Die Röstigraben-Route
6 Über drei Hügel ins urbane Biel
Von Harzer/Pré Richard nach Biel/Bienne
Über Berg und Tal geht es dem Mittelland und der Stadt Biel entgegen. Dabei wechseln wir mehrmals die Sprachgrenze. Von den Jurahöhen können wir bei klarem Wetter das ganze Alpenpanorama geniessen - und dies zwischendurch gar von einer Gartenterrasse aus.

Sattgrüne Wiesen, dunkle Tannenwälder, Einzelbäume und da und dort ein Bauernhof - so stellen wir uns die typische Juralandschaft vor und so sieht sie zu Beginn unserer Wanderung auch aus. Hinzu kommt der weite Himmel und ein paar weisse Cumulus-Wölkchen, die sich im Laufe des Tages über den Jurakämmen bilden.
Das Wandern wird hier wahrlich zum Vergnügen, denn schon beim Hotel Harzer (1247 m) wird das geteerte Fahrsträsschen von einem gemergelten Feldweg abgelöst, der in sanft geschwungenen Kurven über den breiten Rücken des Montoz führt. Vor uns, in nicht allzu weiter Ferne, erblicken wir den Chasseral mit seinem markanten Sendemast und widerstehen der Verlockung, immer weiter über die Jurakreten bis nach Genf zu wandern. Kurz vor der Bergerie, was im Berner Jura nicht „Schafstall“ sondern „Berghof“ bedeutet, taucht bei der Höhenkote 1162 die Abzweigung nach links zum Unteren Bürenberg auf. Der „Röstigraben“ macht hier einen Schwenker Richtung Mittelland, dem wir auf einem Strässchen zur Anhöhe des Oberen Bürenbergs hinauf folgen. Im Sommerhalbjahr ist auch dieser Hof, der knapp neben unserer Route steht, eine Bergwirtschaft, und man fragt sich allmählich, ob es im Jura überhaupt einen landwirtschaftlichen Betrieb gibt, der keine Getränke ausschenkt.
Der Wegweiser auf der Anhöhe zeigt quer über die Weide zum Waldrand hinunter, wo die Fortsetzung des Weges durch den Wald aber nicht leicht zu finden ist. So ist es einfacher, das vom Unteren Bürenberg herauf kommende Strässchen zu benutzen. Dieses führt vorerst ostwärts zum Wald, dann in einer scharfen Rechtskurve nach Westen. Ungefähr 500 Meter nach der Kurve trifft man wieder auf den abkürzenden Wanderweg, der nun ein Stück weit der Strasse folgt, bevor er links abzweigt und direkt zur Bergwirtschaft Unterer Bürenberg (956 m) hinunter führt. Es sieht ziemlich einsam aus, in diesem abgelegenen Tälchen. Die Weiden des stattlichen Hofes sind ringsum von Wald umgeben. Das nächste Dorf (Péry) ist sieben Kilometer entfernt. Der obere Teil des schmalen Tals gehört zum Kanton Solothurn, der untere zum Berner Jura und der Südhang heisst oben Falleren und unten La Vallière.
Wir stechen von der Bergwirtschaft zum Talboden hinunter, überqueren die Weide beim alten Brunnen (Jahrgang 1775), steigen auf einem knapp markierten Wiesenweg schräg zum Vallière-Wald hinauf, durchqueren den Wald und gelangen auf den breiten Rücken der Montagne de Romont (1120 m). Auch hier verspürt man wieder dieses Jura-Feeling: die frei weidenden Pferde, die mächtigen Tannen und der weite Himmel! Daneben gibt es aber auch intensiv genutzte Heuwiesen und für die hungrigen Wanderer eine Bergbeiz mit den grössten Kotelettes nördlich der Alpen.
Wir könnten nun auf dem Jurahöhenweg durch die Ferienhaus-Siedlung des Romonter Bergs nach Plagne und Frinvillier hinunter wandern und durch die Taubenlochschlucht - falls sie geöffnet ist - nach Biel-Bözingen gelangen, ziehen aber die direktere Route der Sprachgrenze entlang nach Romont und über den Bözingenberg vor. Beim Wegweiser der Kreuzung unterhalb der Bergwirtschaft wählen wir den markierten, aber nur schlecht erkennbaren Pfad über die Weide, steigen den Wald hinunter und geniessen am oberen Rand einer steilen Trockenwiese die Aussicht auf Romont, das Mittelland und die schneebedeckten Berner Alpen. Der weitere Abstieg ins trockene Synklinaltal La Combe, das bei der Jurafaltung gebildet wurde, ist kurz und der Aufstieg nach Romont (BE) (750 m) ebenfalls.
