Morgenstimmung über dem spiegelglatten See. Einzig der öde Uferstreifen trübt unsere Freude ein bisschen – dieser graue Augenring, der sich halt fast immer um die Stauseen bildet!
Am südlichen Ende des Sees steigen wir auf einem markierten Karrweg einem Bach entlang zum Seeberg empor, schauen noch ein paar Mal zum glänzenden Auge im Morgenlicht zurück und gelangen schliesslich auf eine hügelige Höhe, wo uns das nächste Kleinod erwartet: ein dunkelblaues Seelein inmitten einer rot-braunen Moorlandschaft. Eine Trockenmauer führt direkt auf das Seelein zu, bricht ab und führt seinen „Lauf“ auf der anderen Seite des Gewässers wieder weiter. Das Mäuerchen markiert den Röstigraben und die Kantonsgrenze zwischen Bern und Waadt. Es ist aber viel zu niedrig, um als Grenze wahrgenommen zu werden.
In wenigen Minuten stehen wir auf dem Col de Voré (1918 m) und geniessen die Aussicht auf das pyramidale Oldenhorn und die eisgepanzerten Diablerets. Dort hinauf soll es also noch gehen! Vorerst aber geht's abwärts, falls wir nicht einen Halt im Chalet Vieux gleich nebenan eingeplant haben. Der Abstieg zum Lac Retaud (1692 m) ist angenehm und wie der Name sagt, erwartet uns schon wieder ein See. Er ist zwar kaum grösser als derjenige auf dem Col de Voré, aber weitaus bekannter, denn an seiner Seite steht eine urchige Alpwirtschaft und auf seinem Wasserspiegel kann man Ruderboot fahren. Im Sommer sind seine Gestade mit badenden und picknickenden Ausflüglern bevölkert, denn eine Naturstrasse führt bis an den Rand des Sees. Im Herbst aber ist es ruhig hier oben. Wir trinken einen Kaffee auf der Terrasse und studieren den Aushang: Méringues chantilly avec glace, Coupe trois fruits, Fraises avec crème, Confiture maison à vendre / zu verkaufen, Liqueurs maison à vendre. Ein Likör für den Aufstieg auf die Diablerets? Gar nicht schlecht, wenn man sich die dunkle Wand gleich gegenüber anschaut. Oder sollen wir doch lieber mit der Seilbahn hochfahren?
Doch zuerst müssen wir zum Col du Pillon (1546 m) hinunter steigen, wo uns ein riesiger Parkplatz und ein Betonungetüm, das als Talstation der Diablerets-Seilbahn dient, erwarten. Ziemlich klein daneben steht ein älteres Wirtshaus, das irgendwie nicht in die Welt des modernen Massentourismus passt, aber halt immer noch da ist und vor einigen Jahren auch renoviert wurde.
Wer sich für die Nordvariante der Berner Alpen via Gsteig - Lauenensee - Iffigenalp entschieden hat, verlässt hier die Normalroute und wandert auf der Strasse und später auf einem Wanderweg nach Gsteig hinunter (Routenbeschrieb siehe Seite ...). Wer jedoch die Walliser Route vorzieht, muss nun die Entscheidung fällen, ob er oder sie mit der Seilbahn auf die Diablerets fahren oder den abwechslungsreichen Aufstieg unter die Füsse nehmen möchte. Der Bergweg ist allerdings nicht wie üblich weiss-rot sondern weiss-blau markiert, was soviel wie Alpine Route bedeutet und ein gewisses Mass an Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraussetzt. Davon ist im unteren Teil jedoch noch nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Der Wanderweg führt über Alpweiden und durch lichtes Lärchengehölz allmählich steiler werdend zu den Geröllfeldern hinauf, die sich unterhalb einer Felswand ausbreiten. Schauen wir zurück, so sehen wir rechts das grüne Tal von Gsteig, unter uns den Col du Pillon mit der Seilbahnstation und auf der linken Seite das Tal von Ormont-Dessus mit der lockeren Siedlung von Les Diablerets und etwas weiter hinten die kleinen, aber markanten Gipfel Tour d'Aï und Tour de Mayen oberhalb von Leysin. Der Blick voraus zeigt eine senkrechte Felswand, die nur mit Kletterausrüstung und dank einem Klettersteig überwunden werden kann. Doch unser blau-weisser, teilweise mit Stahlseilen gesicherter Bergweg führt