Buchumschlag Grenzschlängeln

Bücher zur Region


Materialien

PDFDruckenE-Mail

Reportagen

Die Wochenzeitung; 31.03.2005; Nr 13, Beilage Reisen

Wandern an den Grenzen

«Das Wanderbuch «Grenzschlängeln» wird ein Klassiker», schrieb die WOZ 1995. Zum Frühlingsbeginn 2005 ist die vollständig überarbeitete 5. Auflage erschienen. Autorin und Autor stellen sich Fragen zu Gepäck, Geranten und Grenzen.

Ursula Bauer, Jürg Frischknecht

Was hat uns bloss vor zehn Jahren dazu getrieben, unsere Wandererfahrungen in die Welt hinauszuposaunen? Zuvor waren wir mit unserem zweisamen Wanderglück ja auch ganz zufrieden. Nun, der Sündenfall ist passiert. Mehr noch: Es kam sogar zu Wiederholungstaten. Zur Strafe müssen wir seit zehn Jahren damit rechnen, Grenzschlängelnden zu begegnen. Auch in den unpassendsten Momenten.

An diesem heissen Augustnachmittag sitzen wir wie lahme Fliegen am Waldweg Richtung Chiareggio zuoberst im italienischen Valmalenco. Gemäss den Wanderzeiten im eigenen Buch müssten wir längst am Etappenziel am Fusse des Muretto sein.

Prompt nähern sich zwei Wanderinnen. Auch nicht im Sauseschritt. Ob der Kelch vorüberzieht? «Salve», verstecken wir uns hinter einem Brocken Italienisch. Es nützt nichts. Ob wir auch am Grenzschlängeln seien? Schweizerdeutsch. Ob wir auch viel mehr Zeit bräuchten als von Bauerfrischknecht angegeben?

In flagranti ertappt, bleibt die Flucht nach vorn. Ja, wir hinken bedenklich hinter unserer eigenen Zeit her. Und ja, wir haben damals von einem schnellen Rekognoszierungsgang miserabel auf Normalzeit umgerechnet.

Der Kitzel des Illegalen

Später, vor dem Albergo Chiareggio, ist die Welt wieder in Ordnung. Die drei Pinien spenden Schatten, rundum warten Italiani auf das Abendessen. Wir strecken die Beine und geniessen ein kühles Bier. Und das Leben als Voyeure. Was entspannt mehr als der Klatsch anderer Leute?

Am Nebentisch nimmt ein Paar in unserem Alter Platz. Er beugt sich tief über die Landeskarte «Monte Disgrazia», sie blättert in einem uns wohlbekannten Wanderbuch. «Unglaublich», referiert es Berndeutsch. «Da ist doch tatsächlich eine Gruppe des Club Alpino Italiano auf einen eidgenössischen Zollposten geschleppt worden, weil sie die Schweiz über einen nicht erlaubten Grenzpass betreten hat.» Und nach einer langen Pause: «Wie ist das wohl morgen am Muretto?»

Gefasst genehmigen wir uns einen nächsten Schluck. «Vermutlich sind Bauerfrischknecht nur auf die Idee mit diesem Grenzschlängeln gekommen, weil sie den Kitzel des Illegalen brauchen.»

Zu viel der Ehre. In drei Jahrzehnten sind wir bei hunderten von «illegalen» Grenzübertritten ein einziges Mal von einem Schweizer Grenzwächter angehalten worden. Wohl, weil wir vom Schnapsparadies Livigno her ins Puschlav schlängelten. Ohne unsere Rucksäcke weiterer Blicke zu würdigen, fuhr er uns kurzerhand im Dienstwagen vor das nächste Albergo.

Mittlerweile interessieren sich Grenzwächter nicht mal mehr zwei Blicke lang für uns Nichtasylanten. Sogar, wenn wir zwischen Lugano und Luino durch ein bodennahes Loch im Gsrenzzaun kriechen (siehe «Grenzschlängeln»-Etappe 19). Abenteuerwandern. Sollte irgendwann doch eine Verbotstafel im Weg stehen, fesselt bestimmt ein hübscher Gipfel hoch am Gegenhang unsere Aufmerksamkeit.

