Grenzland Bergell
Soglio–Savogno: Ma è bello, il paradiso
Ma è bello, il paradiso
| Ort | Höhe | Dauer |
| Soglio | 1097 m | |
| Lazal | *1892 m | 1 h 15 |
| *Calestro | 1182 m | 2 h 15 |
| Savogno | 932 m | 4 h 30 |
Höhendifferenz Aufstieg 900 m, Abstieg 1050 m
Etappenort Savogno: Berghaus Rifugio Savogno, siehe Tisch & Bett
Variante: Die Etappe in Castasegna beginnen beziehungsweise in der italienischen Fraktion Dogana, von dort nach Somasaccio hoch und ebenwegs weiter nach Montesetto (etwa gleiche Zeit).
Wer von Soglio westwärts schaut, sieht drüben in Italien - je nach Licht zum Greifen nah - die grüne Terrasse von Somasaccio und etwas höher die ehemalige Kaserne der Guardia di finanza, die nicht zufällig dort steht. Bis vor wenigen Jahrzehnten war es kein Problem, über das Grenztobel hinüber zu spazieren, offiziell und inoffiziell. Doch dann zerfiel der Weg; es blieb nur noch, davon abzuraten.
Inzwischen ist er instand gestellt und ausgeschildert, der unfreiwillige Abstieg nach Castasegna entfällt. Der neue Weg ist nicht einfach die Fortsetzung des leicht begehbaren Panoramico vom Vortag, sondern ein Bergweg. Aber was für einer! Die Wanderung von Soglio nach Savogno ist vielleicht die schönste, die man im Bergell machen kann. Anmutige, sorgfältig gepflegte Maiensäße wechseln ab mit schroffen Seitentälern, eine faszinierende Abfolge von »milden« Kulturlandschaften und »wilden« Felskulissen.
Weil der Weg auf der ganzen Strecke neu markiert und ausgebessert ist, erreicht man Savogno schneller - aber nicht in 3 h 30, wie einem ein Wegweiser kurz nach Soglio weismachen will.
Von Soglio gehen wir also ebenwegs nach Dasciun und ziehen dann auf einem schmaleren Weg ins Grenztobel hinein. Vom Frühsommer abgesehen führt der Grenzbach wenig Wasser; er lässt sich auch ohne Brücke gut queren. In Italien hilft eine stabile Metalltreppe über eine felsige Stelle hinweg. Der Weg mündet oberhalb der früheren Zollkaserne in die Wiesen von Lazal (in der Landeskarte noch nicht eingetragen, in etwa der Schnittpunkt der Koordinaten 759/134). Hier weist uns ein Wegweiserstein, der flach in der Wiese liegt, hinunter nach Montesetto.
In die heutige Etappe kann man auch von Castasegna aus einsteigen. Gleich nach der Grenze, im Hof der gelben Zollkaserne, führt eine Treppe hoch, die in den Somasaccio-Weg mündet. Nach wenigen Minuten sind wir in Guaita. Ruhig ist es hier, in der geschützten Lichtung, auch am Sonntag. Das war mal ganz anders. »Ein Sonntag in Castasegna« betitelt Georg Leonhardi seinen Bericht vom Juli 1839. In Guaita »befinden sich Windgrotten, größere und kleinere Felsenklüfte und Spalten, welche die Castasegner, wie die Clevner in der Pradigiana [Pratogiano], und die Luganer am Fuße des Caprino und die Misoxer bei Cama erweitert und in Weinkeller verwandelt haben. Vor den Kellern sind im Schatten von Kastanienbäumen steinerne Tische und Bänke. Daselbst nun fand ich wenigstens drei Viertheile der Dorfbewohner, hier eine vollständige Familie, dort einen Trupp Verwandte oder gute Bekannte, bei Wein, Brod, Käse, Wurst (salame), Schinken usw. versammelt. Der Wein aus der Gegend von Cleven wird dem Veltliner vorgezogen, man trinkt ihn nicht aus winzigen Gläsern, sondern aus großen irdenen Krügen, die im Kreise herum geboten werden. Auf manchen Tischen war nebst Ziegenkäse und Ziegenziegerchen, welche die Bergeller aus der Milch ihrer vielen Ziegen sehr gut zu bereiten verstehen, auch fetter Oberengadinerkäse. Nicht nur allerlei Gespräche, auch allerlei Sprachen wurden da gehört, die französische, die polnische, die deutsche und die italienische. Wie aus den beiden Engadinen wandern nämlich auch aus dem Bergell, besonders von Castasegna, sehr Viele ins Ausland. Wenigstens der fünfte Theil der Einwohner von Castasegna hält sich in Preußen, Polen, Ungarn, Frankreich, Piemont und andern Ländern auf. An Unterhaltungsstoff kann es daher in Guaita nicht leicht fehlen.«
Wer via Guaita nach Somasaccio kommt, kann auf einer grünen Geländeterrasse mehr oder weniger eben nach Montesetto weiter spazieren, vorbei am »Winterquartier« von Roberto Pedrinis Ziegenherde, die seit ein paar Jahren wieder die Hänge bis hinauf nach Malinone beweidet (siehe »Nun meckern sie wieder«, Seite 135).
