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Zu Fuss durch die Pyrenäen - der Osten
Die Flucht über die Pyrenäen
Als Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernahm, wurde Frankreich das wichtigste Aufnahmeland für deutsche Emigranten. Man schätzt, dass zwischen 1933 und 1940 rund 150000 Personen aus dem deutschen Machtbereich im westlichen Nachbarland Zuflucht suchten. 95 Prozent der Flüchtlinge waren Juden, der Rest zum großen Teil nichtjüdische Ehepartner aus Mischehen. Eine zahlenmäßig kleinere, aber von der Öffentlichkeit stark wahrgenommene Gruppe waren Repräsentanten der in Deutschland verbotenen Parteien (Sozialdemokraten, Kommunisten) sowie Künstler, Literaten oder Journalisten. Die deutsche Exilgemeinde in Frankreich veröffentlichte seit 1933 mehr als 160 deutschsprachige Zeitungen, Zeitschriften, Rundbriefe usw. Trotz der relativen Sicherheit war das Leben im Exil mit Entbehrungen verbunden. Für Ausländer bestand ein Arbeitsverbot, dessen Nichtbeachtung im Allgemeinen zur sofortigen Ausweisung führte. Zudem herrschte in Frankreich bei gewissen Bevölkerungsschichten eine antideutsche Stimmung, und die Juden hatten zusätzlich noch mit antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen (auch wenn diese mit den Angriffen in Deutschland nicht vergleichbar waren).
Als 1938 Édouard Daladier Léon Blum als Ministerpräsident ablöste, verschlechterte sich die Lage für die Flüchtlinge noch weiter. Bei Kriegsbeginn im Herbst 1939 trieb man alle »feindlichen Ausländer« in Stadien zusammen und steckte sie nach der Überprüfung der Personalien in Internierungslager. Das ehemalige Emigrationsland wurde somit für die meisten zum Gefängnis. Viele versuchten irgendwo unterzutauchen. Im Mai 1940 marschierte Hitler in Frankreich ein, worauf eine neue Flüchtlingsbewegung nach Süden stattfand. Als im Herbst der französische Marschall Philippe Pétain mit Hitler ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnete, befanden sich Süd- und Zentralfrankreich noch in der unbesetzten Zone, Paris und die gesamte Atlantikküste waren jedoch von den Deutschen besetzt. Um dem drohenden Unheil zu entkommen, blieb den Emigranten nur noch die Flucht aus Frankreich, denn auch in den unbesetzten Gebieten bewegten sich Einheiten der Gestapo und der Wehrmacht, zudem war Frankreich verpflichtet, Deutsche auf Verlangen auszuliefern.
Die einzigen möglichen Auswege aus der Falle waren die Flucht über die Pyrenäen oder der Schiffsverkehr nach Nordafrika, der jedoch strengen Bestimmungen unterlag und nur von wenigen benutzt werden konnte. Im Frühling 1940 flüchtete Otto von Habsburg als einer der Ersten über die Pyrenäen. Ihm folgten in den nächsten Jahren über 50000 verfolgte Menschen, die versuchten, über Spanien und danach meist über Lissabon Amerika zu erreichen. Der größte Teil von ihnen waren jüdische Emigranten, aber es waren auch politische Flüchtlinge aus beinahe allen zentral- und osteuropäischen Staaten darunter sowie abgeschossene Piloten der britischen oder kanadischen Luftwaffe. Auch viele Franzosen flohen über die grüne Grenze. Einige davon schlossen sich im Ausland den Forces Françaises Libres an, welche die Achsenmächte bekämpften. Wenn man Europa legal verlassen wollte, brauchte man unter anderem eine Ausreiseerlaubnis und diverse (Transit-)Visen. Diese waren nicht einfach zu bekommen, sodass oft das eine oder andere Papier gefälscht wurde. Marseille war das Zentrum, in dem kommerzielle, aber auch politisch motivierte Fälscher Pässe, Stempel, Passbilder oder Visa anboten. Auch in der Fluchthilfe waren kommerzielle Schlepper ebenso wie politische und humanitäre Organisationen aktiv. Die Organisationen bildeten dabei eigene Netze, welche die Flüchtlinge durch Frankreich und über die Grenzen schleusten. Den beschwerlichen Weg über die Zentralpyrenäen wählten nur wenige. Die meistbegangene Route führte über Banyuls an der Mittelmeerküste, von wo man auf der »route Lister« (später nach den Fittkos auch »F-Route« genannt) in einigen Stunden über die Grenze nach Spanien gelangen konnte. Bekannte Fluchthelfer in Banyuls waren die Deutschen Johannes und Lisa Fittko, die mit dem amerikanischen Emergency Rescue Committee zusammenarbeiteten und bei ihrer Arbeit auch stark vom sozialistischen Gemeindepräsidenten von Banyuls unterstützt wurden.