«Müssen wir morgen auf dem Murettopass hinauf in die Berge schauen?» Der Abendessengong übertönt fast die gemurmelte Antwort: «Das ist so oder so nicht falsch.»

Fragen über Fragen

«Was haben sich Bauerfrischknecht gedacht?», lässt uns zwar aufhorchen, aber längst nicht mehr aufjucken. Wenn sich zwei im Postauto vor uns über die Übernachtungsadresse von vorgestern streiten. Oder darüber, ob man vor den schrecklichen Frühstücksbuffets in Italien nicht warnen müsste, zu viele Fette, zu wenig Ballaststoffe. Und überhaupt: wieso die beiden immer so viel essen - und trinken.

Heikler wird es, wenn uns eine besorgte Beizerin bittet, den beiden Autoren doch mitzuteilen, dass Gäste von ihr dank «dem Buch» schon fast zu Tode gestürzt seien. (Dabei empfahlen wir bei dieser Route Karte und feste Bergschuhe und nicht bloss «Grenzschlängeln» und Sandalen.)

Im Speisewagen von Bellinzona bis Arth-Goldau hingegen hat das Mitlauschen Spass gemacht, weil sich das Quartett am Nebentisch weder über das angemessene Rucksackgewicht noch über Nötiges und weniger Nötiges einigen konnte. Muss man den dicken Schwarten mittragen oder soll man ihn auseinander reissen? Und: Reden die wohl immer so viel, wie sie glauben schreiben zu müssen?

Immer noch Fragen?

Folgt «Grenzschlängeln» nach zehn Jahren noch immer der gleichen Route?

In aller Bescheidenheit: Die Route ist gut. Einige wenige Etappen haben wir den neuen - fast durchwegs besseren und interessanteren - Wegverhältnissen angepasst. Die Etappenorte sind alle geblieben.

Ihr seid völlig auf Grenzen fixiert. Weshalb?

Ursprünglich ganz einfach, weil hier weniger Volk unterwegs war. Noch vor wenigen Jahren gab es kaum grenzüberschreitende Wegweiser. Später faszinierte uns zunehmend, dass man im Grenzgebiet der Geschichte nahe ist. Bis vor anderthalb Jahrhunderten wurde über Grenzpässe das Vieh auf die Alpen oder zum Schlachthof in Mailand getrieben. Oder man säumte Wein, buckelte lebensnotwendige Waren und besuchte die Nachbarn. Bis die Nationalstaaten erfunden wurden und damit ein neues Delikt (aber auch eine neue Verdienstquelle): der Schmuggel.

Heute macht man mit dem Auto die grössten Umwege, um den neuen Lebensadern entsprechend von unten zu den hoch gelegenen Dörfern zu fahren. Während wir in einem Tag von Macugnaga nach Alagna wandern, legen Autofahrer unten herum 160 Kilometer zurück.

Nehmt ihr Grenzen überhaupt noch wahr?

Oh, ja. Wir sind immer wieder fasziniert, wie nahe der Schweiz man in ganz andere Welten eintaucht. Und wir glauben fest, dass es schon ganz oben in den Bergen Italiens südlicher riecht und das Licht anders ist.

Sind die Grenzen heute durchlässiger?

Besonders erfreulich ist die Entwicklung beim öffentlichen Verkehr. Bereits seit 1997 wendet das Bergeller Postauto nicht mehr an der Schweizer Grenze, sondern bedient auch das italienische Bergell bis nach Chiavenna. Sieben Mal am Tag das ganze Jahr. Ebenso selbstverständlich sind die Busse geworden, die zwischen Como und Chiasso pendeln oder Lugano mit Menaggio verbinden. Und ab dem 5. Mai fährt das Münstertaler Postauto bis nach Malles/Mals. Von wo nach langem Unterbruch wieder die Eisenbahn nach Meran fährt. Ein klein wenig der Hauch eines neuen Europas. Dazu kommt, dass es dank Internet einfach geworden ist, lokale Fahrpläne auch im Ausland zu finden. Erst so haben wir zum Beispiel realisiert, dass der bequemste Weg nach Varenna der Bus von Lugano nach Menaggio und dann die Fähre über den Comersee ist. Die andere Seite der Mobilität ist, dass man von Zürich aus einen Tagesausflug nach Meran machen kann, fünf Stunden Aufenthalt inklusive.

