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Hochtour in den Apuanischen Alpen
Von Samstag 30. Juni bis Sa 7. Juli führt die Alpeninitiative in den Apuanischen Alpen eine Wanderwoche mit Pepo Hofstetter und Marta Arnold durch. → Infos
Reportage
Carrara-Marmor als TierfutterRadioreportage vom 6.12.2011
Marmor, Meer und Maultierpfade
Als Francesco III. 1737 den Thron des Herzogtums Modena bestieg, gelang es ihm, einen alten Traum des Herrscherhauses der Este zu erfüllen: der direkte Zugang zum Meer. Dazu bedurfte es bloß einer kleinen, arrangierten Hochzeit zwischen seinem Sohn Ercole und der Thronerbin des befreundeten Fürstenhauses von Massa-Carrara, Maria Teresa Cybo Malaspina, die 1741 stattfand. Ein ehrgeiziges Projekt sollte diesen politischen Erfolg besiegeln: eine gepflästerte Straße von Modena bis zum Hafen von Massa.
Mit dem Bau beauftragte der Herzog seinen Hofingenieur, Abt Domenico Vandelli. Er übernahm keine einfache Aufgabe: Zwar gab es zwischen Modena und Castelnuovo di Garfagnana bereits eine Verbindung (die Este herrschten seit dem 15._Jahrhundert in der Garfagnana), aber wie sollte eine fahrbare, gepflästerte Straße das steile Massiv der Apuanischen Alpen überwinden?
Vandelli prüfte verschiedene Varianten. Trotz Warnungen von Fachleuen entschied sich Francesco III. schließlich für die Direttissima von Castelnuovo über Vagli und den Passo della Tambura nach Resceto und Massa. Denn sie war die einzige Möglichkeit, auf eigenem Gebiet zu bleiben und fremde Territorien zu meiden.
Der Bau der Straße war für damalige Verhältnisse ein imposantes Unternehmen und erfolgte (kriegsbedingt) in zwei Etappen: 1738 bis 1741 und 1749 bis 1752. Für die hohen Trockenmauern, welche die Spitzkehren am Passo della Tambura abstützen, ließ Vandelli eigens Fachleute aus dem Piemont kommen. Schließlich bestückte er die Route mit zahlreichen Casoni, einfache Raststätten, die einfache Verpflegung und Schutz vor Unwettern und Banditen boten.
Aber die Via Vandelli, wie sie bis heute genannt wird, erlangte nie die Bedeutung, die ihr zugedacht war. Die Route war wegen der steilen Hänge beschwerlich; Erdrutsche und die langen Winter machten sie während Monaten unpassierbar. Die Spitzkehren (allein zwischen Resceto und dem Passo della Tambura sind es 23) erwiesen sich zudem als zu eng für Güterkarren und Personenkutschen. Domenico Vandelli soll wegen dieser Mängel 1754 Selbstmord begangen haben.
So zerfiel die Straße der Herzöge bald wieder.
Via della fame
Trotzdem wurde der Weg aber weiterhin genutzt. Im 19._Jahrhundert brauchten ihn Pilger aus Massa für die Wallfahrt nach San Pellegrino nördlich von Castelnuovo. Die Lizzatori von Resceto nutzten Abschnitte, um die großen Marmorblöcke ins Tal zu transportierten (siehe S._130).
