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Reportage
Carrara-Marmor als TierfutterRadioreportage vom 6.12.2011
Marmor, Meer und Maultierpfade
DIE BIZARRE WELT DER STEINBRÜCHE
Von Tarnone über Fantiscritti nach Carrara
Von der stillgelegten Marmorbahnstation Tarnone wandern wir über einen aussichtsreichen Pass in den Steinbruchkessel von Fantiscritti und lernen die bizarre Welt der Steinbrüche kennen. An den ehemaligen Bahnviadukten Ponti di Vara vorbei steigen wir zum alten Steinbrecherdorf Miseglia und nach Carrara hinab.
Unser Ausflug in die Welt der Steinbrüche beginnt beim Busterminal von Carrara, auf der Piazza Sacco e Vanzetti. Beharrlich arbeitet sich der klapprige blaue Bus, der neunmal täglich Carrara mit Colonnata verbindet, die vielen Kurven ins Dorf Codena hinauf. Kurz danach, vor Bedizzano, tauchen links im Gegenhang zwei elegante alte Backstein-Viadukte auf: die Ponti di Vara. Sie dienten einst der Marmor-Eisenbahn (Marmifera), die bis in die 1960er-Jahre die Steinbrüche mit dem Hafen von Carrara verband und sich über insgesamt 22 Kilometer, 16 Brücken und 15 Tunnels erstreckte. Das erste Teilstück vom Hafen bis nach Miseglia und Torano war 1876 in Betrieb genommen worden. Das zweite, bautechnisch schwierigere bis nach Tarnone unterhalb von Colonnata und weiter durch Tunnels nach Fantiscritti und Torano folgte 14 Jahre später. Heute dienen die meisten Trassen und Tunnels als Straßen.
Nach Bedizzano säumen Steinbrüche und viele Souvenirshops die Straße durchs enger werdende Tal. Nach rund 15 Minuten Fahrt lässt uns der Busfahrer bei der Abzweigung nach Fantiscritti (nach links, rechts ist die Cava Nr. 177) aussteigen. Wir folgen dem Schild »Marmotour« nach links (Wegmarkierung auf der Leitplanke) und queren auf der Straße den Fluss. Dort steht der ehemalige Bahnhof von Tarnone (336_m, auf der Karte als La Piana bezeichnet). Die Gemeinde Carrara ließ ihn 2009 mitsamt einem Stück Geleise renovieren und möchte darin ein Restaurant eröffnen. Wir folgen der breiten Straße nochmals gut 50 Meter nach links und steigen vor dem Tunnel den CAI-Wanderweg mit dem wohlklingenden Namen »Sentiero del marmo« hoch.
Zügig führt er in vielen Kehren den Kastanienwald hoch, passiert alte Terrassen und überwachsene Hausruinen. Es empfiehlt sich, gut auf die Markierungen zu achten, um keine falsche Fährte zu er-wischen. Nach einer Viertelstunde verlässt der Weg kurz den Wald und ermöglicht einen ersten Blick in die Steinbrüche mit ihren weißen Marmorklippen. Je -höher wir steigen, desto spärlicher die Bäume, desto besser die Aussicht. Es ist heiß, weiß und gleißend, und es riecht verführerisch nach Thymian, Origano, Currykraut und anderen wilden Kräutern. Im Tal und am gegenüberliegenden Hang sorgen Presslufthämmer, Bagger und rückwärts fahrende Laster für die zur Steinbruchlandschaft passende Geräuschkulisse.
Nach etwa einer Dreiviertelstunde zieht der Weg nach Westen, verliert knapp 40 Höhenmeter und steigt dann zum Colle di Belgia (625_m), den wir eine halbe Stunde später erreichen. Es lohnt sich, noch ein paar Meter den Berggrat aufzusteigen: Die Sicht auf die Berge, die Küste und die Steinbrüche ist gewaltig. Erbarmungslos werden ganze Gipfel abgetragen, unerbittlich wird dem Gebirge von allen Seiten zu Leibe gerückt: Wandern wir in den Apuanischen Alpen, solange es sie noch gibt!
Vom Colle di Belgia hält der breite Weg erst nach rechts, vorbei an vielen Erdbeerbäumen. Dann zieht er nach links, streift die obere Bruchkante eines stillgelegten Steinbruchs und führt wieder nach rechts auf die imposante Steinbrucharena von Fantiscritti zu. Auch der Filmregisseur Marc Forster war von ihr beeindruckt und drehte hier ein paar Szenen für den James-Bond-Streifen Quantum of Solace. Über frisch angelegte Steinstufen steigen wir weiter ab, queren nochmals einen alten Bruch und begegnen vielen verrostenden Zeugen vergangener Abbautechniken. Den Duft von Sommerflieder in der Nase, Carrara und das Meer vor Augen, erreichen wir schließlich den Parkplatz von Fantiscritti (419_m).
