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Hochtour in den Apuanischen Alpen
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Reportage

Carrara-Marmor als Tierfutter

Radioreportage vom 6.12.2011

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Marmor, Meer und Maultierpfade

VON SEE ZU SEE INS HERZ DER APUANEN

Von Isola Santa über den Monte Sumbra nach Vagli

Heute auf dem Menü: zwei pittoreske Dörfer und zwei Stauseen, eine in den Fels gehauene schmale Gasse, ein Gipfel mit umfassendem Rundblick und ein Abstieg durch einen schier endlosen Kastanienwald.

Isola Santa (550 m) ist ein pittoresker, aber kaum mehr bewohnter Ort unter Denkmalschutz. Einige der Häuser, die sich auf der kleinen Halbinsel im See um die Kirche SanJacopo scharen, sind zwar in den letzten Jahren renoviert worden. Die meisten dienen aber als Ferienwohnungen. Im Mittelalter war Isola Santa eine wichtige Station an der Route von der Garfagnana über die Foce di Mosceta in die Versilia und zum Meer. Das Hospitale neben der Kirche bot Wanders- und Handelsleuten Schutz vor Banditen, wilden Tieren und Wetterkapriolen. 1950 versank ein Teil der Ortschaft im Stausee der Elektrizitätsgesellschaft von Bologna. Heute fügt sich der See schön in die Landschaft ein und verlockt zum Bad.

Bei der Bushaltestelle gegenüber dem beliebten Slow-Food-Restaurant Da Giaccò beginnt der Wanderweg auf den Monte Sumbra (auch Penne di Sumbra). Das Schild des »Garfagnana Trekking« weist uns in einen schönen Kastanienwald mit altem Baumbestand und hinauf nach Capanne di Careggine (840 m). Am Eingang des ehemaligen Sommerdorfes von Careggine begrüßen uns der heilige Antonius und zwei blühende Kapernbüsche. Im oberen Dorfteil steht das Ristorante La Ceragetta. Auch dieses ist eine gute Adresse, und seit dem Sommer 2009 führt der Wirt Marco Poli das Antico Borgo di Salceto: sechs Ferienwohnungen in renovierten Steinhäusern, die man auch nur für eine Nacht mieten kann.

Beim Restaurant folgen wir dem CAI-Schild (Wanderweg 145) bergwärts und an einem Verbotsschild vorbei, dem wir noch mehrmals begegnen werden: Dem gemeindefremden Volk wird untersagt, Kastanien, Nüsse und andere Waldfrüchte zu sammeln. Zu wichtig waren diese Produkte früher für die kommunale Wirtschaft. Heute werden die meisten Bäume nicht mehr gepflegt und viele Nüsse verrotten am Boden.

Beim ehemaligen Schulhaus biegen wir links in den Wald und kommen wenig später zur hoch über dem Dorf gelegenen Kirche (mit Brunnen). Nach dem Turm führt rechts das asphaltierte Sträßchen weiter aufwärts, mündet in eine Waldstraße und diese bei einem Wasserschloss in einen schmalen Weg. Bequem steigt er quer zum Hang im Kastanienwald an, bis wir, eine knappe Stunde nach Capanne di Careggine, überrascht vor einer imposanten Gasse stehen, 30 Meter lang, knapp 1 Meter breit und 8 Meter tief.

Nach der Gasse wird der Weg zusehends alpiner. Erst verliert er ein paar Höhenmeter, quert auf einem breiten Band eine Felswand, zieht im Grashang wieder hoch und bewältigt über ein paar Felstreppen ein kleines Couloir. Tief unten im Tal glitzern die Steindächer und der See von Isola Santa, dahinter baut sich das mächtige Pania-Massiv auf. Auf den Mauern der eingestürzten Alphütten von Fornacchio sonnen sich die Eidechsen, ganze Schwärme von Schmetterlingen schweben über den vielen Blumen. Nach Westen haltend, umgehen wir eine schroffe Felsnase und tauchen in einen dunklen, wunderbar kühlen Wald mit schmalen, hohen Buchen ein. Dort touchiert der Weg ein schma-les Bachbett, wendet nach rechts und bringt uns über wieder offenes Gelände auf den Colle delle Capanne (1453 m). Wer Mitte Juli unterwegs ist, findet hier viele Himbeeren und Walderdbeeren.

