PDFDruckenE-Mail

Seealpen

Der folgende Text zum Verhalten bei Schlangenbissen stammt von Dr. Axel Pregartner, und er stellt die allgemeinverständliche und gekürzte Fassung eines medizinischen Fachartikels dar (bibliographische Angabe am Schluß des Textes). Wir danken Herrn Pregartner für die Überarbeitung und für die Erlaubnis der Internet-Präsentation.

Schlangenbisse

Piemont ist ein wichtiges Habitat der europäischen Schlangenpopulationen, neben ungiftigen Ringelnattern finden sich auch Vertreter der giftigen Gattung der Vipern. Hierzu zählt die Kreuzotter, die sehr seltene Wiesenotter und in Piemont vor allem die Aspisviper. Alle genannten Vipern teilen ihren Lebensraum mit dem Terrain, in dem sich auch der Wanderer aufhält, wobei sich diese Schlangen, im Gegensatz zur landläufigen Meinung, auch in Hochlagen finden: die Kreuzotter ist im Alpenraum in Höhen bis 3000m, die Aspisviper bis 2500m und die Wiesenotter immerhin noch in Höhen bis 2000m nachgewiesen.

Im allgemeinen ist das Risiko beim Wandern von einer Schlange gebissen zu werden sehr gering: Schlangen besitzen ein hochentwickeltes Cortisches Organ, mit welchem sie Erschütterungen über weite Strecken wahrnehmen und auch die Erschütterungsquelle, d.h. den potentiellen Gegner, hinsichtlich seiner Größe einschätzen können. Dies hat zu Folge, daß sie normalerweise vor dem Menschen fliehen und sie der Wanderer nicht zu Gesicht bekommt. Ein gewisses Gefahrenmoment besteht allerdings dann, wenn die Schlange aufgrund kühler Temperaturen, z.B. am Morgen, noch relativ träge ist und nicht fliehen kann.

Um Schlangenbisse zu vermeiden empfehlen sich einige wenige, aber sehr effektive Vorsichtsmaßnahmen: mehr als die Hälfte der registrierten Schlangenbisse betreffen die Knöchelregion - ein fester, hochreichender Wanderstiefel verhindert hier meist Schlimmeres. Überdies sollte man, bevor man sich setzt, genau hinsehen, wo man sich hinsetzt: Schlangen liegen oft im dichten Gras, unter Steinen oder auch Sitzbänken auf der Lauer.

Begegnet man einer Schlange so sollte man sich ruhig verhalten, bis sich das Tier entfernt, keinesfalls sollte man versuchen die Schlange zu provozieren, anzufassen oder gar zu fangen: ein Gutteil der Schlangenbisse bei Wanderern, neuere Auswertungen gehen von einem Drittel der Fälle aus, gehen auf derartiges Fehlverhalten zurück! Auf keinen Fall sollte man Schlangen erschlagen - sie haben eine überaus wichtige Funktion im Ökosystem und sind zudem durch die Naturschutzgesetzgebung streng geschützt!

Ist es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einem Schlangenbiß gekommen, so sollte man besonnen reagieren und folgende Erste-Hilfe-Maßnahmen beachten: Keine Panik aufkommen lassen. Die Gifte der europäischen Vipern sind im Normalfall nicht lebensbedrohlich. Zunächst sollte man abklären, ob es sich bei der beißenden Schlange um eine giftige Viper oder ein harmlose Natter gehandelt hat. Vipernbisse sind durch zwei nebeneinander liegende Einstiche gekennzeichnet, während Nattern einen halbrunden Bißabdruck ihrer Zahnreihe hinterlassen. Besaß die Schlange einen dreieckigen Kopf, ein Zackenband auf dem Rücken und geschlitzte Pupillen, so kann man von einem Vipernbiß ausgehen. Mit lokal wechselnder Häufigkeit kommen bei allen europäischen Vipernarten auch rein schwarze Exemplare vor.

Zunächste sollte man den Patienten beruhigen und, sofern eine Extremität von dem Biß betroffen ist, diese wie bei einem Bruch ruhigstellen. Das früher übliche Anlegen einer Abbindung oder Stauung sollte unterlassen werden, da es nach neueren Erkenntnissen bei Bissen heimischer Vipern die Einschwemmung des Giftes in den Körper nicht oder kaum verhindert, aber den lokalen Bißbefund massiv verschlechtert. Auch andere landläufig immer wieder zu hörende Erste-Hilfe-Maßnahmen, wie das Aufschneiden des Bisses, das Ausbrennen, die Gabe von Alkohol etc. sind unbedingt zu unterlassen, da sie nachweislich ineffektiv und für den Patienten schädlich sind! Der Betroffene wird flach, bzw. wenn er bewußtlos ist, in stabiler Seitenlage gelagert, zeigen sich Schockzeichen so lagert man die Beine hoch, allerdings nicht, wenn der Biß ein Bein betrifft. Der Schlangenbiß wird wie eine andere Wunde verbunden, betrifft er den Arm, so müssen Ringe, Armreife etc. abgenommen werden, da sie infolge der möglicherweise stark auftretenden Schwellung einschneiden und schwere Gewebeschäden verursachen können. Der Patient wird nicht alleine gelassen und nach der Erstversorgung fachgerecht, d.h. vom Rettungsdienst, ins Krankenhaus transportiert. Dies erfordert im Gebirge oder schwierigen Gelände häufig den Einsatz eines Rettungshubschraubers. Der Rettungsdienst kann im Piemont über die Polizei (Carabinieri) angefordert werden:

Carabinieri Notruf 112

Darüber hinaus kann man sich in Notfällen Rat bei folgenden Institutionen einholen:

Giftnotruf München (0049) 089/19240
(Sprachen: Deutsch, Englisch)

Giftinformationsszentrale Zürich (0041) 01/2515151
(Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch)

Schweizerisches Tropeninstitut Basel / Institut Tropical Suisse Bâle (0041) 061/2848111 (Sprachen: Deutsch, Französisch)

Ablauf eines Schlangenbisses als Bild

Weiterführende Literatur:

Junghanss, T., M. Bodio: Notfall-Handbuch Gifttiere, Diagnose-Therapie-Biologie, Stuttgart -New York, 1996
Mebs, D.: Gifttiere - Ein Handbuch für Biologen, Toxikologen, Ärzte und Apotheker, Stuttgart 22000
Pregartner, A.: Bisse durch heimische Giftschlangen - Ein seltener Notfall in den Bergen/Morsures de serpents venimeux indigènes - une urgence rare dans les montagnes, in: Forum Alpinum - Zeitschrift der schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin 2/2002 (auch: www.forum-alpinum.ch)