Fantiscritti ist das mittlere der drei Marmorbecken von Carrara. 2005 zählte es rund 30 aktive Steinbrüche, ein Drittel davon unterirdisch. In ihnen werden jedes Jahr 320_000 Tonnen Stein abgebaut. Den unterirdischen Steinbruch Cava Ravaccione – er liegt im ehemaligen Bahntunnel nach Torano – kann man auf einer halbstündigen »Marmortour« besichtigen (Info vor Ort).
Den eigenartigen Namen verdankt Fantiscritti einem kleinen Relief (Aedicula) aus römischer Zeit. Vor der Kulisse des Monte Sagro sind darauf drei winzige Götterfiguren eingraviert: Herkules, Jupiter und Bacchus. (Votivtafeln zum Schutz der Arbeiter waren früher weit verbreitet, später übernahm die Madonna dei cavatori deren Funktion.) Das kleine Relief überlebte im Bergtal viele Jahrhunderte, dann wurde es 1863 in die Kunstakademie von Carrara gebracht. Der Fundort aber heißt seither Fantiscritti: »Fanti« für »Kinder« (wegen der kleinen Figürchen), »scritti« für die vielen Initialen, die unzählige Generationen von Arbeitern und Künstlern in das Relief kratzten. Die kleinsten Buchstaben sind »MB«, also wie Michelangelo Buonarroti. Si non è vero, è ben trovato!
Aus Fantiscritti stammt auch der riesige Monolith auf dem Foro Italico in Rom. Der Duce war ein guter Kunde Carraras; er brauchte viel Marmor, um seine Herrschaft zu verklären. In den 1920er-Jahren bestellte er für die geplante Weltausstellung in Rom (die nie stattfand) einen riesigen Obelisken. Die Carrareser Marmorbarone lieferten ihm einen 17 Meter langen, 2,40 Meter breiten und fast ebenso hohen Block. Er brachte 300 Tonnen auf die Waage. Um ihn vom Steinbruch auf den Talboden zu transportieren, brauchten die Lizzatori 18 Stahlseile und 70_000 Liter Seife. Damit schmierten sie die Holzbalken ein, über die sie den Block ins Tal gleiten ließen. Dann zogen ihn 30 Ochsenpaare in die Stadt und zum Hafen, von wo ihn ein speziell gefertigtes Schiff nach Rom brachte.
Bilder dieses gigantischen Unternehmens kann man im Marmormuseum von Fantiscritti besichtigen. Das liebevoll gestaltete, kostenlose Freilichtmuseum ist das Lebenswerk von Walter Danesi. Hier finden sich nebst originalgroßen Ochsen aus Marmor unzählige alte Werkzeuge und Maschinen. Danesi, der selber in den Brüchen arbeitete, gibt auch den harten Arbeits- und Lebensbedingungen viel Raum. Er zeigt, wie die Cavatori wohnten und wie sie Holzprothesen herstellten, um abgerissene Glieder zu ersetzen (eine Unfallversicherung war lange Zeit unbekannt).
Von Fantiscritti bis Miseglia müssen wir rund 2 Kilometer auf der Asphaltstraße gehen. Den ersten Kilometer nutzen werktags auch die mehrachsigen Laster, die Marmorblöcke, vor allem aber Schutt und Bruchsteine ins Tal fahren. Der Schutt und die Bruchsteine werden zu Granulat zertrümmert (für den Straßenbau) oder zu hochwertigem Kalziumkarbonat pulverisiert. Letzteres ist ein relativ junges, lukratives Geschäft, das von einer Schweizer Firma dominiert wird (siehe S._92).
Nach einer Viertelstunde erreichen wir die schönen Viadukte der Ponti di Vara, die wir schon vom Bus aus gesehen haben. Dort halten wir geradeaus. Links im Tal liegen zwei große Sägereien, wo die Marmorblöcke fein säuberlich gelagert und zu Platten gefräst werden. Am oberen Dorfeingang von Miseglia (232_m) liegt das B&B I Ponti di Vara mit seiner einladenden Dachterrasse. Wir gehen rechts das schmale Sträßchen zur Kirche hoch und queren auf der Via Fantiscritti das »Dorf der Steinmörser«. Hinter dem Parkplatz auf der Piazza Marco e Fran-ces-ca, vor der Bushaltestelle, führt links ein kleines Asphaltsträßchen in die Gärten. Bald wird es zur gut erhaltenen Mulattiera (Maultierpfad) und quert zweimal die Hauptstraße. Beim zweiten Straßenkontakt folgen wir dieser 50 Meter talwärts und zweigen wieder links in den Fußweg. Er bringt uns über felsigen Grund zur Via Colonnata. Im Talgrund steht eine frisch zurechtgemachte alte Zugskomposition; etwas weiter stadtwärts ein alter eiserner Bahnviadukt (der Ponte di Vezzala). Wir lassen Zug und Brücke links liegen und schreiten rechts des Flusses die asphaltierte Via Colonnata hinab, die zur Via Carriona wird, und tauchen über die Fußgängerbrücke in die Altstadt von Carrara (100_m) ein.


