Nationalpark Val Grande
Val Grande - »Das letzte Paradies«
Der Parco Nazionale Val Grande gilt als das größte Wildnisgebiet Italiens und des gesamten Alpenbogens. Dies erstaunt auf den ersten Blick, denn das Val Grande befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur touristisch hoch entwickelten und dicht besiedelten Region um den Lago Maggiore, also am Rande der Poebene, eines der größten Industriezentren Europas. Einer der wichtigsten Promotoren des Nationalparks, Teresio Valsesia, bezeichnete das Val Grande in seinem 1985 erstmals erschienen Buch als ultimo paradiso, das letzte Paradies. Wer einmal in dieses Paradies eingetaucht ist, den lässt es nicht mehr so leicht los.
Der Nationalpark Val Grande besteht im Wesentlichen aus zwei Haupttälern, dem Val Pogallo und dem eigentlichen Val Grande. Letzteres grenzt an das Ossolatal, das seit der Antike ein wichtiger Durchgangskorridor für die Überquerung der Alpen ist. Dazwischen liegt eine nicht sehr hohe, aber wild zerklüftete Bergkette. Sie fällt auf, wenn man mit dem Zug von Domodossola in Richtung Milano fährt. Im Norden des Val Grande liegt das Valle Vigezzo, durch welches man von Domodossola aus in die Centovalli und nach Locarno gelangt. Zwischen Valle Vigezzo und Val Grande liegen die höchsten Berge des Nationalparks (2100-2300 m). Auch dessen Ostseite wird von einer Bergkette geprägt. Diese trennt das Val Pogallo vom Valle Cannobina und vom Valle Intrasca. Das Val Grande ist also hufeisenförmig von Bergen umgeben, was den Zugang erheblich erschwert. Gegen Süden hin hat der Torrente San Bernardino, der bei Verbania in den Lago Maggiore mündet, im Laufe der Zeit ein tief eingeschnittenes Tal und im Val Grande eine neun Kilometer lange Schlucht gebildet. Dadurch wird der Zutritt zum Val Grande von Süden her praktisch verunmöglicht.
Wie unzugänglich das Gebiet ist, zeigt der Umstand, dass Cicogna, die einzige ganzjährig bewohnte Ortschaft im Val Pogallo, erst Ende der 1920er-Jahre eine Straße erhielt. Davor war jahrhundertelang eine Mulattiera (ein Maultierpfad) nach Cossogno die direkteste Verbindung zur Außenwelt.
Von der Kulturlandschaft zur Wildnis
Der obere Teil des Val Grande wurde vom Mittelalter an vom Ossolatal und vom Valle Vigezzo aus besiedelt und gehört bis heute zu den Gemeinden Premosello-Chiovenda, Bèura-Cardezza, Trontano, Santa Maria Maggiore und Malesco. In diesem Gebiet waren die Alpwirtschaft und später die Forstwirtschaft die einzigen Nutzungsmöglichkeiten für den Menschen. Ackerbau war bloß im unteren Val Grande möglich und dort nur mit erheblichem Aufwand. Um bescheidenste Ackerflächen zu erhalten, mussten die steilen Hänge zwischen Cicogna und Velina terrassiert werden.
Die Nutzung der ausgedehnten Wälder in diesen Tälern begann im 15. Jahrhundert im Gebiet hinter dem Monte Faiè, das den Erbauern des Doms von Milano von Herzog Gian Galeazzo Visconti zur Verfügung gestellt wurde. Die Forstwirtschaft dehnte sich dann im Val Grande und im Val Pogallo weiter aus und wurde zwischen dem 18. und Mitte des 20. Jahrhunderts bisweilen geradezu raubbaumäßig betrieben.
Während des Zweiten Weltkriegs diente das Val Grande verschiedenen Partisanengruppen als Rückzugsgebiet. Im Rahmen einer Strafexpedition deutscher und faschistischer Truppen im Juni 1944 wurden Hunderte von Partisanen und viele Älpler getötet und die Infrastruktur der Alpwirtschaft größtenteils zerstört. Dieses traumatische Ereignis führte, zusammen mit dem starken Wachstum der norditalienischen Industrie und der entsprechenden Nachfrage nach Arbeitskräften dazu, dass die Alpwirtschaft im Gebiet des heutigen Nationalparks innert weniger Jahre vollständig zusammenbrach. Auch der Holzschlag wurde bald nach dem Zweiten Weltkrieg aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben. Das Val Grande wurde sich selbst überlassen und während der nächsten vierzig Jahre von kaum jemandem wahrgenommen.
