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Antipasti und alte Wege

Etappe 13 Celle di Macra–Cartignano 6h
Der dreizehnte Tag

Wanderzeiten

Ort Höhe Dauer
Celle di Macra 1270 m
Soglio Soprano 1435 m 1 h 30
Filoira 1256 m 3 h 00
Santa Margherita 1322 m 4 h 00
Ruà del Prato 794 m 5 h 00
Cartignano 694 m 6 h 00

Höhendifferenz

  • Aufstieg 600 m
  • Abstieg 1200 m

Unterwegs

  • Aussteigen 1: in Soglio nach Lòttulo (Bushalt, Ristorante La Canonica) absteigen; Celle di Macra-Lòttulo 3 h 30
  • Aussteigen 2: bei der Partisanengedenkstätte (5 Minuten vor Santa Margherita) auf einem neu ausgeschilderten Weg nach San Damiano absteigen; ab Celle di Macra zirka 5 h 30
  • Aussteigen 3: bei Falcone auf dem gelb markierten Mairaweg bleiben und über den Colle Teje nach San Damiano; ab Celle di Macra rund 6 h

Etappenort Cartignano

  • Agriturismo Martinet e Mülin, Elda Gianti, HP 40 Euro, Tel. 338 6055002 oder 328 0341259
  • neue Pension beim Bushalt, 2009 im Bau (siehe später www.ghironda.com/valmaira)
  • Trattoria del Ponte, Bushalt

Der Mairaweg hatte lange nur zwölf anstelle der dreizehn geplanten Etappen. Es fehlte ausgerechnet die Auftaktetappe von San Damiano nach Paglières (in der neuen Mairakarte Filoira genannt). Denn die Initianten der Percorsi Occitani hatten zu Beginn eine Begehung im Uhrzeigersinn vorgeschlagen: auf der rechten Talseite via die Gardetta bis Campo Base hoch und auf der sonnigen linken via Elva das Tal hinaus. Da es mit der Unterkunft in Paglières nicht klappte, blieb es lange Jahre bei zwölf Etappen - meist im Gegenuhrzeigersinn begangen, wie in diesem Buch beschrieben.

Seit man in Celle di Macra nicht nur übernachten, sondern auch gut essen kann, ist es attraktiv, auch den dreizehnten Tag zu gehen. Wobei wir uns (quasi spiegelbildlich zur ersten Stunde von Etappe 1) am Schluss eine Variante zu den gelb markierten P.O. erlauben.

Von Celle bis Castellaro benützen der Mairaweg und die GTA-Route nach San Magno das gleiche Trassee. Hinter dem Museo Seles beginnt der Weg, der in einer Linie über Piano della Colla nach Soglio führt.

In Soglio Soprano treffen wir einen großen alten Mann, eine imposante Erscheinung, auch wenn er am Stock geht. Wie jeden Tag geht er der jungen Postina, die bald mit dem Auto aufkreuzen wird, ein paar Schritte entgegen, um Zeitung und Briefe zu behändigen. Vom Vieh und vom Holz hätten sie hier gelebt, erzählt er beim Warten auf das Postfräulein. Margari und Boscaioli seien sie gewesen. Es stellt sich heraus, dass wir mit dem Vater von Michelangelo Ghio reden, bei dem wir im Lou Lindal in Preit übernachtet hatten.

Vielleicht haben wir vor Jahren schon mit Signore Ghio gesprochen, als er seine Pferde auf der Weide unter dem Dorf begutachtete - und uns nicht glauben wollte, dass es in der Schweiz ebenfalls ein Soglio gibt, überdies in einem Bergtal, das ebenfalls von einer Maira durchflossen wird, die auch in den Po entwässert. Damals stiegen wir von Soglio nach Lòttulo ab (den breiten Weg nehmen, der über die Wiese bei Punkt 1426 zum Wald führt - wo die alten rotweißen und gelben Markierungen einsetzen; am Schluss via Garino ausholen).

Heute gehen wir an der Kirche von Soglio und am Brunnen vorbei zum Wegweiser bei Punkt 1435. Wir halten uns auch für die nächsten drei Stunden an die gelben Markierungen. Auf der Fahrstraße kommen wir im Buchenwald zügig voran. Dem direkten Abgang von Serre nach Filoira täte eine Baumschere gut. Weil die Biker hier weit ausholen, kümmert sich niemand mehr um diese zehn Fußminuten.

In Filoira überrascht uns eine große Kirche und ein riesiger Parkplatz. Heute steht bloß ein Fiat hier, der Hund muss mal, deshalb vertritt sich der Herr ein wenig die Füße. Und was bietet der Ort sonst noch? Der erste Google-Treffer zu »Filoira« verspricht »tutto sulla frazione di Filoira nel comune di San Damiano Macra: alberghi a Filoira, hotel a Filoira, il meteo a Filoira, foto di Filoira, video di Filoira«. Niente a Filoira.