Traurige Berühmtheit erlangte die Straße im Zweiten Weltkrieg als »Via della fame«, Straße des Hungers. Vinci Nicodermi, Kommandant einer in den Apuanischen Alpen aktiven Partisanenkompanie, berichtet in seinen Tagebuchnotizen von den ausgehungerten Gestalten, denen seine Einheiten im November 1944 am eingeschneiten Tambura-Pass begegneten: »Bei unserer Rückkehr vom Monte Grotti und von der Garfagnana passieren wir den Valico di Tambura und schreiten auf der Via Vandelli hinab. Dort werden wir Zeugen eines schmerzlichen Schauspiels, das sich schon seit einiger Zeit auf dieser Straße und an diesem Berg ereignet und sich leider noch einige lange Monate wiederholen wird. Es ist die Reise vieler unserer Mitbürger auf der Suche nach Nahrung, um den Hunger zu bekämpfen, unter dem die Bevölkerung von Massa und Montignoso so leidet, weil ihnen die nazifaschistischen Besetzer keine Lebensmittel geben.« Fast alle dieser traurigen Gestalten seien Frauen, schreibt der Partisanenkommandant weiter: »Sie sind barfuß und zerlumpt und haben aufgedunsene, blutige Füße, weil sie über kein geeignetes Schuhwerk verfügen, sondern Lappen umgebunden haben, um sich gegen die Kälte des gefrorenen Bodens zu schützen und auf dem eisigen Schnee einen besseren Stand zu haben.« Die Frauen, so erzählt Nicodemi, brauchten erst ihr Erspartes und dann die Aussteuer auf, um in der Garfagnana oder in Modena Mehl zu kaufen. Dann begannen sie Salz zu gewinnen – ein Produkt, auf das die reichen Bauern und Viehzüchter Modenas sehr erpicht waren: »In Gruppen gingen sie mit klapprigen Schubkarren zum Meer, füllten große Korbflaschen mit Wasser und trugen sie an abgelegene Orte in den Bergen. […] Dort gossen sie das Meerwasser in große Töpfe, Kessel und andere Behälter und erhitzten es, bis sie nach einigen Stunden Kochen das wertvolle Tauschgut gewonnen hatten.«
In den 1990er-Jahren renovierten der Italienische Alpenclub und die Gemeinde Massa zusammen mit der Regionalparkverwaltung Teile der Via Vandelli zwischen Resceto und Tambura-Pass. Jetzt ist der Abschnitt zwischen Resceto und Arnetola, der vor Lastwagenpisten und Asphaltstraßen bewahrt werden konnte, eine beliebte Wanderroute. Doch an die Salz-Frauen aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert nichts, nicht einmal eine schlichte Gedenktafel.
Ein Tunnel durch den Tambura?
Seit über hundert Jahren sorgt das Projekt eines Tunnels durch den Monte Tambura periodisch für Schlagzeilen. Politiker der Garfagnana und Marmorindustrielle aus Vagli schlugen Ende des 19._Jahrhunderts einen Eisenbahntunnel vor, um die Bahnlinie Lucca–Aulla zu ergänzen und die Region und ihre Steinbrüche direkt mit der Küste zu verbinden (die Garfagnana gehörte bis 1923 zur Provinz Massa-Carrara). Das Projekt wurde alsbald schubladisiert, gestorben aber ist es bis heute nicht.
Letztmals zupfte es der Gemeindepräsident von Vagli hervor. Er schlug Ende 2008 den Bau eines 4,5 Kilometer langen Straßentunnels zwischen Arnetola und Resceto vor, als »Variante der Via Vandelli«. Ein solcher Tunnel, so die Argumentation, würde nicht nur den Tourismus ankurbeln, sondern könn-te auch einen unterirdischen Abbau von Marmor im Monte Tambura ermöglichen. Das Transportministerium in Rom reagierte wohlwollend, aber in der Region stieß der Vorschlag auf wenig Gegenliebe. Die Verwaltung des Regionalparks, der Italienische Alpenclub, die Gemeinde Massa, die Provinz Massa-Carrara und die Region Toskana wiesen ihn als ökonomischen und ökologischen Unsinn zurück. Wissenschaftler der Uni Florenz und Höhlenforscher warnten, dass ein solches Projekt schwerwiegende Auswirkun-gen auf den Wasserhaushalt und das komplizierte Wasserspeichersystem der Apuanischen Alpen hätte. Der Monte Tambura spielt darin als Einzugsgebiet wichtiger Flüsse eine zentrale Rolle. So bleibt die Hoffnung, dass das Projekt auch dieses Mal wieder in der Schublade verschwindet.
Literatur
M. Pellegrini/F.M. Pozzi, La Via Vandelli. Strada ducale del ’700 da Modena a Massa. Ed. Artioli, Modena 1989.
Vinci Nicodemi und Giuseppe Lenzetti, Guerra sulle Apuane. La IV Compagnia dei Patrioti Apuani. Collana della Resistenza, Edizioni ANPI, Massa 2006.