nach rechts und traversiert das Geröllfeld leicht ansteigend. Sobald wir die Geländekante zum abgerundeten Tobel Le Dar erreicht haben, weisen mehrere rote Pfeile eindeutig nach links, hangaufwärts, wohin auch die fixen Seile führen. Auf dem gesperrten Weg geradeaus würden wir ins Trogtal des ehemaligen Dar-Gletschers gelangen und schliesslich vor einem unbezwingbaren Felsband stehen. Der auf alten Landeskarten noch eingezeichnete Glacier du Dar besteht heute nur noch aus ein paar kleinen Firnfeldern unterhalb der Diablerets-Bergstation und aus Toteis, das unter dickem Geröllschutt liegt. Wir folgen also den weiss-blau-weissen Markierungen über Geröllschutt bergan, steigen mit Hilfe von Eisentritten und Fixseilen über ein Felsband und erreichen gleich danach die Cabane des Diablerets (2485 m). Die SAC-Hütte ist im Sommer und teilweise im Frühherbst bewartet und bietet zur Mittagszeit eine ausgezeichnete Rösti. Das ist kein Zufall, denn der Röstigraben liegt nur wenige hundert Meter neben der Hütte. Wer Glück hat, kann beim Mittagessen gar noch junge Steinböcke beobachten, die sich manchmal auf dem Geröllfeld vor der Cabane herumtreiben.
Die Fortsetzung des Weges zum Diablerets-Gletscher hinauf ist nach wie vor blau-weiss markiert, stellt aber keine besonderen Probleme mehr. Diese Strecke wird sogar für den Diablerets-Berglauf benutzt. Im oberen Teil führt der Weg unmittelbar am Rand des Glacier du Sex Rouge entlang, bevor man den Gletscher schliesslich beim unteren Ende der Sommerrodelbahn betritt. Als ob der Gletscher an sich nicht schon spektakulär genug wäre, wurde noch eine zusätzliche Attraktion auf den Berg gestellt: eine Art Achterbahn auf Eisenstangen, die in den Permafrostboden gesteckt wurde. Anstatt zu Fuss die Gletscherwelt zu entdecken, rattert man mit kleinen Wägelchen den ausgeaperten Hang hinunter - und mit der Sesselbahn wieder hinauf. Eigentlich sind die Wanderer für diesen Lift nicht vorgesehen, in Ausnahmefällen dürfen sie aber trotzdem zur Bergstation der Diablerets-Bahn hinauffahren. Dort gibt es einen bunkerartigen Betonbau zu besichtigen, der von einem Tessiner Stararchitekten erstellt wurde und dessen Restaurant den Namen Botta 3000 trägt. Wer noch höher hinaus will, steigt auf einer steilen Treppe zur Plattform Sex Rouge (2971 m) hinauf. Hier oben ist das Panorama umfassend und auch bei schlechtem Wetter dank grossen Panoramatafeln nachvollziehbar.
Zurück bei der Bergstation, erkundigen wir die Route über den Diablerets-Gletscher, der eigentlich Glacier de Tsanfleuron heisst. Mit Pistenpräparierungsmaschinen, den so genannten Ratracs, wird im Sommer eine permanente Route über den Gletscher zum Tour St-Martin offen gehalten. Wer sich an diese Ratrac-Spur hält, kommt sicher ans Ziel. Ein Verlassen der Wegspur ist wegen der Spaltengefahr aber dringend zu unterlassen. Auch wer nicht zur Bergstation hochgestiegen ist, findet eine Ratrac-Spur vom Col de Tsanfleuron (2810 m) zum Quille du Diable, wie der Tour St-Martin auf dem Tourismusprospekt heisst. Bis vor einigen Jahren wurde auf dem Diablerets-Plateau auch im Sommer skigefahren. Dies sei nun vorbei, erklärte ein Angestellter der Diablerets-Bahnen, nicht etwa weil der Gletscher zu stark abgeschmolzen sei, sondern weil im Sommer zu wenig Schnee falle, um einerseits die Pisten zu präparieren und andererseits die offenen Gletscherspalten zuzuschütten. Die Klimaerwärmung bewirkt eben nicht nur im Winter ein Ansteigen der Schneefallgrenze sondern auch im Sommer. Hinzu kommt die abnehmende Beliebtheit des Sommerskifahrens in der Schweiz. Dies alles hat schliesslich dazu geführt, dass die Diablerets-Bahnen in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten gerieten und 2005 nur durch drei neue, potente Besitzer gerettet werden konnten.