Hier stoßen wir auf die Waldstraße, die uns später zur Maestà del Trebbio hinabbringen wird. Für den Gipfelaufstieg aber folgen wir der Straße ein paar Schritte bergwärts und wechseln rechts auf den markierten Wanderweg. Erst auf, dann knapp rechts der Krete des breiten Sumbra-Rückens führt er uns zu einem ehemaligen Köhlerplatz und wieder steiler über Karstfelsen zurück auf den Grat. Hier erspähen wir erstmals das Meer, und noch ein kurzes Waldstück weiter bestaunen wir die schroffe Südwand des Sumbra. An ihrem Fuß, in der Schlucht des Fosso del Anguillaia, befinden sich die Marmitte dei Giganti (von oben nicht sichtbar): imposante Gletschermühlen, die nur schwer zugänglich sind.

Der Weg wechselt nochmals auf die Nordseite des Bergrückens, wo uns die riesigen Wälder und tief eingeschnittenen Täler der Garfagnana zu Füßen liegen. 1000 Meter tiefer thront Vagli Sotto, Ziel der heutigen Tour, auf einem Sporn über dem Stausee. Noch eine kurze Felspassage, ein paar Meter den steilen Wiesenhang hoch – dann stehen wir auf dem Vor- und schließlich auf dem breiten Hauptgipfel des Monte Sumbra (1765_m). Das Panorama ist – wie immer auf den apuanischen Bergen – schlicht überwältigend, die große Gipfelwiese ein wunderbarer Platz für eine ausgiebige Rast.

Vom Gipfel könnte man die Direttissima zum Passo Fiocca (1554 m) nehmen und weiter nach Arni (891 m) im Tal des Turrite Secca absteigen (ca. 2h30, siehe Wanderung 18, Etappe 4). Der Abstieg bis zum Pass ist allerdings sehr steil (Drahtseile) und nur erfahrenen Bergwandernden zu empfehlen.

Wir ziehen die längere, aber gemütlichere Variante nach Vagli vor. Den Weg bis nach Colle delle Capanne kennen wir bereits, dort folgen wir der Waldstraße bis zur Maestà del Trebbio (1157m). Beziehungsweise bis kurz davor: Dort, wo sich zwei Naturstraßen kreuzen, stechen wir nach links in den Hang, dem Wegweiser »Garfagnana Trekking« folgend. Schier endlos führt uns die mal schmale, mal breitere Spur den steilen Kastanienwald hinab. Es lohnt sich, gut auf die Markierungen zu achten, um nicht eine falsche Fährte zu erwischen, die Pilzsammler oder Jäger gelegt haben. 1 Stunde später erreichen wir bei Vaiano den Talboden und nochmals 10 Minuten später die etwas groß geratene Brücke über den südlichen Arm des Stausees von Vagli.

Für die letzten 20 Minuten bis nach Renaio ist nun Asphalt angesagt: Nach der Brücke stapfen wir links das kleine Sträßchen zur Hauptstraße hoch. Diese brächte uns in den alten Dorfkern von Vagli Sotto (601m) und zur Bar. Wir folgen ihr aber dorfauswärts, überqueren einen zweiten Arm des Sees und gelangen zum Ortsteil Renaio (593m) und zur Talstraße, wo das angenehme Albergo Le Alpi mit Garten und Gelateria steht.

Vagli wurde mit den Steinbrüchen im Arnetola-Tal groß und lebt noch heute von diesen (wir werden sie auf Wanderung 13 sehen). Der Stausee ist wie jener von Isola Santa Anfang der 1950er-Jahre gebaut worden und der größte der Apuanischen Alpen. Ihm fiel unter anderem die alte Siedlung Fabbriche di Careggine zum Opfer – heute ist sie die große Touristenattraktion des Tals: Alle paar Jahre, wenn der See wegen Wartungsarbeiten entleert wird, taucht sie als »paese fantasma«, als Geisterdorf wieder auf.

Auch der hübsche alte Ortsteil von Vagli Sotto war nach dem Staudammbau eine Zeit lang nicht mehr bewohnt. Der Dorfhügel galt wegen des Wasserdrucks als unsicher. Viele emigrierten oder wechselten auf die andere Seeseite nach Renaio. Dort befinden sich heute auch die Gemeindeverwaltung, die beiden Hotels und Läden sowie ein kleines öffentliches Schwimmbecken. Sonntags bieten kleine Buden lokale Produkte wie Käse, Würste, Pilze, Kastanienprodukte oder Farro (Dinkel) an, Plakate werben für einen Ausflug auf dem See. Das Schiff aber liegt verloren mitten im versandenden See vor Anker.


0583 641 498, www.associazionecastanicoltori.it