Abruzzen Wilde Wege, stille Dörfer...
Kein Skizirkus im Gletschertal
Die ersten Konflikte um den Umweltschutz brachen in den Abruzzen schon in den 1960er-Jahren auf. Örtliche Unternehmer versuchten damals, den Abruzzen-Nationalpark in großem Stil für den Skitourismus zu öffnen. An den spekulativen Projekten waren Politiker, hohe Beamte und sogar Vertreter des Vatikans beteiligt. Dieser mächtigen Koalition gelang es, den Parkdirektor Francesco Saltarelli absetzen zu lassen, der den lukrativen Plänen im Wege stand. Womit sie nicht gerechnet hatten: Saltarelli wurde ihnen ohne Amt gefährlicher als vorher. Seine Veröffentlichungen führten dazu, dass sich allmählich Widerstand ausbreitete. Umweltschutzgruppen im strengen Sinn gab es noch nicht, doch die Denkmalschutzorganisation Italia Nostra und wissenschaftliche Verbände wie die italienische Gesellschaft für Biogeografie und die Kommission »Pro Natura« des nationalen Forschungsrats machten gegen die Skiprojekte mobil. Auf Initiative der Wissenschaftler verfasste die Internationale Naturschutzvereinigung 1963 in Nairobi einen Appell an die italienische Regierung. Er hatte Erfolg: Die Politiker wollten nicht weltweit als Umweltsünder dastehen und blockierten alle Baupläne.
Der Abruzzen-Nationalpark bildete auch in den nächsten Jahren den Brennpunkt vieler Auseinandersetzungen. 1969 verhinderte der neue Parkdirektor Franco Tassi eine geplante Wasserleitung im idyllischen Valle Fondillo (Etappe 17). Wenige Jahre später brachte eine breite Bewegung - unter anderem mit der Unterstützung Ignazio Silones - das Projekt einer Chemiefabrik im Sangro-Tal zu Fall. 1975 standen schon die ersten Liftpfeiler für ein ausgedehntes Skigebiet am Monte Marsicano, etwas außerhalb des Schutzgebiets, als es den Naturschützern gelang, die Grenzen des Parks geringfügig zu erweitern und das geplante Skiareal zu verhindern.
In den frühen 70er-Jahren bildete sich eine Umweltbewegung im engeren Sinn. WWF und Lega Ambiente wurden gegründet, der Alpenverein engagierte sich, ehemalige Teilnehmer der studentischen Protestbewegung stießen dazu. Neben dem Nationalpark gerieten nun auch die Monti della Laga und das Gran-Sasso-Massiv in den Blickpunkt des Interesses der Investoren wie der Naturschützer. Die Konflikte spitzten sich zu. Anfang der 80er-Jahre kam es zum Showdown. Touirsmusunternehmer wollten zwei der einsamsten und eindrucksvollsten Hochtäler im Gran Sasso - das Valle Venacquaro und den Campo Pericoli - für die Freizeitindustrie erschließen. Am Prato Selva (Etappe 3) war eine Appartementsiedlung geplant. Drei Seilbahnen sollten die Ferienhäuser mit dem Campo Imperatore verbinden, ein Dutzend Lifte und ein Restaurant den Skizirkus komplettieren. Mit der Stille der ehemaligen Gletscherkessel wäre es vorbei gewesen. Und die traumhaften Wanderwege des Gran Sasso (Etappen 3, 3A, 4, 4++) hätten nicht mehr in unberührte Natur, sondern zu Kiosken und Skianlagen geführt.
Fast gleichzeitig kam ein noch ehrgeizigerer Entwicklungsplan auf den Tisch. Vom Wintersportort Prati di Tivo sollte eine Zahnradbahn - streckenweise durch Tunnel - im Val Maone zum Campo Pericoli fahren (genau auf der Route unserer Etappe 4). Auf der Höhe wären dann Restaurants und Lifte gebaut worden; mit der Verbindung zum nahe gelegenen Campo Imperatore hätte sich den Skifahrern ein ausgedehntes zusammenhängendes Gebiet eröffnet.
