Dem Süden verschwistert
Nietzsche, Hesse & Co: Eine Einleitung
Wer zu Fuß die römischen Säulen auf dem Julier passiert hat oder mit dem Zug aus dem Albulatunnel ins Bevertal einfährt oder mit dem Wagen nach den zahllosen Kehren des Malojapasses endlich die Engadiner Hochebene erreicht, der gelangt, wie Iso Camartin schreibt, »in eine klimatische Zwischenzone magischer Wirkung«. Von dieser Wirkung lassen sich schon seit geraumer Zeit zahlreiche Reisende, Touristen, Wanderer, Kletterer, Schriftsteller, Künstler und Musiker in den Bann ziehen. Die Liste von prominenten Gästen aus der Kultur ist schier endlos: Charles Chaplin war hier und versuchte sich in Skijöring, Orson Welles tanzte in der Corvigliahütte, Alfred Hitchcock war stets im Januar im Palace, Greta Garbo logierte auch gerne dort, Gregory Peck wagte sich auf den Tobogganing-Schlitten; Louis Armstrong war da, John Lennon, Herbert von Karajan; Ferdinand Hodler, Max Ernst, Andy Warhol; die zahllosen Politiker, Aristokraten, Jetset-Prominenten und Wirtschaftsmagnaten bleiben hier ohne Namen. Winston Churchill soll im Engadin an seiner berühmten Zürcher Rede geschrieben haben, und mit ihm wären wir bei den Literaturnobelpreisträgern angelangt - der britische Politiker bekam den Preis 1953 »für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt« -, die sich im Engadin aufhielten. Neben Churchill waren dies: William Faulkner, Ernest Hemingway, Hermann Hesse, Thomas Mann, Eugenio Montale, François Mauriac und George Bernard Shaw. Aber nicht alle hinterließen hier auch Spuren. Von den Schriftstellern, die da waren, wird gerne und vor allem Friedrich Nietzsche zitiert. »Engadin. Es ist tröstlich, dass man die schon zuviel gerühmte, bis zum Überdruss missverstandene und auf die Probe gestellte Schönheit des Engadins durch einen großen Namen legitimieren darf, durch Friedrich Nietzsche nämlich, womit der Verdacht, es handle sich um eine Modesache, um gemachtes Ansehen und forcierte Übertriebenheit, hinlänglich abgewiesen ist. Nietzsche […] konnte den Wind nicht ertragen, Rapallo hatte er vergeblich versucht, aber Sils-Maria liebte er. Damit ist schon etwas über den Charakter dieser Landschaft ausgesagt, dass sie nämlich dem Süden verschwistert ist und dass ihre Besonderheit, ihre besondere Schönheit, ihren Grund hat. Venedig und Sils, eine weithergeholte Zusammenstellung, ganz willkürlich und ohne Berechtigung: Aber wer beides kennt […], wird sie nicht mehr völlig abstreiten wollen«, schreibt Annemarie Schwarzenbach im damaligen Alternativführer Was nicht im Baedeker steht. Schweiz, Ost und Süd im Kapitel über das Engadin. Neben Nietzsche wird Hermann Hesse als Wiederholungsgast gerne bemüht. Nietzsche und Hesse weilten öfters und jeweils für längere Zeit in Sils Maria und beide haben sie über ihre Aufenthalte geschrieben und darüber, wie sie von der Landschaft inspiriert wurden. So erstaunt es nicht, dass im Engadin regelmäßig Veranstaltungen zu diesen beiden Autoren durchgeführt werden und heute weiß »jeder Gymnasiast - und ich will darüber nicht klagen - dass Meyer, Nietzsche, Hesse und Mann, Rilke, Musil, Proust und Cocteau und viele andere sich über das Oberengadin in begeisternden Tönen geäußert haben«, schreibt der Bündner Publizist Iso Camartin. Nicht alle Reisenden und Leserinnen und Leser sind Gymnasiasten, und vielleicht hat auch der eine oder die andere mittlerweile vergessen, was Cocteau über das Engadin geschrieben hat. Hier soll versucht werden, anhand von Wanderungen durch das ganze Oberengadin bis hin zu seinen Rändern und darüber hinaus die eine oder andere Textpassage in Erinnerung zu rufen, die über das Oberengadin geschrieben wurde oder die hier entstanden ist. Dabei sollen nicht nur lobende Worte, sondern auch kritische oder sarkastische Stimmen zitiert werden. Zum Beispiel stöhnte Friedrich Dürrenmatt in Maloja nur noch: »O Oberengadin. Mir graut vor dir.« Dass es nicht ganz unproblematisch ist, über die Alpen und allgemein über Naturbegeisterung zu schreiben, ist bekannt. Peter Hamm ließ im Literaturclub des Schweizer Fernsehens verlauten: »Berge sind für Schriftsteller ein besonders gefährliches Gelände. Selbst die größten Autoren sind an den Bergen gescheitert. Ramuz, selbst Max Frisch […]. Ich kenn' ganz wenige gute Bergromane. Meinrad Inglin, Ludwig Hohls Bergfahrt […]. Berge verführen zu Pathos und Rührseligkeit, dem entgeht fast keiner.« Pathos und Rührseligkeit werden auch in manchen hier wiedergegebenen Stimmen oder Passagen spürbar sein. Und Nietzsche und Hesse sollen hier durchaus zu Worte kommen, daneben gesellen sich so prominente Stimmen wie jene von Richard Wagner, Thomas Mann, Theodor W. Adorno, Stefan Zweig, Annemarie Schwarzenbach, Max Frisch, Herbert Marcuse, Ernst Bloch, aber auch so originelle wie amüsante und vielleicht auch (fast) vergessene wie Annette Kolb, René Schickele, Erich Ebermayer, Kasimir Edschmid, Ulrich Becher, Christian Klucker, Arthur Neustadt, Jakob Wassermann. Angereichert wird die Auswahl mit zeitgenössischen Vertretern wie Thomas Hettche, Ruth Schweikert, Vincenzo Todisco, Viktor Jerofejew und anderen. Wohin des Weges? 1873 fuhr Hans Christian Andersen mit der Kutsche von Chiavenna via Bergell, Malojapass nach Samedan, besuchte den Muottas Muragl und verließ schließlich ein paar Tage später über den Albulapass das Engadin in Richtung Unterland. 1905 durchwanderte Hermann Hesse dieselbe Strecke in umgekehrter Richtung von Bergün her kommend ins Oberengadin bis Maloja und stieg nach Chiavenna und an den Comersee hinunter. In jenen dreißig Jahren zwischen Andersens und Hesses Reise hat sich das Engadin enorm entwickelt, und wenn sie heute die gleiche Route gingen, trauten sie vermutlich ihren Augen nicht. An der Route der beiden orientieren sich die hier vorgestellten leichten bis mittelschweren Wanderungen. Ergänzt werden die Beschreibungen mit kurzen Seitenblicken auf Kunst und Architektur. Über die rasante touristische Entwicklung im Oberengadin wird in einem eigenen Kapitel im Anschluss an die Wanderungen eingegangen.


