Bücher zur Region
Materialien
- Buchkritik vom Nebentisch
Zur vollständigen überarbeiteten 5. Auflage von Grenzschlängeln stellen sich Autorin und Autor Fragen zu Gepäck, Geranten und Grenzen. WoZ, 31.März 2005 - Ausrüstungsliste
Grenzschlängeln
Val da Camp - Poschiavo 8 h 30
»Halbe Portionen«: bloss ein Drittel bricolla
Zwischen zwei alten Schmugglerpässen ein überraschender Kirchgang - mit Gepäck, das nur ein Drittel einer Schmuggellast wiegt.
Wanderzeiten
| Ort | Höhe | Dauer |
| Val da Camp (Lungacqua) | 1985m | |
| Pass da Sach (Sacco) | 2731m | 2h |
| Malghera | 1937m | 3h 45min |
| Forcola di Sassiglion | 2542m | 5h 30min |
| Poschiavo | 1021m | 8h 30min |
Höhendifferenz:
Aufstieg 1300 m, Abstieg 2300 m
Karten:
LK 1:50'000 Blatt 269 Berninapass und 279 Brusio (nur für einen kleinen Teil des Abstiegs nach Poschiavo)
Unterwegs
Malghera:
während der Alpzeit Übernachtungsmöglichkeit (Matratzenlager) und Bar (kein Telefon).
Etappenort Poschiavo (Vorwahl CH-081)
Gute Auswahl an Hotels. Einige Vorschläge:
Garni Semadeni (direkt an der Piazza), DZ 76-100 Fr., Tel. 844 07 70
Altavilla (oben im Dorf, ruhig gelegen), DZ 110-120 Fr., Tel. 844 01 67
Albrici (direkt an der Piazza, mit einem wunderschönen alten Eckzimmer), DZ 85 Fr., 844 01 73.
Zwei Vorschläge für Le Prese:
****Le Prese, DZ 272-300 Fr., Tel. 844 03 33
Sport (Bruno Raselli), DZ 116 Fr., Tel. 844 01 69.
Läden, Post, Banken, Talmuseum (leider mit sehr beschränkten Öffnungszeiten).
Öffentlicher Verkehr:
RhB-Linie St.Moritz - Poschiavo - Tirano.
Varianten
Variante (etwa zeitgleich): Von Malghera statt über die Forcola di Sassiglion über die Bocchetta di Braga (2569 m) nach Poschiavo oder Le Prese. Für den Braga-Pass muss man im Aufstieg etwas weiter ausholen, dafür ist der Abstieg direkter. - Wer noch höher hinaus will: nach der Alpe Grotte Fornace über den (von uns nicht ausprobierten) Pass da l'Om (2749 m).
Abkürzen:
Wer die beiden Schmugglerpässe Sach und Sassiglion auslassen und doch nicht bloss das Val da Camp hinaus nach Poschiavo wandern möchte, kann den Weg über das landschaftlich sehr reizvolle Gebiet von Plan und Aurafreida (Koordinatenfeld 804/139) nehmen; Lungaqua-Poschiavo 5 h.
Buchauszug
Im Rifugio Saoseo kann man zeitig frühstücken. In der angenehmen Morgenfrische nehmen wir den Aufstieg auf den Passo di Sacco (Pass da Sach) unter die Füsse. Auf der Landeskarte sind die ersten drei Wegstunden bis kurz vor Malghera nicht als Weg eingezeichnet, doch hat es fast durchwegs eine Wegspur.
Bis zur Alpe Saoseo (östlich des Rifugio) nimmt man den markierten ebenen Wanderweg. Beim obersten Gebäude von Saoseo beginnt ein unmarkierter Weg, der vorerst ostwärts ansteigt, zum Teil einer Art trockenen Bachrinne entlang. Der Weg zieht hinauf zum grossen C der Kartenbezeichnung Val da Camp (etwa 2300 m), wo es vorübergehend etwas flacher wird. Der Blick zurück fällt ins Val Mera, durch das wir gestern abgestiegen sind. Wir halten etwas rechts und sehen bald den Hangweg vor uns, der zum kleinen Sattel rechts von Punkt 2602.1 führt. Von hier steigt man auf dem rötlichen Rücken weiter an. Plötzlich tönt es wie Steinschlag - es ist aber ein Rudel Gemsen, das davonstiebt. Über einen gerölligen Schlusshang erreicht man rasch den Pass. Eine sorgfältig gebaute, windgeschützte Steinbank lädt zur Rast ein. Im Westen leuchtet das Weiss des Gambrena, des Palü und des Morteratsch.