Damals hat sich das Schicksal der abruzzesischen Gebirge für die nächsten Jahrzehnte entschieden. Privatunternehmer und viele Gemeinden setzten auf die Verwandlung der Berggebiete in einen gigantischen Freizeitpark. Daraus wurde nichts. Das Umweltbewusstsein war bereits so stark, die Naturschützer so gut organisiert, dass die Fehler, die vielerorts in den Alpen gemacht wurden, sich in den Abruzzen nicht wiederholten. Den Alpenvereinen von L'Aquila und Teramo, der Lega Ambiente und dem WWF gelang es, Teile der nationalen Presse und viel Prominenz gegen die Pläne zu mobilisieren. Die Schriftsteller Alberto Moravia und Dacia Maraini, der Regisseur Giorgio Strehler und der Schauspieler Vittorio Gassman, die Bergsteiger Walter Bonatti und Reinhold Messner, ja sogar der Präsident der Nationalbank Paolo Baffi schlossen sich dem Protest an. Unter dem Motto »Gran Sasso in Gefahr« fand eine Demonstration mit 1000 Teilnehmern in dem Bergdorf Prati di Tivo statt. Der öffentliche Druck war schließlich stark genug, um die Skiprojekte zu stoppen.
Durch den Erfolg beflügelt, gingen die Umweltschützer in die Offensive. Mehr und mehr nahm die Idee Gestalt an, die Abruzzenberge insgesamt zu schützen und nicht mehr nur auf Einzelprojekte zu reagieren. Die spektakulärste Aktion jener Jahre war eine symbolische »Besetzung« der Laga-Gipfel durch 4000 Wanderer im April 1989. Zwei Jahre später war das Ziel erreicht: Ein Gesetz des römischen Parlaments erklärte den Gran Sasso mit den Monti della Laga und die Maiella zu neuen Nationalparks. Damit war Zersiedlung und Bauspekulation in diesen Gebieten ein ziemlich stabiler Riegel vorgeschoben. Zwar gibt es immer wieder Versuche, die Vorschriften zu umgehen. Sie hatten bisher aber keinen Erfolg.
Gegenwärtig beschäftigen vor allem Wind- und Wassernutzung die Umweltschützer der Abruzzen. Über die Windenergie sind sich die Naturschutzverbände nicht einig. Legambiente und der WWF-Dachverband befürworten sie, Italia Nostra und der regionale WWF lehnen die Aufstellung von Windrotoren in schützenswerten Landschaften ab. Strittig ist vor allem die ästhetische »Industrialisierung« der Landschaft durch die Windräder, aber auch die Negativeffekte für die Tierwelt mobilisieren viele Naturschützer. In den Rotoren verenden immer wieder Vögel, zudem blockieren sie an manchen Stellen die Routen der Bären.
Während die Kämpfe um die Windenergie schon in vollem Gange sind, deuten sich Auseinandersetzungen um die Wassernutzung erst an. 2003 wollte eine amerikanische Firma die Flüsse Vomano, Pescara und Sangro jeweils etwa 30 Kilometer vor der Mündung anzapfen und jährlich 200 Millionen Kubikmeter Wasser nach Apulien umleiten. Die Folgen waren absehbar: verringerte Selbstreinigung und verstärkte Verschmutzung der Wasserläufe, Absenkung des Grundwasserspiegels, Zerstörung von Biotopen. Nach heftigen Protesten wurde das Projekt begraben. Doch vermutlich ist es nur ein Vorläufer künftiger Konflikte. Die Abruzzen sind wasserreich, die benachbarten Regionen Süditaliens leiden unter Wassermangel. Mit dem Klimawechsel verschärft sich das Problem. Zugleich wird das Wasser-Business ökonomisch immer wichtiger. Daher werden sich vermutlich die Versuche wiederholen, Abruzzen-Wasser in andere Gebiete umzuleiten. Die Naturschützer der Region stellen sich auf solche Auseinandersetzungen bereits ein.
Der Umweltschutz in den Abruzzen ist eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte. Viele Faktoren haben dazu beigetragen: die jahrzehntelange Erfahrung der Naturschützer im 1923 gegründeten Nationalpark, die Entvölkerung der Berggebiete und die Emigration (denn dadurch gab es in diesen Gebieten kaum noch potente wirtschaftliche Interessen, die sich den Nationalparks entgegenstellten), die Verbindungen zwischen abruzzesischen und römischen Umweltschützern (mit guten Kontakten im Parlament, in den Ministerien und der Verwaltung), die relative Schwäche der Spekulanten, die völlige Abwesenheit einer Jagdlobby. Wenn die abruzzesischen Berge so häufig »unberührt« und »wild« wirken, so liegt das keineswegs nur am Landschaftscharakter. Ohne den Einsatz der Naturschützer wären sie längst von Skiliften, Appartementblocks, Hotels und Shopping-Centern verunstaltet.