Aber ihr wandert ja vor allem. Was ist mit den Wegen?

Die sind auf guten Wegen. Natürlich wird auch ab und zu eine weitere Strasse geteert, oder wir kriegen Wutanfälle ob wilden Erschliessungsstrassen. Aber alles in allem ist die Bilanz positiv, wandern gilt wieder was. Referenzpunkt ist nicht mehr einfach der höchstgelegene Parkplatz. Historische Wege werden revitalisiert, ViaStoria wird zum Markennamen. Ein Beispiel: Bald soll auch der «Schmuggelweg» von Soglio hinüber zum italienischen Maiensäss Somasaccio wieder begehbar sein - angekündigt ist das seit Jahren.

Ein Loblied nach dem andern?

Noch eins. Etliche ehemalige Zöllnerkasernen der Italiener sind vor wenigen Jahren zu Hütten umgebaut worden, zum Beispiel an der Grenze zwischen Tessin und Italien die beiden Rifugi bei den Pässen San Jorio und San Lucio. Schwerter zu Pflugscharen, Festungen zu Festhütten - oder so ähnlich.

Was tut sich sonst noch bei den Hütten und Palästen?

Die Wirte und Geranten wechseln rascher als die Wege. Wäre uns das vor zehn Jahren bewusst gewesen - wer weiss, ob wir so versessen angenehme Adressen beschrieben hätten. Alles in allem gibt es an unserer Route heute mehr Übernachtungsmöglichkeiten. Bed and Breakfast, Gîte rurale, Agriturismo, neue Berghäuser, gediegene Palazzi.

Und wie erfahren wir all das?

Statt Änderungen bis zur nächsten Auflage in die Schublade zu legen, stellen einige Wanderbuchautoren des Rotpunktverlags diese umgehend ins Netz bei www.wanderweb.ch, damit sie alle Interessierten ausdrucken können. Umgekehrt können Wandernde Neuerungen in ein Forum einspeisen.

Wo können wir motzen?

Ebenda.

Um eine letzte Frage kommt ihr nicht herum.

Wir kennen sie, es ist die meistgestellte: die Wanderzeiten. Eine kleine Gegenfrage. Wie viel Gewicht schleppt ihr auf einer Grenzschlängeltour mit euch? Wir schätzen etwa eine halbe Bricolla, eine halbe Schmuggellast, also fünfzehn bis siebzehn Kilogramm.

Die Frage ist nicht beantwortet. Schafft ihr die eigenen Zeiten noch?

Im Prinzip ja (siehe weiter oben). Aber nur, weil wir immer rigider mit unserem Gepäck umspringen. Längst vorbei die Zeiten, wo noch das nette Röcklein und die eleganten Schuhe fürs Restaurant mitgetragen wurden. Wir sparen auch beim Picknick - eine Win-win-Situation für Rucksack und Bauch. Und die Vorfreude aufs Abendessen wächst so im Laufe des Tages zu einer Riesenfreude an, jeden Tag von Neuem. Unsere Gepäckliste ist übrigens kein Geheimnis, sie wird ohnehin herumgeboten: www.wanderweg.ch/rucksack. Allerdings fehlen in dieser Liste die Bücher und Broschüren, die wir unterwegs in Dorfläden oder Tourismusbüros kaufen und über die Pässe schleppen. Bei einer Umrundung des Valle Maira waren es am Schluss elf Kilo. Nicht mitgerechnet die Weinflasche aus der lokalen Enothek, die Leberwurst und der Wildschweinschinken. Kein Laster ohne Lasten.