Der Felsklotz Tour St-Martin (2850 m) ist schon von Weitem zu sehen, und er ist auch das Ziel vieler Ausflügler, die sich zu Fuss oder per Ratrac-Transporter auf den Weg über den Gletscher machen. Dabei überschreiten wir die Kantonsgrenze und bewegen uns nun - abgesehen von einer bernischen Ausnahme - bis ans Ende der Wanderung im Kanton Wallis. Wie ein schwarzer Obelisk steht der Quille du Diable (der Teufelskegel) direkt am Abgrund über dem Talkessel von Derborence, wo vor bald dreihundert Jahren ein Bergsturz eine ganze Alp vernichtete.
Am 23. September 1714 löste sich ein grosser Teil der Felswand unterhalb des Diableretsgletschers und stürzte auf die Alp Derborence hinunter, wo 55 Alphütten verschüttet wurden und 14 Menschen ihr Leben verloren. Nur fünf Personen überlebten die Katastrophe. Im Jahr 1749 stürzte erneut eine gewaltige Felsmasse vom Glacier des Diablerets zu Tal und begrub 40 Alphütten. Doch diesmal kamen keine Menschen zu Schaden, da die Hirten das Unglück kommen sahen und sich und ihre Tiere rechtzeitig in Sicherheit brachten. Bei diesem zweiten Felssturz wurde der Derborence-See aufgestaut. An den Ufern des Sees und auf den Geröllhalden hat sich seither der jüngste Urwald der Schweiz herausgebildet. Aufgrund der schlechten Erreichbarkeit von Derborence und dem Fluch, der über dem Tal lag, wurde der aufkommende Wald kaum genutzt. Die Menschen des 18. Jahhunderts hielten den Bergsturz für ein Werk des Teufels und bezeichneten in der Folge die für das Unglück verantwortlichen Berge „Les Diablerets“ („Die Teuflischen“). Im Jahr 1934 schrieb der Waadtländer Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz den Roman „Derborence“, in dem er über die Naturkatastrophe und die Überlebenden von 1714 berichtete. Das Buch wurde 1985 von Francis Reusser verfilmt. 1961 kaufte der Schweizerische Naturschutzbund (heute Pro Natura) die Urwaldflächen um den Derborence-See und stellte sie unter Naturschutz.
Wir kehren der Unglücksstätte den Rücken, verlassen den Tsanfleuron-Gletscher und den Quille du Diable und betreten eine neue Welt, die noch unwirklicher als die vergletscherte von vorhin aussieht. Vor uns dehnt sich ein riesiges Karstfeld aus, das bis zum Sanetschpass hinunter reicht. Wie eine gepanzerte Elefantenhaut mit Rillen und Falten, Löcher und Gräben liegt das Lapis de Tsanfleuron vor uns. Der hellgraue Karst bietet nirgends Platz für eine Pflanze oder gar ein Stück Wiese. Nur Fels und Stein, so weit das Auge reicht. Die einzigen Farbtupfer sind die roten Markierungsstangen und die rot-weissen Wegzeichen, die uns auf dem richtigen Pfad halten. Bei schönem Wetter kann man auch „querfeldein“ über die Steinwüste wandern und dabei immer die Cabane de Prarochet im Auge behalten. Bei schlechter Sicht und Nebel sollte man sich von einem Wegzeichen zum nächsten vortasten und unbedingt auf der markierten Route bleiben, um nicht unnötige Umwege in Kauf zu nehmen oder sich gar zu verirren. Nach der langen Tagesetappe sind wir froh, die Cabane de Prarochet (2555 m) zu erreichen und ein feines Abendessen zu verspeisen. Vorsicht: Die Hütte ist nur im Juli und August regelmässig bewartet.


