Reportagen
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erschienen in: Sonntagszeitung, 9. August 2009
Rausch auf höchstem Niveau
Ehemalige Goldminen, Weinkeller auf 2880 Metern: Eine dreitägige Wanderung auf Walserpfaden südlich des Monte Rosa
Ursula Bauer, Jürg Frischknecht
Unsere Bergwanderung beginnt unter Tag. Wir kriegen gelbe Schutzjacken verpasst, werden zu einem kompakten Häuflein zusammengetrieben und marschieren los, einen Kilometer weit in den Berg hinein. Die Goldmine von Borca im Valle Anzasca, unterhalb Macugnaga, ist mit ihren weitläufigen Stollen, mit Rutschen, Leitern und Schienenbahn ein eindrückliches Bergbaumuseum. «Das Gestein hier hat einen höheren Goldgehalt als in Südafrika», sagt die Führerin stolz.
Der Goldrausch wird uns die nächsten drei Tage begleiten, manchmal auch ein Anflug von Höhenrausch und, so man das sucht, gekrönt von einem Rausch auf höchstem Niveau.
Gegen Mittag sind wir im Alpinistendorf Macugnaga angekommen. Dank Lötschberg-Simplon ist das von Bern oder Zürich her nur noch ein halbtägiger Katzensprung. Wir haben einen Rundgang über den Friedhof gemacht, die berühmte Walserlinde besichtigt, pflichtschuldigst die Ostwand des Monte Rosa bewundert und zufrieden festgestellt, dass sich seit unserem letzten Besuch vergleichsweise wenig geändert hat.
Dann üben wir ein bisschen für die kommenden Wandertage und schlendern in einer halben Stunde in die kleine Fraktion Borca hinunter. Der Goldrausch endete hier mit dem letzten Krieg. Und seit 1972 wartet das schön proportionierte alte Albergo Passo del Turlo mit blinden Fenstern auf ein Wiedererwachen.
Wenige Schritte nebenan, im hübschen Speisesaal des «Alpi», das eben hundert geworden ist, schütteln sich die Pensionsgäste die Servietten zurecht und lassen sich Penne al Ragù, dann Braten und Gemüse servieren. Behaglichkeit greift um sich, man könnte gut länger hier bleiben.
Auf Militärstrassen zum Turlopass
Der Hotelier des Alpi ist auch der Taxista, er fährt seine Gäste gratis nach Quarazza hoch. Auch in Macugnaga werde nur noch in schnell verkäufliche Appartamenti investiert, sagt er bedauernd, «il mercato è così».
Fünf Stunden wandert man ins wilde Tal hinein, erst vorbei an den Häusern und Ruinen der aufgelassenen Goldminen im Quarazza-Tal, dann die Hänge hoch, bis man oben in der Passscharte, im Türli, sitzt. Über den Turlo sind viele gegangen. Auf diesem Weg zogen die Walser ins Valsesia, hier gingen Waren und Vieh hin und her, hier kreuzten sich 1943-45 Flüchtlinge und Partisanen. Dass Mussolini den Pass militärtauglich ausbauen liess, schätzt man als Wanderer und denkt beim Abstieg auf grobem Schotter mit Wehmut an die schön gefügten Serpentinen auf der andern Seite. Dafür schiebt sich jetzt das Monte-Rosa-Massiv immer imposanter ins Blickfeld.
Wir steigen ab in den Parco naturale Alta Vasesia, den höchstgelegenen Europas, und übernachten im Rifugio Pastore, einem komfortablen Berghaus, beliebt bei Familien, Wandergruppen, Hochzeitern und andern Festbrüdern und -schwestern.
Zum grössten «Kindergarten» – auf 3000 Metern
Heute geht’s nur aufwärts. Nach einer Stunde bereits kommen wir zur kleinen Walsersiedlung Bors, ein Häuserhäufchen in einer weiten grünen Mulde, inklusive einfachem Rifugio, das so winzig ist wie sein Name lang: Anna Crespi Calderini. Weiter oben im Tal macht ein prächtiger Wasserfall die Idylle komplett.
Steilstufe um Steilstufe schlängelt sich der schmale Fussweg das Valle delle Pisse hoch. Dominant auf einem Felsvorsprung steht ein massiver Seilbahnmast, Überrest des Traums vom Sommerskiparadies am Indrengletscher.
