Materialien
Kochbuch und kurzer Lebenslauf der Marianna Agethle aus Schleiss
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Vinschgau (Südtirol)
Zwischen Schwemmkegel und Weisskugel
- St. Valentin *1470 m
- Planeil 1596 m 2h00
- Malettes *1600 m 3h30
- Muntatschini/Fichtenhof *1375 m 4h30
- Matsch 1576 m 5h45
- Höhendifferenz ↑750m ↓ 650m
St. Valentin
Anreise: von Landeck oder Scuol mit dem Postbus/Postauto nach Nauders Mühle und mit dem SAD-Bus nach St. Valentin (Gegenrichtung: vom Bahnhof Mals) Hotels: siehe www.reschenpass.it
Unterwegs
Planeil: ** Gemse, Familie Steck, HP 42-52 Euro, Tel. 0473 831148, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. , www.gasthof-gemse.it (mit Abholdienst) Muntatschini: Montecin und Fichtenhof (UaB, keine Passantenübernachtungen)
Matsch
*** Weisskugel: Gebhart und Helene Stecher, DZF 70 Euro, Tel. 0473 842600, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. , www.weisskugel-matsch.com Angebot: Laden, Bus (von Mals), Taxi (Friedolin Thanei, Tel. 0473 842647 und 335 7096222)
Spielt das Wetter mit, und das tut es im Vinschgau oft, liegen sechs Wandertage vor uns, die an grandioser Weitsicht kaum zu überbieten sind. Wir lassen, vom Haidersee am Reschenpass bis Meran, den ganzen Vinschgau im Panorama an uns vorbeiziehen. Die ersten Tage dominiert König Ortler die Szene- rie, danach rücken die fernen Dolomiten ins Blickfeld. Immer wieder kommen wir an einsamen Berghöfen vorbei, die wie Schwalbennester an den steilen Hängen kleben. Heute sind fast alle durch eine Straße erschlossen und strahlen weißgetüncht mit viel Geranienrot ins Land hinaus, Kalenderbilder für den Wandel in Südtirol.
Über weite Strecken folgen wir dem 2010 eröffneten Vinschger Höhenweg, schlagen jedoch wiederholt Varianten vor, sei es, dass wir einem alten Waal folgen statt einer ausholenden neuen Waldstraße, sei es, dass wir einer guten Übernachtung zuliebe einen Umweg in Kauf nehmen.
»Unser« Höhenweg endet als Y: einerseits gehen wir von Schloss Juval, wo der Vinschger Höhenweg offiziell seinen Anfang beziehungsweise sein Ende nimmt, auf dem Meraner Höhenweg weiter bis ins Becken von Meran, ande- rerseits ziehen wir von Juval weiter ins Schnalstal hinein, bis Kurzras. Dass für diese Variante eine vortreffliche Essadresse mitverantwortlich ist, erwäh- nen wir hier nur am Rande.
Wir beginnen unsere Sechstagewanderung bei St. Valentin am unteren Haidersee. Hier hätten wir in den ersten Stunden des 16. Juni 1855, ein Sams- tag, nicht stehen wollen. Der Föhn hatte in den Bergen den Schnee schmelzen lassen, dazu kamen massive Wolkenbrüche. Von den Flanken gingen Muren ab, schließlich brach der Damm des Mittersees (der später im Reschenstausee verschwunden ist).
Die Flutwellen zerstörten große Teile von Burgeis, Schleis und Laatsch. In Burgeis verloren 35 Familien Haus und Stall, zwei weitere Dutzend in Schleis und Laatsch. Die Glurnser konnten gerade noch rechtzeitig die Stadttore schließen, sodass sich die Wasser- und Schlammmassen ihren Weg den Stadt- mauern entlang bahnen mussten. Noch heute zeigt die Marke »1855« beim Malser Tor den Pegel des Hochwassers an, das sich hier als Schlammmasse staute.
Tempi passati. Die Hotels und Häuser von St. Valentin sind herausgeputzt, Ferienvolk flaniert, die Sonne scheint.
Wanderwetter. Im oberen Teil von St. Valentin schwenken wir in die Nebenstraße (Weg 2) ein, die nach Dörfl führt und dann – auf einer Teerstraße – nach Alsack, dem Bauernnest am Berghang über der Haide. Ein paar Fahrradfahrer bummeln über Land, ein Traktor röchelt vorbei, aus einem schicken BMW-Cabrio wird ein ebenso schicker Pudel zum Gassigehen entlassen. Die Windrotoren der »Leitwind« drehen sich träge, dahinter grüßen die Spitze des Ortler und die Wand der Königspitze herüber. Die weiten Wiesen der Haide sind wohlbestückt mit Sprinklern der modernen Beregnungsanlagen, hie und da schlängelt sich noch eine kleine Wasserader durch das Grün, letzte Überlebende der ausgedehnten und ausgetüftelten Netze der Bewässerungswaale.
