Grenzland Bergell
Sechs Wochen Nebel und Maggisuppe
Cuno Amiet reist im Sommer 1896 zu seinem Malerfreund Giovanni Giacometti ins Bergell. »Nur rate ich dir zu warten, bis sich das Wetter wieder zum besseren gewendet hat. Seit bald vier Wochen haben wir dichten Nebel und Regen«, schreibt Giacometti seinem Freund, fügt aber gleich bei: »Du kannst bei uns in der Familie wohnen. Man wird den Preis auf 2.50 pro Tag festsetzen. Dies wegen des Zimmers, an dem es uns in dieser Saison oft fehlt.«
Giacomettis führen das Piz Duan in Stampa. Die Pension ist nicht nur in dieser Saison gut besucht. Giovanni, der junge Künstler der Familie, musste der Fremden wegen seine Leinwände und Farbtöpfe öfter mal im Haus herumzügeln - zu seinem großen Ärger. »Ich protestierte, aber es war zwecklos. Man hat mich schließlich nach oben in unser Schlafzimmer verlegt, und nun muss ich dort mein Atelier haben.«
Der Vater, Alberto Giacometti, war in Warschau Zuckerbäcker gewesen und hatte in Bergamo ein Café betrieben, die Mutter Caterina Ottilia Giacometti-Santi war in Rumänien zur Welt gekommen. Die weltoffenen Eltern akzeptieren das Maltalent ihres Sprösslings und lassen Giovanni zur Ausbildung nach München fahren. Dort finden sich der Bergeller Giacometti und der Solothurner Amiet. Die Freunde und Maler verbindet vieles, angefangen beim fast identischen Geburtsdatum (beide im März 1868) über ihre Ambitionen als Künstler bis, später, zu ihren Ehefrauen, die Anna und Annetta heißen.
Gemeinsam absolvieren sie die Rekrutenschule in Bellinzona, zusammen mit Andrea Robbi, dem jungen Silser Maler; dann, 1888, brechen sie ebenfalls gemeinsam zum Weiterstudium nach Paris auf. 1891 enden für Giacometti die Pariser Jahre. Obwohl die Baronin Castelmur noch 1890 fürs Wintersemester eine Garantie leistet, zwingen ihn Geldnöte, ins Bergell zurückzukehren. Amiet ist dem zurückgezogen im abgelegenen Tal lebenden Künstler ein wichtiger Partner. Klatsch über die Kunstszene, Berichte über Liebeleien und Ärger, Zweifel, Kritik und Selbstvertrauen füllen viele Briefseiten. Giacometti reist als mausarmer Künstler durch Italien. Amiet verbringt einige Zeit in der Künstlerkolonie in Pont-Aven in der Bretagne, einem Kristallisationspunkt der französischen Avantgardisten, die auf den Spuren van Goghs und Gauguins wandelten.
»Wir werden zusammen in die Berge gehen, wo ich ein Bild male, und wir werden wieder glücklich sein bei der gemeinsamen Arbeit«, plant Giacometti jetzt, im Sommer 1896. »Er schilderte mir«, so Amiet, »tausend Meter über Stampa, am Fuß der Felsenwand des Piz Duan, ein kleines Tal, Val Camp, mit einem dunklen See zwischen Felsen eingelagert und auf dem kargen Wiesengrund eine kleine Hütte, von den Hirten aus Steinen aufgebaut, bequem darin zu wohnen und es sei so schön, dort oben in dem eingeschlossenen Tälchen ungestört zu malen.«
»Es regnete. Es war kalt. Wir machten in der Hütte ein Feuer, aber es rauchte beißend. Wir setzten uns draußen auf unsere Feldstühle, die Malschirme über uns, aber bald fingen auch die an zu tropfen. Endlich war der Tag vorbei, und wir konnten zu Bette kriechen. Aber schlafen konnten wir kaum. Das Dach ließ schwere Tropfen fallen, es klatschte auf die Säcke, auf unsere Gesichter, auf die Steinplatten.« Das war der erste Tag. Und so blieb es. Nach zwei Wochen des Wartens (Käse und Brot und Maggisuppe essend, Milch trinkend und Zigaretten rauchend) steigen die beiden ins Tal und finden »Trost bei warmer Speis und kühlem Trunk und lustiger Rede«. Am nächsten Morgen, das Wetter zeigte sich von der heiteren Seite und Vater Giacometti half argumentativ etwas nach, zotteln die beiden wieder ab - erneut ins Val Cam hinauf.