Ob via Lazal oder via Somasaccio - wir landen in Montesetto. Beziehungsweise etwas südwärts auf dem lang gezogenen, imposanten Gletscherschlifffelsen, dem harmonischen Ensemble einer glazialen und einer Kulturlandschaft (Punkt 1072). Zufrieden hocken wir auf dem felsigen Elefantenrücken und betrachten die weniger faszinierende Kulturlandschaft unten an der Talstraße, mit vollen Backen an saftigen, geräucherten Pouletschenkeln kauend, die der Bergeller Metzger Renato Chiesa produziert.
Die folgende Wegstunde ist auf der Landeskarte nicht eingezeichnet. Doch der Weg existiert und ist markiert. Von der Häusergruppe Montesetto steigen wir zur kleinen Holzbrücke ab, die den Seitenbach quert. (Den fantastisch steilen Steintreppenweg von hier nach Villa hinunter beschreiben wir in der Wanderung 23.) Nach der Brücke steigen wir im Seitental vorerst leicht und dann steil an. Ziel sind die Alphütten von Calestro (Punkt 1182).
Die Weiden werden nicht mehr genutzt, die großen Kastanienbäume sich selber überlassen. Calestro ist vor wenigen Jahren aufgegeben worden. Noch mäht irgendjemand zwischen den Ställen von Calestro und Frescarola Streifen in die vergandenden Wiesen, die Grashaufen modern vor sich hin. Farn und junge Birken breiten sich aus. Für uns Wandernde ist die verlassene Terrasse ein Paradies fernab der bösen Welt, obschon die tägliche Verkehrslawine weniger als einen Kilometer von hier durchs Tal rollt.
Bis Savogno werden wir fast ausschließlich im Wald unterwegs sein. Auf dem Weg, den die Landeskarte ausweist, steigen wir von Frescarola bis zur markanten Spitzkehre ab (östlich des ersten a der Kartenbezeichnung Bregaglia). Hier, auf 990 Metern Höhe, verlassen wir den eingezeichneten Weg und gehen auf einem markierten, derzeit wenig begangenen Höhenweg weiter. Er wurde auch im felsigen Gelände sehr sorgfältig angelegt (der Charakter des Wegs wird nach wenigen Metern klar). Fix montierte Seile erhöhen die Sicherheit, den festen Tritt bringt man am besten selber mit.
Die markierte Route benützt zum Teil künstlich angelegte (bereits wieder etwas vergammelte) Wege, teilweise auch alte Wegstücke. Nach einer Lichtung (Punkt 925) steigt der Weg deutlich weniger an, als die Landeskarte vermuten lässt. Der Hangweg geht schließlich in einen längeren Zickzackabstieg über. Beim Wildbach (westlich der Koordinatenlinie 756) stoßen wir auf den Weg, der von Villa hochkommt. Bis Savogno sind es noch drei Viertelstunden.


