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Abruzzen Wilde Wege, stille Dörfer...

4 Etappe Pietracamela - Campo Imperatore, 5 h 20

Aufstieg zum Gran Sasso

Eine Gebirgswanderung aus dem Bilderbuch, alles ist da: Kalkfelsen und Blumenwiesen, Wildbäche und Wasserfälle, imposante Felswände und markante Gipfel. Man steigt durch die unberührte Landschaft des Gletschertals Val Maone an, erreicht dann das Hochtal Campo Pericoli zwischen den steinernen Pyramiden des Corno Grande und des Pizzo d'Intermesoli und überblickt am Schluss der Wanderung die Hochfläche des Campo Imperatore und das weite Tal von L'Aquila vor dem Hintergrund einer eindrucksvollen Berglandschaft.

Ort Höhe Dauer
Pietracamela 1030m
Hotel Prati di Tivo 1435 m 1 h 20
Quellen des Rio Arno 1531 m 2 h 10
Capanne 1967 m 3 h 30
Rifugio Garibaldi 1957 m 2 h 10
Sella di Monte Aquila 2335 m 4 h 45
Albergo Campo Imperatore 2135 m 5 h 20

Höhendifferenz: Aufstieg 1400 m, Abstieg 300 m. Variante über Rifugio Duca degli Abruzzi: zusätzlich 100 m Auf- und Abstieg, Gesamtdauer dann 5 h 40.

Die Wanderung ist nur bei stabil gutem Wetter zu empfehlen - Nebel, Sturm und Kälteeinbrüche können am Gran Sasso gefährlich werden. Normalerweise ist der Weg spätestens ab Juni schneefrei, ausnahmsweise kommt es aber auch zu sommerlichen Schneefällen. Im Zweifelsfall Erkundigungen bei den Einheimischen einziehen! Insgesamt eine Hochgebirgstour, die entsprechende Vorsicht erfordert.

Abkürzungsmöglichkeit: Bus bis Prati di Tivo, ab Pietracamela werktags 9.30 Uhr, 10 Min. Fahrzeit. Man geht vom Ortskern Prati di Tivo auf der breiten Asphaltstraße nach Westen (Richtung Teramo) und biegt nach 5 Min., kurz vor dem Hotel Prati di Tivo, auf den nach Le Capanne und zum Rifugio Garibaldi ausgeschilderten Weg. Weiter wie S. 99 unten.

Markierung: Durchgängig rot-weiß bzw. rot-gelb markiert.

Verpflegung: Proviant in Pietracamela einkaufen, u. U. auch für die nächste Etappe und für eventuelle Ausflugstage am Campo Imperatore. Das nächste Lebensmittelgeschäft steht in Castel del Monte. Frühstück und Hauptmahlzeiten bekommt man in den Unterkünften am Campo Imperatore problemlos, aber mit dem Wanderproviant wird es schwierig. Der Picknickbeutel des Hotels ist lächerlich, und im Ostello kann man sich zwar panini zubereiten lassen, die Auswahl ist aber begrenzt (es gibt beispielsweise kein Obst, die Qualität von Brot, Wurst und Käse ist Glückssache).

Trinkwasser: In Prati di Tivo, an den Quellen des Rio Arno, im Rifugio Garibaldi (unregelmäßig geöffnet).

GPS-Wegpunkte (Zonenfeld 33 T): 0381.133 4708.618 (Querweg vor Felswand), 0381.294 4707.922 (Gabelung Sentiero Italia), 0381.080 4707.015 (Straße Prati di Tivo), 0381.304 4706.276 (Abzw. Prati di Tivo), 0380.212 4704.725 (Wasserfall Rio Arno), 0380.235 4704.385 (Quelle Rio Arno), 0379.740 4702.237 (Abzw. Weg 1), 0379.571 4701.586 (Capanne), 0380.383 4701.402 (Gabelung), 0380.818 4701.948 (Rifugio Garibaldi), 0381.478 4701.242 (Sella del Monte Aquila), 0381.103 4700.714 (Höhe 2422 m), 0380.904 4700.543 (Rifugio Duca degli Abruzzi), 0381.491 4699.935 (Hotel Campo Imperatore).