Wegen der tiefen Lage (400-2300 m) konnte sich die Vegetation relativ rasch verändern. Die Alpwiesen und -weiden vergandeten und die Wälder erholten sich von der intensiven Nutzung. Das Val Grande hat heute auf den ersten Blick den Charakter einer »Wildnis«, obwohl es keineswegs eine vom Menschen unbeeinflusste Naturlandschaft ist. Solche gibt es im Alpenraum überhaupt keine; der gesamte Alpenraum ist eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Heute wird der Begriff »Wildnis« aber auch für verwilderte Kulturlandschaften wie das Val Grande verwendet.
Erste Naturreservate Ende der 1960er-Jahre
Neben den topografischen Gegebenheiten und der sozioökonomischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte es auch das Wirken vieler engagierter Personen, bis der Parco Nazionale della Val Grande am 2. März 1992 Realität wurde.
Die Entstehungsgeschichte des Nationalparks geht auf Anfang der 1950er-Jahre zurück, als Valerio Benvenuti von der staatlichen Forstverwaltung in Rom den Kauf von Wäldern im Val Grande anregte. Benvenuti hatte bereits 1944 für die Republik Ossola in ähnlicher Funktion gedient. Die Idee für eine foresta nazionale im Val Grande wurde in den 1950er-Jahren von zwei Verbaneser Parlamentariern, Raffaele Cadorna und Natale Menotti, lanciert. Sie wollten damit »nicht nur der Schönheit unserer Berge, sondern auch all jenen, die während des Befreiungskriegs in dieser Zone gekämpft haben und verletzt wurden oder als Märtyrer gefallen sind, ein Monument errichten«, wie Menotti später schrieb. 1963 schlug Mario Pavan, damals Assistent an der Universität von Padua, dem Ministerium für Land- und Forstwirtschaft die Schaffung eines Schutzgebiets im Val Grande vor. 1964 erhielt er von Benvenuti den Auftrag, zusammen mit dem Botaniker Ruggero Tomaselli und einigen Mitarbeitern der Forstverwaltung eine Bestandesaufnahme zu machen. Der Besuch endete damit, dass die im Val Grande gestrandete Gruppe per Helikopter evakuiert werden musste. Auf Vorschlag von Pavan schuf das Ministerium später zwei Naturreservate: 1967 die Riserva Naturale Integrale della Val Grande, besser bekannt als Riserva integrale del Pedum, weil es das Gebiet zwischen der Cima Pedum, der Cima Sasso und dem Rio Val Grande umfasst (973 ha) und 1970 die Riserva Naturale Orientata del Mottàc (2410 ha). Das erstgenannte Reservat wurde mit dem höchsten Schutz ausgestattet und bildet heute die Zone A des Nationalparks. Sie darf nur mit Bewilligung und zu Studienzwecken betreten werden. Das Wandern ist in diesem Gebiet untersagt, außer auf den bestehenden Wegen. Für lange Zeit existierten die beiden Reservate bloß auf dem Papier. Erst Anfang der 1980er-Jahre wurden die Grenzen beschildert und zwei Hütten für die Forstwarte eingerichtet.
»Wilderness« als neues Konzept
Inzwischen begannen sich in den 1970er-Jahren verschiedene Organisationen wie Italia Nostra, der WWF und die Sektionen Monte Rosa Ost des italienischen Alpenclubs CAI für die Schaffung eines Naturparks im Gebiet des Val Grande einzusetzen. Gleichzeitig fand in Italien ein
mit dem aus den USA stammenden Begriff »Wilderness« umschriebenes Naturschutzkonzept immer mehr Verbreitung. Dabei geht es nicht bloß um den Schutz und die Erhaltung einer vom Menschen unberührten (oder nicht mehr beeinflussten) »Wildnis« an sich, sondern auch um die Interaktion zwischen dem Individuum und dieser Wildnis. Der Alltag in einer hoch technisierten, sich rasch ändernden Welt löst bei vielen Menschen eine starke Sehnsucht nach wilder, ungezähmter Natur aus, nach Einsamkeit und spirituellen Erlebnissen, nach Grenzerfahrungen, nach einem Gegenpol zu dem von Sicherheit und Verfügbarkeit geprägten Leben in der Zivilisation. Die Wildnis wird bewusst zu einer Projektionsfläche für den Menschen.
Einer der italienischen Wilderness-Promotoren war Franco Zunino, der 1977 am ersten Wilderness-Kongress in Johannesburg den Vorschlag machte, das Val Grande zum ersten Wilderness-Gebiet Italiens zu erklären. Damit war die Diskussion über die Ziele eines künftigen Val-Grande-Nationalparks lanciert: Sollte es darum gehen, eine verwilderte Kulturlandschaft vor dem erneuten Zugriff durch den Menschen zu schützen? Sollte das Gebiet also vom Menschen möglichst unberührt bleiben und sich selbst überlassen werden? Oder sollte es dem modernen Zivilisationsmenschen zur spirituellen Erneuerung und körperlichen Ertüchtigung zur Verfügung gestellt werden? Sollte es dem von seiner Geschichte entfremdeten Menschen als Erfahrungsraum dienen, um die eigenen zivilisatorischen Wurzeln zu entdecken und zu erforschen?
