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Tessin Klappern der Zoccoli

September 2010

Die Geschichte des Inselherrn von Brissago


Kaufhaus-König im TessinFrancesco Welti, geboren in Bellinzona, aufgewachsen in Kreuzlingen, in den 90er Jahren Chefredaktor der deutschsprachigen Tessiner Zeitung in Locarno, heute Chefredaktor der Obwalden und Nidwalden Zeitung, hat recherchiert. Bereits zum zweiten Mal nimmt sich Welti einem bekannten Unbekannten an, dessen Geschichte nur in Umrissen bekannt ist: nach Baron Eduard von der Heydt, dem Herrn über den Monte Verità, ist es nun Max Emden, der legendäre Inselherr von Brissago. Emden (1874-1940) ist heute weitgehend vergessen. Lange Jahre wurde in Ascona nur gekalauert: „Und bei Emden fielen die Hemden“. Dazu erschienen die wenigen immer gleichen Fotos von barbusigen und ponackigen Inselmädchen, die Emdens Ruf als Lebemann prägten. Francesco Welti hat in seinem Buch weiter ausgeholt. Er bringt uns den Hamburger Kaufhauskönig mit seiner ganzen Lebensgeschichte näher. Und das ist Stoff für Geschichten und Geschichte.

Max Emden macht sein Geld als Kaufhauspionier nach der Jahrhundertwende. 1926 verkauft er auf dem Höhepunkt der Konjunktur der zwanziger Jahre sein Imperium mit Kaufhäusern von Hamburg bis Budapest an Karstadt, die Konkurrenz; darunter auch das prestigeträchtige KaDeWe in Berlin. Als die Nazis an die Macht kommen, ist Emden längst in der Schweiz und Besitzer der Inseln von Brissago. Doch der restliche Besitz des Unternehmers mit jüdischer Herkunft ist in Deutschland, Danzig und später in Budapest leichte Beute für die Nationalsozialisten. Sein Grundbesitz wird „entjudet“, seine Firmen „arisiert“, Teile seiner wertvollen Kunstsammlung beschlagnahmt und als Raubkunst verschleppt. Emden versucht aus der Schweiz, inzwischen als Schweizer Bürger, dieses Unrecht zu stoppen, doch die offizielle Schweiz unternimmt wenig für ihren Staatsbürger. Der Nachbar ist zu gross.

Max Emdens Leben oszilliert zwischen dem Dolce far niente am Lago Maggiore und dem zermürbenden Kampf um Besitz und Recht in Deutschland. Richard Seewald, Erich Maria Remarque, Marlene Dietrich, aber auch Eduard von der Heydt und andere deutsche Wirtschaftskapitäne sind auf den Brissagoinseln bei Emden Gast. Zu Emdens Lifstyle gehört das schnellste Motorboot auf dem Lago Maggiore ebenso wie die Golfpartie in Ascona und die Bridge-Abende im „Palace“ von St. Moritz. Seine Rolle als dandyhafter Gastgeber für weibliches Jungvolk wirft in den 30er Jahren grössere Wellen als der Lago Maggiore. Ursula von Wiese, eines dieser sagenhaften „Inselmädchen“, hat dies in ihren Geschichten sehr schön beschrieben (siehe „Das Klappern der Zoccoli“, Kap. 9). Max Emden stirbt 1940 nach kurzer Krankheit. Welti folgt der Geschichte weiter zu Emdens Sohn nach Chile bis zu den heute lebenden Enkeln. Er geht auch der Frage nach, wo die Gemälde geblieben sind, die einst in Emdens Palazzo auf den Brissagoinseln an den Wänden hingen und auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Viele Fragen, viele Spuren, einige Antworten.

Das Buch über Max Emden liest sich spannend als Zeitgeschichte. Eher angestrengt und aufgesetzt wirkt die literarisch angelegte Rahmengeschichte; Welti ist kein Meienberg. Aber das Material, das Welti ausbreitet, lässt Tessinreisende einen ganz neuen Blick auf die Brissagoinseln, den heutigen Parco Botanico, werfen. Man wünschte sich, dass auf der Insel ausser Kamelienblüten mehr über Emdens Geschichte zu erfahren wäre. Das Grab von Max Emden liegt übrigens auf dem Friedhof von Ronco s/A., wo auch Remarque liegt, und der Blick auf den Lago besonders prächtig ist.

