Veltliner Fussreisen
Etappe 4:Dazio-Còlico/Lago di Como
Über die Costiera zum Lago di Como
Wir schauen viel in die Ferne und finden in der Nähe Verlorenes. An der ungeliebten Wächterin Fuentes vorbei erreichen wir den Comersee.
Wanderzeiten
| Ort | Höhe | Dauer |
| Mello | 681 m | 1 h 15 |
| Cino | 487 m | 2 h 45 |
| Dubino | *220 m | 4 h 00 |
| Còlico/Lago di Como | 219 m | 6 h 00 |
Höhendifferenz:
- Aufstieg 250 m
- Abstieg 600
Karten:
- Landeskarte 278 Monte Disgrazia und 277 Roveredo
Unterwegs
- Civo: Bar/Restaurant
- Mello: Läden, *Baraglia, Tel. 0342 652112
- Cino: Laden, *Fiorini, Tel. 0342 617355
- Dubino: Restaurants
Etappenort Còlico
Übernachten
- ***Risi am autofreien Schiffländeplatz), DZ 80-90 Euro, Tel. 0341 933089, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
- ***Villa Colico (schräg gegenüber dem Bahnhof), DZF 70-82 Euro, Tel. 0341 930490, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
Ausweichen
Mit der Bahn nach Chiavenna (siehe »Ein paar Tage Chiavenna« oder nach Varenna (siehe »Tipps für die Anreise«)
Essen
der Lage wegen wenn möglich unten am See
Öffentlicher Verkehr
- Bahnlinie Còlico-Chiavenna sowie Milano-Còlico-Sondrio
- Aliscafo (Tragflügelboot) Còlico-Como
Varianten
Abkürzen:
Von Civo, Mello, Cercino und Cino fahren Busse nach Morbegno.
»Brutta bestia«, knurrt die Hotelière zufrieden und kriecht behende unter den Tisch, um allsogleich mit einer Katze im festen Nackengriff wieder aufzutauchen. Beide verlassen den Speisesaal erhobenen Hauptes. Ein hübsches Morgenritual, im Frühstück inbegriffen.
Das Veltlin der Reben liegt hinter uns. Die Costiera dei Cech ist anders, gemahnt uns streckenweise ans Tessin. Sie war und ist Bauernland, war Rückzugsgebiet adliger Familien wie der Parravicini, die in Caspano einen beeindruckenden Palazzo errichteten. Felszeichnungen wie im Valchiavenna oder in Grosio hat man keine gefunden. Trotzdem wird davon ausgegangen, dass diese sonnige Bergflanke schon sehr lange bewohnt ist. Der schöne Name Costiera dei Cech soll mittelalterliche Wurzeln haben.
Wer Dazio in Talrichtung verlässt, stößt rasch auf die rotweißrote Markierung des Wanderweges 25 (auch wenn sie inzwischen etwas verblichen ist). Die Zeichen führen einen sicher über Serone, Civo, Mello, San Giovanni und Cercino nach Cino. Für die nächsten drei Stunden können wir uns also Wegbeschreibungen sparen. Wir gehen gemütlich auf Alpwegen (und auf geteerten Nebenstraßen) durch Kastanienwälder, genießen den überwältigenden Ausblick von einer kleinen Kirche ob Civo zum Delta der Adda, zum Comersee und hinüber in die verschneiten Bergamasker Alpen und auf das Städtchen Morbegno, das wie ein schöner Fächer vor der Klus der Bitto-Täler liegt.
Auf dem Weg zur stolz gelegenen Wallfahrtskirche San Giovanni passieren wir eine Kapelle mit einer Gedenktafel, die an zwanzig gefallene Partisanen erinnert. Diese Gegend, von Buglio in Monte bis zum Val Codera, ist ein Landstrich der schmerzhaften Niederlagen der antifaschistischen Resistenza und wütender Vergeltungsaktionen der deutschen Okkupanten in den Jahren 1944 und 1945.