Etappenort Campo Imperatore

Übernachten und Essen:
****Campo Imperatore. Nicht unbedingt gemütlich, aber skurril, geschichtsträchtig und von hohem Erinnerungswert. Ende 2006 hat die Leitung gewechselt, für 2007 ist eine aufwendige Renovierung geplant, die Atmosphäre, die Qualität der Küche (hoffentlich!) und die Preise werden sich vermutlich ändern. Tel. 0862 400 000, Fax 0862 400 004, www.hotelcampoimperatore.tin.it. DZF 2006: 80 Euro.
Rifugio Campo Imperatore. Sehr kleine, spartanisch eingerichtete Zwei- und Vierbettzimmer
mit Etagenbetten, z. T. ohne eigenes Bad. Auch hier hat Anfang 2007 die Leitung gewechselt. Tel. 0862 400 011. Preise 2006: Übernachtung 15 Euro pro Person, HP 35 Euro.

Verkehrsverbindungen: Pietracamela-Campo Imperatore s. 3. Etappe. Zum/vom Campo Imperatore fährt ab Fonte Cerreto (20 km nordöstlich von L'Aquila) eine Seilbahn. Fonte Cerreto erreicht man von L'Aquila mit dem Linienbus, Fahrzeit 35 Min., Verbindungen stündlich. Die Seilbahn ist allerdings im Frühsommer und Herbst häufig nicht in Betrieb (Auskunft: Tel. 0862 606 143 oder Hotel Campo Imperatore, s. oben), dann kann man nur das Taxi nehmen (L'Aquila-
Campo Imperatore ca. 60 Euro) oder trampen - bergab wurde ich immer sofort mitgenommen, bergauf dauerte es beim einzigen Versuch etwas länger.

Der Morgen ist kühl in Pietracamela, ein paar Schulkinder und einige Pendler steigen in den Bus nach Teramo, aus der Bar kommt Kaffeeduft. Ich mache mich auf den Weg in die Einsamkeit. Von der Piazza steige ich nach Süden bergauf, vorbei an einem kleinen Wasserfall, gehe dann auf einem Betonsträßchen nach rechts, biege auf der Höhe am Dorfrand unter Felsen nach links und gehe gleich darauf nach rechts auf einen durch einen Holzzaun gesicherten Pfad (rot-weiß markiert). Er führt aufwärts zu einem eben vor einer Felswand verlaufenden Querpfad. Auf diesem biege ich nach links und 100 Meter danach wieder nach rechts, weiterhin ansteigend. Unterhalb rauscht ein Wasserfall über Felsen, der Pfad windet sich den Hang hinauf und verläuft dann mit Aussicht auf den Corno Piccolo über eine wunderschöne, in allen Blumenfarben leuchtende Wiesenfläche. Ich überquere einen Bach, erreiche gleich darauf eine Gabelung und halte mich rechts auf dem Sentiero Italia. Der schöne Waldpfad steigt an bis zur Straße am Ortsrand von Prati di Tivo. Die locker über Wald und Wiesen verstreuten Chalets und Hotels bekräftigen wieder einmal den Eindruck, Aufträge für Skiorte würden grundsätzlich an beschränkte Architekten vergeben. Die Mischung aus Rustikalgeschnulze und verkrampfter Originalität hält mit allen großen Vorbildern aus den Alpen mit, nur die Bebauungsdichte ist niedrig, so dass sich das Elend, aufs Ganze gesehen, im Grünen verliert.

Ich gehe querfeldein nach Süden in Richtung Hotel Prati di Tivo mit dem roten Dach, eines der Prachtstücke hiesiger Baukunst. (Etwas bequemer, aber auf Asphalt kommt man auch auf der Straße hin.) Die Bar ist geöffnet, der Cappuccino entspricht leider dem Ambiente. 100 Meter hinter dem Hotel biege ich in einen Weg nach rechts (Markierung und Wegweiser »Le Capanne«, »Rifugio Garibaldi«). Die Höhenangabe auf dem Schild ist falsch, eine Papptafel, die informiert, das Rifugio Garibaldi sei aperto, erweist sich ebenfalls als trügerisch.

