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Grenzland Bergell

Geschichte zur Wanderung Promontogno–Sasc Furä

Szenen einer Ehe: Klucker und Rydzewski

Anton von Rydzewski (1836-1913), ein gebürtiger Russe, hört den Ruf der Berge spät. Mit 50 steht er auf dem Montblanc, dann ist er in den Dolomiten und im Silvrettagebiet unterwegs. Nun steht ihm der Sinn nach Erstbesteigungen, doch viel ist in den Alpen nicht mehr »zu holen«. Die attraktivste Terra incognita bietet das Bergell.

Der Fexer Wagnermeister, Posthalter und Bergführer Christian Klucker (1853-1928) hat mit den Erstbesteigungen im Fornogebiet auf sich aufmerksam gemacht. Ihm fehlt ein »Herr«, der ihm die Erkundung auch der Albigna- und Bondascagipfel ermöglicht.

Wie sich die beiden treffen, ist der eine 54 und von eher schwächlicher Statur, der andere kraftstrotzende 37. Beide sind beredt, belesen, eigensinnig - und dünnhäutig. Die gegenseitige Begeisterung hält sich von Anfang an in engen Grenzen.

»Als ortskundig und mit den Eis- und Schneeregionen wohl vertraut, hatte ich eine auserlesene Kraft, den Führer Christian Klucker aus Sils-Fex, in meine Dienste genommen«, schreibt AvR im ersten Bericht über seine Bergeller Taten bereits mit einem Hauch von Süffisanz. Und doppelt ein Jahr später nach: »Nicht als hinkender Bote wie im Jahre 1891, sondern mit nachahmenswerter Pünktlichkeit, bei der Ungebundenheit seines Charakters eine anerkennenswerte Leistung, traf Führer Klucker am verabredeten Tage in Promontogno ein.« Moment, kontert Klucker, er sei »sofort« gekommen, sobald ihn die Nachricht, »wo ich ihn treffen werde, erreichte«.

Der Schlagabtausch zwischen der feinnervigen, oft spitz-ironischen russischen Seele und dem gradlinigen, selbstbewussten Bündner Bergführer wird in aller Öffentlichkeit ausgetragen, wenn auch zeitlich verschoben. Der schreibfreudige Rydzewski berichtet im Jahrbuch des SAC ab 1891 wiederholt über die Bergeller Erstbesteigungen und spart nicht mit Seitenhieben auf seinen Führer. Klucker wird in den »Erinnerungen eines Bergführers«, die 1930, nach seinem Tod, erscheinen, mit dem Zweihänder zurückschlagen.

Das beginnt beim Porträt des »Herrn«: »Ganz besonders Arme und Hände waren schwach bei ihm, was beim Klettern dazu führte, dass das Seil zwischen Turist und Führer eine große Rolle spielte. Gegen Witterungseinflüsse war er sehr empfindlich. Mantel, Kautschukkissen und Alpenschirm mussten bei jeder Bergfahrt (Klettereien nicht ausgenommen) mit. Er war sehr kurzsichtig. Das Allerschlimmste waren seine stark entwickelte Nervosität und seine schrankenlose Ränkesucht, welche Übel durch stark gichtische Veranlagung noch gesteigert wurde.« Kurzum: In Kluckers Seil hing zehn Jahre lang eine mittlere Katastrophe, Juni um Juni.

Umso beachtlicher sind die alpinistischen Federn, die das unglücklich liierte Duo sammelte: Erste Begehung des Badileostgrats und erste Überschreitung. Erster Aufstieg im Badilecouloir und erste Überschreitung des Colle del Badile. Erster Aufstieg im Badilecouloir und über Badilenordwand zum Westgipfel. Gemellicouloir und Pizzi Gemelli, neue Routen am Ago di Sciora, Cengalocouloir und Besteigung des Piz Cengalo über den Westgrat.

In der schönen Liste fehlt eine Renommiertour, an die Rydzewski sein ganzes alpinistisches Hoffen hängte, doch stand Kluckers Verdikt nach dem ersten gemeinsamen Juni fest: »Mit dem alten und auf schwierigem Fels unselbständigen Rydzewski wird unter meiner Führung an der Badile-nordkante nicht gepröbelt, denn dort oben ist nicht die Stelle, um mit ihm Mehlsacktechnik zu treiben.« (Die Kante wird erst 1923 durchstiegen werden.) »Führer Klucker Feldmarschall«, betitelte von Rydzewski 1898 eines seiner Klucker-Porträts.