Ein paar Minuten weiter vorne liegt der Weiler Bedale in einer gepflegten Parklandschaft. Wir verlassen die Borgata bei einem lauschigen Brunnen und einer Gedenktafel, die an Comandante Nini Acchiardi erinnert, einen Anführer der Garibaldini-Partisanen. Durch den Buchenwald brechen Sonnenstrahlen, der Weg ist angenehm zu gehen. Ein Spaziergang. Etwas ansteigend kommen wir auf den Geländerücken vor Santa Margherita. Unterwegs fallen uns die guten alten Holzwegweiser der P.O. auf, 1992 von Vibram gesponsert. Sie haben die bald zwei Jahrzehnte, als kaum jemand diese Strecke wanderte, überlebt. Bei der Erinnerungsstätte für gefallene Partisanen - Santa Margherita ist bereits in Sichtweite - zweigt ein neu ausgeschilderter Weg nach San Damiano ab (wir sind diesen Abgang noch nicht gegangen).

Fünf Minuten weiter füllen wir neben der Kirche von Santa Margherita die Trinkflaschen nach. Erschöpfte Biker und wortkarg picknickende Ausflügler verströmen Trägheit. Bassa stagione, Spätherbst.

Weil wir nach Cartignano wollen, steigen wir eine gute halbe Stunde auf der Teerstraße ab, das zu dieser Jahreszeit fast verkehrsfrei ist. Bei Falcone (auf den Wegweisern Folcone) lassen wir die gelben Markierungen unbeachtet (der Mairaweg führt nach dem kurzen Gegenanstieg ebenfalls nach San Damiano). Noch ein paar weitere Minuten auf der Straße, dann können wir unterhalb Saretto nach der Rechtskurve in einen alten, oft gepflästerten Weg einschwenken, der in der Karte als Bikerweg geführt wird. Bike, Bike über alles. Bergseitig säumen mächtige Trockenmauern den alten Weg, talseitig Buchshecken. Wir wandeln nicht durch wilde Natur.

Nach Ruà del Prato folgen wir 400 Meter der Straße, bis wir linker Hand in den Fußweg nach Santa Cristina einschwenken können (eine kurze Wegpassage in einem kleinen Tobel war 2008 noch nicht wiederhergestellt, aber auf Pfadspuren begehbar). Eine Viertelstunde nach Santa Cristina laufen wir in Cartignano auf den Dorfplatz ein. An Kirche und Gemeindehaus vorbei gehen wir eben weiter, bis wir in den Vicolo Forno einschwenken können, zum Agriturismo Martinet e Mülin, das seit 2008 ein Dutzend Schlafplätze anbietet. »È un agriturismo vero«, sagt Elda Gianti. Zum Betrieb gehören Kühe, die im Sommer im Hinterland von Rua Prato oder drüben in Chiabriera, zwischen Cartignano und Sant'Anna, weiden. »Ich wandere vor allem mit den Kühen«, lacht die Bäuerin. Oder, am 15. August, hinüber nach Castelmagno zur Messe und am gleichen Tag über den Monte Tibert zurück. Wir werden mit Affetato, sardellenbelegten roten und gelben Peperoni und russischem Salat eingestimmt, mit einer Gemüsesuppe und einer Bistecca gut gefüttert - und danach mit Formaggio verwöhnt. Beim Dolce müssen wir passen, beim Dolcetto etwas weniger. Wir schlafen ruhig, hören nicht einmal die Kirchenglocken um Mitternacht. Dass sie zur Feier unserer 13. Etappe 13 Mal geschlagen haben, träumten wir wohl bloß.

Unten beim Bushalt wird es bald eine weitere Unterkunft geben. Zwecks »potenziamento della tappa di Cartignano del circuito escursionistico Percorsi Occitani« lässt die Gemeinde eine Pension bauen. Die Bauerarbeiten haben 2009 begonnen.

Noch nicht genug? Mühe mit der Zahl 13? Vom Talkoller gepackt? Von Cartignano ist man in gut zwei Fußstunden in Sant'Anna und in weiteren fünf Stunden via den Aussichtspunkt Monte San Bernardo in Villar San Costanzo oder Dronero (siehe Variante 1A).