Beat Hächler

Francesco Welti: Der Kaufhaus-König und die Schöne im Tessin. Max Emden und die Brissago-Inseln, Huber-Verlag, Frauenfeld 2010, 312 Seiten, zahlreiche sw-Abbildungen
Vom gleichen Autor: Der Baron, die Kunst und das Nazigold. Eduard von der Heydt: Der Banquier von Hitlers Spionageabwehr als Wohltäter und Angeklagter, Huber-Verlag, Frauenfeld 2008, 250 Seiten

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August 2008

Strandlektüre

«Die Welt ist blau». Ein Sommer-Roman aus Ascona von Victoria Wolff

Buchumschlag 'Die Welt ist blau', vergrösserte Ansicht in Lightbox

«Nix wie weg», sagen sich die junge Ursula und ihr Anwaltsfreund Peter, setzen sich in den silbergrauen Sportwagen und brausen raus aus Berlin dem sonnigen Süden entgegen. Es ist Juli 1933. Der Himmel ist blau - «er muss blau sein», wie die junge Frau beschwörend einfordert -, denn Deutschland ist gerade daran, braun zu werden. Doch genau davon ist in der irritierend locker-flockigen Sommergeschichte nicht die Rede. Ursula und Peter suchen sich und nicht die Welt und landen ganz im Trend der Zeit in der hippen Sommerfrische Ascona. Sie steigen mondän im Hotel Monte Veritá des Barons von der Heydt ab und erleben ihre Ascona-Story, wie sie auch die bunte Illustrierten-Welt jener Tage kolportierte. Sonne, Strand und Liebelei, Beziehungswirren, Selbstzweifel und Versöhnung zwischen Lobby, Lido und Lago. Es ist die Tonlage eines glückseligen, an Harmlosigkeit kaum zu überbietenden Genres, wäre da nicht die Biografie der deutsch-jüdischen Autorin Victoria Wolff, die uns die Herausgeberin dieses Reprints, Anke Heimberg, in ihrem Nachwort glücklicherweise näher bringt. Wolff publizierte ihren Ascona-Roman erstmals im August/September 1933 im Feuilleton der NZZ, später folgte die Buchversion im Schweizer Ableger des Wiener Verlagshauses Paul Zsolnay. Das nationalsozialistische Deutschland belegte die populäre Autorin Wolff 1934 mit Berufsverbot. Sie selber emigrierte bereits 1933 mit ihren Kindern in die Schweiz, nicht ganz zufällig nach Ascona, das für zahlreiche deutsch-jüdische Intellektuelle zur Durchgangsstation wurde. 1939 wurde Victoria Wolff von den Schweizer Behörden des Landes verwiesen, weil sie journalistisch gearbeitet hatte und denunziert worden war. Auf Umwegen emigrierte sie in die USA, wo sie 1992 starb.Literarisch reiht sich Victoria Wolffs Sommerroman nahtlos in die Reihe der damaligen Ascona-Literatur ein. Max Krell schrieb 1932 seinen Dandyroman «Orangen in Ronco», Ursula von Wiese 1933 ihre Girly-Geschichte «Neun in Ascona» und Hans Morgenthaler bereits 1924 mit «Woly, ein Sommer im Süden» die expressionistische Variante zu diesem Genre. Zum literarischen Topos Ascona und den Gründen, diesen Trend zu bedienen, ist im kenntnisreichen Nachwort von Anke Heimberg leider wenig zu erfahren. Umso interessanter sind die biografischen Angaben zu Victoria Wolffs Werdegang als Schriftstellerin und den Stationen ihrer Emigration. Das Unpolitische dieser Sommergeschichte erscheint vor dem Hintergrund der dräuenden Weltgeschichte als trotziges Recht auf privates Glück. Darüber hinaus ist «Der Himmel ist blau» einfach auch ein hübsches Buch, das in jede Strandtasche passt und leichte Strandlektüre verspricht; auch, aber nicht nur für ein Wochenende im Lido von Ascona. Die neu eingefügten zeitgenössischen Fotos von Lago Maggiore und weiteren Schauplätzen der Geschichte erneuern die zeitlose Liebe zum Mythos Ascona. (Beat Hächler)

Victoria Wolff: Die Welt ist blau. Ein Sommer-Roman aus Ascona, mit einem Nachwort von Anke Heimberg, Aviva-Verlag, Berlin 2008, 222 Seiten, ISBN 978-3-932338-32-8


Juli 2007

Hinein in diesen Drachenschlund

Hans Peter Häberlis Anthologie zur Gotthardbahn in Literatur und Kunst

Buch 'Hinein in diesen Drachenschlund'

