Reportagen
erschienen in: Sonntagszeitung, 20. August 2006 - Reisen
Über Voralpenhügel in fünf Tagen vom Appenzellerland nach Zürich
von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht
Die Veranda des Hotels Walzenhausen bietet freie Sicht - nein, nicht ganz aufs Mittelmeer, aber doch auf viel Wasser. Ein rumpelndes Bähnchen hat uns von Rheineck auf die Aussichtsterrasse über dem Bodensee gebracht. Von der Bahnstation sind es bloss zwei Schritte zum ehemaligen Kurhaus, in dem noch immer manches an die Zeiten erinnert, als Kuren vor allem mit Aussicht und guter Luft zu tun hatte.
Hier, im äussersten Zipfel der Ostschweiz, beginnen wir unsere Wanderung, die nach fünf Tagen über dem Zürichsee wieder in einem ehemaligen Kurhaus enden wird. Wir werden durch das Appenzellerland, das Toggenburg und das Zürcher Oberland und über drei fantastische Aussichtsberge wandern - Gäbris, Hundwiler Höhi und Chrüzegg (Lokalpatrioten dürfen auch den Pfannenstiel nahe Zürich zu den Aussichtsbergen zählen).
Wir haben uns einer guten Sache verschrieben. Ein Gesundheitspfad bringt uns die Heilpflanzen näher, ein Witzpfad will für Stimmung sorgen, ein Meteo-Lehrpfad hilft Wolkenberge über dem Alpstein rechtzeitig als Gewitterwolken identifizieren. Später wird uns ein Geo-Pfad die Nagelfluh erklären und ein Kapellenweg Kapellen ans Herz legen. Weiter im Angebot wären diverse Nordic walking trails, die in unzähligen Untervarianten die Hügel überziehen. Ein elfköpfiges Schlittenhundegespann trabt im Sommertraining vorbei. Auf den Trails bleibt's ruhig.
Aussicht mit Schwartenmagen
Auf dem Gäbris gibt's den besten Schwartenmagen. Und dazu gratis eine fantastische Rundsicht. Sanft wellt sich hinter uns das Hügelland zum Bodensee hin, steht im Süden der Alpstein wie ein Wall von felsigen Wülsten und Graten. Im Westen reihen sich stotzige Gipfelchen und Gipfel; wir werden noch ins Schnaufen kommen in den nächsten Tagen.
Jetzt geht's erst mal runter. Gais, einst Europas führender Molkenkurort, ist heute ein Mekka für Gourmets. Schweren Herzens marschieren wir an der «Truube» (und an den Mondholz-Beigen einer Schreinerei) vorbei und mit einem tiefen Seufzer lassen wir auch den «Hirschen» links liegen. Der schöne Biedermeier-Dorfplatz und die stattliche Fassade der «Krone» trösten halbwegs.
Es ist ein geruhsames in den Abend Hineinwandern. Eine Bilderbuchlandschaft, garniert mit kleinen Kapellen und verstreut liegenden appenzellischen Höckli, die Wohnhäuser in hellem Blau und üppigem Geranienschmuck, die angebauten Scheunen in Ockergelb und dunklem Rot. Sammelplatz heisst die sanfte Hochebene. Hier besammelten sich die streitfreudigen Appenzeller vor der legendären Schlacht am Stoos vor 600 Jahren. Das verführt noch heute Politiker zu sinnigen Gedanken über das Wesen der Appenzeller. «Der Appenzeller ist liberal, aber in konservativem Rahmen und sozial, soweit man es ohne den Staat machen kann», fasste es Bundesrat Hans-Rudolf Merz hier in einer Gedenkfeier zusammen.
Der Innerrhoder Hauptort Appenzell ist hübsch, voller netter Comestibles-Geschäfte, Hotels und Restaurants, «Südwörscht und Chäshörnli» und Ziel Unzähliger in Ferienlaune. Die paar tausend echten Innerrhödler bilden hörbar nicht die Mehrheit.
Eine halbe Tageswanderung später, auf der Hundwiler Höhi, tönt es wieder wie es soll. «Sönd willkomm!» Der Appenzeller Käse schmeckt da oben ganz besonders gut, das Bier kommt von Locher drunten in Appenzell und das Blööterliwasser (mit Melissen- und Holunderaromen) nennt sich Flauder und wird im Gontenbad abgefüllt. Der abweisende Säntisgipfel ist zum Greifen nah.
Runter geht's, zur Station Zürchersmühle, und gleich wieder rauf. Es ist später Nachmittag, die Pferde machen lange Hälse, die Kühe glotzen vor sich hin und wir sind froh, dass nebst der üblichen schönen Aussicht auch eine unscheinbare Bauernwirtschaft am nahen Passsträsschen liegt. Wir mögen den Tüfenberg, die halbe Stunde, die man unter dem leisen Ticken der Uhr am blank gescheuerten Tisch sitzt, vielleicht im Appenzeller Kalender nachblättert, wie das Wetter vor hundert Jahren war, über heutige Zeiten redet oder auch über nichts. Begrüsst und verabschiedet wird man auf alle Fälle mit einem Händedruck.