In San Giovanni werden gerade die Schäden behoben, die eine Frana, ein Erdrutsch, angerichtet hat. Der Garten Veltlin ist sehr verletzbar. Die Unwetter von 1987, die unter Steinlawinen verschwundenen Weiler im oberen Veltlin und im Val Tartano, sind auch bei uns noch in Erinnerung. Längst vergessen sind die Unwetter von Pfingsten 1983, wo unterhalb Teglio 17 Menschen unter abrutschenden Rebhängen begraben wurden. (Der Rutschhang bei San Giovanni ist wieder bewachsen, die Narbe der Frana wie auch der stützende Beton fallen kaum mehr auf.)
Nach dem Kirchlein San Giovanni führt der Weg eben bis sanft ansteigend weiter Richtung Cino. Bei einer Lichtung mit allein stehendem Haus geht man nicht geradeaus-ansteigend weiter (auch das ein markierter Weg), sondern scharf links-abwärts. Ein paar hundert Meter geht es in einem großen Zick-Zack in »falscher« Richtung hinunter. Der »Zack« (die Rechtskurve, die wieder in die allgemeine Richtung zurückführt) wäre Abzweigpunkt für den wunderschönen, durchwegs gepflästerten Abgang nach Traona. Wir bleiben auf dem markierten Weg 25 - bis Cino, dem äußersten Dorf der Costiera dei Cech, einem Bauerndorf ohne unnötigen Schnickschnack und mit Lega-Klebern auf der Ortstafel. Der Bar Fiorini ist eine Trattoria mit Zimmern, einer dieser Orte, die elf Monate im Jahr vor sich hin dämmern, um dann im August für die Sommerferien zu ungeahnter Blüte zu erwachen.
In verschiedenen Anläufen haben wir den alten Abgang nach Dubino gesucht. Wir fanden in diesen längst überwachsenen Hängen, die auf der Landeskarte halboffen eingezeichnet sind, zwar nicht den Weg, den es gar nicht mehr gibt, dafür einen faszinierenden Mikrokosmos. Weshalb wir den Abgang in die Ebene im folgenden erst recht empfehlen, frei nach dem Motto einer befreundeten Alpinistin: Der Weg ist, wo man geht.
Also: Von Cino führt die Via Valle und deren Fortsetzung in den Wald zu einem kleinen Bach, wo das ganze Jahr Kresse wächst. Wenige Schritte danach gehen wir nicht geradeaus-abwärts weiter, sondern queren einer Trockenmauer entlang zu einem zweiten Bach (mit ein paar gehauenen Tritten). Danach queren wir unter einer mit Trockenmauern umgebenen Weide erneut nach rechts. Nun geht der Weg in Wegspuren über; als allgemeine Richtung gilt schräg-rechts-abwärts. Größere und kleinere Wegspuren führen wie Adern im Hang zu kleinen Weiden oder verbuschten Terrassen und zu ehemaligen Rustici, die unter ausgeschossenen Kastanienstrünken zerfallen.
Wir plädieren für Entdeckungslust und etwas Zeit. Man kann sich gut »verlaufen«, doch runter kommt man sicher irgendwie. Der »richtige«, allerdings stark zugewachsene Fußweg erreicht die Ebene im Weiler Ferzonico. Gut möglich, dass man im Hang auf einen Fahrweg gestoßen ist, der in die »falsche« Richtung, veltlinaufwärts, ins Tal führte. Wo auch immer man im Tal anlangt: die Nebenstraße führt nach Dubino, wo man sich einfach verpflegen kann.
Bis Il Dosso bleiben wir auf den Nebenstraßen im Hang (nicht die Via Chalchera und nicht die Via Monastero nehmen). In Dosso wechselt man hinunter auf die Hauptstraße und auf einem Feldweg zum Addadammweg. Auf oder neben ihm folgen wir der breit und träge gewordenen Adda, in der sich der Monte Legnone spiegelt. Das grüne Hügelchen von Fuentes (Punkt 298) wächst langsam zu einem richtigen Hügel heran, die übergroßen Ohren der Nato verschwinden hinter den Pappelreihen.