Der Weg steigt nach Südwesten an. Hinter einem Buchenwald stehen Hunderte karminroter Päonien auf den Wiesen. Nur an wenigen Stellen im Apennin habe ich sie bisher gesehen - und dann immer dicht an dicht. So auch hier, ihr Anblick begleitet mich auf der nächsten halben Stunde. Rechts erscheint der Felsblock des Pizzo d'Intermesoli, der fast die ganze weitere Strecke überragen wird. Hinter einer Anhöhe senkt sich der Weg. Kleine Wasserfälle stürzen von Felsen, Steine von einem Erdrutsch liegen im Weg, am Steilhang blühen wiederum Hunderte von Pfingstrosen. Bei einer Weggabelung erreiche ich die Talsohle des Val Maone und halte mich links. Gleich darauf zweige ich nach rechts zu den pittoresken Wasserfällen des Rio Arno ab, ein Abstecher von wenigen Minuten.

Es geht nun im Val Maone aufwärts. Das tief eingeschnittene Tal wurde durch eine Gletscherzunge geformt, die ihre längste Ausdehnung in der Wurm-Eiszeit (vor etwa 75 000 bis 55 000 Jahren) hatte und sich damals über 9 Kilometer fast bis zum heutigen Pietracamela erstreckte. Heute wirkt das Hochtal keineswegs »eisig«. Die Wiesen stehen voller Enziane, Vergissmeinnicht und Krokusse, am Weg erheben sich Felsblöcke, ab und zu taucht im unteren Wegstück noch ein kleiner Wald auf, die letzten Schneefelder reflektieren das Sonnenlicht. 10 Minuten hinter den Wasserfällen gelange ich zu den Quellen des Rio Arno, üppig sprudeln sie rechts vom Weg. Ein Mann mit großer Rückentrage kommt mir entgegen. Er sammelt orapi, ein Wildgemüse, das nur in großen Höhen gedeiht. Immer grandioser wird die Gebirgslandschaft. Der Weg senkt sich in einen Kessel am Talschluss und erreicht die Abzweigung des Weges Nr. 1. Ich gehe geradeaus weiter, noch ein kurzes Stück bergauf zu den Capanne. Die aus Bruchstein errichteten, zum Teil direkt in den Fels geschlagenen ehemaligen Hirtenhütten sehen so aus, als seien sie schon jahrtausendealt. In Wirklichkeit stammen sie aus dem 19. Jahrhundert.

Die Steinhütten stehen im Campo Pericoli, einem großen, einst vollständig von einem Gletscher ausgefüllten Kessel. Nach Südwesten schaut man auf die Felswand des Pizzo Cefalone, nach Süden auf den Portella-Pass und, links davon, den Monte Portella. Seit der Bronzezeit war dieses Hochtal Weideland. Später verlief eine wichtige Handelsroute durch das Gebiet. Von L'Aquila zogen die Kaufleute mit Maultieren über den Passo della Portella in Richtung Adria. In den 1980er-Jahren sollte Campo Pericoli zum Skizentrum ausgebaut werden. Findige Investoren wollten drei Seilbahnen und ein Dutzend Lifte zwischen Prato Selva (s. 3. Tag) und Campo Pericoli errichten; ein weiteres Projekt sah eine Zahnradbahn von Prati di Tivo nach Campo Pericoli - also auf der Strecke des heutigen Wanderwegs - vor. Der Widerstand der Umweltschützer brachte die Pläne zu Fall; seit der Einrichtung des Nationalparks Gran Sasso sind solche Vorhaben definitiv vom Tisch (vgl. S. 123).

Campo Pericoli ist übersät mit kleinen Karstlöchern. Sie entstehen meist an den tiefsten Stellen von Mulden und Tälern. Kohlensäure (die sich durch Lösung von Kohlendioxid in Wasser bildet) löst den Kalkstein und wäscht ihn aus; dadurch entstehen unterirdische Hohlräume, die schließlich einbrechen und kleine Karsttrichter oder größere Senken - die Dolinen und die sehr ausgedehnten Poljen - bilden. Karstphänomene gibt es in den Kalkgebirgen der Abruzzen sehr häufig, im Campo Pericoli begegnet man ihnen zum ersten Mal.