Der erste Gast, den Lisa Fittko über die Grenze brachte, war der deutsche Schriftsteller und Philosoph Walter Benjamin. Fittko hat diese Flucht ausführlich in ihren Erinnerungen Mein Weg über die Pyrenäen beschrieben. Benjamin hatte bei der Flucht die ganze Zeit eine Aktentasche dabei. »Wissen Sie, diese Aktentasche ist mir das Allerwichtigste. Ich darf sie nicht verlieren. Das Manuskript muss gerettet werden. Es ist wichtiger als meine eigene Person«, vertraute er sich Lisa Fittko an.
Am Tag vor der Flucht erkundete die Gruppe, neben Benjamin waren noch eine Frau Gurland und ihr junger Sohn dabei, den ersten Teil des Weges, um ihn am nächsten Morgen besser zu finden. Als sie nach zwei Stunden umkehren wollten, blieb Benjamin einfach sitzen. »Wenn ich jetzt ins Dorf zurückkehre und den ganzen Weg am Morgen nochmals gehen muss, wird mein Herz wahrscheinlich nicht mitmachen. Folglich werde ich bleiben.« Seiner Fluchthelferin blieb nichts anderes übrig, als diesen Entscheid zu akzeptieren. So verbrachte Benjamin die Nacht im Freien, wenig oberhalb von Banyuls. Am frühen Morgen stießen die anderen drei wieder zu ihm und gemeinsam überschritten sie nach einem mehrstündigen Marsch, bei dem sie wegen der Herzprobleme Benjamins immer wieder Pausen einschalten mussten, die Grenze. Kurz darauf kehrte Lisa Fittko um. Benjamin und die Gurlands marschierten nach Portbou hinunter. Da die spanische Zollstation in Portbou geschlossen war, konnten sie die spanischen Einreiseformalitäten nicht abwickeln. Benjamin geriet in Panik und hatte Angst, am nächsten Tag wieder nach Frankreich abgeschoben zu werden. Wie wir heute wissen, beruhte die Angst auf einer Fehleinschätzung der Situation, doch Benjamin sah keinen anderen Ausweg, als sich in der folgenden Nacht mit einer Überdosis Morphium das Leben zu nehmen. Im Sterberegister wurde die schwarze Aktentasche mit der Bemerkung eingetragen: unos papeles mas de contenido desconocido - »mit Papieren unbekannten Inhalts«. Doch diese Papiere, Benjamins Manuskript, das er unbedingt vor der Gestapo in Sicherheit bringen wollte, kamen nie mehr zum Vorschein.
Zwei Wochen vor Benjamin brachte das Emergency Rescue Committee eine Gruppe mit dem 70-jährigen Heinrich Mann, seiner Frau und seinem Neffen Golo sowie Franz und Alma Werfel über die Pyrenäen. Heinrich Mann schilderte die Flucht folgendermaßen: »Der Ziegensteig nach dem Exil überhob vieler peinlicher Eindrücke, er strengte körperlich an. Ich hatte seit Jahrzehnten keinen beträchtlichen Berg mehr bestiegen, war nunmehr ungeschickt und nicht jung: ich fiel recht oft auf die Dornen. In die Füße drangen sie ohnedies, fehlte noch, mit den Händen hineinzugreifen. Mehrmals unterstützte mein Neffe mich, dann überließ er es meiner Frau, die an sich selbst genug gehabt hätte. Er nahm die noch steileren Abkürzungen, kehrte aber zurück, wenn wir gescheitert auf einem Stein saßen.« Die 12 Koffer der Werfels, die neben Manuskripten Franz Werfels auch Partituren von Bruckner und Mahler enthielten, konnte Varian Fry vom Emergency Rescue Committee mit der Bahn nach Spanien bringen. Die Gruppe reiste mit der Bahn weiter nach Madrid, mit dem Flugzeug nach Lissabon und mit dem Schiff nach New York.
Im Frühjahr 1941 mussten die Fittkos, später auch Fry Frankreich verlassen. Als im November 1942 Hitler ganz Frankreich besetzte, wurde der Weg über die Pyrenäen noch gefährlicher, doch behielt er bis ans Ende des Krieges seine lebensrettende Funktion.
Literatur:
- Patrik von Zur Mühlen, Fluchtweg Spanien-Portugal, Dietz, Bonn 1992 (nur noch antiquarisch erhältlich).
- Lisa Fittko, Mein Weg über die Pyrenäen, Hanser, München, Wien 1985, soeben bei dtv (München) neu erschienen.
- Varian Fry, Auslieferung auf Verlangen, Hanser, München, Wien 1986/Fischer, Frankfurt am Main 1995 (nur noch antiquarisch erhältlich).