Auf und unter der Autobahnbrücke wechseln wir auf den linken Dammweg und wandern am lange Jahre verbarrikadierten Hügel der ehemaligen Festung Fuentes (Punkt 298) vorbei. Inzwischen hat der CAI Còlico die Wanderwege in diesem Gebiet neu ausgeschildert, auch hinauf zur Festungsruine. Wir nehmen in Ebiola den markierten Weg, der via den alten Weiler Monteggio zur gleichnamigen Festung führt.
An Samstagen sowie im Juli und August kann die Festung, die von 1911 bis 1915 gebaut wurde, besichtigt werden. Aber nur mit kundiger Führung. Die zu berichten weiß: Die vier je hundert Tonnen schweren Geschütze waren veltlinaufwärts orientiert, Richtung Stelviofront. 30 bis 40 Mann Besatzung lagen hier oben, wenn sie nicht gerade nach Còlico ins Bordell durften. In der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs hatten sich hier Deutsche (zusammen mit italienischen Truppen) verschanzt, die an ein Alpenreduit der Nazis glaubten (siehe Thema Etappe 28). Am 27. April 1945, zwei Tage nach der Liberazione, wollten sich die in der Festung blockierten Italiener endlich ergeben. Sie feuerten fünf Kanonenschüsse auf die andere Seeseite - die einzigen der ganzen Festungsgeschichte. Dem deutschen Kommandanten, einem Oberfeldwebel, sei nichts anderes übrig geblieben, als endlich die weiße Flagge zu hissen und in Còlico die Kapitulation zu unterzeichnen. Bis 1973 diente die Festung als Pulverlager. Und nun als Attraktion vorwiegend für deutsche Touristen.
Auf der »Festungsstraße« erreichen wir die Promenade, die zur Schifflände führt (auf halbem Weg mit einer Fußgängerunterführung zum Bahnhof).
Von Còlico kannten wir lange Zeit nur den Bahnhof. Während wir auf den Lokalzug nach Chiavenna warteten, studierten wir die Gedenktafeln für den ungarischen Bahningenieur, der sich um diese frühe Eisenbahnlinie verdient gemacht hatte - bis unser Blick endlich einmal auf den Fahrplan der Navigazione Lago di Como fiel. Seither kennen wir auch den großen Platz bei der Schifflände besser. Hier liegt das Hotel, das wir der Lage wegen empfehlen: das Risi.
Im übrigen scheint Còlico ein Ort zu sein, wo man sich - die Sommerferien ausgenommen - vor allem in Geduld übt ... Der Risi-Hotelier spielt auf dem Computer an der Reception Patience. Im Da Gigi, einst eine empfehlenswerte Adresse, glotzt Gigi in den Canale Cinque, während seine Frau bereits der zweiten Prosecco-Flasche den Zapfen zu ziehen versucht und der durstige Gast geduldig die Patiencekarten ausgelegt hat. Und in der Osteria widmet sich der Wirt dermaßen konzentriert dem Patiencespiel, dass ihm im Verlauf des Abends sogar die Kunst des Addierens abhanden kommt.
Wer von hier weg will, kann mit dem Aliscafo, dem Tragflügelboot, nach Como hinüber sausen. Oder mit der Bahn oder einem Schiff nach Varenna fahren, im Olivedo ein Zimmer beziehen, am See sitzen und die Stunden verplätschern lassen. Und unsere Lieblingsvariante: den Lokalzug nach Chiavenna nehmen, sich ein feines Nachtessen gönnen und am nächsten Morgen vor den Gestellen in der Enoteca Marino das Veltlin nochmals passieren lassen.
Postskriptum I:
Còlico hat sich gemacht. Der Platz bei der Schifflände ist jetzt autofrei, man flaniert am Seeufer, an lauen Abenden herrscht südliche Stimmung. Das hat auch das Hotel Risi und die Osteria Vecchia attraktiver gemacht. Schräg gegenüber dem Bahnhof gibt es neu das Hotel Villa Colico.