Von den Capanne gibt es mehrere Wege zum Campo Imperatore. Man kann steil geradeaus zum Passo della Portella ansteigen und dort entweder über das Rifugio Duca degli Abruzzi oder den Passo del Lupo weiterwandern. Ich folge dagegen weiter dem Weg Nr. 2. Er steigt zunächst im Linksbogen in Ostsüdost-Richtung an (Markierung jetzt rot-gelb). Nordöstlich ist der Corno Grande sichtbar, der höchste Gipfel der italienischen Halbinsel, rechts oberhalb steht auf dem Kamm das Rifugio Duca degli Abruzzi. Bei einer Gabelung (rechts geht es zum Passo Portella) halte ich mich links. Ich gehe in Nordostrichtung über die kahlen Hänge des Campo Pericoli, mit herrlicher Aussicht auf den Pizzo d'Intermesoli. Unversehens taucht das Rifugio Garibaldi auf. Anders als das Schild in Prati di Tivo versprach, ist es geschlossen, aber die Bank vor der Hütte lädt zu einer Rast ein. Fast der gesamte Anstieg ist geschafft, das Ziel nicht mehr weit entfernt.

Das Rifugio Garibaldi ist die älteste Schutzhütte am Gran Sasso. Sie wurde 1886 von der Sektion Rom des Club Alpino Italiano errichtet - leider an einer ungeeigneten Stelle, denn im Winter gibt es gerade hier oft hohe Schneeverwehungen.

Der markierte Weg Nr. 2 steigt sanft nach Osten an. Bei einem Querweg halte ich mich rechts und erreiche wenig später den Sattel Sella di Monte Aquila. Nach links wird der Blick auf die ausgedehnte Hochfläche Campo Imperatore frei. Der kürzeste Weg führt links hinab. Auf dem schmalen Weg am Hang erreicht man die Bergstation der Seilbahn in einer guten halben Stunde. Ich ziehe den etwas längeren Weg über das Rifugio Duca degli Abruzzi vor. Er ist noch einmal mit 100 Meter Anstieg verbunden, aber aussichtsreicher. Solange noch größere Schneereste liegen, ist er auf jeden Fall empfehlenswert - dann ist der direkte Weg mühsam zu passieren und möglicherweise sogar gefährlich.

An der Sella di Monte Aquila gehe ich also nach rechts. Der Bergpfad quert am Hang ein Geröllfeld und wechselt dann zur anderen Hangseite. Schöner Blick nach links auf Monte Aquila und des Monte Prena, geradeaus über das Tal von L'Aquila zu den Massiven des Monte Ocre und Monte Sirente. Direkt unterhalb liegen das Albergo Campo Imperatore und die Bergstation der Funivia. Plötzlich ist es mit der Ruhe vorbei. Hörbar genießen Motorradfahrer die Freuden der Bergstraße. Ausflügler in Joggingschuhen kommen mir entgegen, zwei ahnungslose Römer möchten wissen, ob sich noch kurz der Corno Grande besteigen lässt (es ist vier Uhr nachmittags, der Gipfel verschneit ...). Bei der unscheinbaren Höhe 2422 Meter erreiche ich den höchsten Punkt des Tages und gleich darauf das Rifugio Duca degli Abruzzi. Ein Serpentinenabstieg führt in 20 Minuten zum Campo Imperatore.

Das Albergo aus den 30er-Jahren, das Observatorium, die alte und die neue Bergstation der Seilbahn bilden ein ziemlich trostloses Architekturensemble, zumal sie von einem großen Parkplatz, Skiliften und Masten aller Art umgeben sind. Schaut man genauer hin, so entpuppt sich das Hotel als durchaus ambitionierter Bau - nicht unbedingt zur Landschaft passend, aber doch mit durchdachten Formen und einem eigenen schwerfälligen Rhythmus. Dennoch wirkt es, inzwischen äußerlich heruntergekommen und umgeben von Sternwarte und Bergbahn, heute nur noch wie ein trister roter Klotz. Vielleicht wird die geplante Renovierung das bessern. Die Chancen sind begrenzt.