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Nationalpark Val Grande

Exklusiver Marmor für den Dom von Mailand

Im Jahr 1387 erhielt die Bauherrin des Doms von Mailand, die Veneranda Fabbrica del Duomo di Milano, eine zeitlich unbefristete Konzession zur Nutzung des Marmorsteinbruchs von Candoglia. Gian Galeazzo Visconti, der starke Mann und spätere Herzog von Mailand, hatte sich gegenüber dem Erzbischof durchgesetzt und die Adligen von Mailand überzeugt, dass der nördlich der Alpen in Mode gekommene gotische Stil anzuwenden und der für die Lombardei eigentlich unübliche Marmor dem Ziegelstein vorzuziehen sei. Schließlich sollte der Bau punkto Großartigkeit alles Bisherige in den Schatten stellen. Er verschlang in den ersten Jahrzehnten denn auch 5 Prozent der gesamten Staatseinnahmen Mailands.
Zur Konzession der Veneranda Fabbrica gehörte auch das exklusive Recht zur Nutzung der Wälder zwischen der Cima Corte Lorenzo, der Alpe Ompio und dem Rio Val Grande, was über die Jahrhunderte zu zahlreichen Konflikten mit den Gemeinden Bieno, Santino und Rovegro führte. Die Grenzen des von der Bevölkerung nun »Bosco della Madonna« genannten Gebiets wurden daher mit markierten Steinblöcken versehen. Man findet einen solchen auf dem Gipfel des Monte Faiè. Die Veneranda Fabbrica benötigte das Holz für die Gerüste sowie den Bau von Rutschbahnen und Flößen für den Transport der Marmorblöcke zum Fluss und nach Mailand. Damit war die sechs Jahrhunderte dauernde Intensivnutzung der Wälder des Val Grande eingeläutet (siehe S. 94).
Der Umstand, dass der Marmor von Candoglia auf dem Wasserweg via Toce, Lago Maggiore, Ticino und Naviglio Grande bis ins Zentrum von Mailand transportiert werden konnte, dürfte den Ausschlag für diesen Steinbruch gegebenen haben – nebst der Tatsache, dass sich das Ossolatal seit 1378 unter der Kontrolle Mailands befand. Der Transport von Marmor aus Carrara, damals ebenfalls unter der Herrschaft Mailands, wäre bedeutend teurer gewesen, da er rund um die italienische Halbinsel hätte geschifft werden müssen. Immerhin wurde Carrara-Marmor für einen Teil der 3330 Statuen verwendet. Was ebenfalls für den Marmor von Candoglia sprach, ist seine charakteristische rosa Farbe, bedingt durch Eisenoxide im Gestein. Nebst dem Candoglia-Marmor wurde auch Marmor aus den Steinbrüchen des auf der anderen Seite des Toce liegenden Ornavasso verwendet. Dieser entstammt derselben Ader, muss aber zwecks Aufrechterhaltung der Exklusivität von Candoglia anders bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den Mergozzesi konnten die Ornavassesi die Marmor-Steinbrüche in ihrem Besitz behalten und entsprechend eine eigene Industrie entwickeln.
Die Konzession von 1387 beinhaltete das Recht für die Veneranda Fabbrica, den Marmor zollfrei bis nach Mailand zu transportieren. Zu diesem Zweck wurden die Blöcke mit der Bezeichnung A.U.F. für ad usum fabricae (zur Verwendung durch die Fabrik) versehen. Im lokalen Dialekt wird für die Leistung von unbezahlter Arbeit noch heute der Ausdruck lavorare a uffa verwendet. Auch die Ausdrücke viaggiare a ufo für Schwarzfahren oder mangiare a ufo für gratis essen stammen davon ab.
Der Dom von Mailand wurde 1572 geweiht, obwohl er noch nicht fertig war. Die Bauarbeiten dauerten noch bis ins 20. Jahrhundert an. Insgesamt wurden 400 000 Kubikmeter Marmor verwendet. Dies widerspiegelt sich umgekehrt in Candoglia: Der Hauptstollen, die Cava Madre, ist 150 Meter tief, bis zu 30 Meter hoch und 15 Meter breit. Noch heute wird der Steinbruch ausschließlich für den Dom von Mailand genutzt. Pro Jahr benötigt man für die Unterhaltsarbeiten aber nur noch etwa 80 Kubikmeter geschnittene Blöcke, was etwa 400 Kubikmeter Rohware entspricht. Dieses Pensum kann von den fünf Arbeitern problemlos bewältigt werden. Der Weiterbestand des Doms von Mailand ist, zumindest was den Rohstoff angeht, auf weitere Jahrhunderte hinaus gesichert.