Thema

Der Mairaweg - 18 Jahre jung

Sein Tal sei »das schwarze Loch Europas«, sagt uns Ermanno Bressy, der neue Präsident der Comunità montana Valle Maira, zur Begrüßung. Es ist ein milder Nachmittag im Herbst 1992. Auf der großen Veranda im Centro Culturale Borgata in San Martino lässt sich die TransALPedes-Gruppe, die hier auf dem langen Marsch von Wien nach Nizza Station macht, von Bressy und von Andrea Schneider, dem Hausherrn, über das Tal und seine touristischen Perspektiven ins Bild setzen.

Das traumhaft gelegene San Martino ein schwarzes Loch? Unter den vielen Tälern der piemontesischen Alpen galt das Mairatal in den 1990er Jahren als jenes mit der schwächsten Infrastruktur und der massivsten Abwanderung. Von Talpolitikern propagierte Großprojekte, darunter ein gigantischer Stausee unten im Tal für die Bewässerung der Ebene oder eine »französische« Skiretorte oberhalb Acceglio, waren gerade gestrandet, eher mangels Finanzen denn aus Einsicht.

»Das Valle Maira braucht einen Tourismus der kleinen Strukturen«, sagt der junge Präsident, für manche im Tal ein Hoffnungsträger. »Ziel ist es nicht, die heutige Bettenzahl von 400 zu erhöhen, sondern die Qualität der Unterkünfte und vor allem deren Auslastung zu verbessern. Die Hauptsaison dauert zur Zeit ganze zwei Wochen.«

Einige Hoffnung hatte in den 1980er-Jahren das Weitwanderprojekt der Grande Traversata delle Alpi geweckt. Die GTA querte das Mairatal auf einer Westroute (in den Bergen) und einer tieferen Ostroute (in den Hügeln). Doch das Ende der schwach frequentierten Ostroute zeichnete sich bereits ab.

Deshalb griffen initiative Leute im Tal, unsere beiden Gesprächspartner und Matteo Laugero aus Palent, zur Selbsthilfe und richteten zusammen mit Bergführern und weiteren Posti-tappa-Betreibern den Mairaweg ein (siehe Thema Etappe 11). Sie hatten erkannt, dass das wichtigste Kapital des Tals zu ihren Füßen bereitlag: ein intaktes, wenn auch teilweise eingewachsenes altes Wegnetz, das nur auf den Dornröschenkuss der drei Prinzen wartete.

1992 wurden die Percorsi Occitani, wie sich der Weg nannte, gerade eröffnet; als Trägerschaft bildete sich die Associazione P.O. Schon im Jahr danach stellte Werner Bätzing in seinem GTA-Taschenführer den neuen Weg vor, samt einer Vision: Wenn auch in den Nachbartälern solch vorbildliche Rundwege entstünden, ermöglichte das zusammen mit der GTA »einen blühenden Wandertourismus, der flächenhaft zur Erhaltung der Besiedlung dieser Alpenregion beitragen könnte«.

1999 erschienen kurz nacheinander der Maira-Taschenführer von Hans G. Staschik und Manfred Kasper (wie Bätzings GTA-Führer in Gerd Tregos Verlag der Weitwanderer) sowie unser »Antipasti und alte Wege«. In deutschsprachigen Blättern erschienen vermehrt Reportagen aus dem »schwarzen Loch«.

Schritt um Schritt eroberte das Mairatal die Herzen wanderfreudiger Nordländer. Man konnte sozusagen live dabei sein, wie die Vision eines blühenden Wandertourismus wahr wurde, wenn auch noch nicht flächendeckend für die weitere Region. Die Zahl der Mairawandernden verdoppelte sich eine Zeitlang von Jahr zu Jahr (kein Wunder, wenn man nicht weit über Null beginnt) - und blieb dennoch weit im sanften grünen Bereich, bis heute.

In einer großen Reportage bilanzierte Gerhard Fitzthum, der die Gegend als Reisejournalist und als Reiseleiter gut kennt, 2005: »Seit dem Durchbruch der Percorsi Occitani sind fünfzehn neue Unterkünfte entstanden, in der Regel restaurierte Steinbauten mit Mehrbettzimmern und einem rustikalen Speisesaal. Einen vergleichbaren Aufbruch gab es in den letzten Jahren vermutlich im ganzen Alpenbogen nirgends sonst.« Auch Hoteliers im Tal weisen heute im Gespräch stolz darauf hin, dass es dem Tourismus im Valle Maira deutlich besser gehe als in den benachbarten Cuneese-Tälern.

Der Mairaweg ist in der Tat eine Erfolgsgeschichte. Die Übernachtungsadressen haben sich mehr als verdoppelt, was dem Wandervolk deutlich mehr Wahlmöglichkeiten beschert, auch in den Randzeiten der Saison. Heute kann man im Tal über sechs Monate im Jahr wandern, von Ostern bis Allerheiligen. In den letzten Jahren konnten praktisch alle Anbieter ihre Häuser ausbauen. Wer den Service schätzt, kann ein maßgeschneidertes persönliches Package oder eine geführte Tour buchen. Auch gibt es einen perfekt funktionierenden preisgünstigen Gepäcktransport.

