Antipasti und alte Wege
Werner Bätzing: »Hier habe ich die Alpen kennen gelernt«
Interview
In Ihrem Klassiker »Die Alpen« finden sich immer wieder Beispiele aus dem Stura- und dem Mairatal. Welche Beziehung haben Sie zu diesen Tälern?
Ich habe die Alpen über die vier Täler Stura, Grana, Maira und Varaita richtig und intensiv kennengelernt. Zuvor war ich im Ötztal, aber das waren nicht die Alpen, die ich suchte. Ich ging dann in eine Region, über die es damals in Deutschland keinerlei Informationen gab. 1977 kam ich zum ersten Mal in diese Gegend und war begeistert. Ein Jahr darauf machte ich eine grosse Alpenwanderung vom Mittelmeer bis Aosta. In diesen vier Tälern bin ich persönlich hängengeblieben. Entscheidend waren die Menschen, in erster Linie im Sturatal, das heisst im Neraissatal, wo ich die intensivsten Beziehungen aufgebaut habe. Die zweitintensivsten Beziehungen habe ich zum Mairatal entwickelt, anfangs vor allem zur Gegend von Acceglio, die ich 1977 und 1978 kennenlernte. Das ist meine emotionale Verankerung.
Sie verfolgen die Entwicklung seit über zwei Jahrzehnten. Gab es besondere Hoffnungen und Enttäuschungen?
Eine Hoffnung, die sich ein Stück weit erfüllt hat, ist die GTA, die der Region gewisse Chancen und Möglichkeiten gibt, auch wenn es sehr lange gedauert hat. Ich hatte Hoffnungen, dass sich das ausweitet, doch mit den Projekten für Rundwanderwege in andern Tälern ist es schlecht gelaufen. Ein anderer Hoffnungsschimmer ist die gelungene Aufwertung der Sambucana-Schafe. Zwei Brüder aus dem Neraissatal, die ich seit 1978 kenne, hielten damals fast als einzige diese autochthone Rasse rein. Eine Enttäuschung ist die Begeisterung fast aller Politiker für die Autobahn Cuneo-Nizza mit einem Tunnel im Sturatal. Zum Glück haben bei den französischen Wahlen die Linken gewonnen; es scheint, dass sich die Franzosen aus dem Projekt zurückziehen. In den fünfziger, sechziger Jahren gab es auch im Mairatal solche Strassenprojekte.
Nirgends ist der Alpenbogen entvölkerter. Weshalb gerade in diesen Tälern?
Es gibt eine ganze Reihe vergleichbarer Täler, Täler, die ein steiles Relief haben und in einem grossräumigen Passivraum liegen, die in jeder Hinsicht entwertet werden, in denen es keinen Tourismus gibt, in denen die Voraussetzungen für die Landwirtschaft schlecht sind. Viele dieser Gebiete zeigen in den letzten ein, zwei Jahrzehnten wieder leichte Aufwärtstendenzen, allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau. In den südfranzösischen Alpen führt der Druck aus dem sehr dynamischen Raum Nizza-Cannes-Grasse dazu, dass der Alpenraum wieder aufgewertet wird.
Weshalb bleibt diese Trendwende auf der italienischen Seite aus?
Die nationalen Rahmenbedingungen spielen offensichtlich eine wichtige Rolle. Die Bevölkerungsentwicklung der italienischen Alpen unterscheidet sich signifikant von denen der Schweizer oder der österreichischen Alpen. In Italien hat das Berggebiet mental keine Bedeutung. Blockierend wirkt auch die chaotische italienische Politik, die Probleme mit der Mafia und den Tangenti. Dass sich so grosse Passivräume erhalten können, hat mit diesen Rahmenbedingungen zu tun.
Im »schwarzen Loch« gibt es auch keine Wähler mehr.
Das war in Italien immer das klassische Argument: Man berücksichtigt die Regionen, die auch viele Wähler haben. Das spitzt die Situation nochmals zu. Dazu kommen grossräumige Verschiebungen der Wirtschaft. Das klassische Industriedreieck zwischen Genua, Turin und Mailand verschiebt sich nach Osten. Wenn Turin abgehängt wird, ist die gesamte Entwicklung im Piemont davon betroffen. Selbst auf dem Höhepunkt der Industrialisierung war der starke Wirtschaftsraum Turin flächenklein, ganz im Gegensatz zu Mailand. Jetzt, wo der Wirtschaftsraum Turin Umstrukturierungsprobleme hat, ist seine flächenhafte Ausstrahlung noch geringer. Eine grossräumige Wachstums- und Wirtschaftsdynamik fehlt.
Bleiben die Täler eine »besiegte Welt«?
Ich erkenne noch keine Ansätze für eine Wiederaufwertung, für eine Trendwende. Die Bevölkerungszahlen gehen in praktisch allen Gemeinden weiter zurück. Auch auf der persönlichen Ebene, wenn ich frage, ob sich etwas tut, sehe ich keine Wiederaufwertung. Es geht weiter den Weg runter.
Eine fatale Situation?