Von Wildsauen und Pilgern
Es riecht nach Heu und Sommer, ein Bläss keift sich die Seele aus dem Leib und verzieht sich dann resigniert hinter die Scheune, ein einsamer Wegweiser zeigt Richtung Langlaufloipe. Schönengrund. Wir übernachten komfortabel und günstig im «Löwen», der die Restaurants weit herum mit Wildbret aus einheimischer Jagd versorgt, und lassen uns ein paar Geschichten von Wildsauen im Elsass, einheimischen Gämsen und der Hirschjagd in Ungarn erzählen. Ein Dorfhistoriker steuert ungefragt noch so einiges bei über das schwierige Verhältnis zwischen Urnäsch ennet dem Berg und dem abtrünnigen Schönengrund. Schönengrund, so viel ist klar, ist appenzellisch und protestantisch.
St. Peterzell ist das sichtbar nicht. Stattlich ist die Kirche mit der angrenzenden Probstei. Stattlich auch das «Schäfli», ideal für eine Znünipause. Es ist der dritte Wandertag. Haben die vielen Hügel der letzten Tage bereits Spuren hinterlassen? «Wie lange seit ihr schon am Pilgern?», werden wir gefragt. Wir sind hier auf dem Jakobsweg, offenbar wandert da selten einer ohne triftigen Grund mit Mehrtagesgepäck vorbei.
Das Berggasthaus Churfirsten kommt uns gerade recht. Wie es sich gehört für ein Kurhaus der alten Schule, liegt es in bester Aussichtslage über dem Toggenburg. Nicht nur der dicken Cordons bleus und prallen Siedwürste wegen, die vorbei getragen werden, würde man gerne bleiben.
Und wieder runter, nach Wattwil. Vor einem sommerlichen Platzregen flüchten wir uns ins Migros-Restaurant und schauen den türkischen und italienischen und spanischen Kaffeerunden zu; etwas Multikulti tut zur Abwechslung gut. Durch die breite Fensterfront sehen wir die waldigen Hänge, die vor uns liegen.
Drei Stunden und einen saftigen Aufstieg später sind wir auf dem absoluten Höhepunkt der Reise angekommen, acht Meter höher noch als die markante Hundwiler Höhi ist das Hügelchen über dem Gasthaus auf der Chrüzegg. Hier haben wir den totalen Überblick. Überraschend nah liegt der Zürichsee zu unseren Füssen, darüber stehen die Alpen wie eine Theaterkulisse, und im Norden glitzert noch immer ein Streifen Bodensee. Dörfer und Städte liegen versteckt in den Flusstälern, fast nichts stört den grünen Frieden rundum.
Die Schweizerfahne knattert in einem böigen Wind, ein Falke hängt elegant im Windkanal und spielt Fliegen an Ort. Auf dem Nachbarhügel haben sich die Modellflieger zu einem Haufen zusammengeklumpt. Wie wild gewordene Hummeln kreisen die Flugzeuge über ihren Köpfen. Später ziehen Nebelschwaden über die Kuppen und geben der Abendstimmung etwas Abgehobenes. Das Gasthaus hat nichts Mystisches, es ist ein solider, schön proportionierter Neubau aus dem Jahre 1996, Ersatz für das alte Berghaus.
Zum Frühstück gibt's Alpkäse aus der eigenen Sennerei. Ein letzter Blick auf den schmalen Silberstreifen am Horizont, dann lassen wir den Bodensee endgültig hinter den sieben Bergen zurück. Auch den Zürichsee verlieren wir in den Nagelfluhfurchen des Zürcher Oberlandes vorerst wieder aus den Augen. Ab und zu erinnern kleine verrostete Schieber und Bachschwellen ans Industriezeitalter im Zürcher Oberland.
Ritter und Wälder
Jetzt wird die Landschaft offener und weiter. Die Linden im Hof des Ritterhauses in Bubikon sind mächtige Schattenspender, es ist schön, hier eine Weile zu sitzen. Vielleicht reicht die Energie sogar für die Geschichte der Kreuzzüge, dem Thema der aktuellen Ausstellung in der über 800-jährigen Komturei des Johanniterordens. Möglicherweise steht auf dem Werkgeleise beim Parkplatz vorne auch die kleine Draisine, bereit für eine Fahrt, die, so liessen wir uns sagen, nicht nur für Kinder ein Gaudi sein soll. Und wenn der «Löwen» oben im Dorf nicht gerade Wirtesonntag hat, fällt das Weitergehen schon ein bisschen schwer. Im «Adler» in Grüningen, etwas südlich des hübschen Städtchens, übernachten wir ein letztes Mal, ein Landgasthof wie aus dem Bilderbuch, 365 Tage im Jahr offen.
Und nochmals wird ein Hügelzug überwunden. Die Wälder am Pfannenstiel sind kühl und weitläufig, dazwischen nur die offene Schneise der Forch. Langsam reicht's. Dann, drei Stunden später, steht man überraschend an der Endstation des Zürcher Sechsertrams (das direkt zum Bahnhof fährt). Fünf Minuten weiter vorn thront das Hotel Zürichberg am Waldrand über der Stadt, einst alkoholfreies Kurhaus des Zürcher Frauenvereins, heute allen Miefs entledigt, chic und gestylt, ohne sich der Vergangenheit zu schämen. Die Korbsessel auf der Veranda sind ausladend und bequem, die Aussicht auf den Zürichsee ist erstaunlich unverstellt. Gerne würden wir hier jetzt ein bisschen kuren.