Wo die Weiden langsam in Geröllhänge übergehen, holt uns der Goldrausch von einst wieder ein. Heute wird bei den Case Miniere nicht mehr geschuftet und geflucht wie zu den Zeiten, als die südafrikanisch-kanadische Monte Rosa Goldmining Company hier oben das grosse Geschäft zu machen hoffte. Seit 1916 ist auch dieser Traum ausgeträumt. Die Steinhäuser zerfallen, Schafe blöken zwischen den Ruinen.
Von den schrundigen Felsgipfeln fliessen Schutthalden herunter. Die Steilstufe zum Valico Cimalegna wirkt nicht sehr einladend, und die Nebel, die über den Pass hinunter ziehen, heitern das Gemüt auch nicht auf. Immerhin, die Wegspur ist gut, zwar steil, aber trassiert. Man nimmt zwei, drei Mal die Hände aus dem Hosensack. Und fühlt sich ein bisschen ertappt, wenn man dabei von Steinbockherren andächtig beobachtet oder von deren Jungmannschaft angeschnauzt wird.
Dann queren wir in fast vegetationslosem Gelände gemütlich hinüber zum Col d’Olen. Ein merkwürdiges Sirren lässt aufmerken, dann schwebt die Grosskabine der neuen Doppelseilbahn über unsere Köpfe weg zum wenig höher gelegenen Colle dei Salati. Bald tauchen aus dem nebligen Grau die massigen Gebäude der beiden Rifugi auf, das Città di Vigevano und leicht versetzt das Guglielmina. Hier surren keine Tragseile, sondern Generatoren. Warme Duschen und geheizte Zimmer haben auch akustisch ihren Preis. Das Rifugio Guglielmina ist der Höhepunkt unserer Reise, nicht nur metermässig (wir sind auf fast 3000).
In den Belle-Epoque-Jahren vor und nach 1900 gebietet die Hotelierdynastie Guglielmina aus Alagna über ein Imperium, das vom Col d’Olen bis nach Ligurien reicht. Geblieben ist einzig das Albergo Guglielmina, stolzes Wahrzeichen der Berghotellerie aus dem Jahr 1878.
In den 1990er Jahren wird es von der Familie nach 40-jährigem Dornröschenschlaf wintertauglich renoviert und macht seither mit Tisch und Keller Furore. Lange ist es her, seit wir das erste Mal fröstelnd an den einladenden Bartresen in der gemütlichen Gaststube gestolpert kamen. Es ist ein Déjà-vu der schönen Art, das Menu interessant und die Weinkarte ein Traum. 7000 Flaschen lagern hier.
«Dies sind meine Kinder», sagt der Seniorchef und bekennende Weinfreak Franco Calaba-Guglielmina. Er hat seinem Kindergarten, dem zweifellos höchstgelegenen Europas, mit einem sensorgesteuerten Weinkeller einen mustergültigen Rahmen geschaffen. Und verhilft so jedem, der das wünscht, zu einem Rausch auf höchstem Niveau.
Mehr als ein Walser-Ballenberg
Geld verdient man hierherum vor allem im Winter. Die erste Stunde Abstieg Richtung Alagna lässt daran keinen Zweifel. Ein Bagger frisst sich den Hang hoch, die Planierwalzen hinterher. Über den Passo Foric entkommen wir ins Valle d’Otro.
Plötzlich ist man wieder ganz allein zwischen grünen Hochweiden und Felsgraten. Wir steigen auf schmalem Pfad durch steile Grashänge ab nach Scarpia und Dorf und Follu, Walsersiedlungen wie aus dem Bilderbuch. Fast wie Ballenberg – nur schöner, weil immer noch bewirtschaftet. Die anmutige Kulturlandschaft ist kein Kunstprodukt. Man möchte im freundlichen Rifugio Zar Senni Zimmer beziehen, ausschwärmen und auf wenig begangenen Pfaden zu vergessenen Passübergängen hochsteigen.
Eine Stunde später sind wir in Alagna. Der Goldrausch, der einst auch hier Hunderte in den Stollen eine halbe Stunde oberhalb des Dorfes, graben und hoffen liess, hat kaum Spuren hinterlassen. Der Goldrausch von heute schon eher, Residenz reiht sich an Residenz, Ferienappartement an Ferienappartement. Restaurants und Bars tragen Namen wie Din e Don, la Stube oder Indren Hus. Das Walsertitsch, aus dem Alltag weitgehend verschwunden, feiert als Unique selling proposition seinen Vermarktungswert.
Das Albergo Monte Rosa, Stammhaus der Guglielmina, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Wir nehmen den Bus nach Varallo. Wer auf Tradition hält, steigt da im Italia ab, einst, in seiner Blütezeit, ebenfalls Teil des Guglielmina-Imperiums.