Die Ursachen liegen oft in den grossräumigen Rahmenbedingungen. Doch nur dezentral und von unten kann wirklich etwas Neues entstehen. Diese Grundspannung macht alles so schwer. Es wäre so leicht zu sagen, wir knüpfen jetzt Cuneo direkt ans Autobahnnetz an, lassen die Autobahn durch das Sturatal gehen und bauen eine Stichstrasse ins Mairatal, so haben wir die Erreichbarkeit gelöst. Das wäre eine Scheinlösung, die eine Verstädterung im Alpenraum brächte und den Tälern gerade keine Chance gäbe.
Wie könnte eine nachhaltige Entwicklung in Gang kommen?
Sie kann nur von unten kommen. Man müsste die bestehenden Potenziale innovativ ausnutzen und miteinander verknüpfen, die Kombination Handwerk-Landwirtschaft-Tourismus-Nebenerwerb auf eine intelligente Weise bündeln. Dazu braucht es vor allem innovative Persönlichkeiten. Doch gerade die fehlen. Die Menschen, die übriggeblieben sind, haben oft weder die Fähigkeiten noch den Willen und bleiben dem Phänomen der kulturellen Erstarrung verhaftet.
Könnten temporär Anwesende, etwa Zweitwohnungsbesitzer, eine innovative Rolle spielen?
Das ist ein Potenzial, das genutzt werden könnte: Leute, die aus den Tälern stammen, inzwischen in Cuneo oder in Turin wohnen, aber eine starke emotionale Bindung zu ihrer Heimat behalten haben. Durch ihre Verflechtung und ihre Verbindung mit dem Tal könnten die Besitzer von Wochenendhäusern Initiativen vor Ort stärken. Ein weiteres Potenzial sind die Frühpensionisten, die in ihre Heimat zurückkehren, auch deshalb, weil sie hier mit ihrer Rente besser leben können als im teuren Gossraum Turin. Leider gibt es nur wenige Frühpensionisten, die zurückkehren und versuchen, in ihrer aktiven Altersphase wirklich etwas aufzubauen.
Was man oft sieht, ist etwas Landschaftsgärtnerei in der Umgebung des ehemaligen Elternhauses.
Ein bisschen Gartenarbeit macht noch keine Trendwende. Es müssten mehr werden, und sie müssten sich untereinander vernetzen. Wenn zehn Personen auch ein Interesse an Schafhaltung haben, so entsteht ein Potenzial. Da warte ich seit Jahren darauf. Aber es kommt nicht, oder es kommt sehr wenig und sehr langsam.
Der Wald übernimmt grosse Teile der einstigen Kulturlandschaft. Hat die Landwirtschaft nur noch auf den Alpweiden eine Zukunft?
Eine Aufwertung der Landwirtschaft ist im Mairatal schwieriger als in den Nachbartälern, weil das Haupttal so eng und schluchtartig ist. Die grossen ebenen Flächen finden sich eigentlich nur oben, auf den Almen. Zentral ist deshalb die Viehwirtschaft und eine angepasste Waldwirtschaft.
Welche Rolle könnte der Tourismus spielen?
Als Monostruktur wäre er schnell unverträglich. Doch als Impulsgeber kann er Menschen motivieren, etwas Neues zu machen und ihre Existenz auf mehrere Standbeine abzustützen. Wichtig ist, dass der Tourismus in Kombination mit anderen Aktivitäten ausgeübt wird, dass Kombinationen geschaffen werden. Die Percorsi Occitani sind eine ideale Struktur, um einen flächenhaften Tourismus aufzubauen - in Ergänzung zur linienhaften GTA. Wo prinzipiell wenig Hoffnung ist, können die kleinen, aber konkreten Erfolge der GTA oder der Percorsi Occitani wieder Hoffnung wachsen zu lassen und die Leute veranlassen, sich zu engagieren.
Könnte sich zwischen GTA und Percorsi Occitani eine unerwünschte Konkurrenz entwickeln?
Im Gegenteil. Die GTA ist eine wunderbare Idee, die man nach aussen gut verkaufen kann. Aber von der GTA profitieren immer nur wenige Gemeinden, weil sie in einer einzigen Linie alle Täler quert. GTA und Rundwanderwege in jedem Tal könnten sich ideal ergänzen. So entstünde ein attraktives Netz, die Wanderer könnten sich ein eigenes Programm nach eigenem Gusto zusammenstellen. Der Mairaweg spricht auch Leute an, die gerne in der Gegend wandern möchten, die sich aber die GTA wegen den grösseren Höhenunterschieden nicht zutrauen. Zudem kann der Mairaweg auch im Frühjahr und im späteren Herbst begangen werden. Eine Saisonverlängerung erlaubt es, ohne ein grösseres Angebot mehr Menschen aufzunehmen.
Wie kommt es, dass es in den Nachbartälern keinen ähnlichen Rundwanderweg gibt?
