Reportagen
Erschienen in: SonntagsZeitung 27.06.2010
Tausend Schafe und ein Ötzi
Vom Schnalstal ins Ötztal: Auf uralten Pfaden der Wanderschäfer durch das Revier des Steinzeitmenschen
Von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht
«Oh ja, viele waren es, wie jedes Jahr», sagt der Hüttenwart der Schönen Aussicht. Sein Gehilfe nickt bestätigend, «più o meno 1500». Jedes Jahr im Juni kommen sie, einem endlosen Tatzelwurm gleich, den steilen Hang vom Schnalstal hochgeklettert, auf dem Weg in die weiten Grashänge ennet dem Berg. Ein Fest für Fotografen und Schaulustige, so sie es denn im Junischnee auf das über 2800 Meter über Meer gelegene Hochjoch schaffen.
Vor zwei Wochen wars, und das Wetter garstig, sagt der Wirt. Wir knabbern an Schüttelbrotfladen und versuchen, uns die blökenden Schafherden im Schneetreiben vorzustellen, während wir mit dem Suppenlöffel einem Speckknödel zu Leibe rücken, möglichst ohne die Fleischbrühe, die ihn umspült, allzu weit über den Tellerrand spritzen zu lassen.
Heute spielt die Sonne mit den Wolken. Neben Lichtflecken huschen auch Snowboarder und Skifahrer über den Hochjochferner gegenüber. Die Grosskabine der Gletscherbahn hat sie «zum höchstgelegenen Hotel der Alpen» hinaufgeschaufelt, zum Berghotel Grawand, gute 1000 Meter über Kurzras, einer Miniretorte im obersten Schnalstal, bestehend aus einer Bettenpyramide, zwei kleineren Hotels, Supermarkt, Internetcafé, Ötzi-Shop. Dazu ein Kirchlein aus vergangenen Zeiten und ein grosser Schafpferch. Wir hatten ein verschlafenes Nest in der Vorsaison erwartet. Irrtum. Das Hotel ist randvoll, abends halten die Skilehrer Hof. Es gibt Hirschentrecote mit Röstinchen. Am Morgen schlurfen die Youngsters schon um sieben Uhr im coolen Wintersportoutfit zum Frühstücksbuffet. Wer sommerskifahren will, muss früh ran.
Gemächlich sind wir auf einem guten Hüttenweg durch Arvenwald und Alpenrosen aufgestiegen, den Felsbarrieren entgegen, die den Vinschgau und das Ötztal, Italien und Österreich trennen und über hohe Pässe auch verbinden. Unsere Bergwanderung führt über das Hochjoch nach Vent in Tirol und am nächsten Tag über das Niederjoch zurück nach Südtirol. Noch liegt oben Schnee in den Hängen und Felsbändern. Das Trassee ist gut, festgestampft von vielen kleinen Klauen. Fast unverhofft steht man vor dem komfortablen Berghaus mit Sauna – und dem gediegensten WC im ganzen Alpenraum.
Vorbei am einsamen Zollhäuschen, das für Ferien in trauter Zweisamkeit gemietet werden kann und für Stunden das einzige Gebäude am Weg bleiben wird, ziehen wir mutterseelenallein ins oberste Ötztal hinunter. Wir stapfen durch Frühsommerschnee, über grünende Grasbänder und durch schuttige Hänge, immer in Panoramahöhe zum Talboden, der erst von einer Gletscherzunge beleckt, dann von den Gletscherwassern in schönen, ausgreifenden Mäandern durchzogen wird. Allmählich werden die Weiden satter und die Bäche mächtiger. Die ersten Schafe stehen belämmert und glücklich herum. Schafland, Schafparadies von alters her – «seit Ötzi hier vorbeigekommen ist», wird uns morgen der Schäfer im Nachbartal leicht feixend die Geschichte zusammenfassen, «seit Ötzi oder auch länger». Ob Krieg herrschte oder Frieden, ob österreichisch oder deutsch oder italienisch: Die Weiderechte oberhalb Vent waren und sind fest in der Hand von Vinschgauer Familien.
Die Rofenhöfe lassen wir links liegen, die eigenwillige Geierwally, der ein ausladendes Berggasthaus gewidmet ist, auch. Das wäre eine andere, eine wilde Geschichte um Eigenständigkeit, Liebe und Leidenschaft, die hier 1940, als Rofen zu Grossdeutschland gehörte, als saftige Alpensaga verfilmt wurde.
Vent ist eine Überraschung: ein Ferienort mit 900 Betten, aber ohne grössere Erschliessungsbahnen. Das Dorf hat sich Naturverträglichkeit auf die Fahne geschrieben – eine durchdachte Alternative zu Sölden, der Eventhochburg wenige Kilometer talauswärts. Sollen wir in der durchrenovierten Post oder im einfacheren Weisskugel absteigen? Alt Vent, die dritte Möglichkeit, gewinnt, weil sie so schön am Weg liegt.
Vielstimmig blökt das Echo von den Hängen wider
Im Hotelchalet ist es eng, für das Interieur hat man wohl einen Spezialisten für Heimattheaterkulissen und Hexensabbate beigezogen. Wir speisen gut, als Beilage gibts Röstinchen. Im renovierten Altbau vis-à-vis wird später Bergführer Kilian mit einer Diashow der frisch angereisten Klientel Appetit auf die weissen Dreitausender rundum machen.