Im aktuellen SAC-Clubführer (erschienen 1984) steht immer noch die Charakterisierung aus der ersten Auflage von 1947: »wichtiger, im Grenzverkehr viel begangener Übergang zwischen Val da Camp und Val Grosina«. Das ist Vergangenheit, auch an Werktagen. Und selbst heute, an einem Sonntag, sind wir - zumindest um neun Uhr früh - weit und breit die einzigen Wandernden. Von weit unten hören wir Hirtenrufe.
Wir begegnen dem Hirt später in der Gegend des Lago Sapellaccio, wo er Schafe auf eine andere Weidefläche treibt. Etwas oberhalb des Sees halten wir rechts und steigen auf einer Geländerippe die nächste Stufe ab. Bald erblicken wir das Bivacco Duilio Strambini (2534 m), benannt nach einem bekannten Alpinisten, der 1978 von einem Blitz erschlagen wurde. Die neunplätzige, ausgeklügelt eingerichtete Blechhütte wurde 1979 von Pro Loco Grosio gebaut. Ein idealer Ort, wenn man einsam übernachten möchte.
Da unterhalb des Bivacco quer im Tal ein Felsriegel liegt, holen wir nochmals leicht rechts aus und steigen zur nächsten Ebene ab. Nun beginnt ein richtiger Weg, der mit kleinen weissen Quadraten markiert ist (und ab und zu mit alten roten Streifen). Wir kommen ins Alpgebiet von Pian di Mezzo, wo Kühe, Rinder und Pferde weiden. Ein gutgebauter, auf der Karte eingezeichneter Weg zieht am rechten Hang langsam hinunter zum Alpgebäude von Casera di Sacco. Melkstühle und alte Gerätschaften hängen an der Hauswand, ein Spruch ist nur schwer zu entziffern. »Morire da fame ... ma non in Val da Sacco«?
Noch nie hat uns eine Kirche mehr überrascht als das Santuario della Madonna della Misericordia in Malghera (auch Santuario della Madonna del Muschio genannt beziehungsweise Madonna della Neve gemäss Landeskarte 1:25'000). Auf einer Alp, wo man allenfalls eine Kapelle erwartet, steht seit 1888 eine veritable Kirche, so gross wie eine Dorfkirche. Doch Malghera ist im Sommer ein kleines Dorf. Über 150 Höhenmeter verteilt verbringen zahlreiche Familien aus dem Valle Grosino drei Monate im Jahr hier.
Das Rifugio ist während der Alpzeit zugänglich; wir hoffen, dass es noch lange vom Nonno betreut wird (sich melden in der Baita Martinin nebenan). Das Haus, ursprünglich Unterkunft der Kirchenerbauer, gehört der Gemeinde Grosio und wird noch heute von der Fabbriceria verwaltet, dem seinerzeitigen Baugremium für die Kirche, genauer: von vier gewählten Fabbricéri. Vor fast hundert Jahren, 1897, wurde das Rifugio in der heutigen Grösse neu errichtet. Es bietet achtzig Schlafplätze, und die bestens eingerichtete Grossküche kann im Ferragosto, wenn hier die Leute zu einem Volksfest zusammenströmen, Hundertschaften verpflegen.
Ein halbes Dutzend Männer hält vor dem Rifugio den Sonntagsschwatz. Auch »Nase« ist da, ein älterer Hirte, den wir einst von alten Schmugglerzeiten schwärmen hörten. An den Contrabbando erinnert in Malghera auch der Gedenkstein an jenen Finanzgardisten, der hier in Ausübung seiner Pflichten am 16. September 1890 »gefallen ist«.
Der Weg zum Sassiglion führt über Alpweiden. Dem Lago di Malghera vorgelagert ist ein kleiner Hirtenunterstand. Hier haben wir »Nase« das erste Mal getroffen; freimütig erzählte er uns mit leuchtenden Augen und einer gehörigen Schnapsfahne von alten, besseren Zeiten - als der Schmuggel noch etwas eintrug. Sein Hirtenstock zeigte dabei auf all die Pässe in diesem Talkessel nahe der Grenze: Rosso, Sassiglion, Omo/Uomo, Barga, und weiter im Süden Guinzana, Valüa, Portun - alles schmuggelerprobte Übergänge aus dem Val Poschiavo ins Valle Grosio. Noch beliebter, weil deutlich tiefer gelegen, war die Gegend bei Viano (knapp 1400 m).
Der Sassiglion, den wir heute gewählt haben, ist von den hohen Übergängen der tiefstgelegene. Gegenüber, auf der rechten Talseite des Puschlavs, dominieren der Piz Cancian und dahinter, bereits in Italien gelegen, der Piz Scalino. Ihn wollten investitionsfreudige Herren noch vor zwanzig Jahren mit einer Seilbahn beglücken.