Das Dorf thront quasi als französischsprachiger Aussenposten am östlichen Ende des Bözingenberges. Noch sind die Welschen im 200-Seelen-Dorf in der Mehrheit, doch mit über 40 Prozent bilden die Deutschsprachigen eine gewichtige Minderheit. Und diese Minderheit dürfte in den nächsten Jahren noch zulegen, denn am Südfuss des Bözingenbergs und seines östlichen Ausläufers liegen die grossen deutschsprachigen Gemeinden Pieterlen, Lengnau und Grenchen. Die schöne Wohnlage und die kurzen Arbeitswege verlocken nicht wenige Bewohnerinnen und Bewohner des Aaretals, ihren Wohnsitz nach Romont zu verlegen, zumal die kleine Gemeinde auf dem „runden Berg“ - „Romont“ wird aus dem lateinischen „rotundus mons“ hergeleitet - günstiges Bauland und zahlbare Mietwohnungen bietet. Traditionellerweise hat sich Romont jedoch nicht zum Aaretal sondern nach Westen zum Berner Jura ausgerichtet. Es gehört seit 1841 zum französischsprachigen Amtsbezirk Courtelary - vorher zum deutschsprachigen Bezirk Büren - und die einzige Busverbindundung führt über Vauffelin nach Biel und nicht ins nahe gelegene Lengnau oder Grenchen.
Wir steigen vom grossen Parkplatz in der Dorfmitte am Restaurant Communal und mehreren alten Bauernhäusern vorbei Richtung Bözingenberg/Montagne de Boujean. Bald liegt das kleine Dorf hinter uns und auch die Viehweiden machen für kurze Zeit dem Wald Platz. Auf der Höhe von La Joux sind es wieder Rinderweiden, wobei man zeitweise den Eindruck bekommt, die Tiere würden der Verbuschung und Verwaldung nicht Meister werden. Obwohl wir nun zuoberst auf dem Rücken des Bözingenbergs wandern, sehen wir kaum etwas vom Mittelland und den Alpen, denn ein grosser Wald verdeckt uns die Sicht nach Süden. Die Bergerie (928 m) umgehen wir nordseitig, tauchen nochmals in den Nadelwald ein und kommen beim Austritt aus dem Wald endlich in den Genuss der prächtigen Aussicht auf die Alpenkette. Dieses Aussichtserlebnis wird auf der grossen Sonnenterrasse des Kurhauses Bözingenberg (928 m) gar noch gesteigert, denn nun ist auch die Sicht nach Westen frei. Vor uns breitet sich die Stadt Biel, der Bielersee mit der Petersinsel, das Seeland und dahinter im Dunst der Neuenburger- und der Murtensee aus. Dass wir uns auf dem Bözingenberg (französisch: Montagne de Boujean) ziemlich genau auf der Sprachgrenze befinden, merken wir nicht nur an der mehrsprachigen Gästeschar sondern auch am kulinarischen Angebot, das im Standartmenu mit einem Teller „Röstigraben“ aufwartet. Der „Graben“, der auch hier keiner ist, wird durch eine Kalbsbratwurst dargestellt, die in einer braunen Zwiebelsauce schwimmt und die Rösti in zwei Hälften teilt. Sowohl die Rösti wie die Bratwurst schmecken ausgezeichnet.
Für den Abstieg nach Biel-Bözingen gibt es mindestens vier Varianten: drei Wanderwege und die geteerte Zufahrtsstrasse. Wir haben uns für die östlichste und direkteste Route entschieden. Nachdem wir einige Meter auf dem Strässchen ostwärts gegangen sind, zweigen wir nach der Rechtskurve links ab in einen schmalen Wanderweg, der schräg abwärts durch den steilen, felsdurchsetzten Vorbergwald direkt in den Bieler Stadtteil Bözingen (446 m) führt. Wir überqueren die Schüss-Brücke und gleich danach die viel befahrene Solothurnstrasse. Noch vor dem Tea Room Buschang verlassen wir die Autostrasse Richtung Renfer-Park und folgen dem renaturierten Flüsschen Schüss (französisch Suze) auf Quartierwegen, an neuen, familienfreundlichen Wohnsiedlungen und Pärken vorbei bis ins Zentrum von Biel/Bienne (434 m).