Eigentlich ist das Duo infernale ein Dreieck. Die Spannungen zwischen »Herr« und Führer werden auch über Rydzewskis zweiten Führer ausgetragen, über Mansueto Barbaria aus Cortina d'Ampezzo. »Der Alte jammerte, &Mac221;wir werden im Schneesturm umkommen&Mac220;«, und der »schlotternde Ampezzaner« habe sich »augenscheinlich mit den Heiligen beschäftigt«, spottet der begnadete Kletterfex aus dem Fex. Der servile Südtiroler ziehe dem Herrn gar die Gamschen über und schnalle ihm, Gipfel der Unterwürfigkeit, auch die Steigeisen an.

Das hätte Klucker nie getan, auch weil er noch zur Generation der »Gletschermänner« gehörte, die nicht mit Steigeisen, sondern mit der Axt jede Eiswand bezwangen. Über tausend Stufen, in den heikelsten Passagen sogar zusätzlich mit Griffen für die Hände, zählte Rydzewski im Badilecouloir.

Wenn AvR seinen »treuen Genossen« Barbaria lobt, ist die Kritik an Klucker nicht weit. Wo Klucker »vor Aufregung schnauft«, ist der »brave Mann« ruhig und treu und so pingelig wie sein Herr: »Mit militärischer Pünktlichkeit stellt sich, zur verabredeten Frist, mein Tiroler Führer Mansueto Barbaria ein.«

Wenigstens zuhanden der Nachwelt mag der Herr nicht immer Hintermann sein, doch Wunsch und Wirklichkeit sind heikle Gesellen. Am Ago di Sciora will Rydzewski seine beiden Topshots Klucker und Emile Rey (der Barbaria vertritt) ganz routiniert gegen das Abstürzen gesichert haben: »Während Rey und Klucker den heiklen Gang ausführten, stand ich auf einer mit Schnee bedeckten schmalen der Bruchkante einer Platte gleichenden Leiste, die Linke an den gleich dem Hals eines Pferdes vor mir aufsteigenden Grat gestemmt, in der Rechten das Seil, denn auch Führer können stürzen.«

Von Schnee sei keine Spur gewesen und die Leiste ein Absatz, auf dem eine Person stehen oder sitzen konnte, gibt Klucker zurück: »Ein Blick hinunter zeigte mir unseren Helden und Prinzipal bei dem Gratabsatz, wie er mit beiden Händen den Hals des granitenen Gauls umklammert hielt und daher keine zweite Rechte verfügbar hatte für das Seil.«

»Es war ein herrlicher Morgen«, psalmodiert der russische Schöngeist wenig später. »Licht und hehr erschien die Natur um uns. An einer Schneewand von 46 bis 50 Grad Neigung in einigen Stufen emporgestiegen, marschierten wir, in tiefem Schweigen und scharf auslugend, immer steil aufwärts direkt auf die Eisbarrikade los. Sie zu erklimmen, erschien mir wie die Ausgeburt einer überhitzten Phantasie. Aber das Fieber der Aktion hatte uns erfasst. Und schon kamen die Geschosse. Wir waren zu spät aufgebrochen!«

Wie immer kommentiert Klucker sarkastisch. Der »tattrige Alte« weigere sich standhaft, vor Morgengrauen unterwegs zu sein, obwohl die Laternen immer mitgetragen würden. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Wegen der vorgerückten Stunde bekam die Gruppe in den steilen Couloirs oft Steinschlag um die Ohren. Ein ewiges Ärgernis.

Der Herr war nicht nur tattrig und gichtig, er war auch ein Gourmet, der allerdings, ganz im Gegensatz zu Klucker, weder Wein noch Bier trank und »kein Freund des langen Sitzens« war. Zu gerne wüssten wir, was er bei seinen häufigen Imbissen zu sich nahm, während seine Führer die nächsten hundert Stufen im Eis schlugen oder nach guten Standplätzen Ausschau hielten. Das Bregaglia in Promontogno habe ihn mit »den vorzüglichsten Provisionen für meine mehrtägigen Touren versorgt«, lobt AvR. Nur eine Vorliebe kennen wir: »Ausgezeichnet bewährten sich die von Führer Andrea Picenoni in Bondo gedrechselten hölzernen Behälter in Eiform zum Aufbewahren roher Eier« - jeweils drei an der Zahl.