Ein Meilenstein in der Geschichte des Val-Grande-Nationalparks war das eingangs erwähnte Erscheinen des Buchs Val Grande - ultimo paradiso, in welchem Teresio Valsesia einen konkreten Vorschlag für die Schaffung eines Nationalparks machte. Das Buch des früheren Vizepräsidenten des CAI und Bürgermeisters von Macugnaga ist inzwischen in einer sehr schönen sechsten Auflage (2008) erhältlich, und gilt als das Referenzwerk über das Val Grande. Noch im selben Jahr 1985 wurde die Idee an einer Versammlung des Gemeindeverbundes Verbania-Cusio-Ossola zum Thema integrierter Tourismus aufgenommen und zwei Jahre später wurde ein Promotionskomitee unter der Leitung von Franca Olmi, der Präsidentin des Gemeindeverbandes, gegründet. Der Nationalpark Val Grande fand schließlich Eingang ins Rahmengesetz Nr. 394 vom 6. Dezember 1991 über die Schutzgebiete Italiens.
Geburt des Nationalparks
Der Nationalpark Val Grande wurde formell am 2. März 1992 vom damaligen Umweltminister Valdo Spini ins Leben gerufen. Im Februar 1994 wurde Franca Olmi die erste Präsidentin der 1993 geschaffenen Körperschaft (Ente Parco). 1998 wurde der Nationalpark im Bereich der Gemeinden Aurano, Premosello-Chiovenda und Vogogna um 29 auf insgesamt 146 Quadratkilometer (14598 ha) vergrößert, wobei diese Erweiterung außerhalb des Wassereinzugsgebiets des Torrente San Bernardino, also außerhalb der natürlichen topografischen Grenze des Val Grande und des Val Pogallo erfolgte.
Die Verwaltung des Nationalparks Val Grande ist klar dem »Wilderness«-Konzept verpflichtet und benutzt diesen Ausdruck gezielt in ihrer Promotionstätigkeit. Das Val Grande soll dem Menschen also nicht entzogen werden, sondern als Erlebnis- und Erholungsraum für alle interessierten Personen offen sein. Dabei soll der Wildnischarakter erhalten bleiben. Das heißt, dass bewusst nur eine minimale Infrastruktur an Übernachtungsmöglichkeiten und markierten Wegen zur Verfügung gestellt wird. Während der Zugang zur Zone A (Riserva integrale del Pedum) untersagt ist, wird er in anderen Gebieten des Nationalparks absichtlich nicht erleichtert, so zum Beispiel in einigen Seitentälern des oberen Val Grande (Valle Rossa, Valle Ragozzale, Vallone di Locc). Umgekehrt sind Wegnetz und Schutzhütten in den restlichen Teilen des Nationalparks stark ausgebaut worden, ohne dass sein wilder Charakter wesentlich darunter gelitten hätte.
Die Parkverwaltung unternimmt große Anstrengungen, um neben den Naturreizen auch das kulturelle Erbe des Val Grande zu vermitteln. Dazu dient die Einrichtung von Naturpfaden (Sentieri Natura), die jeweils einem bestimmten Thema gewidmet sind (dem Wasser, der Kastanie, der Alpwirtschaft etc.). Sie befinden sich bei den verschiedenen Zugängen zum Park und können auch gut von Personen besucht werden, die nicht in der Lage sind, das ganze Val Grande zu erwandern.
15 Jahre nach seiner Gründung ist der Nationalpark Val Grande kein Geheimtipp mehr, mindestens nicht in Norditalien. Und einige leicht erreichbare Punkte des Parks, wie die Alpe Scaredi oder Pogallo, werden an den Wochenenden zwischen Juli und September und während der italienischen Sommerferien im August auch recht stark frequentiert. Aber noch immer kann man im Frühjahr und Herbst und unter der Woche auch im Sommer in vielen Gegenden des Val Grande tagelang unterwegs sein, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Die intensive Stille, genauer gesagt das Fehlen von menschgemachten Geräuschen, die dichte Natur, das bei genauem Hinsehen überall präsente Erbe der Frauen und Männer, die hier früher gelebt, gearbeitet und geliebt haben, bilden die Faszination des Val Grande, eines nicht nur großen, sondern auch großartigen Tals.