Zwischen uns und der Piazza von Poschiavo liegen nur noch 1500 Höhenmeter. Die erste Stunde noch auf einem Wanderweg, ist es ein Genuss, langsam ins Puschlav zu sinken und zu den Bergen vis-à-vis immer mehr hinaufzuschauen. Die Alphütten und Ferienhäuser von Albertüsc und Sassiglion sind längst mit dem Auto erreichbar. Auf dieser Fahrstrasse werden wir - von wenigen Abkürzungen abgesehen - die letzten zwei Stunden dem Talgrund entgegenwandern. Immerhin: die Strasse ist nicht asphaltiert und führt grösstenteils durch schattigen Wald.
Beim Abstieg sehen wir gegenüber eine Art Reissverschluss: das vertreppte Val Varuna, aus dem sich am 19. Juli 1987 Schlamm- und Geröllmassen zu Tale wälzten. Durch eine zu tief gebaute Betonbrücke oberhalb von Poschiavo gestaut, ergossen sie sich über die Strassen in den historischen Kern des Dorfes. Die Strassen waren meterhoch mit Schutt bedeckt, einige Häuser mussten abgerissen und neu erbaut werden.
Heute ist die Varuna mit Dutzenden von Stufen verbaut, und zuoberst ist ein riesiger Lawinenrückhaltedamm zu sehen. Die Arbeiten für einen einzigen Damm mit Grundabfluss waren 1987 bereits ausgeschrieben. Doch dann kam die Katastrophe und mit ihr die Experten, die darauf hinwiesen, dass ein durchgehender Damm erstens problematisch und zweitens als Talsperre bewilligungspflichtig wäre. Schliesslich wurden Rechtsstaat und Baulobby gleichermassen zufriedengestellt: Statt eines durchgehenden Riegels wurden zwei gestaffelte Halbriegel gebaut. Denn das gilt nicht mehr als Talsperre.
Auf dem Dorfplatz zeigt eine Marke am Gemeindehaus an, wie hoch hier im August 1987 die Fluten gingen. Heute präsentiert sich Poschiavo herausgeputzter denn je. An einer der renovierten Hausfassaden stehen gleichberechtigt je eine Helvetia und eine Italia in zwei Nischen.
Zufrieden sitzen wir auf der kopfsteingepflasterten Piazza unter einem der Sonnenschirme, unsere Beine, die die Erinnerung an die 2300 Abstiegsmeter noch in sich haben, weit von uns gestreckt, schauen den Leuten nach und überprüfen das Lob, das der Wahl-Puschlaver Wolfgang Hildesheimer 1961 formulierte: »Sie [kritischere Naturen als der Dichter] bestätigten, dass die Kinder hier schöner sind als anderswo, die Erwachsenen aufgeschlossener und artikulierter als in anderen Gebirgstälern. Dass hier das Kleinkarierte, Spiessbürgerliche, Engherzige fehlt, das Hosenträgerische, Hemdsärmlige. Das Puschlav lebt in Gelassenheit und Zurückhaltung, ist vornehm bis zum einfachsten Mann, es dienert nicht und schwitzt nicht. Selbst die notorischen Trinker des Tals - und Gott sei Dank gibt es auch solche! - sind nicht aggressiv, sondern melancholisch, und wenn man Damen mit hässlichen Hüten über die Piazza gehen sieht, so kann man gewiss sein, sie kommen von Norden, Hüte und Damen.« Soweit Hildesheimer, der 1957 aus dem hohen Norden nach Poschiavo kam und hier 1991 starb.
Der Spaziergang vor dem Abendessen führt zur einzigartigen Häuserzeile des Spaniolenviertels, zum südlichen Dorfrand. Rückwanderer, die fern der Puschlaver Heimat zu Geld gekommen waren, liessen diese herrschaftlichen Häuser mit den vorgelagerten schönen Gärten in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts bauen.
Poschiavo bietet zahlreiche Hotels. Sehr angenehm ist das Garni Semadeni. Ebenfalls an der Piazza liegt das traditionsreiche Albrici mit einer schönen alten Bar. Ruhig gelegen ist oben im Dorf das Altavilla. Auf der anderen Seite des Poschiavino liegt das Ristorante Foppoli, das für seine Pizzoccheri bekannt ist. Im Puschlav wird diese Spezialität, die auch im Veltlin und im Bergell angeboten wird, mit einigen Scheiben Mortadellawurst serviert - nicht mit dem Mortadella, den wir kennen, sondern mit dem einheimischen.