Schafe begleiten uns auch am zweiten Wandertag, vor allem akustisch. Vielstimmig blökt das Echo von den Hängen wider. Das Strässchen windet sich zwischen Latschen und durch Alpwiesen ins Tal. Vor der Schäferhütte trocknen vom früh morgendlichen Kontrollgang nasse Goretex-Bergschuhe in der Sonne, ein Smart steht hinter der Hütte. In beiläufiger Trägheit, der man nicht so ganz trauen mag, liegt ein Hütehund im Schatten. Daneben scharwenzelt ein weisses Schafböcklein um ein schwarzes Lamm herum.
Der Schäfer ist ein Mann mit wachen Augen und freundlichem Lächeln. Nach 20 Sommern als Kuhhirte im Engadin sind ihm nun 1700 Schafe anvertraut, auch die seiner Familie in Laas.
Es ist ein ausserordentlich nasser Frühsommer, das bekommen wir ein paar Stunden und einige Höhenmeter später zu spüren, während wir durch faulen Schnee und schlammigen Grund der rettenden Similaunhütte entgegenwaten. 3019 Meter über Meer liegt sie. Paradoxerweise ist das «Nieder»-Joch höher als das «Hoch»-Joch.
Man isst Gröstle, Gamsgulasch oder auch Kaiserschmarrn
Den ausgiebig ausgeschilderten, einstündigen Wackel zum Fundort des Ötzi schenken wir uns. Denn seit Jahren ruht der Mann aus dem Eis im Archäologiemuseum Bozen in einer Kühlkammer mit Guckfenster. Wir bevorzugen die warme Gaststube. Man isst Gröstl oder Gamsgulasch (die Köpfe dazu staunen von den Wänden auf die Teller herunter) oder Kaiserschmarrn.
Auch die Aussicht ist vom Feinsten, vom weissen Gletscher des Similaun über das schier bodenlose Schnalstal bis zu den unzähligen Gipfeln und Scharten des Vinschgaus.
Ein wunderschöner spektakulärer Weg führt durch die Felswand hinunter. Weit, weit unten blitzt der Stausee von Vernagt türkisblau aus den Tannen. Das Strassendorf Vernagt, Ersatz für die im See ertrunkenen Bauernhöfe, besticht nicht unbedingt mit Charme, aber mit Eigenständigkeit. Zu den Schweinsschnitzeln gibt es … «Röstinchen», sagen wir wie aus einem Mund. «Nein, Bratkartoffeln», kontert der junge Hotelier, «Röstinchen hatten wir gestern.»
Wir genehmigen uns einen gemütlichen dritten Wandertag. Ein schöner Waldweg führt talauswärts. Beim Archeopark, dem Ötzi-Museum, kommen wir vom Weg ab. Ehre, wem Ehre gebührt. Nach dem Museumsbesuch möchte man am liebsten gleich wieder hochsteigen, zu den Gletschern und Jochen und Schafen.
Am frühen Nachmittag sitzen wir in Karthaus vor dem Gasthaus Zur Goldenen Rose. Zum Hotel gehört auch die Schutzhütte Schöne Aussicht auf dem Hochjoch. So finden Anfang und Ende der Tour ganz nach unserem Gusto zusammen.
Infos & Tipps: 2 1/2 Tage zwischen Vinschgau und Tirol
An- und Rückreise: Mit RhB, Postauto und Vinschgerbahn via Zernez und Mals nach Naturns, weiter mit dem Bus nach Kurzras. Zurück auf dem gleichen Weg ab Karthaus (letzte Verbindung Richtung Schweiz 17 Uhr).
Fahrpläne: www.sbb.ch (bis Naturns) und www.sad.it (Bus).
Charakter der Wanderung: Bergwanderung aus dem Schnalstal (Südtirol) nach Vent (Tirol) und zurück.
Zeit: Ende Juni bis Anfang Oktober
Karte: Kompasskarte 1:50 000 Nr. 52 Vinschgau.
Übernachten in Kurzras: ? Sporthotel Kurzras, www.sporthotel-kurzras.com ? Gurschler, www.piccolohotelgurschler.com
Etappen:
1. Wandertag: Kurzras–Niederjoch–Vent, 7 Stunden, 15 Minuten.
Am Weg: schöne Aussicht (Hochjoch), www.schoeneaussicht.it
Übernachten: Alt Vent, www.hotel-vent.at ? Weisskugel, www.weisskugel.de ? Post, www.vent-hotel-post.com
2. Wandertag: Vent–Hochjoch–Vernagt, 7 Stunden, 15 Minuten.
Am Weg: Similaunhütte, Übernachten: ? Edelweiss, www.edelweiss.bz ? Leithof, www.leithof.com
3. Wandertag: Vernagt–Karthaus, 2 Stunden, 15 Minuten.
Am Weg: Ötzi-Museum, www.archeoparc.it
Übernachten: Zur Goldenen Rose, www.goldenerose.it
Allemeine Infos: www.suedtirol.info www.tirol.at


