Valle Stura
Vorwort
Das 50 Kilometer lange Tal der Stura di Demonte in den südpiemontesischen Alpen zählt zu den »vergessenen« Alpentälern, in denen die Bevölkerung weiterhin permanent zurückgeht und die Wildnis immer mehr vordringt.
Dabei hatte dieses Tal vor hundert Jahren große Entwicklungspotenziale: Eine faszinierende und sehr abwechslungsreiche Hochgebirgslandschaft, eine bedeutende Thermalquelle, das höchstgelegene Kloster Europas, weitläufige Alpweiden, sehenswerte Ortsbilder und eine internationale Passstraße nach Frankreich hätten anderswo in den Alpen eine starke Tourismusentwicklung ausgelöst. Hier jedoch wurden alle modernen Entwicklungen blockiert, sei es durch äußere Kräfte wie den italienischen Staat mit seiner zentralistischen Politik, sei es durch innere Kräfte wie eine ausgeprägte Innovationsabwehr der lokalen Bevölkerung, oder sei es durch die abseitige und periphere Lage, in die dieses Tal durch die Entstehung des italienischen Nationalstaats ab 1860 geriet.
Das Ergebnis zeigt sich sehr klar: Lebten im Stura-Tal im Jahr 1880 gut 22 000 Menschen, so sind es heute um die 5000, und immer noch ist kein Ende dieses Rückgangs abzusehen. Vor Ort sieht man diese Entwicklung mit großer Sorge und versucht mit verschiedensten Projekten dieses Tal als Lebens- und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu stärken. Neben einigen fragwürdigen Großprojekten gibt es sehr sinnvolle Maßnahmen wie die Aufwertung von regionalen Qualitätsprodukten, die Umwandlung der riesigen Alpenfestung Vinadio zu einem attraktiven Museum oder die Stärkung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus, dessen wirtschaftliche Erträge im Tal verbleiben.
Zu diesen Projekten zählt auch der neue Talrundweg Lou Viage, dem dieser Wanderführer gewidmet ist. Obwohl im benachbarten Maira-Tal ein ähnlicher Weg seit 15 Jahren erfolgreich existiert, war es nicht leicht, die Menschen im Stura-Tal davon zu überzeugen, dass ein solcher Weg auch hier eine sinnvolle Aufwertung bringt. In der italienischen Wahrnehmung gelten die piemontesischen Alpen nämlich nicht als Urlaubs-, sondern nur als Ausflugsregion, und die (italienischen) Touristen kommen nur für einen Tag oder für ein Wochenende, weshalb die lokalen und regionalen Wanderführer auch stets nur Tagesausflüge beschreiben. Nach intensiven Gesprächen mit zahllosen Bewohnern, Akteuren und Politikern im Tal wurde dann aber der Verein Lou Viage gegründet und der Rundwanderweg mit 19 Tagesetappen ausgearbeitet und im Gelände markiert. Darüber freuen wir uns sehr, ebenso über die gute Zusammenarbeit in den letzten beiden Jahren, aus der dieser Wanderführer hervorgegangen ist.
Wir hoffen jetzt natürlich, dass dieser Weg von vielen Wanderern entdeckt und begangen wird, denn jedes erfolgreiche Projekt eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus schwächt die bedenkliche Faszination großer Spekulationsprojekte, von denen im Stura-Tal mehrere auf ihre Realisierung warten.
Aus diesen Ausführungen wird bereits deutlich, dass wir als Autoren eine besondere Beziehung zu diesem Tal haben: Werner Bätzing lernte es im Jahr 1978 kennen, ist seitdem fast jedes Jahr vor Ort und schrieb seine Examensarbeit (1987) und seine Dissertation (1989) über dieses Gebiet. Michael Kleider besuchte Werner Bätzing 2001 erstmals im Neraissa-Seitental und ist seitdem ebenfalls regelmäßig dort. Aus dieser Vertrautheit mit dem Tal und mit seinen Bewohnern erarbeiteten wir diesen Wanderführer. Die von Lou Viage ausgearbeiteten Etappen wurden von Michael Kleider im Sommer 2007 noch einmal abgegangen und überprüft.
Wir wünschen Ihnen in diesem faszinierenden Alpental eine erfüllte Zeit mit vielen bereichernden Erlebnissen und Begegnungen - und kehren Sie wohlbehalten zurück.
Werner Bätzing, Erlangen
Michael Kleider, Feucht


