Tessin Klappern der Zoccoli
Vorwort
Lust auf Lektüre und Landschaft - Literarische Wanderungen im Tessin
Hielt der Zug an, so stiegen braune, bäuerliche, südländische, ringelhaarige, feiertägliche Leute in den Waggon, in bauchigen Korbflaschen Wein mit sich führend, in bunten Säckchen Brot und Schafkäse. Was Louis Fürnberg in seiner Tessiner Novelle »Der Urlaub« (1943) beschreibt, gehört zur deutschsprachigen Tessinliteratur wie das Boccalino zum Vino rosso: Glutäugige Tessinerinnen klappern lustig mit ihren Zoccoli durch die Gassen. Feigen und Trauben fallen den Ringelhaarigen in den Schoß. Und über allem schwebt der verführerische Duft von Kamelien- und Mimosenblüten. Guido Calgari, Schriftsteller, später Literaturprofessor an der ETH Zürich, spottet in den 30er Jahren zu Recht, für viele Deutschschweizer beginne der Orient bereits im Mendrisiotto.
»Das Klappern der Zoccoli« geht diesen und anderen Tessinbildern in der Literatur des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts ausgiebig nach. Die Reise beginnt im Bücherschrank, führt aber in die Landschaft. Und zwar direttissima.
Leselust Der Bücherberg ist groß. Alle waren sie da: Carl Spitteler, Emmy Hennings, Hermann Hesse, Max Frisch, Gerhart Hauptmann, Lisa Tetzner, Friedrich Glauser, Franziska zu Reventlow, Erich Kästner, Patricia Highsmith, Ernest Hemingway, Ignazio Silone, Kurt Tucholsky, Werner Schmidli, Kurt Hutterli, um nur einige der Prominentesten zu nennen. In deren Schatten steht die Zweite Liga, die heute vergessenen, unbekannten und regionalen Autoren wie Hermann Aellen, Gustav Renker oder Emilio Geiler, der schreibende Lokomotivführer aus Bellinzona. Ihre Geschichten tragen oft den Makel des Trivialen, was - kritisch gelesen - erst recht den tiefen Griff in die Bücherkiste lohnt. Und schließlich gehören zur deutschsprachigen Tessinliteratur alle Tessiner Literaten, die ins Deutsche übersetzt worden sind, zum Beispiel Plinio Martini, Piero Bianconi, Giorgio und Giovanni Orelli, Alberto Nessi, Felice Filippini oder Fabio Pusterla. Ihre Literatur setzt in der vorliegenden Auswahl bewusst andere Akzente. Das Tessin wandelt sich von der Landschaftskulisse zum Lebensraum. Wenn sich also einzelne der 35 Kapitel aneinander reiben oder gar beissen, hat das seinen guten Grund. Es soll so sein.
»Das Klappern der Zoccoli« ist ein literarisches Wanderbuch, keine Textanthologie und keine Literaturgeschichte. Das Wanderbuch nimmt die Literatur als Ausgangspunkt, aktuelle Themen und Landschaften zu entdecken. Die literarische Spur führt immer in einen gewachsenen Kulturraum. Und mit den Abstechern in die heutige Landschaft zwangsläufig auch in die Gegenwart. Für die Literaturauswahl wichtig waren nicht allein die literarische Güte, sondern ebenso die eingelagerten Themen, Tessinbilder, Klischees. Die Literatur in diesem Buch kann in der heutigen Landschaft erlebt werden. Nur so macht literarisches Wandern Sinn. Für Hermann Hesses Klingsor bedeutet dies, dass er unter der Autobahn hindurch tauchen muss. Der Mimosenduft verflüchtigt sich dann für einen Moment.