Livio Quaranta, dem Präsidenten der Comunità montana Valle Stura, habe ich die Idee eines Rundwanderweges für das Sturatal bereits 1988 vorgeschlagen. Er sagte, diese Idee aus den siebziger Jahren interessiere niemanden. Es fehlte jedes Verständnis, dass ein solcher Ansatz sinnvoll sein könnte. Wenn man sieht, wie sich die Italiener im Gebirge aufhalten, dann ist ein Rundwanderweg tatsächlich absurd. Das ist eine Idee, die spontan Leuten von nördlich der Alpen einleuchtet, die aber bei Italienern erst mal auf sehr wenig Verständnis trifft. Dass es im Mairatal anders gelaufen ist, hängt mit Andrea und Maria Schneider zusammen, die eine Überzeugungsarbeit geleistet haben. Es hängt auch damit zusammen, dass es per Zufall im gleichen Tal weitere innovative und aktive Persönlichkeiten wie Ines Cavalcanti und Dario Anghilante gibt sowie eine aufgeschlossene Comunità montana. Die haben sich gegenseitig verstärkt.
Im Valle Maira und in den Nachbartälern gibt es ein neues okzitanisches Selbstbewusstsein. Hilft die kulturelle Identität auch wirtschaftlich?
Für die Aufwertung der lokalen Produkte der Täler ist die okzitanische Kultur extrem wichtig. Ohne ein kulturelles Selbstbewusstsein sind in den Augen der Einheimischen auch ihre Produkte nichts wert. Ein Bewusstwerden der eigenen okzitanischen Kultur ist Voraussetzung für eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung in den Tälern. Auch die internationalen Kontakte mit anderen Minderheitengruppen in Europa können Innovationen auslösen, etwa, wie man die lokalen Produkte als Qualitätsprodukte besser ausweist und besser vermarktet. Ein Beispiel ist die Aufwertung der Sambucana-Schafrasse. Im Mairatal werden mit dem geplanten Espace ocitan wichtige Arbeitsplätze im Bereich Direktvermarktung und Produkt-Labeling geschaffen.
Früher gab es enge Kontakte mit Frankreich. Ist eine Wiederbelebung der alten Beziehungen denkbar?
Eigentlich besteht eine solche Struktur mit dem Projekt Paesi del Viso. Das ist im Kern eine touristische Sache. Aber es war von Anfang an als grösseres Projekt angelegt, das auch als Label dienen sollte für ländliche Qualitätsprodukte. Es ist schade, dass das Projekt nicht recht vom Fleck kommt. Da die gesamte Region ähnliche Strukturen und Probleme hat und insgesamt wenig technischen Tourismus, wäre ein gemeinsamer Auftritt als Paesi del Viso sehr sinnvoll. Für den Tourismus könnte das ein zweites Bein werden neben Mairaweg und GTA. Und ein Label für ländliche Qualitätsprodukte der Gegend. Bei der Lancierung eines solchen Labels für das Gebiet der Cottischen Alpen, in Italien wie in Frankreich, könnten Interreg-Programme einen wichtigen Beitrag leisten. Aber die Initiative dazu müsste aus der Region kommen, von den Gemeinden, den Comunità montane und den entsprechenden Strukturen in Frankreich. So könnte die Region um den Monviso ein spezifisches Profil entwickeln und sich nach aussen besser präsentieren.
Werner Bätzing, geboren 1949 in Kassel, ist Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen.
Zur weiterführenden Lektüre empfehlen wir:
- Werner Bätzing: Die Alpen. Entstehung und Gefährdung einer europäischen Kulturlandschaft. C.H.Beck, München 1991
- Der Klassiker, 1984 erstmals erschienen.
- Werner Bätzing: Kleines Alpen-Lexikon. Umwelt Wirtschaft Kultur. Beck'sche Reihe 1205, München 1997. Eine aktualisierte Version in der Form eines Nachschlagewerks.
- Werner Bätzing: Die unbewältigte Gegenwart als Zerfall einer traditionsträchtigen Alpenregion. Sozio-kulturelle und ökonomische Probleme der Valle Stura di Demonte (Piemont) und Perspektiven für ihre Zukunftsorientierung. Geographica bernensia P 17. Bern 1988. Was Bätzing zum Nachbartal schreibt, gilt weitgehend auch für das Valle Maira. Eignet sich sehr für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Gegend.
- Werner Bätzing: Welche Zukunft für strukturschwache, nicht-touristische Alpentäler? Eine geographische Mikroanalyse des Neraissa-Tals in den Cottischen Alpen (Prov. Cuneo/Piemont/Italien) auf dem Hintergrund zunehmender Probleme im Beziehungsdreieck Wirtschaft-Gesellschaft-Umwelt im Alpenraum. Dissertation. Geographica bernensia P 21. Bern 1990 - Auf 15 Seiten seiner späten Dissertation schildert Bätzing, wie er die Gegend 1977/78 kennenlernte und vor allem, wie sich sein Blick im Lauf der Jahre veränderte. (Einige Restexemplare sind bei Werner Bätzing erhältlich.)
- Werner Bätzing: Der italienische Alpenraum. Eine Analyse der aktuellen Probleme im Hinblick auf die Alpen-Konvention. Cipra-Schriften Nr. 7, Vaduz 1990 Ein nützlicher Überblick auf neunzig Seiten.