»Wenn's schön war, war's schön. In sechs Wochen war's aber nur vier Tage schön, sonst aber war's grausig und öd«, brachte es Amiet später auf den Punkt. Etwas detaillierter tönte es so: »Die dritte Woche, die vierte Woche. Wir fingen an, nicht mehr miteinander zu reden, wir schauten uns nicht mehr an. In der fünften Woche ging jeder von der Hütte fort, einer stieg auf die eine Seite, der andere auf die entgegengesetzte hinauf.« »Wie Verbannte harrten wir in der Einsamkeit auf die Sonne, die doch kommen musste. Wir hatten die Bilder heraufgeschleppt. Es musste doch heiter werden. Es wurde aber nicht, und wir hatten genug von der Romantik. Wir fuhren zu Tal und ich machte mich fort und eilte nach Hellsau und habe seither nur selten Berge gemalt.«
Auch wenn der Flachländer Amiet jetzt Hügel malte, in weichen Linien und hellen Farben - Giovanni Giacometti und Cuno Amiet blieben Freunde. »Ich schicke dir schon mal den Schal, den Sack und das Fell würde ich gerne noch etwas an der Sonne lüften lassen«, meldet Giacometti im September nach Solothurn. Und: »Nach deiner Abreise bleibt das Wetter kapriziös.«
»Baudelaire & Schirm bitte Dich nach Solothurn zu schiken. Sak & Fell behalte noch zurück«, kommt die Antwort. Baudelaire - Zeitvertreib für Giacometti, dessen Belesenheit Amiet immer wieder verblüffte und der seine Briefe bald französisch, bald italienisch, später auch deutsch schrieb.
Für Giacometti, der »den Eindruck der Natur« wiedergeben will und »nichts davon hält, Bilder fast ganz aus dem Gedächtnis zu malen«, waren die Wochen im Val da Cam ein Motivationsschub, auch wenn der Nebel alles Licht fraß und die Gespräche in der tristen Regennässe zu ersaufen drohten. Giacometti litt in jenen frühen Jahren nicht nur unter der Einsamkeit (obwohl er mit Giovanni Segantini in Maloja eben eine verwandte Seele und einen Mentor gefunden hatte - siehe »Maloja, Stelldichein der Künstler«, S. 36), er litt auch unter der anhaltenden Erfolglosigkeit und der Finanzmisere.
Das sollte sich in den nächsten Jahren ändern. Amiet und Giacometti wurden, neben dem eine Generation älteren Ferdinand Hodler, zu den Vorreitern einer neuen Malerei, wo reine Farbe, starkes Licht und das Ornamentale im Zentrum standen.
Aber etwas änderte sich nicht, nie. Auch als die Herren neben ihren Verpflichtungen als Familienvorstände, Kommissionsmitglieder, Kunstschaffende und Mentoren nicht mehr viel Zeit fürs Debattieren und Briefeschreiben fanden: das miese Wetter.
»Lieber Amiet«, schreibt Giacometti im August 1901, »unser Aufenthalt auf Maloja war leider nicht lang, und was noch schlimmer von recht schlechtem Wetter begünstigt. Es war, was Wetter anbelangt, fast eine zweite Campagna von Val Campo.«
Auch 1909 hat sich die Wetterlage nicht gebessert: »Das Wetter aber ist immer gleich schlimm - heute sind die Berge wieder weiß von Schnee so das ich mit meiner Arbeit nicht vom Fleck komme. Es ist ein noch schlimmerer Sommer als der, den wir auf Val Campo verlebt haben.«
Cuno Amiet: Giovanni Giacometti. Neujahrsblatt der Zürcher Kunstgesellschaft. Zürich 1936.
Cuno Amiet: Über Kunst und Künstler. Jahresgabe der Bernischen Kunstgesellschaft für 1948. Bern 1948.
Cuno Amiet - Giovanni Giacometti. Briefwechsel. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2000.


