Kalkberge, Käsekeller, Kurparks
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SonntagsZeitung, 21. September 2008 | Reisen
kalkberge, käsekeller, kurparks
Via Taleggio nach San Pellegrino – ein paar Tage im Niemandsland hinter Bergamo
Von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht
Wir sitzen auf ein paar ausgetretenen Steinstufen am Giuff, am Passo di Giovo, dem alten Übergang aus dem Hinterland des Comersees ins Hinterland von Bergamo. Nein, so hatten wir uns das Val Taleggio nicht vorgestellt. Nichts als Wald, Buchenwald, zerfurcht von Bachtobeln.
Wo bleiben denn die weiten Weiden und die Alpen, auf denen der berühmte Käse heranreift? Wo die Dörfer, wo man die anderen Seiten des Wanderlebens auskosten darf: das Sitzen und Gucken, das Schlemmen und Schlafen? War es doch nur eine Schnapsidee gewesen, von Lecco über Taleggio nach San Pellegrino zu wandern? Hatten wir uns von den klingenden Markennamen die Sinne vernebeln lassen? Die Nebel ziehen um die Felswände des Resegone über uns. Antwort ist das noch keine.
Gestern sind wir in den Altstadtgassen von Lecco gestartet, standen vor den Tausend Höhenmetern der Felsbarriere über der Stadt. Der Weg ist steil, aber gut. Verblühende Maiglöckchenfelder und wildromantische Felspassagen lockern den Buchenwald auf.
Im Abendlicht erreichten wir die milde Senke von Piani d'Erna mit dem Rifugio Marchett, unserem ersten Nachtlager. Die Tagesgäste sind längst zur Bergstation der Seilbahn zurückgewandert. Nicht immer war es hier so idyllisch und friedlich. Daran erinnern eine Kapelle und Infotafeln und die Häuser, die auf den Ruinen der niedergebrannten alten Gebäude errichtet wurden.
Endlich: Alpweiden
Auch am Morgen ist es ruhig, selbst die härtesten Biker sind noch nicht hochgeklettert. Im frischen, schattigen Grün der Buchen steigen wir zum Giuff an. Ein paar Vogelstimmen nur, sonst ist es still. Mehr als einer Handvoll Wandernden werden wir in den nächsten Tagen unterwegs nicht begegnen.
Endlich. Zwei Stunden nach Piani d'Erna wechselt die Szene, wir treten aus dem Wald auf die Alpweiden der Costa del Pallio. Stundenlang mäandern wir auf dem offenen Rücken oder entlang sanfter Grate ostwärts, zwischen dunkelblauen Enzian-Nestern und weissen Narzissen-Feldern. Schon bald werden hier die Kühe grasen (oder wiederkäuen).
Und vielleicht auch die grossartige Aussicht geniessen. Auf der einen Seite das waldreiche Val Taleggio, aus dem doch da und dort ein paar Häuserhaufen blinken, darüber die kalkweissen Gipfel der Grigne und der Bergamasker Alpen. Auf der andern bäumen sich letzte pittoreske Felstürme auf, bevor sich die Voralpenhügel in der lombardischen Ebene verlieren. Bei der Gipfel-Madonna auf I canti verabschieden wir uns von der Aussicht und steigen in der waldigen Bergflanke nach Peghera ab, zu einer der Fraktionen von Taleggio.
Liberty? Nein, mit Libertà habe der Name nichts zu tun, murmelt der Hotelier, bevor er wieder hinter dem Bartresen verschwindet. Aber auch an Jugendstil (liberty) erinnert das einfache Albergo Liberty in Peghera wenig. Ein Geruch von Freiheit liegt dennoch in der Luft - die Raucherfreiheit im proppenvollen Game room. Im riesigen Speisesaal sitzen wir allein. Noch ist die Saison nicht angelaufen, und die alte Kurtradition ist ohnehin längst Vergangenheit.
Il taleggio vero
Das zeigt die Hotelzeile von Olda am Gegenhang deutlich genug. Grad noch eins der Kurhotels ist offen, das Della Salute. Es bietet alles, was einst zum geruhsamen Ausspannen gehörte: Park, Bocciabahn, Sonnenterrasse, komfortable Zimmer und Ruhe. Und echten Taleggio aus der nahen Käserei San Antonio. Weiss müsse er sein, noch jung, meint die Hotelière dezidiert. Wenn er zu fliessen beginne und die Rinde dunkel-schrumpelig werde, sei er zu alt.
Was ist ein echter Taleggio? Laut Gesetz kann er in acht Provinzen produziert werden, von Brescia bis Novara, von Como bis Milano. Das benachbarte Valsassina liefert weit mehr Taleggio als das Val Taleggio, wo vor allem veredelt wird. Hier reifen in den modernen Kellern der Affinateure Arnoldi und Arrigoni in Peghera in einer mehrwöchigen kühlen Luftkur Tonnen von Frischkäse aus der Ebene zum Spitzenprodukt Taleggio heran.
