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Reportage

Carrara-Marmor als Tierfutter

Radioreportage vom 6.12.2011

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Marmor, Meer und Maultierpfade

DURCH KASTANIENWÄLDER ZUM ORT DES SCHRECKENS

Von Valdicastello über Sant’Anna di Stazzema nach Pietrasanta

Vom Geburtsort eines Literaturnobelpreisträgers wandern wir an stillgelegten Minen vorbei zum traurigen Sant’Anna di Stazzema hoch, wo vieles an das schreckliche SS-Massaker von 1944 erinnert. Ein alter Säumerweg führt weiter zur Panoramaterrasse von Capezzano Monte und hinab ins pittoreske Künstlerstädtchen Pietrasanta.


Das langgezogene Dorf Valdicastello (102_m) liegt im Hinterland von Pietrasanta, am Ausgang des gleichnamigen Tals. Heute zehrt es vor allem davon, Geburtsort des Dichters Giosuè Carducci (1835–1907) zu sein, der 1906 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Von ihm stammt der bedenkenswerte Satz: »Wer mit zwanzig Wörtern sagt, was man auch mit zehn Wörtern sagen kann, der ist auch zu allen anderen Schlechtigkeiten fähig.«

Valdicastello lebte über Jahrhunderte von den Oliven- und Kastanienmühlen entlang des Baches und vom Bergbau. Bis weit in die 1980er-Jahre baute hier die Firma Edem schwefel-, eisen- und silberhaltige Mineralien ab. Wir werden auf der heutigen Tour immer wieder auf Relikte aus dieser Zeit stoßen.

Bei der Kirche verlassen wir den Bus aus Pietrasanta und gehen dem Bach entlang taleinwärts. Die erste Brücke lassen wir außer Acht, bei einem alten Aquädukt wechseln wir auf die orografisch linke Seite und steigen rechts die Via Goito hin-auf zum Ortsteil Parigi. Rechts des Wegaltars folgen wir dem steilen Sträßchen und gelangen direkt auf den alten Säumerweg, der uns in den Wald und bis nach Sant’Anna bringen wird (rote Markierungen). Bis in die 1960er-Jahre war dieser Weg die kürzeste Verbindung vom Tal ins Dorf. Auch eine der vier SS-Kompanien, die 1944 die Bevölkerung von Sant’Anna massakrierten, marschierten hier durch (siehe S. 284).

Auf der breiten Trasse und im Schatten der Kastanienbäume wandert es sich angenehm. Rasch gewinnen wir an Höhe. Nach einer halben Stunde fallen auf der gegenüberliegenden Hangseite Löcher auf, die den Hang wie Käse perforieren; eine lange Blechrutsche rostet verlassen vor sich hin. In der Mine von Pollone ist bis 1985 vor allem Pyrit und Baryt abgebaut worden, aber auch schwefel- und silberhaltiges Blei und Zink.

Der Weg steigt nun nur noch wenig an. Bei einer von Schrotkugeln durchlöcherten Blechtafel, die einst vor Sprengungen warnte, gehen wir rechts die gepflästerte Rampe hoch und dem Tobel entlang weiter bergwärts, Abzweigungen nach links ignorierend. Bald taucht erstmals die rot-weiße CAI-Markierung mit der Wegnummer 4 auf. Kurz darauf, nach einer guten Stunde Wanderzeit, überqueren wir auf einer Bogenbrücke einen Bach, dessen Wasser mal ockergelb, mal rötlich leuchtet. Dann zieht der Weg zügig den Hang hinauf zur Asphaltstraße Culla_–_Sant’Anna (1_h_20).

Das bunte Wasser stammt von den ehemaligen Minen am Monte Arsiccio. Sie liegen weiter oben, oberhalb der Asphaltstraße nach Sant’Anna. Bis 1989 wurden dort Mineralien abgebaut. Heute rosten die Geleise und Grubenwagen, Rutschen und Werkhallen vor sich hin; aus den offenen Stollen strömt gashaltige Luft. (Wer die ehemaligen Anlagen besichtigen will, geht etwa einen halben Kilometer auf der Straße talwärts und dann links den Hang hoch.)