Weitere Wanderbücher (ebenfalls im Rotpunktverlag) laden dazu ein, sich im benachbarten Valle Stura oder den Seealpen umzusehen - oder auf der GTA oder dem GR5 weiterzuwandern. Ein flächenhaft blühender Wandertourismus ist heute mehr als bloße Vision.

Geändert hat sich die Rolle der Associazione P.O. Das Säubern und Markieren des Mairawegs besorgt heute weitgehend die Comunità montana. Die Associazione wirbt für den Weg und schaut, dass sich in der Kette der Posti tappa keine Lücke auftut. Vor allem aber garantiert sie, dass man in allen Posti tappa P.O. (auch wenn diese zu einer Pension oder einem Hotel gehören) im Matratzenlager oder einfachen Zimmern zu einem sehr günstigen Preis essen und schlafen kann (derzeit meist zwischen 35 und 40 Euro).

»Ein sanfter Tourismus pur«, schwärmt unser Klappentext seit der ers¬ten Auflage. Ganz so pur war und ist er natürlich nicht immer. Es brauchte den massiven Protest vieler Wirte und Beherberger, des CAI und der Legambiente (und auch von Mairawandernden), damit die Promotoren eines Motorschlittenparcours, der den Wintertourismus im Hinterland von Marmora ankurbeln sollte, merkten, dass sie sich selber schadeten.

Die Motoslitte sind wieder verstummt, die Quad, ihr nicht eben sympathischeres Pendant für den eventorientierten Sommergast, nicht, auf alle Fälle nicht ganz. So wenig wie die Trial-Motorradfahrer, Landplagen, die meist in Rudeln (vorzugsweise samstags) so illegal wie selbstverständlich Wanderwege heimsuchen. Trial and Terror.

Ob es nun mit dem Zeitgeist oder mit den unzähligen MTB-Routen in der neuen Wanderkarte zu tun hat - die Klagen über rücksichtslose Biker (andere sind nicht mitgemeint) haben markant zugenommen. Was in allen Tourismusgebieten als Faustregel gilt, wäre auch im Mairatal eine Wohltat: das Entflechten von Fußwegen und von Pisten, die sich für das Mountainbiking eignen.

Dass es auch ohne exzessiven Trendsport geht, zeigt das Winterwunder im oberen Mairatal. Dort machen die meisten Beherberger heute im Winter mehr Umsatz als im Sommer, seit findige Bergführer und Skitourengänger aus Deutschland, Südtirol und der Schweiz, aber auch aus Frankreich und Italien, die schneesichere sympathische Ecke entdeckt haben.

Sie kommen meist in kleinen Gruppen und bleiben eine ganze Woche (was, dies nur nebenbei, die Gastgeber zu kulinarischen Höchstleistungen anspornt). Zum kleinen Boom maßgeblich beigetragen hat Bruno Rosano mit seinem phänomenalen Maira-Skitourenführer, der über hundert Routen beschreibt. Kurzum: Das Valle Maira führt überzeugend vor, dass sich auch ohne Skilifte und Schneekanonen und Heliskiing gutes Geld verdienen lässt.

Seit Jahren sind auch Schneeschuhgänger unterwegs, von Tageswanderungen bis zur einwöchigen Grande traversata delle valli occitani, organisiert von der rührigen Compagnia del Buon Cammino (www.compagniadelbuoncammino.it), deren gute Seele Ermanno Bressy ist.

Über eine Touristensaison von bloß zwei Wochen braucht sich der frühere Präsident der Comunità montana, Bressy, nicht mehr zu grämen.

  • Dominik Siegrist u.a.: Alpenglühn. Auf TransALPedes-Spuren von Wien nach Nizza. Rotpunktverlag, Zürich 1993
  • Werner Bätzing: Die GTA. Grande Traversata delle Alpi. Teil 2: Der Süden. Verlag der Weitwanderer, Oldenburg 1993 (mit der ersten Beschreibung der P.O.)
  • Hans G. Staschik, Manfred Kasper: Der Mairatal-Weitwanderweg. Verlag der Weitwanderer, Oldenburg 1999
  • Mario Matto: Il ruolo dell'escursionismo nel rilancio del turismo montano. Il caso della Valle Maira. Santhìa 2004
  • Gerhard Fitzthum: »Eine gelbe Markierung zum Gourmet-Restaurant. Sanfter Urlaub im Mairatal des Piemont«. In: FAZ, 21.7.2005