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Reportagen

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SonntagsZeitung, 5. August 2007 – Reisen

Chiareggio – AUF DER HÖHE DER ITALIANITÀ

von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht

«Zehn Grad und ein Wind so kalt als käme er aus Grönland.» Schrecklich, furchtbar, nie mehr. Der Jungmann, die Sonnenbrille auf dem modisch kahl geschorenen Schädel, wandert erregt den Korridor auf und ab. Das telefonische Lamento an den Rest der Familie, der bei 35 Grad an den Stränden von Rimini vor sich hinbrätelt, gerät zum Gebrüll. Kann ja sein, dass man die Meldung aus den Bergen, aus dem obersten Val Malenco, aus einem der Seitentäler des Veltlins, sonst gar nicht verstehen würde, dort unten, «al mare».

Im Salon des Hotels Chiareggio ist es gemütlich warm, das Feuer knistert im Ofen. Draussen giesst es in Strömen. Vor fünf, nein das war, als die Aline ihre Krise mit Giovanni hatte, also vor sieben Jahren, da schneite es im August. Die Habitués, die hier versammelt sind, nehmen's gelassen. Man kennt sich, trifft sich jeden Sommer. Bis das ganze Repertoire, von der neuen Schwiegertochter, den finanziellen Eskapaden der lieben Verwandten, Zio Giannis Herz und der Nachbarin Hund (ja leider, er lebt noch), durchgeorgelt ist, darf es gerne den ganzen Tag regnen. Einen weiteren bräuchte man für die Taten der neuen Regierung in Rom.

Um halb Acht, immerhin und gottlob, gibt es zu essen. Der eng bestuhlte Saal ist voll besetzt - und nach drei Viertelstunden schon wieder fast leer, Primo und Secondo und Dolce bewältigt, der Zapfen wieder auf der Weinflasche für den nächsten Abend, die Serviette proper gefaltet.

«L. Lenatti» prangt auf den Tellern im Hotel Chiareggio, dem ältesten und grössten Hause am Platz. Im Genziana gegenüber heissen sie ebenfalls Lenatti. Bergführerfamilien sind sie beide. Im Alimentari Mirta: Lenatti. Und auch oben im Dorf, da, wo der Weg zum Murettopass abzweigt, im neuen Hotel Gembro: Lenatti. Die Tätschmeister auf dem Rifugio Porro, dem Ausflugsziel aller Familien: sempre Lenatti.

Nicht Lenatti heissen sie im Hotel Pian del Lupo. Einheimisch sind sie alleweil, ebenso im rosaroten Chalet Tana del Grillo, das auch mit der Küche auffällt. Hier lachen einem schon beim Eintreten in der Bar, schwarzweiss und leicht verblichen, Gruppen junger Zigarettenschmuggler entgegen - darunter der Senior der Familie. In Chiareggio wird längst kein Geheimnis mehr daraus gemacht, dass der Schmuggel in den 1960er Jahren viel Geld ins Tal spülte. Über den Muretto und auch vom Puschlav her wurden Kaffee und Zigaretten nach Italien gebuckelt.

Chiareggio als ärmliches Maiensäss, eingebettet zwischen Berninamassiv und Disgrazia, der verlorene Zollposten am Ende der Welt, die legendäre schäbige Osteria - das alles ist längst Vergangenheit.

Mit Bahn und Bus oder zu Fuss?

Fertig geregnet. Man hört es schon, bevor man die Augen richtig offen hat. Alle, die sich gestern im Regenwetter in ihren Wohnungen und Hotels verkrochen haben, wieseln jetzt aufgeräumt die Dorfstrasse rauf und runter. Der Himmel über Chiareggio ist tief blau, die felsigen Pizzi im Talabschluss sind blendend weiss überzuckert. Eine frisch gewaschene Idylle, eine italienische Sommerfrische wie sie im Büchlein steht.

Eine halbe Prozession pilgert zum Muretto hinauf, über Jahrhunderte ein innerbündnerischer Pass. Man kann sich die Saumzüge, die den Bündner Kolonialherren Wein und Getreide brachten, gut vorstellen. 1815 gingen dann die Veltliner Untertanengebiete vorübergehend an Österreich.

Den Übergang kennen wir. Es ist immer wieder dasselbe Werweissen: Fahren wir mit der RhB über den Berninapass nach Tirano und mit der FS nach Sondrio und mit dem grossen blauen Bus nach Chiesa und mit dem kleinen nach Chiareggio? Oder gehen wir in sechs Stunden zu Fuss von Maloja über den Pass nach Chiareggio? Der Muretto obsiegt fast immer.

