Nationalpark Val Grande
Das Rastrellamento vom Juni 1944
Am 11. Juni 1944 beginnen deutsche und faschistische Truppen zu Tausenden ins Val Grande und ins Val Pogallo einzudringen und das gesamte Gebiet zu durchkämmen (rastrellare). Ihr Ziel ist die vollständige Liquidierung der Partisanengruppen, die von dort aus im Raum Verbania und im Ossolatal operieren. Ende Juni ist die von der nationalsozialistischen Schutzstaffel (SS) geleitete Säuberungsaktion abgeschlossen. Etwa 300 von 460 Partisanen sind tot. Sie sind in den Gefechten gefallen, auf der Flucht abgestürzt, verhungert oder gefangen genommen und erschossen worden. Allein am 20. Juni 1944 werden in Fondotoce 42 von ihnen hingerichtet. Im Laufe der großangelegten Operation wird fast die gesamte Infrastruktur der beiden Täler zerstört, was den Zusammenbruch der Alpwirtschaft nach dem Krieg beschleunigt. Die traumatischen Ereignisse, die Nino Chiovini in seinem Buch I Giorni della semina (Die Tage der Aussaat) im Detail beschreibt, hinterließen tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis der lokalen Bevölkerung. Doch wie kam es dazu?
Unmittelbar nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 zwischen dem italienischen Oberkommando und den Alliierten beginnen deutsche Truppen Norditalien militärisch zu besetzen. Sie entwaffnen die reguläre italienische Armee und setzen die Marionettenregierung der Repubblica Sociale Italiana, besser bekannt als Repubblica di Salò, unter der Leitung von Mussolini ein. Dies löst in Norditalien eine breite Widerstandsbewegung aus, der sich Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten, Offiziere der aufgelösten Armee und sogar Monarchisten anschließen. Im Alto Verbano bilden sich drei Partisanengruppen heraus, zu denen viele junge Männer aus lombardischen und piemontesischen Städten stoßen.
- Das Bataillon Valdossola entsteht aus der Fusion einer lokalen Partisanengruppe um Dionigi Superti und einer von Mario Muneghina geleiteten Gruppe aus dem Valle Antigorio. Es operiert zunächst von der Alpe Ompio aus.
- Die Brigade Cesare Battisti operiert im Gebiet zwischen dem Monte Zeda und Il Colle. Eine ihrer Aufgaben ist es, aus Konzentrationslagern geflohene Gefangene an die Schweizer Grenze zu geleiten.
- Die Giovine Italia wird von jungen Aktivisten aus dem Raum Verbania und Busto Arsizio gegründet (darunter Nino Chiovini). Sie operiert im Raum Miazzina.
Die Zusammenarbeit zwischen den drei Gruppen gestaltet sich aufgrund von politischen, taktischen, aber auch persönlichen Differenzen schwierig. Bei der Valdossola besteht auch ein latenter interner Konflikt zwischen Superti und Muneghina. Meinungsunterschiede bestehen insbesondere in der Frage, ob die Guerilla eher eine abwartende Haltung einnehmen sollte, um zuzuschlagen, wenn die Zeit für einen Umsturz reif sei, oder ob sie von Beginn weg Angriffe ausüben sollte.
Alle drei Gruppen sind schlecht ausgerüstet und müssen sich ihre Waffen und Munition durch Überfälle auf faschistische Kommandoposten beschaffen. Für die Versorgung mit Lebensmitteln sind sie auf die Unterstützung der Lokalbevölkerung angewiesen.
Ab April 1944 werden die Zusammenstöße zwischen Partisanen und Faschisten immer heftiger. Am 30. Mai überfallen Partisanen der Valdossola unter dem Kommando von Mario Muneghina das Hauptquartier der Faschisten in Fondotoce, erbeuten Waffen und nehmen 50 Gefangene mit ins Val Grande, was sie später bereuen werden.
Anfang Juni werden deutsche und faschistische Truppen im Gebiet Verbania–Ossolatal–Valle Vigezzo–Cannobio ringförmig zusammengezogen, insgesamt mehrere Tausend Mann. Mit einem Rastrellamento soll das Problem ein für alle Mal gelöst werden. Das Kommando obliegt der SS. Zu diesem Zeitpunkt verfügt die Valdossola über 300, die Cesare Battisti und die Giovine Italia über je 80 zumeist bewaffnete, aber wenig erfahrene Kämpfer.
Es geht Nazideutschland wohl nicht in erster Linie darum, Rache für die Partisanenaktion in Fondotoce auszuüben und die Gefangenen zu befreien. Ziel der Säuberungsaktion ist vielmehr, die Simplon-Linie vor Anschlägen durch Partisanen zu schützen und die Kontrolle über die Industrie und die Wasserkraftwerke des Ossolatals zu behalten. Denn diese versorgen die für die Nazis wichtigen norditalienischen Rüstungsbetriebe mit Rohstoffen und Energie.
Die Operation beginnt am 11. Juni 1944. Die Alliierten haben eine Woche zuvor Rom eingenommen und am 6. Juni sind sie in der Normandie gelandet.