All das musste mitgeschleppt werden. Es blieb bei weitem nicht bei Schirm und Gummikissen, Laternen und Ersatzgamaschen. Mit von der Partie war nebst dem üblichen wissenschaftlichen Instrumentarium auch die Fotokamera samt Ersatzapparat. Rydzewski hat auf seinen Expeditionen regelmäßig fotografiert.

In der Erinnerung von Klucker: »Schwer beladen zogen wir, Barbaria und ich, mit unserm Herrn von Rydzewski um die heiße Mittagszeit des 8. Juni 1892 durch das Val Bondasca hinan zu der Naravedroalp empor. Weil kein Träger eingestellt wurde, so bekam jeder von uns einen vollgestopften, großen und schweren Rucksack von 25 bis 30 kg Gewicht auf den Buckel. Gerne hätten wir bei der herrschenden Hitze und den drückenden Rucksäcken während dem Aufstieg ein paar Ruhepausen mehr eingeschaltet. Weil aber die Raststellen bereits ein Jahr vorher genau bezeichnet worden waren und sogar die Zeitdauer einer solchen Pause mit der Uhr in der Hand bestimmt wurde, so schickte man sich darein, dem lieben Frieden zulieb, und keuchte und schwitzte, bis man oben an Ort und Stelle war.« Lobte der Herr: »Besonders Klucker rechne ich es hoch an, dass er oft sehr schwere Lasten, ohne irgendwelche Weigerung, getragen hat.«

Das Lob verfängt wenig. Klucker kündigt das Verhältnis 1893 auf. Darauf attestiert Rydzewski seinem Führer in einem Brief voller Selbstbezichtigungen, ein viel besserer Mensch zu sein. Klucker lässt sich zurückgewinnen. Herr und Führer sind, wenn sie die Gipfel über dem Bondascakessel weiterhin mit einem Netz von Erstbesteigungen überziehen wollen, aufeinander angewiesen. So geht der Knatsch weiter bis ins Jahr 1900. Dann ist »der Mehlsack« 64 und sieht ein, dass er die Badilenordkante nicht machen wird. Die letzte gemeinsame Erstbesteigung, am 20. Juni 1900, gilt der Westkante der Punta Trubinasca.

1913 stirbt Anton von Rydzewski, der frühe Chronist der Bergeller Berge, in Dresden. Sein Bergell-Führer, an dem er arbeitete, ist nie erschienen. Die Nachrichten der CAI- Sektion Torino, der Rydzewski angehörte, bringen auf Mitteilung der Witwe hin einen kurzen Nachruf.

Ganz anders tönen 1928 die Nachrufe auf Christian Klucker. Alles, was im Alpinismus Rang und Namen hat, lässt sich vernehmen. Der alte Junggeselle hatte auch zahlreiche Verehrerinnen, die den Charme des weltgewandten Führers zu würdigen wussten. Hermine Flaig aus Gargellen sei hier stellvertretend zitiert: »Es gibt ein Bild von ihm als 35-jährigem Mann: ein echter Engadiner, prächtiges Bauernblut - eine breite, massive Figur, ein männlich-hübsches anziehendes Gesicht, furchtlose Augen mit ruhigem und kühnem Blick und eine Stirn, hinter der starke Gedanken wachsen mögen.« Das Foto stammt aus der Zeit, als Christian Klucker mit Anton von Rydzewski in seinem »Granitland« unterwegs war.

Postskriptum: Auf Anton von Rydzewski sind wir bei der Suche nach historischen Fotografien für dieses Buch gestoßen. Von 1894 bis 1910 machte »der Russ« im Bergell 2000 Fotografien, von denen wir inzwischen gut 400 gefunden haben. Eine Auswahl präsentierten wir in Ausstellungen im Torre Belvedere Maloja, im Palazzo Pestalozzi Chiavenna und in der Bündner Kantonsbibliothek Chur. 2007 erschien der Fotoband »Ein Russ im Bergell« mit rund hundert Aufnahmen. Das Buch kann hier bestellt werden.

Anton von Rydzewski: Jahrbücher des Schweizer Alpenclubs, 1891-1895 sowie 1923.
Christian Klucker: Erinnerungen eines Bergführers. Erlenbach 1930.
Marco Volken: Badile. Kathedrale aus Granit. AS-Verlag, Zürich 2005.
Ursula Bauer, Jürg Frischknecht (Hg.): Ein Russ im Bergell. Anton von Rydzewski 1836-1913. Der erste Fotograf des Bergells. Verlag Desertina, Chur 2007.