Wir halten weiter in Richtung Sant’Anna und verlassen die Straße nach der Kurve und der Leitplanke wieder. Nach dem steilen Aufstieg über die Böschung erwartet uns der alte Maultierweg. Er bringt uns zu einer eleganten Bogenbrücke und im Zickzack hoch zum Waschbrunnen und zum großen Parkplatz bei der Kirche von Sant’Anna (660_m).

Sant’Anna und Umgebung, wo SS-Einheiten im August 1944 560 Menschen umbrachten, wurde 2000 vom italienischen Parlament zum »Parco Nazionale della Pace« erklärt. Friedenspolitische Veranstaltungen aller Art sollen die Erinnerung an die Schrecken des Faschismus wachhalten. Sehr empfehlenswert ist ein Besuch im Museo Storico della Resistenza oberhalb der Kirche. Eine kleine Bibliothek und eine Ausstellung mit zeitgenössischen Dokumenten informieren über die Zeit der deutschen Besetzung und des Widerstands in der Versilia. Im Multimedia-Saal stellen Zeichentrickfilme das Massaker nach. Die Projektionsapparate sind ein Geschenk von Spike Lee, der 2007/08 seinen umstrittenen Film Miracle at St. Anna drehte.

Vom Parkplatz führt die gepflästerte Via Crucis in knapp 10 Minuten zum Monumento Ossario hinauf. Sie ist von zahlreichen Bronzereliefs gesäumt, die Szenen des Massakers darstellen. Beim Aufstieg treffen wir Jugendliche aus Deutschland, die den Weg und den Wald säubern. Sie nehmen an einem Friedenscamp teil, das der Landschaftsverband Rheinland für benachteiligte, bildungsschwache Jugendliche durchführt. Die Idee ist, politische Bildung mit handwerklichen Tätigkeiten zu verbinden und mit den Jugendlichen über Faschismus, Migration und Rassismus zu diskutieren.

Das Ossario (ca. 710 m) liegt auf einem Hügel hoch über der Küstenebene und dem Val di Castello. Hier sind die Überreste der Ermordeten begraben. Eine riesige Marmortafel listet ihre Namen und ihr Alter auf: Das älteste Opfer war siebzig Jahre, das jüngste drei Wochen alt.

Wir verlassen die Gedenkstätte auf der Zufahrtsstraße, die links der Wegkapelle nach Westen führt. Knapp 10 Minuten später treffen wir auf den nächsten Wegaltar und biegen links in den markierten Wanderweg 3 ein. Nach gut 100 Metern wird das betonierte Sträßchen zum Feldweg und passiert die Talstation der Materialbahn zum Monte Ornato und zur stillgelegten Mine von Argentiera. Bei der Weggabelung folgen wir dem Wegweiser »Zuffoni« nach links. Bald wandern wir wieder auf einem schönen alten Weg. Er führt uns, aussichtsreich im Felshang angelegt, die letzte nennenswerte Steigung dieses Tages hoch. Unten flimmern der Lago di Massaciuccoli und die Meeresbrandung in der Nachmittagssonne; weiter hinten ist der Hafen von Livorno auszumachen. Es tut gut, nach dem Besuch von Sant’Anna hier die Seele baumeln zu lassen.

Nach rund 1 Stunde (ab dem Ossario) -erreichen wir die Tische und Bänke der Casa Zuffoni (730_m) und den Weg, den wir in Wanderung 9 zur Foce di Sant’ Anna hinaufgestiegen sind. Er bringt uns in knapp 30 Minuten durch den Wald zur Madonna del Cardino. Nochmals 10 Minuten später zweigen wir bei Le Foci (599_m) rechts in den Hohlweg Richtung Capriglia. Bei der ersten Lichtung biegen wir nach links in die schmale Wegspur, gehen an der oberen der beiden Föhren vorbei ins Farnfeld und in den Wald und steigen zur Asphaltstraße ab. Dieser folgen wir abwärts bis zum Haus »Via Canaldoro 52«. Dort können wir zwei Kurven schneiden, wenn wir nach dem Haus den alten, schmalen Weg nehmen. Dort, wo die Straße den Wald verlässt, gehen wir links, halten dann rechts bis zu einem Wegaltar und folgen dem Sträßchen wieder nach links hinab zur Kirche von Capezzano Monte (345_m).