Der erste Angriff bei Ponte Casletto kann noch gestoppt werden. Doch bereits am 12. Juni müssen sich die Partisanen zurückziehen, nachdem sie die Brücken dort gesprengt haben. Gleichentags wird Corte Buè angegriffen und die Valdossola ist angesichts der feindlichen Übermacht gezwungen, sich ans andere Ufer des Rio Val Grande zurückzuziehen. Die deutschen Truppen beginnen damit, Velina, Cicogna und alle Weiler dazwischen massiv mit Granaten zu beschießen. Dann beginnt die verlustreiche Flucht der Valdossola ins Val Pogallo und über die Bocchetta di Terza nach Finero (sie wird bei Route 3 beschrieben).
Am 14. Juni wird die Giovine Italia beim Pizzo Pernice und Pian Cavallone angegriffen. Zuerst kann der Feind noch zurückgeschlagen werden. Doch am 15. Juni beginnen die Deutschen, das Pian Cavallone von Intra aus mit schwerer Artillerie zu beschießen, und die Partisanen müssen in Richtung Pizzo Marona weichen. Am 16. Juni wird die Cesare Battisti von Il Colle aus angegriffen. Die Strada Cadorna erlaubt es den motorisierten Verbänden der Angreifer rasch vorzurücken.
Ein Hinterhalt der Partisanen am Passo Folungo – aus den zuvor nie benutzten Schützengräben des Ersten Weltkriegs heraus – hält die deutschen und faschistischen Truppen für kurze Zeit auf. Dann müssen sich die Partisanen in Richtung Pian Vadà zurückziehen. Sieben Partisanen fliehen zu spät und sterben im Kessel der Alpe Fornà im Maschinengewehrhagel. Inzwischen wird auch der Pizzo Marona unter Mörserbeschuss genommen. Am 17. Juni werden die letzten elf Verteidiger dort getötet und die Kapelle wird von den Deutschen gesprengt.
Nachdem die Gefechte beendet sind, kommt die Zeit der Abrechnung. Am 18. Juni werden vier gefangene Partisanen in Falmenta und 18 in Pogallo erschossen. Am 20. Juni werden die beim Pian dei Sali und der Bocchetta di Scaredi gefassten Partisanen nach Intra transportiert. Zwei weitere sind unter der Folter in Malesco gestorben. Nach weiteren Misshandlungen im SS-Hauptquartier in Intra werden die Gefangenen gezwungen, zu ihrer Hinrichtung nach Fondotoce zu marschieren, zusammen mit einem Aktivisten aus Intra und einer Lehrerin, die einem Partisanen geholfen hatte. Die 43 Gefangenen werden in Dreiergruppen am Kanal zwischen dem Lago di Mergozzo und dem Lago Maggiore aufgestellt und erschossen. An jener Stelle befindet sich heute eine Gedenkstätte mit der Casa della Resistenza. Wie durch ein Wunder überlebt einer das Massaker: Carlo Suzzi. Er wird später von Anwohnern verletzt unter den Leichen hervorgezogen und versorgt. Einen Monat später kämpft er wieder, nun unter dem Namen Quarantatré, »Dreiundvierzig«. In den nächsten Tagen folgen weitere Hinrichtungen von Gefangenen in Baveno (17), Alpe Casarolo (11), Finero (15) und Bèura (9). Ende Juni ist die Operation beendet und die SS-Truppen ziehen weiter zu ihrem nächsten Spezialeinsatz.
Wie diese Ereignisse und die gesamte Kriegszeit in der von den Faschisten beherrschten Stadt Intra erlebt wurden, beschreibt der argentinische Autor Antonio Dal Masetto eindrücklich in seinem Roman Als wäre alles erst gestern gewesen, dem ersten Teil der Lebensgeschichte seiner Mutter aus Intra (im Herbst 2008 im Rotpunktverlag erschienen).
Das Rastrellamento vom Juni 1944 ist für die Partisanenbewegung eine schwere Niederlage. Doch das Ziel der deutschen Besatzer, die Widerstandsbewegung zu ersticken, wird verfehlt. Die Bewegung beginnt rasch wieder zu wachsen und erhält nun noch mehr Unterstützung seitens der Bevölkerung, obwohl diese ebenfalls extrem unter der Strafexpedition zu leiden hatte. Die Giovine Italia setzt sich wieder in Miazzina fest. Dionigi Superti baut die Valdossola neu auf und verlegt den Aktionsschwerpunkt ins Ossolatal. Mario Muneghina, der sich mit Superti vollends überworfen hat, gründet die Brigade Valgrande Martire. In Cánnero entsteht eine weitere Formation. Sie alle werden sich im September an der Befreiung des Valle Cannobina und des Ossolatals beteiligen (siehe S. 172). Die Cesare Battisti führt bereits am 18. Juli wieder einen Überfall in Intra durch und beschlagnahmt geplante Lebensmittellieferungen der dortigen Nestlé-Fabrik an die Deutschen.