In Alsack wechseln wir auf einen alten Feld- und Wiesenweg, der nach Planeil hinaufzieht. »Was tun denn die da?« Von Weitem konnten wir uns keinen Reim machen auf das Tun eines älteren Paares, das in den steilen Wiesen irgendwas ausstach und in Plastiksäcke einsammelte. Mäusejagd. Kein Wunder, ist auch der große Begleithund ganz bei der Sache und würdigt allfällige Hunde-Angsthasen keines Blicks.
Vor der Pension Gemse in Planeil, der empfehlenswerten Familienpension mit guter Küche, wird eben eine Gämse aus dem Kofferraum gehievt. Wir gehen auf dem alten Fußweg rechts des Friedhofs direttisssima zum Rand der Haide hinunter und queren auf einer etwas wack- ligen Holzbrücke den Bach. Weiter vorn weisen einen die Schilder des Vinsch- ger Höhenwegs in die Forststraße ein, die (mit unnötigen Kehren) zur Ebene von Malettes hinaufführt.
Eine Idylle. Schön eingezäunt stehen Brunnen, Picknicktische und ein Heilandkreuz nebeneinander. Von rechts kommt eine Wegspur über die weite Alpweide und zieht links in den Bergwald hoch, der Malser Zugang auf die Spitzige Lun. Kühe liegen wiederkäuend in der Sonne. Ein Bauer bugsiert ein Rind in seinen Traktoranhänger und fährt vorsichtig talwärts, das Tier schnuppert über den Rand der Ladewände mit weiten Nüstern nochmals Alpluft. Wir trotten mitfühlend hinterher. Auf dem grob gepflasterten Alpweg sinken wir Muntatschini entgegen, begleitet von einem grandiosen Panorama (wir können uns nur wiederholen und werden es noch öfter tun). »Hier oben ist Freiheit«, hätten frühe Alpenwanderer in ihr Notizheft geschrieben.
Die Berghöfe Montecin und Fichtenhof vermieten Ferienwohnungen – nichts für vorbeiziehende Wanderer, die sich auf ein Abendessen freuen. Kurz nach dem Hof Montecin will einen der Vinschger Höhenweg in die »fal- sche« Richtung auf eine asphaltierte Straße lotsen – wir verweigern die Gefolgschaft. Direkter und schöner ist der Weg entlang dem früheren Matscher oder Ackerwaal.
300 Meter nach dem Fichtenhof – er steht, siehe Karte, direkt über der Druckleitung zur Kraftwerkzentrale Glurns – markiert ein Wegweiser den Aufgang zum längst eingedeckten Ackerwaal. Dieser Trasse folgen wir bis kurz vor Matsch. Erst ist das Bett des Waals noch gut auszumachen, auch, weil ein schattiger Lebhag die Grenze anzeigt zwischen dem bewässerten Hang unterhalb und dem steppenartigen Sonnenhang oberhalb der Wasserader. Rot leuchten Hagebutten und Berberitzen, auch mal die gelb-orangen Früchte des Sanddorns. Weiter oben wird der Waalweg eher zum Bergweg, und vor Matsch erinnern noch ein paar alte durchhängende Rohrleitungen (man geht jetzt auf einem breiten Maschinenweg) an den alten Ackerwaal. Es gebe Pläne, den Waal zu reaktivieren, erfahren wir später vom Wirt in der Weisskugel.
Das Gasthaus Weisskugel der Familie Stecher liegt am Dorfplatz von Matsch, flankiert vom Warenhaus Stecher. Die Bar der Weisskugel ist Anlauf- stelle für alle, Kaffeestube für die Frauen am Vormittag, fleißig besuchte Tränke für die Männer am Abend. Der Hausherr ist Jäger, was ihn schon im Morgengrauen in die Höhe getrieben hat. Geschossen habe er nichts. Der Jäger ist trotzdem fit und munter, spiegelt seine Schafe in den steilen Bergflan- ken auf der andern Talseite, palavert mit seinen Kumpeln und tischt uns ei- nen Mehrgänger auf, der mit Hirschcarpaccio anfängt und mit Herrengröstl aufhört, und rückt unser Bild vom aussterbenden Bergdorf zurecht. Das alte Schulhaus geschlossen? »Klar, wir haben ein neues«, mit Sportplatz. 50 Schüler, für 18 davon macht er Mittagstisch. Die kleinen Plantagen am Bach unten? Erdbeeren, Himbeeren und Bergkirschen. Die Sprachenpolitik der Südtiroler an sich und als solche, Vinschger Biowinzer, Südtirols Energiepolitik, Reinhold Messner oder der Flughafen von Bozen: Gebhart Stecher ist ein Südtiroler, der gerne in den Krachledernen hinter der Bar steht, ein guter Koch und sicher auch ein bisschen Schlitzohr, anregend.
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