Zur nächsten Marke: San Pellegrino
Am nächsten Morgen verlassen wir Peghera/Prato auf einem alten Fahrweg, der eschengesäumt Richtung Bocca di Bura führt. Ciclisti keuchen um die Wette. Noch weiss man nicht, ob es Frühaufsteher sind oder Vorboten einer Rundtour, bei der Hunderte von Fahrradseeligen im Pulk über die kurvenreichen Strassen strampeln. Für uns beginnt bei der Bocca der Aufstieg zum Sornadello. Wieder Buchenwald. Doch gibt ab und zu ein Fenster im kühlenden Laubdach den Blick frei in die Falten des Val Taleggio, auf die Hochweiden und Gipfel.
Vom wenig markanten Sornadello-Gipfel führt ein schmaler Pfad spektakulär zu einer namenlosen Bochetta hinunter - nur Fliegen ist schöner, wenn auch hier herum ziemlich gefährlich. Das Pässchen ist mit einem Roccolo, einer Vogelfanganlage, garniert. Weit unten im Tal sieht man bereits San Pellegrino. Nach einer Weile wird der schmale Weg ins Valle Brembana hinunter zum Alpweg und zum Schluss zu einer Mulattiera, einem alten Saumweg.
Die Badehose braucht man in San Pellegrino Terme nicht. Heute nicht, weil Terme und Kurhotel geschlossen sind. Und früher nicht, weil man hier die gesunden Wässer innen applizierte, von Brünnlein zu Brünnlein durch die Trinkhalle flanierte, in der Loggia in den Korbstühlen sass, im Park spazieren ging und eventuell im Casino, einem filigranen weissen Traumschloss, sein Spielglück versuchte.
San Pellegrino hatte seine grosse Zeit vor gut hundert Jahren, als die Eisenbahn kam und sich der Jugendstil in aller Pracht entfaltete und auch Königin Margherita der neuen Destination die Ehre gab. Heute möchte der Kurort mit einer neuen, superchicen Grossanlage an die glorreichen Zeiten anknüpfen. Nestlé hat im Frühjahr schon mal mit der Renovation des Grand Hotel begonnen, das ein Siebensterne-Wellness- und Seminarhotel werden soll. (Die Abfüllanlage für das San-Pellegrino-Mineralwasser, das Nestlé gehört, liegt heute weiter unten im Tal.)
Wir gehen in die Verlängerung
Derweil wir auf der Piazza vor dem Centrale das Abendessen mit zwei Grappe abrunden, geht drüben vor dem Bigio das EM-Spiel Italien-Spanien auf Grossbildschirmen in die Verlängerung. Genau, Verlängerung, entscheiden wir spontan. Statt morgen die langwierige Heimreise via Bergamo und Monza oder Mailand anzutreten, werden wir einen faulen, verträumten Vormittag in den alten Kuranlagen verplempern und dann wieder ins Val Taleggio fahren, soweit der Bus uns bringt, bis Vedeseta. Und am nächsten Tag zu Fuss ins Hinterland von Lecco zurückkehren.
Vedeseta ist ein kompaktes Dorf, das Gegenteil von Taleggio, das in seine Fraktionen zerfällt. Die zentrale gute Stube ist das Albergo dell'Angelo. Wo das Hündchen dem Herrchen die Zeitung in die Bar voraus trägt, eine Schnauze voll Berlusconi und Fussball, wo ältere Herren den brandneuen schwarzen 4x4 eines stolzen Kollegen beäugen, wo es Glacé für die Enkel gibt und sich im Speisesaal die Sippen zum Essen zusammenklumpen, wo getratscht und Hochzeit gefeiert wird. Kurz, ein Ort, wo's egal ist, ob irgendwelche Fremden kuren wollen oder eben nicht. Hier ist zuhause, wer hier zuhause ist.
Am nächsten Morgen tauchen wir ab ins schattige Tobel, wandern dem Enna-Bach entlang hoch, vorbei am Spektakel des Fiumelatte, einer schäumenden Quelle in der Bergflanke, hoch bis zuhinterst ins enge Tal, wo die Bäche als Rinnsale aus den Hangfurchen plätschern. Und tauchen in der einwohnerärmsten Gemeinde Italiens, in Morterone, wieder auf.
Etliche Stunden und einen Bergrücken später sitzen wir vor dem Hotel Maggio im Valsassina. Die herausgeputzten Villen und Gärten von Maggio sind Kurparadiese vom Feinsten. Die Swimmingpools leuchten in frischem Hellblau, die Saison für die Hitzegeplagten aus Lecco kann beginnen.
Eine letzte Portion Taleggio. «Die im Val Taleggio drüben, machen die denn überhaupt noch Käse?» fragt mit leicht heraufgezogener Augenbraue die Wirtin. «Der Taleggio kommt aus dem Valsassina», da gibt's keine Widerrede. Und er darf weich sein, schon fast schmelzend, mit dunkler Rinde. So ist es.
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