Das Leselicht im Gotthardtunnel ist schlecht. Aber die Lektüre von Hans Peter Häberlis Gotthardbahn-Anthologie dauert mit Sicherheit länger als der längste Basistunnel. 336Seiten, 72 Autorinnen und Autoren, 1 Thema - Gotthardbahn und Gotthardloch in Literatur und Kunst. Ein Stoff, der seit dem Bahnbau und der Streckeneröffnung vor 125 Jahren europaweitzum Schreiben animierte. „Der Gotthard ist nicht nur ein bahntechnisches Nadelöhr, sondern auch ein literarisches: Alle mussten hier durch", heisst es treffend im Vorwort von GeroldZenoni. Und es folgen Namen wie Boris Pasternak, Franz Kafka, André Gide, Hermann Hesse, Cécile Lauber oder Karl May und dazu eine grosse Schar von Literaten aus dem zweitenKehrtunnel der Literaturgeschichte wie Emilio Geiler, Guido Calgari oder Oskar Maurus Fontana. Die Auswahl ist gelungen. Häberli hat sein Reisebuch thematisch gruppiert. Erfährt die Strecke mit gerichtetem Blick auf Landschaft, Tunnelbaugeschichte, Werbung und viel Groteskes am Rande des Schienenstrangs ab und schafft damit ein farbiges bahnliterarisches Panorama. Darunter gibt's auch Entdeckungen zu machen. Etwa Guido Morselli (1912-1973), der erst nach seinem Freitod zu einem Verleger fand und unter anderen den appetitweckenden Roman „Ein Ausflug seiner Majestät" verfasste, in dem er Italiens König Umberto I. unerkannt für einige Ferientage nach Göschenen reisen lässt. Häberlis Ausschnitte sind kurz, gewissermassen Amuse-bouches von der literarischen Minibar. Aber Hunger auf das Original darf ja auch bleiben. Die Textnachweise am Schluss des Buches helfen weiter, wenn auch viele Hinweise zwangsläufig ins Reich der vergriffenen Bücher führen. Bleibt neben der Literatur noch die im Untertitel geführte Kunst. Sie erfüllt die Funktion einer Bildstrecke, verteilt über das ganze Buch. Illustrativ und assoziativ, in jedem Fall kunterbunt anregend wie die kompilierte

Literatur. Kurz, ein Buch, das die Reise auf der Gotthardstrecke deutlicher verkürzt als alle alpenquerenden Basistunnels zusammen genommen.

Hans Peter Häberli (Hg.): Hinein in diesen Drachenschlund. Die Gotthardbahn in Literatur und Kunst, Scheidegger & Spiess, Zürich 2007, 336 Seiten, ISBN 978-3-85881-189-9


Dezember 2005

 

Wildes Grün im Echsenland

Gedichte und Gerichte von Fredi Lerch und Alice Vollenweider

Buch 'Echsenland'Calascio liegt oberhalb von Intragna im Locarnese. Eine Wiese so gross wie ein Fussballfeld, eine Kapelle, ein Holzkreuz, einige ausgebaute Rustici - und über allem zeitlose Stille. Auf der Karte findet den Namen nur, wer ihn sucht. In Fredi Lerchs Gedichtband „Echsenland", einer „lyrischen Chronik" aus den Jahren 1990-2005, ist es genauso. „Monte Calascio" taucht auf den letzten Seiten des Gedichtbandes auf, gewissermassen als Schlussakkord einer verdichteten Weltenchronik von A wie Ancien Régime über K wie Kuwait bis Z wie Zauberformel. In „Monte Calascio" steht Lerch an der Hangkante zum Valle Onsernone und lässt den Blick von Berzona zum Passo della Garina schweifen und dabei an Max Frisch, seinen Herrn Geiser und die Endlichkeit denken. So wie Frisch seine Erzählung „Holozän" beendet, mit einem Zoom auf das grüne Tal und die zeitlose Natur, schliesst Lerch seine 15-Jahres-Chronik mit einigen Tessiner Gedichten und Spaziergängen auf alten Steinplattenwegen zwischen Pila, Costa, Calascio und Vosa ab. Die Welt schrumpft auf den letzten Seiten zur Wegbetrachtung. Lakonisch, unsentimental, präzis. Als Rucksackproviant für Winterausflüge ist Fredi Lerch wärmstens empfohlen: „Immer der Sonne zugewandt / blickt auf dem Steintisch / die Eidechse reglos ins Licht. / Selten ruckt ihr Kopf nach links / oder rechts. Ihr Maul klammert / den Rumpf des Engerlings, der sich vor dem Echsenkopf windet. / Ab und zu mahlen die Kiefer. / Der Stummel zuckt schwächer, / und langsam wird er kürzer."