Die Mailänder kommen mit dem Auto; sie sind schneller hier als die Zürcher im Engadin. Im August, wenn ganz Italien entweder ans Meer oder in die Berge eilt, sind auch die riesigen Parkflächen entlang dem wilden Màllero voll belegt. Bei der Kirche, Scharnier zwischen dem untern und dem oberen Teil des Strassendorfs, bieten sonntags Marktfahrer und fliegende Händler Sonnenbrillen und geschnitzte Giraffen an, Shorts und Regenschirme. Ein Rösslispiel dudelt vor sich hin. In den schattigen Wäldchen hinter Pian del Lupo schiessen picknickende Kleinfamilien und Grosssippen wie Pilze aus dem Boden.

Ganz entgegen unseren früheren Gepflogenheiten mögen wir inzwischen das hochsommerliche Gewusel, das Geschnatter und Gebalze. Den innigen Dialog mit halbleeren Speisesälen und geschlossenen Bars pflegen wir durchs Jahr genug.

Wandern nach Lust und Laune

Chiareggio ist auch ein Wandergebiet vom Feinsten. Gute Markierungen, neue Wegweiser, grosse Übersichtskarten - nur wandern muss man immer noch selber. Von einfachen Spaziergängen bis zu anspruchsvollen Bergwanderungen liegt alles vor der Haustür. In einer Stunde ist man bereits bei den Rifugi Porro und Ventina, die erfolgreich mit «cucina tipica» werben. Ein gut angelegter Gletscherpfad zieht weit in die Steinwüsten vor dem Ventinagletscher hinein.

Zwei Tage lang machen wir «Älplitouren» rund um Chiareggio, über verlassene, beinahe im Boden versunkene Alpen und über bestossene, wo in EU-konform gekachelten Räumen gekäst wird. Dann zieht es uns zum einsamen Lago Pirola hinauf, der in einer wilden Gebirgslandschaft liegt, eingebettet in weiten Blockfeldern. Der Blick zum Monte Disgrazia und auf den imposanten Ventinagletscher ist fantastisch, auch wenn dieser nur noch ein Schatten seiner selbst sein mag. Mit weichen Knien landen wir wieder bei den Rifugi Ventina und Porro.

Fast allein unterwegs sind wir im grossartigen Val Sissone. Näher werden wir der Disgrazia, deren Restgletscher hoch oben an den Flanken hängt, nie kommen. Im Tal weit ausholend gelangt man auf einen alten Alpweg und über eine kleine, mit Ketten gesicherte Felsbarriere zum Rifugio Grande Camerini, fast tausend Meter über Chiareggio. Eine junge Frau, dem imposanten Panorama demonstrativ den Rücken zukehrend, unterhält ihre Gruppe mit den Strapazen des Jakobswegs. Hier oben gefällt es ihr nicht, das Kontemplative fehlt beim Stolpern über die steinigen Bergwege.

Der Ausflug zum Ex-Rifugio Entova (der Ruine eines geplatzten Sommerskitraums) zerstiebt in einem kurzen, heftigen Schneetreiben, das in der Longoni-Hütte bei einem starken Genepi ausgesessen wird. Danach liegt das Tal von Chiareggio wieder friedlich in der Nachmittagssonne, und der Rückweg vorbei am kleinen See bei der Alp Entova ist etwas vom Idyllischeren, was man seiner Wanderseele antun kann.

Bleibt zum Schluss nur noch eine Frage: Wie kommen wir wieder nach Hause? Die lokalen Wanderwegplaner haben uns den Entscheid abgenommen. Seit diesem Sommer gibt es wieder einen Talwanderweg bis hinunter nach Sondrio, ausgeschildert als Sentiero Rusca. Rusca? Eine Bündner Geschichte aus der Zeit von Jürg Jenatsch und den Glaubenskämpfen im Veltlin. Der arme Erzbischof von Sondrio, Nicolò Rusca, starb, nachdem er nicht eben pfleglich über den Muretto verschleppt worden war, in Thusis an der Folter. Das hat man hier nicht vergessen. Der Weg ist attraktiv, nicht zuletzt, weil er durch den Giovello führt, den archaisch anmutenden, verlassenen Schiefersteinbruch bei Chiesa.

Nach einer sechsstündigen Wanderung sind wir doch noch «al mare» gestrandet, an einem Tisch vor dem Bacarò, dem exzellenten Fischrestaurant am Màllero in der Altstadt von Sondrio.

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