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Zu Fuss durch die Pyrenäen - der Osten
Der fruchtbare Einfluss des Islams
Zu Beginn des 2. Jahrtausends n. Chr. war Europa im Aufbruch. Der Handel begann sich zu entwickeln, große Märkte fanden statt, Papst Gregor VII. führte Reformen durch und stärkte die römische Kirche, die sich 1054 definitiv von der byzantinischen Kirche trennte. Mit den Kreuzzügen wurde 1099 Jerusalem erobert, welches sich danach für beinahe 100 Jahre in christlicher Hand befand. Auf der Iberischen Halbinsel war die Reconquista, die (Rück-) Eroberung der islamisch besetzten Gebiete, in Gang.
Bereits am Ende des 8. Jahrhunderts entstand unter dem Schutz Karls des Großen am Südrand der östlichen Pyrenäen die Spanische Mark mit den Grafschaften Girona, Cerdanya und Urgell. Später wurde auch Barcelona von den Mauren befreit und das Gebiet 878 unter Wilfried dem Behaarten vereint. Nachdem Barcelona 985 ein letztes Mal durch die Mauren geplündert worden war, begann in dem Gebiet eine Zeit der politischen Stabilität und relativen Ruhe, in der die Wissenschaft eine Blüte erlebte, wobei die Klöster von Ripoll und Vic eine wichtige Rolle spielten. Die Nähe zur arabischen Welt und ihren Gelehrten war auf der Iberischen Halbinsel äußerst fruchtbar. In Ripoll wurden zahlreiche arabische Texte übersetzt, wodurch das große Wissen der Moslems für den rückständigen christlichen Kulturbereich nutzbar wurde. In der weit herum berühmten Bibliothek war neben theologischen Werken auch wissenschaftliche Literatur von arabischen, griechischen und hebräischen Gelehrten zu finden. Auch die Buchmalerei, in der Ripoll ebenfalls führend war, wurde von nordafrikanisch-koptischen sowie von mozarabischen Einflüssen geprägt (Mozaraber waren Christen, die unter der islamischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel die Sprache und Schrift der Moslems übernahmen, aber ihre Religion beibehielten). Gerbert von Aurillac hatte das Glück, in jungen Jahren in Vic und Ripoll zu studieren. Er kam dort mit der arabischen Wissenschaft in Berührung und über sie mit der aristotelischen Logik, der Astronomie, Geometrie und Mathematik. Gerbert von Aurillac, 999 als Silvester II. zum Papst ernannt, führte in unserem Kulturkreis die arabischen Ziffern ein.
Auch das Denken und Werk des großen katalanischen Philosophen Ramón Llull wuchs an der Schnittstelle von Christentum und Islam. In der Mitte des 13. Jahrhunderts ließ sich Llull von einem freigelassenen früheren arabischen Sklaven, mit dem er 10 Jahre zurückgezogen lebte, unterrichten. Die arabische Sprache, die er bereits früher erlernt hatte, ermöglichte ihm den Zugang zum arabischen Wissen. Als er später über Erziehungsfragen schrieb, forderte er, dass alle Kinder des christlichen Abendlandes Einblick in die Welt des Islams und des Judentums erhalten sollten, denn die Augen des Menschen müssten aufgetan werden für die göttliche Schönheit anderer, fremder Welten. In seinem Werk Der Heide und die drei Weisen sind die drei Weisen (ein Jude, ein Christ und ein Moslem) vom gemeinsamen Wunsch beseelt, die Grundlage für eine universelle Religion zu finden, denn sie sind davon überzeugt, dass die Gestaltung des Gemeinwesens und die Beziehungen zwischen Staaten nur harmonisch sein können, wenn eine solche gemeinsame Grundlage gefunden wird.
Zu Beginn des 11. Jahrhunderts wurde die ganze Region von einem regelrechten Baufieber erfasst, und es wurden - vorangetrieben von den Klöstern - rund 2500 Kirchen im romanischen Baustil erbaut. In keiner anderen Gegend ist die Dichte an romanischen Bauwerken so groß wie in Katalonien. Selbst im kleinsten und entlegensten Bergdorf findet sich eine romanische Kirche aus dem 11. oder 12. Jahrhundert. Es galt, zerstörte Kirchen zu ersetzen oder für die wachsende Bevölkerung größere Gotteshäuser zu bauen. Auch mussten bestehende Gotteshäuser, in welchen früher die Messen mit der westgotischen oder mozarabischen Liturgie gefeiert worden waren, für die römische Liturgie, die eine größere Chorpartie erforderte, umgebaut werden. Ein wegweisender Bau war das Kloster von St.-Martin-du-Canigou (siehe auch Etappe 19), dessen Kirche bereits im Jahr 1009 geweiht und als erster Bau der Nachantike in Europa in allen Raumteilen vollständig eingewölbt wurde. Die Bauherrschaft übernahmen oft lombardische Baumeister, die den ostromanischen Stil, der auch premier art roman genannt wurde, prägten. Typisch für diesen Stil, der in ganz Katalonien Verbreitung fand, waren glatte Wandflächen, kleine Blendarkaden unterhalb des Dachansatzes, sowie die dunkle Atmosphäre der Innenräume. Von Katalonien und nicht etwa direkt von Italien gelangte diese frühe Romanik bis in die Provence.
Den wichtigsten Beitrag zur europäischen Romanik steuerte Katalonien aber im Gebiet der Malerei bei. In keiner anderen Gegend Europas konnten so viele romanische Fresken erhalten werden. Die geretteten Malereien stammen meist aus kleinen, einfachen Dorfkirchen. Umso mehr erstaunt der große künstlerische Wert der Fresken, der seinesgleichen sucht. Der Stil war stark von der byzantinischen, zu einem geringeren Teil auch von der mozarabischen Kunst beinflusst.
Über Jahrhunderte wurden die romanischen Kunstwerke in Katalonien kaum wahrgenommen. Viele von ihnen wurden im Rahmen von Erneuerungen überdeckt oder verfielen. Es war ein amerikanischer Kunsthändler, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts für einen Spottpreis den halben Kreuzgang des Klosters von St.-Michel-de-Cuxa erwarb. 1924 wurde der Kreuzgang von St.-Génis-des-Fontaines an das Museum in Philadelphia verkauft. Die spanischen Katalanen reagierten auf diesen Ausverkauf am schnellsten. Das Kunstmuseum von Barcelona konnte die von einer internationalen Gruppe von Antiquitätenhändlern herausgearbeiteten Fresken der Kirchen im Boí-Tal 1920 erwerben und so das wichtige Kulturgut in katalanischem Besitz behalten. In den meisten Kirchen sind an den Wänden seither Kopien zu sehen. Die meisten romanischen Fresken Kataloniens sind heute im Museu Nacional d'Art de Catalunya in Barcelona zu bewundern. Leider werden die Malereien in einem Museum nie die gleiche Ausstrahlung erreichen wie an ihrem Originalstandort. Ein Besuch des Museums ist aber dennoch zu empfehlen. Weitere romanische Kunstwerke der Pyrenäen finden sich in den Museen von la Seu de Urgell, Vic und Jaca.