Im Dorf queren wir die Hauptstraße und steigen die Via Riccio Rebuto hinab (Abzweigungen nach rechts ignorieren). Nach einer kleinen Gegensteigung bringt sie uns wieder auf die Straße nach Pietrasanta. Nach rund 100 Metern fädeln wir in den als Sackgasse beschilderten Weg nach rechts ein, passieren einige Häuser und befinden uns unvermittelt auf dem früheren Säumerweg. Wunderschön führt er uns hoch über Pietrasanta und der Küste durch den Olivenhain, endet aber schon bald wieder in der Asphaltstraße. Wir folgen dieser knapp 10 Minuten um zwei große Kurven talwärts (abkürzen möglich), grüßen die heilige Katharina und stechen vor der nächsten Rechtskurve links in die »Via Francigena« (Schild). Sie bringt uns durch Oliven- und Fruchtbaumkulturen in die Ebene und zur Pieve SS. Felicità e Giovanni (38_m).

Die romanische Kirche aus dem 9._Jahrhundert, vermutlich die älteste der Versilia überhaupt, steht harmonisch in den Olivenhainen. Wer sie besichtigen möchte, meldet sich am besten beim Küster, der hinter dem Gotteshaus wohnt.

Von der Kirche (Bushaltestelle) kann man nach Valdicastello zurückkehren (1,5_km) oder zum nur wenig mehr entfernten Pietrasanta (14_m) wandern. Wir entscheiden uns für Letzteres und folgen der wenig befahrenen Straße bis zum Stadtfriedhof. Dort biegen wir nach rechts in die Provinzstraße und sind froh, dass eine dichte Platanenallee den Gehsteig vor den Autos schützt. Immer geradeaus erreichen wir die ruhige Via Garibaldi, werfen einen raschen Blick ins edle Stadthotel und stehen wenige Minuten später auf der zentralen Piazza Giordano Bruno mitten in der Altstadt.


Pietrasanta – Stadt der Künste

Pietrasanta ist ein herausgeputztes, schickes Städtchen. Verkehrstechnisch gut erschlossen, eignet es sich gut als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Berge oder (auch per Fahrrad) ans Meer nach Marina di Pietrasanta (4_km). Seinen Namen verdankt es nicht einem heiligen Stein, sondern einem Adligen aus Mailand. Guiscardo Pietrasanta gründete die Stadt Mitte des 13. Jahrhunderts im Auftrag Luccas.

Pietrasanta profitierte bald vom Marmor-abbau, den die Medici am Altissimo forcierten (siehe S. 196). Aber der Ort lebte immer auch vom Olivenöl und vom Abbau eisenhaltiger Erze in seinem Hinterland. Früh schon konzentrierte sich die Città nobile auf die künstlerische Be-arbeitung des Marmors (und von Bronze). 1840 öffnete die erste Marmor-Kunstschule.

Auch heute ist Pietrasanta ein kleines Mekka für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt, die mit Marmor und Bronze arbeiten. Das Stadtmarketing gibt sich alle Mühe, mit Veranstaltungen und Ausstellungen den Ruf als Stadt der Künste zu pflegen. In Pietrasanta und Umgebung gibt es unzählige Ateliers, in denen gehauen und gefräst, gemeißelt, geschliffen und Bronze gegossen wird. Teilweise sind die Werkstätten auf Kopien spezialisiert, in anderen werden hochklassige Kunstwerke fabriziert. Henry Moore arbeitete hier, heute sind es illustre Namen wie Kan Yasuda (eine Marmorplastik von ihm steht auf dem Bahnhofplatz) oder Fernando Botero, dessen dicke Bronzefiguren Plätze und Rondelle schmücken (so der »Krieger« vor dem Rathaus). Zwei sehr schöne Fresken des kolumbianischen Künstlers hängen in der unscheinbaren Kirche Sant’Antonio Abate in der Via Mazzini: die »Pforte zum Paradies« und die »Pforte zur Hölle«. Sehenswert ist auch das Museo dei Bozzetti (Via Sant’Agostino 1), wo die Gipsmodelle vieler Künstler und Künstlerinnen ausgestellt sind.