La grande traversata durch Küchen und KellerBuch 'Frischer Fisch und wildes Grün'

Bleiben wir noch einen Moment auf der Wiese von Calascio. Wer ins Onsernone schaut, kann talabwärts das Dorf Auressio entdecken, wo Meret Bissegger, die ehemalige, legendäre Köchin des Ristorante „Ponte dei Cavalli" in Cavigliano, lebt. Wollte es der Zufall, könnte es sein, dass Meret Bissegger am Hang auf der andern Talseite gerade zur Kräuterpirsch aufbricht. Auf der Suche nach Brennnesseln, Sauerampfer, Spitzwegerich oder - wenn wir uns an die Saison halten - nach letzten Nüssen und Kastanien, um sie abends in ihrer kreativen Küche zu verarbeiten. Meret Bissegger hat sich nach ihrem Abschied aus der Restaurantküche in Cavigliano (siehe „Das Klappern der Zoccoli", Kap. 8) dem freien Kochen zugewandt und bietet für Lernwillige Kurse an, die zuerst in die Tessiner Natur und erst dann an den Herd führen. Alice Vollenweiders Kochgeschichtenbuch „Frischer Fisch und wildes Grün. Essen im Tessin" beginnt mit Merets Kräutergängen in die Landschaft rund um Intragna. Glücklicherweise führt die Reise in die Küche zurück und wir erfahren, wie Löwenzahn, Sardellenfilets, Honig, Rosinen und Pinienkerne auf dem Teller zusammenfinden. Alice Vollenweider setzt ihre Reise von der Melezza an die Moesa und den Ceresio fort. Von den Wildkräutern geht's zum Fisch, zu Forellen, Felchen, Egli und Aal. Und von Meret Bissegger zu Giovanna Giudicelli, die im „Grotto Descanso" in Cantina di Gandria, fern jeder Strasse, von März bis Oktober am Herd steht. Alice Vollenweiders Kulturreise durch Tessiner Küchen und Vorratskammern nimmt damit erst ihren verheissungsvollen Anfang. Wir haben noch 100 Seiten Gelegenheit, auf den Geschmack des Ursprünglichen zu kommen. Wir sitzen bei Familienköchen, Käsern, Wurstern und Winzern zu Tisch, wir speisen in der Valsolda, im Muggiotal, im Misox oder am Steintisch in Giornico bei einem Glas Bondola. Kurz: Wenn es stimmt, dass Bücher Appetit wecken, droht hier Heisshunger. Beat Hächler

Fredi Lerch: Echsenland. Lyrische Chronik, Rotpunktverlag, Zürich 2005, 150 Seiten, ISBN 3-85869-289-1

Alice Vollenweider: Frischer Fisch und wildes Grün. Essen im Tessin, Limmat Verlag, Zürich 2005, 170 Seiten, ISBN 3-85791-459-9


Mai 2005

Reif für die Insel

Liane Dirks' „Narren des Glücks"

Die botanische Artenvielfalt der Brissago-Inseln ist üppig, die literarische kann es noch werden. James Joyce besuchte die Inseln 1919 auf Stoffsuche zu seinem „Ulysses". Hemingway ruderte sich in „A Farewell to Arms" (1929) knapp an den Inseln vorbei ans rettende Schweizer Ufer. Max Krell liess in seinem Sommerroman „Orangen in Ronco" (1930) den urbanen Dandy im Angesicht der Inseln (die ja eigentlich Ronco-Inseln heissen sollten) zeitlos im Lago Maggiore dümpeln. Und so richtig zur Sache ging es in der Autobiografie „Vogel Phönix" (1994) von Ursula von Wiese, einem der nackigen Inselmädchen des Hamburger Kaufhausmagnaten Max Emden, der die Insel 1927 erwarbBuch 'Narren des Glücks' und als hedonistische Spielwiese inszenierte. Von Wieses Schilderungen zum Leben auf den Brissagoinseln in den späten 20er Jahren wirken trotz grosser zeitlicher Distanz respektlos frisch - etwas, was man von Liane Dirks' Roman „Narren des Glücks" weniger behaupten kann. Dirks' Geschichte spielt im Jahre 1929, zur Zeit des Inselherrn Max Emden also, der hier Max Bernheim heisst. Zu Silvester lädt er eine illustre Schar von Persönlichkeiten auf seine Insel ein, die vom ausgehenden Jahrzehnt Abschied nehmen will. Leider wirkt das, was folgt, ein breit psychologisierendes Gesellschaftspanorama einer zu Ende gehenden Epoche, in der Umsetzung sehr angestrengt und konstruiert. Etwa so, wie wenn die Geschichte des Monte Verità, der Psychoanalyse und des Ascona-Jetset der 20er Jahre in eine einzige Geschichte verpackt werden muss. Da ist es eigentlich vergnüglicher, die von Dirks heraufbeschworene Zeit direkt in den Originalen zu suchen, in der antiquarisch herumgeisternden Ascona-Brissago-Literatur der 30er Jahre, von der Ascona bis heute zehrt. Die „Narren des Glücks" kann man sich als Tessinliteratur ja trotzdem ins Regal stellen.

Liane Dirks: Narren des Glücks, Roman, Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln 2004, 223 Seiten